Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 8 (25.2.1898)
- Date
- 1898-02-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 152 Dr VlorVs Mmtzrnptzrifr Nr 8 meinde als Mensch und Freund der Wissenschaften gleich hochgeschätzten Abraham Hirsch Le m berge r. Eine der markantesten Persönlichkeiten dieser Stadt, spielte dieser Mann am Anfänge unseres Jahrhunderts eine große Rolle und seine Beziehungen, die er durchwegs zum Wohle seiner damals hart bedrängten Glaubensgenossen ausnützte, sicherten ihm ein ehrendes Andenken. Die Schilderung der damaligen Lage des Judenthums, das Ghetto und seine Körper und .Geist lähmende Isolation gelangen dem Vortragenden in bester Weise. Helfend in diese desolaten Zustände einzugreifen, sich stets für seinen Glauben zu exponiren, war das Lebenselement Lemberger's, der, feiner Zeit vorauseilend, stets dafür war, daß die ärmere Volksclasse, nicht wie bis dahin üblich, auf die jüdische Wohltbätigkeit rechnen, sondern durch Arbeit und ehrliches Streben ihren Lebensunterhalt erringen möge. So gründete er im Jahre 1820 eine „Anstalt zur Beförderung israelitischer Handwerker", eine Institution, wie sie eben damals in Europa sehr rar war. Die große Frequenz dieser Anstalt bewies am deutlichsten, daß Lemberger sehr gut die jüdischen Verhältnisse kannte und den richttgen Weg zur Hebung des Ansehens eingeschlagen habe. Daß er dabei auch auf die Pflege der heiligen Schrift bedacht war, ist selbstverständlich. Ja, auch den profanen Wissenschaften war er nicht abhold und die Sonntage waren in dieser Anstalt Schreibe- und Leseübungen gewidmet. . . . Der Wunsch, die Schranken des Ghettos zu sprengen, schien der Feuerseele Lemberger's nicht zu kühn, und nur seinen Bemühungen und zäher Energie ist es zuzuschreiben, wenn die Regierung, schon unter König Franz, die Ansiedlung in der G e i s g a s s e (heute Kisfaludygaffe) und in der Nonnenbahn gestattete. Verehrt und geliebt von seinen Glaubensgenossen, geachtet von den Gläubigen der anderen Confeffionen spielte er naturgemäß eine große Rolle in dieser Stadt, die damals als Landes-Hauptstadt angesehen wurde. Zahllos sind die seine Biederkeit und Herzensgüte bezeugenden Begebenheiten und der Vortragende wählte aus dem ereignißreichen Leben dieses Mannes all das heraus, was die Zuhörerschaft interessiren könnte und mußte. Der frenetische Applaus war verdient. Dr. Heinrich Pach. DiakoviFi Am 16. Februar l. I. feierte der im 84. Lebensjahre stehende Bischof von Diakovar sein 60jähriges Priesterjubiläum. Mit ihm feierten der Clerus, alle Gläubigen seiner großen Diöcese und die große Schaar seiner Verehrer, welche in großer Anzahl erschienen waren. Hervorgerufen theils durch gewisse locale Vorkommnisse, theils durch die aufreizenden Artikel der Tageszeitungen, herrschte seit Kurzem eine gewisse Spannung zwischen der Geistlichkeit und der Judenschaft. Der Initiative unseres langjährigen und verdienstvollen Präses, Herrn Adolf K o h n, ist es nun zu verdanken, daß diese Deputation denn doch zustande kam. Seine Eminenz empfing die unter der Führung des Herrn Cultusvorstehers Adolf Kohn und des Herrn Rabbiners Dr. Marko Ehrenpreis als Sprecher erschienene Deputation auf's huldvollste. Unsere Deputation wurde unmittelbar nach dem katholischen Clerus empfangen. Auf die schwungvolle, in fließendem Kroatisch gehaltene Anrede des Herrn Rabbiners gab der greise Kirchenfürst seiner Freude Ausdruck über das Erscheinen der Cultusgemeinde, ermahnte zur Glaubenstreue und Friedensliebe und versicherte sie seiner unwandelbaren Gewogenheit. Schließlich sprach Se. Eminenz sein Erstaunen aus, daß der Herr Rabbiner in so kurzer Spanne Zeit die kroatische Sprache erlernte. Mit den Worten: „Ich segne Sie" wurde die Deputation entlassen, welche große Befriedigung bei der hiesigen Judenschaft hervorrief. München, 14. Februar. (Der „Fall Dreyfus" im Jahre 1840.) Die „Münchener Fr.Pr." theilt aus Band HI, Dr. Paul Bernstein mit: Am 5. Februar des Jahres 1840 verschwanden in der asiatischen Stadt Damascus der Guardian eines dortigen Kapuzinerklosters und sein Diener. Bei den Sicherhettsverhältniffen damaliger Zeit war das gar nicht auffallend. Es hieß auch, der Pater und sein Diener seien das Opfer eines fanatischen Muselmann geworden, dessen Glauben der Erstere beschimpft haben sollte, was bei der unanständigen Lebensweise des verschwundenen Kapuziners höchst wahrscheinlich klang. Der französische Consul in Damascus, Ratti-Menton, eine übelbeleumundete Persönlichkeit, hielt es jedoch für gerathener, den Verdacht auf die Juden zu lenken, da der Mord ja vor den jüdischen Osterfeiertagen stattgefunden hatte. Die Provinz Syrien war damals mit dem egyptischen Reiche