Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021233--07609-3031946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 9 ■ BlOCh Jahrgang XV. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudmthums. «-M - -^- ä i-« Scingaprxta stir Oesterreich: Ji i L. k. Postsparkassen-Amt Wien, 4. Därj 1898. Clearingverkehr Halbjährig 4 fl. 8 Jtt. i Nr. 810.976. -- Einzelexemplare 36 kr. j Lrdarttvn und FwminlstrsNon: Für'» Hxntanb: > I »irn i Ante» Dugartrnstr. la. Erscheint jeden Freitag. halbjährig 6 fl. --- io er. I ganzjährig tv „ — 20 „ l Brief-Adresse: Wien, I>, Hauptpostamt — Zach. Anzeigen: Die 4mal gespaltene! f Telephon-Nr. 6539. Petitzeile 13 kr. i Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. Inhalt. Leitartikel: Zum Purimfeste. — Ein Italiener und ein Deutscher über das Judenthum. — Dr. Lueger in der „Nordhauser Zeitung". — Noch eine Adresse an Drumont. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zweiter Vortrag im „Politischen Volksverein". Der Kremsierer Reichsrath 1848. Ein jüdischer Arzt. Die Wiznitzer Volksschule. — lieber das „Neue Ghetto". — Correspondenzen: Wien, Preßburg, Jungbunzlau, Prag, Krakau, Brüx, Berlin, Erfurt, Mainz, London, Paris, Jassy, Kreta, Lodz, Petersburg, New-York. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Baden, Gloggnitz, Nen-Oetting. Galgocz, Budapest, Bozen, Troppau, Rom. — Feuilleton: Bar Kochba (Epos). — Spätes Glück. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. — Zum Purimfeste. Von Rabbiner W. Reich in Baden b. W. Die schwierigsten Anforderungen der Religion sind nicht immer diejenigen, welche uns Entbehrungen im Genußleben auferlegen, denn hiezu mag wohl jeder ernste Mensch leicht sich entschließen; viel schwieriger sind jene, die auf unser Gefühlsleben einen Zwang ausüben. Wenn Schmerz und Kummer uns verbittern und in solch trauriger Stimmung die Religion uns gebieterisch zuruft „du mußt jetzt fröhlich sein!", dann mag uns diese Verpflichtung unausführbar erscheinen. An eine solche erinnert unsdiese Zeit, in welche das Purimfest fällt. Von derselben heißt es: „Wenn der Adarmonat beginnt, sollst du der Freude dich hingeben!" Wie aber, wenn dies eine Zeit ist, wie die gegenwärtige, in welcher das Herz Israels innerlich blutet, in welcher die Zornesröthe der Entrüstung in uns aufsteigt ob der Schlechtigkeit und Bosheit, in welcher die Feinde sich der Ausführung ihrer meuchlerischen Pläne immer mehr zu nähern scheinen: wie soll da Israel der Freude sich hingeben? Und dennoch ist sie in solcher Zeit gerechtfertigt. Eben deshalb, weil wir glauben könnten, fürchten zu müsien, hat das Judenthum diesen Monat, der durch die Purimgeschichte seine Signatur erhält, besonders ausgezeichnet, um uns erkennen zu lassen, daß Israel den heimtückischen Plänen seiner Feinde gegenüber umsomehr Grund und Ursache hat sich zu freuen. Denn das ist das der jüdischen Geschichte eigenthümliche Kennzeichen, daß sie bei allen scheinbar neuartigen Wendungen; in Ursache und Wirkung uralte, wohlbekannte Züge aufweist, die uns Rettung, Anerkennung und Erlösung mit Zuversicht erwarten lassen. Diese Purimgeschichte zeigt eine Wiederholung früherer Vorgänge und erhält zu jeder Zeit ihre Erneuerung in der Gleichartigkeit der späteren Verhältnisse. Sie beginnt klar und schlicht ihre Erzählung, die uns mit den einleitenden Worten „es war einmal" wie eine Geschichte von Großmütterchen im Dämmerlichte des Kinderzimmers anmuthet, andächtig belauscht von den neugierig aufhorchenden Kleinen, denen bei der Erzählung die Aeuglein leuchten, die mit hochgerötheten Wangen auf die Entwicklung horchen, wie die so gefährdete Unschuld, die dem Untergange unvermeidlich verfallen, plötzlich Rettung findet, und anstatt in Elend, Tod und Verderben zu verkommen, in Ruhm, Ehren, Reichthum und Würden sich erhebt, und eitel Freude ob der mißlungenen Tücke und Niedertracht im silberhellen Lachen des kindlichen Mundes ausklingt. Diese Einfachheit und klare Durchsichtigkeit der Sprache und Erzählungsweise wird vom Autor der Purimgeschichte durchweg eingehalten, nicht nur in der Ausdrucksweise, sondern auch in der Scenirung der einzelnen Stücke, wie da die Ereignisse sich abwechselnd ineinanderfchlingen und das Interesse des Lesers bis zu Ende festzuhalten geeignet sind — aber zum Schluffe scheint plötzlich ein anderer Geist die Darstellung zu beherrschen; die Sprache wird lebendiger, die Ausdrucksweise kerniger, sie erhebt sich zur getragenen Pose, wird eindringlicher, mahnender, überschlägt sich in Wiederholungen, die sich besonders zu dem Zwecke zu häufen scheinen, um die Freude dieses Festes und die Bedeutung desselben dem Einzelnen so tief und unvergeßlich als nur möglich einzuprägen. „Und diese Tage werden in Erinnerung gebracht und betätigt von Geschlecht zu Geschlecht, von Familie zu Familie, in jeder Provinz und in jeder Stadt. Und diese Purimtage werden nie aufhören unter den Jehudim und ihr Andenken nicht verschwinden von ihren Nachkommen. Und Esther die Königin und Mardochai der Jehudi schrieben zum zweiten Male Briefe, um die wichtige Bedeutung des Purim zu festigen. Und es wurden Bücher ausgeschickt zu allen Juden des großen Reiches, begleitet von Worten des Friedens und der Wahrh e i t." Sogar eine prophetische Voraussage leuchtet aus diesen Sätzen hervor und diese war in der Geschichte selbst begründet. Worin war denn der Angelpunkt der Haman'schen Tücke? Bei so vielen Worten, die er als Ankläger sprach, wäre für den Richter nur eine wirkliche Beschuldigung herauszulesen gewesen, daß „sie die Gesetze des Königs nicht halten", mit anderen Worten, sie seien Landesverräther, da zu jener Zeit das Vaterland nur noch in der Person des Königs allein verkörpert war. Mit dieser listigen Vorspiegelung sollte Israel ins Herz getroffen werden und es war damit eine Beschuldigung vorgebracht, die sich an ein berühmtes Muster hielt. War es ja die allererste gegen die Juden vorgebrachte Verdächtigung, wie fie uns die Bibel von Pharao wörtlich citirt: „Wohlan, wir wollen es überlisten", — sprach dieser zu seinen Räthen in Bezug auf Israel — „es könnte zu zahlreich werden, und wenn ein Krieg ausbräche, würde es sich zu den Feinden gesellen und gegen uns kämpfen." Das Land war wohl bis dahin blühend in Wohlstand, durch die eben so plötzlich verdächtigten Juden reich geworden und doch konnte das listig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.