Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 136 Dr. Vloch* Mochenfchrift Nr. 7 Spätes Glück. Erzählung von Regina Reißer. (Fortsetzung.) Die Tochter des Millionärs hatte nicht gelernt, für ein Haus zu sorgen, dafür gab es bezahlte hilfreiche Hände in Menge; Blanca wurde demnach auch nicht einmal die Leiterin des Hauswesens, sie überließ es den Dienstboten ganz und gar, Wohlbehagen zu schaffen und zu verbreiten, und wie es alsdann in unserer Zeit um ein Haus bestellt ist, das weißt Du so gut wie ich! Während ich wähnte, Blanca würde sich genüge nlassen, öfters mit mir Theater, die bekannt vorzüglichen Concerte der großen musikalischen Bereinigungen der Stadt, gute Wissenschaft^ liche Vorträge zu besuchen, mit mehreren mir schon seit meiner Studienzeit nahestehenden befreundeten Familien, die mein junges Weib mit ausgesuchter Güte aufnahmen, herzlichen Verkehr zu pflegen, hatte ich außer Acht gelassen, zu bedenken, daß Blanca besonders zur Winterszeit an eine rauschende Geselligkeit gewöhnt war. Würde sie mir zu Liebe opferfähig genug sein, zu verzichten, auch fernerhin die strahlende Sonne großer Gesellschaften sein zu wollen? fragte ich mich oft; seufzend, schweren Herzens antwortete ich „Nein!" Ohne daß es in meiner Absicht lag. ja wider Willen, wurden wir in einen Strudel von Vergnügungen hineingezogen; Blancas Vater besaß viele Bekannte in B., welche, der haute finance angehörend, sich eifrig bemühten, die schöne geistreiche Frau in ihre Kreise zu ziehen. Ost ergingen Einladungen an uns, welche, ohne daß ich mich als eifersüchtigen Tyrannen hingestellt hätte, nicht gut abgelchnt werden konnten, und versuchte ich dies doch zuweilen durchzusetzen, so erfolgten derart heftige Thränen-, ja Zornesausbrüche meiner Frau, daß ich schließlich um des lieben Friedens willen, wenn auch n?ch so ungern, nachzugeben mich gezwungen sah. Wie einst als Mädchen in ihrer Vaterstadt, wurde Blanca auch bald in der neuen Heimat das gefeiertste, glänzendste Gestirn der Gesellschafts- und Ballsäle, und die zahlreichen Huldigungen, welche ihrer Schönheit, ihrem Geiste und Witze dargegebracht wurden, waren leider nur geeignet, sie immer mehr in dem Haschen und Jagen nach Zerstreuung zu bestärken, ihre grenzenlose Gefall- und Vergnügungssucht zu vergrößern. Einige Monate verheiratet, gewann ich von Tag zu Tag mehr und mehr die schmerzliche Erkenntniß, daß mein junges Weib sich mir erst jetzt in seiner wahren Gestalt zeige, daß Blanca bisher eine Maske getragen, welche sie allmälig fallen ließ und das Ergebniß aller meiner ernsten Gedanken und Betrachtungen über ihr verändertes Wesen war. Eigensinn, den das Kind schon gezeigt haben mochte, hatte sich, da diesem Fehler nie energisch gesteuert wurde, im Laufe der Zeit zu maßlosem Eigenwillen, grenzenloser Herrschsucht gesteigert. Da dem jungen Heranwachsenden Mädchen durch die Güte aber auch Schwäche des Vaters und die kriechende Unterwürfigkeit der Cousine jede Laune, jeder Wunsch erfüllt und befriedigt wurde, das junge Mädchen außerdem vermöge von Schönheit, Geist und Reichthum der Mittelpunkt seines Kreises war und vielfach umworben wurde, bildeten sich jene schlimmen Eigenschaften auf dem fruchtbarsten Boden immer mehr aus und überwucherten bald alle sanfteren Regungen des Herzens. Klug, ja listig und verschlagen, wußte Blanca Alle, welche ihr nahe standen, zu täuschen, und Niemand ahnte, welch' schlechten Kern die wunderschöne Hülle barg! Die große Dosis Eitelleit, welche in ihrem Herzen wohnte, mochte wohl zumeist die Triebfeder gewesen sein, mich an ihren Triumphwagen zu fesseln, meine Liebe zu erringen, und zu spät lernte ich einsehen, jenes Gefühl, sie zeige mich wie ein seltenes Putzstück, sei doch nicht grundlos gewesen. Die Entdeckung, daß das schöne Mädchen, welches ich heimgeführt, eine eitle, gefall- und selbstsüchtige, herzlose Weltdame sei, bereitete mir einen tiefen Schmerz und in jener Zeit, als ich mir immer klarer und deutlicher bewußt wurde, ich würde nicht im Staude sein, den geringsten wohlthätigen Einfluß aus Blanca auszuüben, alle meine Bemühungen, sie in andere vernünftigere Bahnen zu lenken, würden fruchtlos bleiben, meine Hoffnungen, sie doch noch zu ernsterer Lebensanschanung zu bringen, würden sich als vergeblich erweisen, gruben sich die ersten tiefen Linien mit ehernem Griffel in mein Gesicht, zeigten sich die ersten weißen Fäden in meinem dunklen Haar. Wo waren sie geblieben, jene