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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-25 · 8 (25.2.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
8 (25.2.1898)
Date
1898-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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^eite 142 Vr. Vloch's WochrnschrNt. Nr. 8 Freiwild. Es ist bereits wiederholt dargelegt worden, daß die Bildungsfeindlichkeit unseres christlich-socialen Regimes, die in den persönlichen Eigenschaften seiner Vertreter nur allzu begründet erscheint, auch mit der „Idee" des Antisemitismus selbst wesentlich zusammenhängt und jeder weitere Beweis hiesür kann heute nicht mehr Sache der Philosophie, sondern nur mehr der Geschichte des Antisemitismus sein. Einen kleinen Beitrag zu dieser Geschichte — man weiß nicht, ob man Cultur- oder Naturgeschichte sagen soll — liefert eine am 19. Februar 1898 im niederösterreichischen Landtag gehaltene Rede des Abgeordneten Ernst Schneider, der die Idiosynkrasie seiner Partei gegen Alles, was mit Bildung und Wissen zusammenhängt, in folgenden an die Minorität gerichteten Worten zum Ausdrucke brachte: „Sie haben kürzlich die Vorträge der Universitätsdocenten subventionirt, obwohl sie keine so hohe Bedeutung haben wie die genossenschaftlichen Verbände. Derjenige, der in diese Vorträge kommt, siehtbeinahe nichts als Judenbuben und Judenschickseln, sonst kümmert sich in der ganzen Welt Niemand darum, was dort gesprochen unb gemauschelt wird." Immer und überall führt Schneider die Juden, hier zum erstenmale aber das, was angeblich ihre Sprache ist, im Munde, und die intime Kenntniß des „Mauschelns", welche der Gebrauch des Wortes „Judenschicksel" verräth, läßt befürchten, daß die unser ganzes Leben durchsetzende Verjudung auch bereits den Antisemitischesten der Antisemiten ergriffen hat. Eine Befürchtung, die - umsomehr gerechtfertigt ist, als Schneider ja seine ganze geistige Existenz eigentlich nur den Juden verdankt; denn diese beruht ausschließlich darauf, daß er, wie ein. lebender Automat, bei dem geringsten Einwurs gegen seine Partei sein stereotypes „Jud, Jud!" hören läßt. Dasselbe Leitmotiv hat der politische Mechaniker und mechanische Politiker auch dem Angriffe gegen eine Institution zugrunde gelegt, für deren Subventionirung Tags Vorher der fiector maguificus der Wiener Universität mit seiner ganzen Autorität eingetreten war und welche dieser als ein wichtiges Mittel zur Hebung der Volksbildung gekennzeichnet hatte. Gewiß kann dem Leervr mechanicus des Wiener Antisemitismus nicht vorgeworfen werden, daß er dieser Angelegenheit nicht vollständig objectiv gegenüberstehe, denn er selbst erscheint an Allem, was mit Bildung zu thun hat, vollständig unbetheiligt. Immerhin aber dürfte der Ansicht des Mechanikers diejenige des Universitätsrectors an fachmännischer Berechtigung ebenbürtig sein, und Professor T o l d t, den gewiß nicht der geringste Verdacht der „Judenknechtschast" trifft, betonte die Nützlichkeit, die Gemeinnützigkeit der volksthümlichen Universitätsvorträge, indem er sagte, daß der Landtag, wenn er diese Bestrebungen unterstütze, ins Volk ein Capital lege, das nicht durch Ausbeutung Anderer erworben sei, dessen Fructificirung aber das in Geld ausgedrückte Capital bedeutend überrage. Um die Erfolge der volksthümlichen Curse zu veranschaulichen, führte der Rector an, daß im Jahre 1895‘96 58 Curse mit 6172 Hörer und im Jahre 1896/97 59 Curse mit 7465 Hörer abgehalten wurden. Diese allzu trockene Statistik konnte Schneider nicht unergänzt lassen. Die einen besuchten die Vorträge. um sich medicinische Kenntnisse zu erwerben, die Anderen gingen hin, um Jus oder sonst etwas Wissenswerthes zu hören, Ernst Schneider aber geht hin, um Juden zu sehen. Wir wollen nämlich im Interesse der culturellen Hebung des Meidlinger Abgeordneten hoffen, daß er seine jüngste völkerpsychologische Betrachtung aus der persönlichen Frequenz einer Vorlesung geschöpft hat. Vielleicht wird dann durch den antisemitischen Talmudforscher die Christianisirung jener Wissenschaft herbeigeführt, deren „Verjudung" ihn so schmerzlich berührt. Das ganze Renommö jener Wohlthätigkeitsfirma. welche geistige Güter in die breiten Massen hineintragen will, glaubt er mit dem Hinweise zu erschlagen, daß die Vorlesungen beinahe nur von „Judenbuben und Judenschickseln" besucht seien. Merkt Herr Schneider nicht, daß es nicht die Juden sind, die er mit dieser Behauptung vor den Kopf stößt? Wahrhaftig, es gereicht den von ihm so verächtlich bezeichnten „Judenbuben und Judenschickseln" nur zur Ehre, daß sie jenes Interesse für die Wissenschaft bekunden, welches Leuten vom Schlage Schneiders