unter der Regierung des kriegslustigen Mohamed Ali vereinigt; letzterer wurde in seinen Angriffen auf die Türkei von Frankreich gegen die anderen Mächte unterstützt; unter diesen Umständen fiel es Ratti-Menton nicht schwer, die Behörden für sein Vorhaben zu gewinnen. Mehrere angesehene Juden wurden verhaftet und im Gefängnisse gefoltert (1840!!), einige erlagen den Folterqualen, das Judenquartier in Damascus wurde vom Pöbel geplündert, Damascus zählte damals 20.000 Juden. An der Spitze dieses scheußlichen Treibens gegen die Juden stand der Vertreter der französischen Nation, die, nach einem damals aufgekommenen Worte, „an der Spitze der Civilisation" marschirte. Hingegen stand der österreichische Consul Melato, überzeugt-von der Unschuld der Gefangenen, unerschütterlich auf der Seite des Rechts und kämpfte mit seltenem Muthe gegen den mordgierigen Ratti-Menton, dem es ein besonderes Vergnügen bereitet hatte, ein Todesurtheil wegen eines Ritual-Mordes erwirkt zu haben. Dieser Vorfall erregte in ganz Europa großes Aufsehen. . Bei der Spannung in der Entwicklung der Orientfrage konnte ein solches Ereigniß nicht verfehlen, das Gesprächsthema der abendländischen Politiker zu werden. Es handelte sich auch im Grunde genommen gar nicht um die Juden, sondern um die Politik des mit den Jesuiten liebäugelnden Thiers, der Frankreichs Ansehen und Frankreichs Macht im Orient verstärken wollte. Dieser in Jntriguen groß gewordene Staatsmann konnte es mit seinem Gewissen vereinbaren, unschuldige Juden zu opfern, um die allmächtigen Jesuiten in Frankreich für sich und seine abenteuerliche Orientpolitik günstig zu stimmen. Hingegen schloß sich der englische Consul dem österreichischen Collegen an, da ihm klar wurde, welches Bubenstück hier inscenirt war. Den thatkräftigxn Bemühungen Adolf Cremieux's und Moses Montefiore's ist es endlich gelungen, Licht in die dunkle Affaire zu bringen, nachdem die katholische Presse in Frankreich nichts unterlassen hatte, die öffentliche Meinung zu Gunsten Ratti-Mentons zu. bearbeiten. Die schauderhaftesten Märchen und schamlosesten Lügen über die Vorgänge in Damascus wurden colportirt, doch fanden dieselben bei den gebildeten Franzosen energische Zurückweisuug, indessen das officielle Frankreich Hand in Hand ging mit den Schergen Mohamed Ali's. Berlin, 16. Februar. Als Stellvertreter des Reichskanzlers hat der Staatssecretär des Innern Graf v. P o s ad o w s k y dem Reichstage die Berichte über die Thätigkeit der Reichs commissäre für das Auswander un g s wese n währendd e s I a h r e s 1897 nebst statistischen Nachweisungen zugehen lassen, aus denen nachstehende Einzelheiten für unsere Leser von Interesse sein dürften: „Wie im Jahre 1896 bildeten von 46.798 über Bremen ausgewanderten Personen wiederuni die russischen und ö st e r r e i ch ischen Juden sowie die Galizier das Hauptcontingent der Reisenden, während die deutsche Emigration sehr zurückgegangen ist. Eine Auswanderung russischer Juden nach Südafrika (Johannesburg) hat auch in dem verflossenen Jahre stattgefunden, doch war die Personenzahl um 824 geringer als wie im Jahre 1896. Auch die Auswanderer- Beförderung über Hamburg ist gegen das verflossene Jahr erheblich heruntergegangen und zwar um 17.966 Köpfe. Während an russischen Auswanderern im Jahre 1895 19.460, im Jahre 1896 18.270 Personen befördert wurden, stellt sich diese Zahl im Jahre 1897 nur noch auf 8841. Von den 1231 mittellosen Rückwanderern, die in Hamburg einttafen, waren 1045 Russen, meist Juden, welche auf Kosten des jüdischen Comitßs in ihre Heimat zurückbefördert wurden. Berlin. Der König von Italien hat Herrn Dr. A. Berliner, hier, das Großkreuz des Kronenordens in Anerkennung der Forschungen verliehen, die der vortreffliche Gelehrte spcciell über die Geschichte der Juden in Rom veröffentlicht hat. — Professor Dr. Georg G a l l a n d, Docent an .der technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, ist von der Historischen Gesellschaft, zu Utrecht zum Ehrenmitglied ernannt worden. — Der Maler Max Lieber mann ist zum Mitglied der Akademie der Künste ernannt worden. Außerdem hat der gefeierte Künstler den Titel „Professor" und vom König von Schweden das Ritterkreuz des Nordstern-Ordens erhalten. — Dr. Joseph L ö w e n t h a l, der vor Jahren im öffentlichen Leben Berlins vielfach hervortrat, ist im 57. Lebensjahre gestorben. Er war einige Jahre hindurch Vorsitzender des Fortschrittlichen Vereins vor dem Halle')chen Thore. Löwenthal war ursprünglich Redacteur und Schriftsteller. — Der Geheime Commercienrath ' Albert Hahn, Inhaber der Firma Albert Hahn, Röhrenwalzwerk, ist im Alter von 74 Jahren gestorben. — Dr. Med. Julius Pagel, Privatdocent für Ge-