Tage, die ich erhofft und erträumt, ersehnt und erwartet, an denen ich, von meines jungen Weibes Gruß und Kuß geleitet, am Morgen in erhöhter Freudigkeit mein Tagewerk beginnen, meinem Berufe nachgehen wollte? Jene Tage, an denen bei Spaziergängen an meines Weibes Seite Gottes schöne Welt tausendfach schöner, mir erscheinen sollte? Jene Abende, an denen mein Weib mir zur Seite mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt sitzen würde, ich dasselbe mit den Meisterwerken berühmter Dichter und Schriftsteller aller Zeiten und Völker, mit meinen Plänen und Entwürfen bekannt machen wollte? Vorbei, zerronnen, zerstoben, verweht meine Hoffnungen, meine Träume von vereinter schöner lichtvoller Zukunft! Während wir uns in Gegenwart Fremder und in Gesellschaften als scheinbar glückliches Ehepaar zeigten, ich Blanca voll zarter Aufmerksamkeit umgab, sie als das demüthig freundlich zu dem ernsten Manne aufblickende Weib erschien, trennte uns eine weite Kluft; auch die mich noch immer beseelende Hoffnung, Blanca würde, doch endlich des müßigen rauschenden Lebens müde, Gefallen an der traulichen Häuslichkeit Stille finden, sollte sich nicht erfüllen. Blanca schien gar nicht zn ahnen, gar nicht zu bemerken, daß ich an ihr etwas vermisse, an ihrer Seite, in ihrem Besitze darbe! Sie belächelte meine Ansichten von Ehe, dem Berufe der Frau, ironisch als spießbürgerliche, ihr Thun erschien ihr ohne Fehl. Ihr Auftreten, ihre Haltung, sie war etwas stärker geworden, wurden immer stolzer und majestätischer und bei den Gesellschaften, welche wir als nothwendige Revanche für die vielfachen Einladungen, denen wir während des Winters gefolgt waren, im Vorfrühlinge, in schon vorgerückter Saison in unserem Hause veranstalteten, machte Blanca die Wirthin in der vollendetsten Form einer echten Aristokratin und erregte die höchste Bewunderung. Wenn ich am Morgen, nachdem ich schon mehrere.Stunden gearbeitet hatte, zur Universität ging, war Blanca überhaupt noch nicht sichtbar. Ermüdet von den bis in die späte Nacht hinein dauernden Gesellschaften, bei welchen sie stets die begehrteste Tänzerin war, bedurfte sie des längeren Schlafes. Ihr Dasein war ein ununterbrochenes dolce far niente; sie konnte Stunden lang in ihrem feenhaft und üppig ausgestatteten Boudoir, hingegossen in die schwellenden Polster einer Causeuse, über Modeblätter gebeugt oder am Putztische zubringen, denn die reichen ihr von ihrem Vater ausgesetzten Nadelgelder gestatteten ihr den raffinirtesten Toilettenaufwand, in welchem keine Dame ihres Kreises mit ihr wetteifern konnte. Die Pflicht gebot mir, Blanca, die stets von alten und jungen Verehrern umschwärmt wurde, in allen Gesellschaften und .zumeist bei ihren Spaziergängen zu begleiten, über sie zu wachen, damit kein Zudringlicher ihr zu nahen wage; ich konnte, ich durfte die schöne gefeierte Frau nicht sich selbst überlassen. Nur zu gern weilte ich in meinem stillen Studierzimmer, welches ich als wahres Friedensasyl betrachtete; Blanca, statt sich zu freuen, daß ich auf dem Felde meiner schriftstellerischen Tätigkeit mir mehr und mehr einen Namen verschaffte, daß die Tagesblätter von Ruf und Bedeutung meiner ehrend und lobend erwähnten, spottete, wie mir schien, nicht frei von Eifersucht, denn sie wollte keine anderen Götter neben sich dulden, über meine „ernste Geliebte", die Wissenschaft, und nannte mein Studierzimmer stets „das Allerheiligste". Im Sommer war es stets Blanca's Wunsch, in ein Mode" bad zu reisen, dort eine Rolle zu spielen; jedoch ihr Vater hatte sich bald bei unser Verheiratung ein für alle Male ausbedungen wir sollten die Sommerferien stets auf Blankenruhe verleben, so daß es grausam gewesen wäre, ihm diesen Wunsch zu versagen, und da ich Blanca's Gesundheit ohnehin durch das häufige leidenschaftliche Tanzen für gefährdet erachtete, beharrte ich umso mehr für den ihr beiweitem zuträglicheren Landaufenthalte. Dort, wo Blanca, mehr auf meine Gesellschaft angewiesen, sich mir mebr widmete, sich einfacher kleidete, schöpfte ich immer q.ufs Neue frohe Hoffnung, es könne, müsse doch endlich noch eine Wandlung in Blanca's Wesen eintreten; jedoch kaum hatte die Hoffnung Raum in mir gewonnen, als dieselbe sich auch nur zu bald als trügerisch erwies, ich sah ein, ich war ihr gegenüber vollständig ohnmächtig, ich war unfähig, sie zu erziehen, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! ich wurde muthlos und resignirt. i