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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Ar. Vloch» WochrnphrM- Seile 143 als das Land geschildert, wo wiederum Milch und Honig zu fließen beginnt, man hat sich in lockenden Schilderungen gefallen, die den Anreiz zu einer Colonisationsbewegung im großen Style geben sollten. Aber seit langer Zeit wissen wir, daß diese schönfärberischen Berichte mit der Wahrheit leider im Widerspruche stehen. Seit Monaten schon bereisen Bevollmächtigte aus Jerusalem das Abendland und rufen zur Hilfeleistung auf! Briefliche Berichte, die uns zugegangen sind, erzählen von der furchtbaren Nothlage unserer Glaubensbrüder im heiligen Lande. Das Alles wird nun durch das Telegramm des Großrabbiners bestätigt, an welches wir die innige Bitte knüpfen, sich der bedrängten Brüder in treuer Hilfsbereitschaft anzunehmen. Zion ruft, und wer, dessen Herz nicht verhärtet ist in Selbstsucht und Stumpfheit, würde von diesem Nothschrei nicht bewegt werden? In Wien ist zum Zwecke der Sammlung von Spenden für die Nothleidenden im heiligen Lande ein Hilfs-Comit« zusammengetreten, welches folgenden Aufruf versendet: Wien, Februar 1898. Dringende Bitte! Das Unterzeichnete Comitä zur Entgegennahme von Liebesgaben für die Armen der österreichisch-ungarischen Gemeinden im heiligen Lande hat von dem Oberrabbiner Eljaschar in Jerusalem die telegraphische Nachricht von dem Ausbruch einer Masern- und Scharlachepidemie erhalten, welche die ohnebin große Noth unserer dortigen armen Glaubensbrüder noch mehr vergrößert. Diese Nachricht ist auch durch ein über Paris uns zugegangenes Telegramm bestätigt worden. Wir wenden uns deshalb' an die mitfühlenden Herzen unserer verehrlichen Gemeindemitglieder mit der dringenden Bitte um milde Gaben. Nur durch rasche und ausgiebige Hilfe kann das durch die Epidemie noch verschlimmerte Los jener zweifach Unglücklichen gemildert werden. Gleichzeitig ersuchen wir um die gütige Zusicherung von jährlichen Beiträgen. Letztere, welche vor Jahrzehnten reichlich eingingen, haben in den letzten Jahren immer mehr abgenommen. Möge dieser Appell, uns wiederum zahlreiche Jahresbeiträge zuführen! Wir bitten, geneigte Spenden wie Zusicherungen von Jahresbeiträgen an den mitunterzeichneten L. Hildesheimer, IIL, Marokkanergasse 16 gefälligst einsenden zu wollen. Das Comite: Oberrabbiner Dr. M. Güdemann. H. Berger. L. Hildesheimer. D. Kohn. Wahrlich, es ist kein Lockruf, der aus Palästina ertönt, die Massen unserer armen, in Europa verfolgten Glaubensbrüder zu dem großen, von den Neu-Zionisten erträumten Auszuge nach dem „gelobten Lande" in Bewegung zu setzen. Die Kunde, die der elektrische Funke aus Jerusalem bringt und die unsere mündlichen und brieflichen Berichte bestätigt, macht Manchen von uns wieder um eine Illusion ärmer, sie beweist die Undurchführbarkeit einer judenstaatlichen Organisation im großen Maßstabe auf jenem Boden, der uns, wie kein anderer, theuer ist! Die „Oesterreichische Wochenschrift" ist das älteste Organ der zionistischen Bewegung und ihr Herausgeber ist Einer von Jenen, welche den erstenzionistischen Verein in Oesterreich gegründet haben. Es war dies der Verein zur Förderung der Kolonisation in Palästina „Ahawas Zion", an dessen Wiege Dr. Bloch im Vereine mit Herrn Dr. Vierer, derzeit Stadt-Arzt in Sofia, und dem verstorbenen Rabbiner Salomon Spitzer, gestanden hat. Wir erinnern heute an diese Thatsache, weil sie bekundet, daß schon vor Dr. H e r z l und vor dem Baseler Congresse Männer da waren, deren Herz für die Idee einer jüdisch-nationalen Ansiedlung warm schlug und welche in der Verfolgung dieser Idee — Enttäuschungen erfuhren. Vor einem Jahrzehnte und länger wirkte der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" im Vorstände des „Ahawas Zion", zu einer Zeit, als die heutigen Führer der Bewegung noch keine Ahnung von Zionismus hatten. Auch an der Gründung der ältesten jüdischnationalen Studenten-Verbindung, der „Kadimah", hat Dr. Bloch hervorragenden Antheil genommen und als von diesem Vereine die erste Makkabäerfeier in Oesterreich veranstaltet wurde, hielt bei derselben Dr. Bloch eine Festrede, welche eines der wirksamsten Agitationsmittel für die Verbreitung des jüdisch-nationalen Gedankens wurde. Auch alle seither entstandenen jüdisch-akademischen Verbindungen hat die „Oesterreichische Wochenschrift" eifrigst gefördert und ihr Herausgeber hatte für alle Anliegen und Wünsche dieser aufstrebenden Bereinigungen allezeit ein offenes