Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 158 Vr. Vlmtz's Wochrnsttzrifl Nr. 8 Marchesi ihre Studien fortgesetzt; sie weilte jetzt nur vorübergehend in dem Hause, welches ihr ein wahres Vaterhaus geworden war und beabsichtigte in der nächsten Zeit nach Baden- Baden abzureisen, um bei der berühmtesten Gesangsmeisterin ihrer Zeit Pauline Biardot Garxia ihre Studien abzuschließeu; nach vollendeter Ausbildung sollte es sich entscheiden, ob Corueliens Neigung und Befähigung mehr für die Bühne oder den Concertsaal sei. Diese kurze Biographie ihres Schützlings hatte Frau Bergheim den Freunden erzählt, ehe sie dieselben dem jungen Mädchen zusührte. Coruelie, nicht viel über Mittelgröße und von feinem Gliederbaue, war eine ungemein sympathische anmuthige Mädchengestalt. Ihr zartes Gesicht, nur wenig rosig angehaucht, zeigte einen tiefen Ernst in seinem Ausdrucke, eine nur zu natürliche Folge ihrer trüben Kindheit. Reiches, kastanienbraunes Haar, vorn schlicht gescheitelt, das feine Oval umrahmend, floß frei, nur von einem unsichtbaren Netz aus Goldfäden gehalten, herab; wunderschöne große, seelenvolle Veilchenaugen, in Frankreich Augen ä la Lavalliere genannt, in Erinnerung an jene süße Mädchenerscheinung, die Ludwig XIV. Geliebte gewesen zu fein später hinter Klostermauern beweinte, beseelten das liebliche Antlitz mit eigentümlichem Reize, schienen fragend umherzublicken. In einfachem weißen Mullkleide, mit einer hellblauen Schärpe um die biegsame schlanke Taille, ragte sie ebenso frisch und duftig als anspruchslos inmitten der reichgeschmückten Damen hervor. Als der Blick des Professors auf Cornelie haften blieb, flüsterte er dem Freunde zu: Altmeister Goethe hat wohl auf dieses Mädchen: „Kleine Blumen, kleine Blätter" gedichtet." Die Freunde hatten nach der Vorstellung Cornelie in ein lebhaftes Gespräch verwickelt, dessen Mittelpunkt die Musik bildete. „Neben und lieben Sie auch Musik", fragte sie, mit den großen Augen zu Dr. Seefeld aufschauend. „Das Reich der Töne ist mir ein verschlossenes Paradies, ein unbekanntes Land, aber ich bin ein leidenschaftlicher Musikfreund; Musik dringt stets zum Herzen, erhöht unsere Freude, besänftigt, lindert unfern Schmerz", versetzte Dr. Seefeld. „Die ernste Klio ist die Muse meines Freundes, die hehre Dame, deren Farben er trägt; aber ich habe mich neben der Erziehung und Belehrung oft unbändiger Rangen auch dem Dienste der heiligen Cäcilia geweiht; da auch meine Frau nicht übel singt und spielt, haben wir der Beschützerin der Musik einen Altar in unserem bescheidenen Hause errichtet," sagte der Professor in der ihm eigenen launigen Weise. „Wollen Sie, Fräulein Marburg uns den Genuß vorenthalten, Sie hören und bewundern zu dürfen?" fragte Dr. Seefeld. Frau Bergheim war der kleinen Gruppe genaht und hatte seine Worte gehört. Sie unterstützte die Bitten der Freunde. Ohne jede Ziererei ließ Cornelie sich von dem Professor, welcher sich die Gunst erbat, sie begleiten zu dürfen, in den Musiksaal führen; die. Gäste folgten voll Spannung. Nach kurzer Verständigung mit dem jungen Mädchen ließ der Professor einigen präludirenden Accorden die sanfte Begleitung des Mendelssohn'schen, für so jugendfrische Lippen componirten Suleikaliedes folgen. „Ach um Deine feuchten Schwingen, West, wie sehr ich Dich beneide" erklang es erst etwas befangen, doch allmählich entfaltete sich die Stimme zu chrem vollen Wohllaute, umfing wie mit einem Zauber die Herzen und Sinne der athemlos lauschenden Zuhörer, mächtig und sympathisch zugleich. Als der letzte Ton verhallt war, gab sich der Beifall der Anwesenden in fast stürmischer Weise kund; hocherglühend in lieblicher Verwirrung verneigte sich Cornelie; dankend, glückwünschend wurde sie umringt. Sie willfahrte nach kurzer Pause den inständigen Bitten und sang Schumann's „O Sonnenschein, o Sonnenschein"; der jubelnde Beifall verstärkte sich noch, es gelang, ihr noch eine dritte Gabe abzuringen und bei Agathens innigem Gebete bemächtigte sich eine feierliche Stimmung der Anwesenden, manches Auge erglänzte in Thränen. Hocherfreut, daß Corneliens