Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 7 Vr. Vloch's WochrnptzrM Sette 137 Mein Schwiegervater hatte keine Ahnung von dem wahren Standpunkte unserer Ehe; er besuchte uns zuweilen, jedoch immer nur auf kurze Zeit; nach Blankenruhe kam er stets zur Nachcur von Teplitz und traf uns gewöhnlich dort schon an. Blanca war stets unerschöpflich in Liebesbezeigungen gegen ihn, und Meisterin in der Kunst der Verstellung, ließ sie mir auch, während sie mir sonst kühl, ja fast schroff begegnete, in Gegenwart ihres Vaters einige Brosamen zufließen, und war freundlich, ja fast liebevoll gegen mich. Die Liebe zu ihrem Vater war überhaupt das einzige wärniere Gefühl, dessen sie fähig war, sonst war sie der personificirteste Egoismus, voll kalter Berechnung. Es gab Zeiten, wo ich dem Commercienrathe fast grollte, auf meine Dankbarkeit rechnend mich in diese Ehe hineiugedrängt zu haben; es gab Zeiten, wo der Gedanke an eine Lösung unserer Ehe, so hochheilig ich sonst von der Ehe dachte, in mir aufstieg; so schnell dieser Gedanke kam, ich verscheuchte ihn stets bald wieder. Ich wollte meinem Schwiegervater den Schmerz ersparen, ihm den wahren Charakter seiner über Alles geliebten, vergötterten Tochter zu enthüllen, und ich scheute auch das Aufsehen. Schließlich konnte ich mich selbst nicht frei von Schuld sprechen und „alle Schuld rächt sich auf Erden". Ich hatte ohne Liebe um Blanca geworben, und ein Mann darf und soll nur ein Mädchen zu Eigen begehren, wenn er die Ueberzeugung in sich trägt, die zwingende Macht empfindet: „Dieses Mädchen ist Dir zur Ergänzung Deines Seins uothwendig!" Es war Vermessenheit, als ich wähnte, Blanca mir als mein Geschöpf bilden und formen zu können. Vier Jahre waren so dahingegangen; wir gingen den Weg durchs Leben nicht mit einander, sondern fast entfremdet nebeneinander. Ich erschien mir frühzeitig, vorzeitig gealtert, und auch Blanca's Schönheit hatte schon von dem jugendlichen Schmelze eingebüßt; kleine feine Linien zogen sich in dem einst so thaufrischen Antlitze und der Teint zeigte nicht mehr das wundervolle Colorit, sondern war von gelblicher Färbung; immer aber genoß Blanca noch den Ruf der schönsten und vornehmsten Erscheinung B.'s. Der Sommer des vorigen Jahres sollte uns verhängnißvoll werden. Nach dem ruhmvollen aber blutigen Kriege verursachte das Auftreten der verheerendsten Krankheit panischen Schrecken und B. war, wie Dir ja bekannt, eine der ersten Städte Deutschlands, welche von der Geißel schwer heimgesucht wurde. Die Cholera trat bald mit so furchtbarer Macht auf, griff so rapid um sich, daß, wer es nur irgend ermöglichen konnte, in eiliger Flucht vor dem Würgengel die Stadt verließ. Vergebens bat, beschwor ich Blanca, unverzüglich mit niir nach Blankenruhe zu reisen; den Commercienrath wollte ich telegraphisch nach dem Landgute berufen, da auch in K. die böse Krankheit schon zu wüthen begonnen hatte; wie gewöhnlich blieb Blanca eigensinnig allen meinen Bitten und Vorstellungen unzugänglich, sie beharrte durchaus darauf, über K. den Weg zu nehmen und in Begleitung ihres Vaters nach dem Land gute reisen zu wollen; so unsinnig, so gefahrdrohend mir ihre Hartnäckigkeit auch erschien, ich mußte ihr wieder willfahren. Kaum waren wir in K. angekommen, als der unheimliche Gast in meines Schwiegervaters palastähnliches Haus seinen Einzug hielt und seine Hand nach kostbarer Beute ausstreckte, Blanca nach nur eintägigem Leiden zum Opfer forderte. Der Schrecken über den plötzlichen Verlust seines einzigen heißgeliebten Kindes tödtete meinen Schwiegervater in der darauffolgenden Nacht; die Dienerschaft hatte Entsetzen ergriffen und inmitten der grenzenlosen Verwirrung, welche diese beiden jähen Todesfälle hervorriefen, stand ich als der einzige nahe verwandte Leidtragende an zwei Särgen. War mir Blanca auch nicht im Entferntesten das geworden, was ich von meinem Weibe einst erwartet und vorausgesetzt hatte, ich beklagte voll tiefer Wehmuth den allzu frühen Heimgang des schönen, hochbegabten Frauenbildes, welches so vielverheißend in mein Leben getreten und so wenig erfüllend aus demselben geschieden war und der Tod des langjährigen, treubewährten väterlichen Freundes erfüllte mich mit aufrichtigem Schmerze. Eine höhere Macht hatte unsere so wenig glückliche Ehe gelöst und ich fühlte mich