vollständig mangelt. Nicht in dem Besuche, sondern in dem Nichtbesuche der Vorlesungen liegt ein Vorwurf, und die Schuld an der Verjudung liegt nicht an den Juden, sondern an den Antisemiten, welche in systematischer Arbeit die geistigen Bedürfnisse des Wieners auf ein Minimum herabgesetzt haben. Die 7465 „Judenbuben und Judenschickseln", Arbeiter und Handwerker, die sich wenigstens aus dem Proletariat des Geistes erheben wollen,>und diejenigen, die ihnen dabei ihre Hand reichen, hätten'gewiß michts dagegen, wenn" sich noch viele und viele ihnen, angeschloffen hätten, denn das Brot der Wissenschaft wird, wie das Brot Christi,' umso größer, je mehr davon betheilt werden, ..und die. alma water spendet ihr Brot Allen, die zu ihr iommen, ohne Unterschied der Confession. Je mehr Menschen aber davon genießen, destomehr müssen die antisocialen Triebe und muß als eine Form des craffesten Egoismus der Antisemitismus in den Hintergrund treten. Allerdings würde dann auch Ernst Schneider sehr bald aus dem Vordergründe - verschwinden. Die Aufklärung also ist es, zu der er in diesen populärwissenschaftlichen - Vorträgen instinctiv einen Ansatz fürchtet, und weil er sie fürchtet, deshalb sucht er unter dem Schlagworte der Verjudung alle Diejenigen, über die seine Abschreckungstheorie Einfluß hat, von dem Besuche der Vorlesungen fernzuhalten. Und wozu braucht auch ein Parteigänger der Herren Schneider und Consorten volksthümliche Universitätsvorträge? So volksthümlich wie die Vorträge seiner Abgeordneten können jene doch nicht sein, und an wissenschaftlichen Koryphäen mangelt es ebenfalls nicht. Ernst Schneider haben wir soeben als Völkerpsychologen und orientalischen Sprachforscher charakterisirt, V e r g a n i ist einer der erfahrensten Kenner des Obligationenrechtes und M i t t e r m a y e r genießt einen bedeutenden Ruf als beinahe praktischer Criminalist. Lu e g er's Vorträge über Bankwesen oder über Beleuchtungsanlagen lassen ebenso wie die seines Freundes Schlesinger über Nationalökonomie an Popularität gewiß nichts zu wünschen übrig, und das bewußte alte Weib versteht von der Medicin mehr als alle Professoren. G r e g o r i g gilt derzeit als der einzige Vertreter der strategischen Architektur und die Geschichte des Mittelalters wird durch Anschauungsunterricht mit antisemitischen Demonstrationen gelehrt werden. Am besten aber werden an der künftigen Hochschule des Antisemitismus wohl die agrarischen Fächer vertreten sein; denn der Antisemitismus selbst ist ja das Erzeugniß einer Bodencultur in des Wortes niedrigster Bedeutung. Selbstverständlich kann nur Wien.der Sitz dieser neuen Hochschule sein, die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, von welcher ja die Decadence unseres öffentlichen Lebens ihren Ausgang genommen hat. In dieser Stadt, in welcher neuerdings wieder ein frisches, künstlerisches Leben, allerdings von Oben her inspirirt, zu pulsiren beginnt, macht sich in der Politik das verwerflichste Decadententhum breit, dem in seiner philiströsen Beschränktheit der Respect, ja vielleicht sogar das. Gefühl für geistige Ueberlegenheit abhanden gekommen ist. Die Aeußerungen des Wiener Volksvertreters sind symptomatisch für die geistige Stufe der Wiener Bevölkerung, sie sind aber auch symptomatisch für die geistige Höhe des niederösterreichischen Landtages und seines Vorsitzenden, des Landmarschall-Stellvertreters Strobach, der für die erbärmlichen Angriffe Schneider's kein Wort der Zurechtweisung hatte Hier wie überall, wo die antisemitische Partei gebietet, ist der berühmte Gelehrte, der sein Leben der Wissenschaft geweiht hat, ebenso wie der einfache Arbeiter, der sich inmitten seiner Drangsal, sein Bildungsbedürfniß bewahrt, kurz jeder gebildete Mensch Freiwild, das Freiwild antisemitischer Stellenjäger, deren hanswurstiges Kesseltreiben zwar der Wissenschaft selbst nicht gefährlich werden kann, aber gesährlicherweise nicht nur bejubelt, sondern auch ungestraft geduldet wird. M. W. Mn Noth schrei aus dem heiligen Lande. Aus Jerusalem geht uns unterm 20. d. M. folgender telegraphische Hilferuf zu: „Dr. B l o ch's Wochenschrift, Wien. S t r enger Winter, epidemische Masern, Armuth groß, bitte schleunig Ab.Hilfe! Grandrabbi n E l y a s ch a r, N i s s i m B e h a r." Der Appell des Großrabbiners von Jerusalem an die werkthätige Bruderliebe unserer abendländischen Glaubensgenossen ist ein nur zu begründeter. In den wenigen knappen Worten des Telegrammes liegt eine erschütternde Tragik. Ueber die Situation in Palästina sind in den letzten Jahren vielfach unrichtige Darstellungen verbreitet worden. Man hat Palästina

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