Ohr und gewährte ihnen in vollem Maße seine Unterstützung, weil die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, die Erschließung eines nationalen Ideales für unsere Jugend ebenso eine Sache der Vernunft, wie eine Pflicht des Herzens war. Wohl haben wir oft gewarnt vor nationalem Ueberschwang, vor lächerlichem chauvinistischem Uebereifer. aber die Jugend wußte, daß wir ihr Freund sind. Fünfzehn Jahre lang haben alle zionistischen Vereine die „Oesterreichische Wochenschrift" als ihr Sprachrohr benützt und selbst Dr. H e r z l war Mitarbeiter unseres Blattes, seine ersten zionistischen Publicationen in deutscher Sprache sind in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienen. Ja, auch dann noch, als der Zionistenführer sein eigenes Organ gegründet hatte, wurden jene Veröffentlichungen der Parteileitung, welche für die Kenntnißnahme weiterer Kreise bestimmt waren, unserem Blatte zugesendet, so insbesondere ein Aufruf zur Einsendung von Spenden behufs Gründung einer neuen Colonie im heiligen Lande, der von Dr. K o k e s ch und Dr. S ch n i e r e r unterzeichnet war. In dieser Antheilnahme an dem Zionismus konnte uns auch die Thatsache nicht beirren, daß wir hiedurch bei zahlreichen Freunden Verstimmung erregten und mit manchen sehr einflußreichen Persönlichkeiten in offenem Conflict geriethen. Wir haben wiederholt solche Opfer der guten Sache gebracht. Das Alles begründet wohl zur Genüge unser Recht, in der zionistischen Bewegung auch ohne formelle Autorisation des Baseler Generalstabes ein freies Wort mitzusprechen und gegen das Unterfangen, unsere älteren Verdienste vergessen zu machen und dieselben sich zu arrogiren, Verwahrung einzulegen. Wir betrachten allerdings die Dinge nicht durch die Brille der Parteileidenschaft, wir sind nicht, zelotisch genug, unsere Spalten lediglich einseitigen Darstellungen zu öffnen und sie solchen gegnerischen Stimmen zu verschließen, die, gestützt auf die realen Verhältnisse, ernste und sachliche Einwendungen gegen das tactische Vorgehen der heutigen „Judenstaatler" erheben. Wir nennen uns das „Central-Organ für die gesummten Interessen des Judenthums" und wir sind der bescheidenen Ansicht, daß eine gute Sache durch freie Kritik nur gefördert werden kann, weil sie von allen Seiten gleichmäßig beleuchtet wird. Wir haben freilich ein großes Verschulden auf uns geladen. Wir haben uns die Freiheit genommen, bezüglich der letzten politischen Ziele der Herzl'schen Propaganda klarer zu sehen, als er selbst und die Undurchführbarkeit dieser Ziele etwas fteimüthig einzubekennen. Diesen ketzerischen Freimuth des Urtheils kann man uns nicht verzeihen, denn es beeinträchtigt die Autorität des Generalstabschefs. Der Neuzionismus ist eben eine rein autoritäre, gleichsam „monarchische" Bewegung und duldet keinen andern als den „beschränkten Unterthanenverstand". Die ideale Seite des Zionismus, die Kräftigung und Erstarkung des jüdischen Bewußtseins, die Erziehung der Jugend in diesem Bewußtsein, haben wir mit aller Begeisterung und Hingebung gefördert. Die Herzl'sche Forderung eines „völkerrechtlich" garantirten „Judenstaates" haben wir als eine utopistische erkannt und es abgelehnt, auf dieses Gebiet einer unreellen Realpolitik zu folgen. Und der Baseler Co ngreß hat uns Recht gegeben. Aus diesem Congreffe gab es neben der lärmenden Comparserie, die Herzl bereits als Nationalheros feierte, glücklicherweise auch eine beträchtliche Anzahl politisch erfahrener, einsichtiger und besonnener Männer, die gleich uns die Errichtung des Judenstaates derzeit als ein schönes aber trügerisches Phantonl erkannten. Und dem Widerspruche dieser ernsten Männer gelang es, die Idee des Judenstaates aus dem Programme zu beseitigen, und an dessen Stelle das Verlangen nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte für die palästinensischen Colo nisten zn setzen. Mit vollem Recht schreibt die „Allg. Jsr. Wochenschrift": „Das Basler Programm hat die Forderung eines Judenstaates, die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für die in Palästina anzusiedelnden Juden verlangt. Wir dürfen nicht annehmen, daß der Basler Kongreß etwa Taschenspielerei getrieben, als er diese Unterscheidung machte, daß es ihm blos darum zu thun war, der Widersacherschaft aus dem Wege zu gehen, die das Bekenntniß zu dem Ziele eines Judenstaates ihm erregen würde, während er in einem geheimen oder ungeschriebenen Artikel an diesem Ziele festhielt. Der

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