beruhigt, befriedigt, keine gewaltsame Lösung herbeigeführt zu haben. Das Testament meines Schwiegervaters bestimmte nach Auszahlung vielfacher reicher Legate an entfernte Verwandte, städtische, namentlich jüdische milde Stiftungen und treue Diener, Blanca, und im Falle ihres früheren Ablebens, mich zum Universalerben. So großmüthig diese Bestimmung, die mir ein Beweis der Liebe und Fürsorge des Erblassers nicht nur für seine Tochter, sondern auch für mich, den er stets wie seinen Sohn betrachtet hatte, war, sie erschreckte mich fast mehr, als sie mich erfreute. Ich sann und grübelte, aus welche Weise ich mich schnellstens und bestens des großen, mir so unvermuthet zugefallenen Besitzes entäußern könne, verwarf gefaßte Pläne, bis ich endlich den Entschluß ausznführen gedachte, das prachtvolle Haus meines Schwiegervaters, an welches sich ein großer Garten schloß, zu einem Waisenhause für israelitische Kinder umzugestalten. Ungesäumt that ich sofort alle hierfür nöthigen Schritte; die Genehmigung der Regierung erfolgte bald, aber erst nachdem ich die Statute«« aus gearbeitet, ein Curatvrium ernannt, der Stiftung einen reichen Fond überwiesen, überhaupt alle Stiftung und Testament betreffenden Angelegenheiten geordnet hatte, kehrte ich nach B. zurück. Nicht lange darauf starb mein Vorgänger; ich nahm die mich ehrende Wahl als sein Nachfolger gern an; mit meiner treuen Sarah Hilfe wurde die Uebersiedlung rasch bewerkstelligt und mein Wirken als Diener Gottes, als Lehrer in Israel befriedigt mich, in segensvoller Arbeit ist mein durch vielfache Enttäuschungen, Sorgen und Kämpfe erregtes Gemüth allmählich gesundet. Bor einigen Wochen habe ich an den Sterbetagen der beiden mir theuren Personen an ihren Gräbern gebetet und mich des Gedeihens der Stiftung, die ich zum Andenken und wie ich glaube auch im Sinne der Heimgegangenen geschaffen, erfreut." — Tief aufathmend hielt Dr. Seefeld inne. Der Profeffor hatte die Erzählung des Freundes auch nicht durch ein Wort unterbrochen; nun streckte er ihm beide Hände entgegen und sagte ernst: „Armer Eduard, Du hast in kurzer Spanne Zeit viel erlebt und erlitten! Doch Du bist noch jung, gewiß, ja sogar sicher hat die Zukunft noch schöne Blüthen für Dich in Bereitschaft; die Erinnerung an ein gescheitertes Glück darf Dir nicht den Verzicht auf ein neues Lebensglück aufdrängen." Der Festgottesdienst rief Dr. Seefeld von der Seite des Freundes; es war ganz dunkel geworden, als sie sich für kurze Zeit trennten. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Bar Kochba. Epos von Jaroslav Vrchlick^ (1894—1897) Prag. Verlag I. R. Vilimer. In unserer hastenden, nervösen, nach Erwerb stürmenden Zeit und in der Blüthenepoche des Anttsemitismus gehört wirklich ein seltener Muth dazu, ein Epopöe zu ediren, dessen Held ein Jude ist. Und es freut uns, constatiren zu können, daß es kein Geringerer als der auch in diesen Blättern wohlbekannte, gottbegnadete böhmische Dichter Dr. Jaroslav Brchl i c k y ist, welcher nicht nur diesen Muth hatte, sondern auch eine Dichtung von unschätzbaren« Werthe schrieb. Wie der Dichter selbst in der Vorrede erwähnt, ist dieses Epos ein Theil, ein Fragment jener großen Epoche der Menschheit, die zu schildern nicht nur sein Jugendtraum war, sondern auch zuin Theil in einigen größeren Dichtungen geschildert wurde, wie in Hilarion, Julian Apostata, Fragmente der Epopöe u. A. Hoch erhaben über das tägliche Gewühl, welches kaum einen Rückblick in die Vergangenheit gestattet, befaßt sich der Dichter mit allgemein menschlichen Problemen und ist in Wahrheit ein Dichter der Humanität. Wohl haben tragische Ereignisse und das Schicksal der Juden überhaupt, schon manchen Dichter begeistert, und sowohl jüdische Dichter, als auch solche anderer Conseffion haben in schwungvollen Gedichten kleinere Episoden besungen und es dürften jedem gebildeten Leser die hebräischen Melodien von Byron bekannt sein; auch über Bar Kochba's Schicksal und tragisches Ende liegen fragmentarische, kleine Dichtungen von Emil v. Boxberger und eine Tragödie von Lewin vor; aber hoch über Alles dies ragt das Epos von Jaroslav Vrchlicky empor durch die kühne Conception, den Schwung der Sprache und das Feuer der Begeisterung, welches aus jeder Zeile dieses nicht nur großarttgen, sondern auch groß angelegten Buches spricht.