wunderbarer Gesang ihren Gästen einen wahrhaft künstlerischen Genuß geboten hatte, legte Frau Bergheim mm ein entschiedenes Veto gegen die erneuerten Bitten der unersättlich scheinenden festlichen Versammlung ein. Als Cornelie vom Flügel zurücktrat, ging Frau Bergheim rasch zu ihr, strich sanft über das heiß erglühte liebliche Gesicht und sagte: „Nun aber genug für heute, liebes Kind! Die Hitze und Anstrengung könnte Dir nachtheilig sein; wir müssen hübsch Haushalten mit unserem Schatze! Aber Du hast wundervoll gesungen, Herzchen, lasse Dir herzlich auch von mir danken." Sie umarmte das junge Mädchen und ihre Lippen ruhten lange in heißem Kuße auf Corneliens klarer Stirn. „O theuerste Frau, Sie beschämen mich! Ich habe nur Ihnen zu danken! War und ist es doch Ihre große Güte allein, welcher ich es, so lange ich lebe, danken werde, mir Gelegenheit und Mittel in reichstem Maße geboten zu haben, meine Stimme ausbilden zu können", erwiderte Cornelie lebhaft, beugte sich rasch aus die Hand der verehrten Frau und bedeckte dieselbe mit ungezählten Küssen, ehe es Frau Bergheim hindern konnte; endlich entzog sie sich den leidenschaftlichen Dankesbezeugungen des jungen Mädchens hastig, und als sie Cornelie auf die glühenden Wangen klopfte, sagte sie liebreich: „Nicht so stürmisch, Kind." In den Augen des jungen Mädchens standen helle Thränen. Dr. Seefeld war, am Flügel lehnend, ein scharf beobachtender Zeuge dieser kleinen Scene gewesen. Als Frau Bergheim sich wieder ihren Gästen zuwendete, näherte er sich Cornelien und sagte in tiefer Bewegung: „Auch ich danke Ihnen! Gott hat Ihnen einen kostbaren Schatz in ihrer seelenvollen melodischen Stimme verliehen; vielen Menschenherzen wird Ihr Talent zur Freude und Erhebung gereichen! Gott geleite Sie auf Ihrem ferneren Wege!" Sein Ton war so warm, sein Blick ruhte so liebevoll und durchdringend, gleichsam fascinirend auf ihr, daß sie hocherröthend die Angen senkte und ein leichtes Beben die zarte Gestalt durchflog. „Sie überschätzen mein Verdienst; Sie sind zu günstig für mich eingenommen, da ich dieser theuren Familie so eng in Liebe und Dankbarkeit verbunden bin; noch habe ich wenig erreicht, aber was ich erstrebe, dazu wolle mir Gott seinen Segen geben!" erwiderte Cornelie sanft. „Amen", sagte Dr. Seefeld innig, die kleine weiche Mädchenhand in festem Drucke fassend. Er erschien in der Folge auffallend ernst und in sich gekehrt; viele der Anwesenden fühlten sich versucht, da sie in ihm einen tief trauernden Witwer erblickten, seine gedrückte Stimmung der Todtenfeier vom Vormittage zuzuschreiben, welche gewiß die schmerzlichsten Erinnerungen in ihm wachgerufen hatte. Später, ehe er sich Frau Bergheim empfahl, sagte er: „Ich hätte am liebsten bei den wunderbaren süßen Tönen Heine's „Du bist wie eine Blume" segnend über ihren Schützling gesprochen." „Sie treffen doch stets, für jede Situation das richtige Wort," antwortete Frau Bergheim. „Corneliens Seelenadel und hoher weiblicher Sinn bürgen, daß wenn sie sich auch der Bühne zuwendet, sie so hold, so rein bleiben wird, wie wir sie heute vor uns sehen!" „Sicher", gab er lebhaft zurück, „besonders da Sie, verehrteste Frau, das edle Vorbild sind, welchem nachzueifern Fräulein Marburg stets bemüht sein wird", setzte er hinzu, mit tiefer ehrfurchtsvoller Verbeugung ihre Hand an seine Lippen führend. Die Gäste verließen erst spät das Haus und verabschiedeten sich wärmer, als es sonst zu geschehen pflegt, von den Festgebern; es war keine Phrase, sondern wahr empfunden, wenn ein Jeder versicherte, er nehme die angenehmste Erinnerung an einen schönen, genußreichen Abend mit heim. _(Fortsetzung folgt.) Literatur. Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. (Unter Mitwirkung hervorragender Gelehrter herausgegeben von M G r u n w a l d, Heft 1. Hamburg 1898, Selbstverlag der Gesellschaft.) Diese Gesellschaft, am 1. Jänner 1898 gegründet, verfolgt den schönen Zweck, die Erkenntniß des inneren Lebens der Inden zu fördern. „Sie erstrebt deshalb eine möglichst vollständige Sammlung aller auf das Judenthum und seine Bekenner be-