Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 7 Vr. Vloch's WochenschrM Seite 133 nacht ausdehnte und erst infolge polizeilicher Auflösung zum Abschluß kam. Herr Dr. Loewe, der in einem breiten Bortrag die Ziele des Zionismus mehr verhüllt als dargelegt, wurde dadurch verhindert, in einem Schlußwort die Ergänzungen zu geben. Herr M. A. Klausner unterschied zwischen dem Zionismus des Basler Programms, der als eine Aufforderung zur Unterstützung der palästinensischen Colonisationsbestrebungen nirgends einem Widerspruch begegnen würde, und den Zionismus mit dem Ziele des palästinensischen Judenstaates, der einen tatsächlichen Conflict mit der staatsbürgerlichen Stellung der Juden bringe; Herr Herzl nahm sich seiner Judenstaatsidee in sachlichen Ausführungen nach Kräften an. Danach aber war es mit der ruhigen Discussion zu Ende. Wer zionistisch sprach, wurde bejubelt, wer anderer Meinung war, wurde angeschrieen. Als eifriger Zionist geberdete sich der frühere Judenmissionär Herr Pastor Faber, dessen spätere seelsorgerische Thätigkeit ihn in — vielleicht nur ganz äußerliche — Beziehungen zu dem Führer des pommerschen Antisemitismus, Herrn Andre Roman in Stettin, gebracht hat. Das Entzücken der Zionisten war grenzenlos, und als ihnen die bloße Thatsache erst von Herrn I. Rosenthal, dann von Herrn A Löwenstein vorgehalten wurde, daß ihr am lautesten begrüßter Helfer ein Judenmiffionär sei, lärmten sie wüthend, bis die polizeiliche Auflösung eintreten mußte. — Die Freunde des Zionismus haben Ursache, die gestrige Versammlung zu bedauern. Wenn sie nicht eine Reform an Haupt und Gliedern vornehmen, werden sie die Sympathien völlig verscherzen, 'die jetzt noch, zwar nicht für ihre Ziele, aber für ihre Gefühle, vorhanden sind. Breslau, 6. Februar. Der Geheime Regierungsrath Professor Dr. Ferdinand Cohn, der jüngste Ehrenbürger unserer Stadt, feierte vorige Woche seinen siebzigsten Geburtstag. Da dem berühmten Gelehrten bereits anläßlich seines vor wenigen Monaten begangenen goldenen Doctor-Jubiläums von allen Seiten Ehrungen und Ovationen in erdrückender Fülle dargebracht wurden, trug der Tag mehr das Gepräge eines Familienfestes. Immerhin brachte auch der 70. Geburtstag dem greisen Forscher neue Zeichen der Anerkennung und Schätzung. Zu erwähnen ist ein von 250 Botanikern aller Sänbet gestiftetes Album, das die Bilder all' dieser Mitarbeiter Cohn's umschließt, deren größter Theil seine Schüler waten. Die Naturforschende Gesellschaft in Danzig hat den Senior der deutschen Botaniker in Breslau zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, eine Auszeichnung, welche die Gesellschaft während ihres mehr als 150jährigen Bestehens erst neun Mal verliehen hat. Daß zahlreiche Glückwünsche von Nah und Fern einliefen, daß unter den Gratulanten die Stadt und die Universität würdig vertreten waren, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Möge dem um das Wohl der Menschheit so hochverdienten Manne noch eine lange, segensreiche Wirksamkeit beschieden sein. Rom. Im Vatican wird dementirt. Man schreibt nämlich der „Pol. Corr.", also officiös, aus Rom: „In der auswärtigen Presse haben gewisse Artikel des „Osservatore Romano" über die Affaire Dreyfus, die ungemein judenfeindlich lautenden und für die antisemitische Campagne, die jetzt in Frankreich geführt wird, eintraten, einiges Aufsehen verursacht. Dem gegenüber sei daran erinnert, daß Artikel, die, wie die erwähnten, nicht in der officiellen Rubrik des „Osservatore" erscheinen, durchaus nicht als eine Wiedergabe der im Vatican herrschenden Ansichten zu betrachten sind. Der Vatican hat bei wiederholten Gelegenheiten erklärt, daß er nur für diejenigen Mittheilungen im „Osservatore", die unter der Rubrik »Nostre informazionii! veröffentlicht werden, eine Verantwortung übernehme." - Paris. Es mag nicht uninteressant sein, neben den bitteren Wahrheiten, die wir aus Paris berichten müssen, auch einmal Amüsanteres zu erfahren. In der „Aurore" veröffentlicht Abraham Dreyfüs eine Studie über Drumont's Race, die ihn zu dem Resultate führt: daß er jüdischer Abstammung sein muß, beweist erstens der Name, der Dreimond bedeutet, zweitens der Typus, der ausgesprochen jüdisch ist, dann die Geschäftsgewandtheit, mit der Drumont den Antisemitismus auszubeuten versteht. Alle drei sind specifisch jüdische Eigentümlichkeiten, sagt Drumont selber, also ist er, der Besitzer dieser Eigenthümlichkeiten, Jude, Jude von Sinai. Er ist übrigens keineswegs stillschweigend hinweggegangen über diese Behauptung, sondern er hat sich beeilt, sein Taufzeugniß zu veröffentlichen, wieder ein Beweis, denn ein echter Katholik hätte einen solchen Beweis gar nicht erst für nöthig gehalten. Aber das Entscheidende hat Dreyfus jetzt entdeckt, Drumont arbeitet am Sonnabend nicht. Seine Zeitung, die sonst täglich einen von ihm gezeichneten Leitartikel bringt, hat nur am Sonntag solche von anderen Schriftstellern, wie Gyp oder Severice, bekanntlich Pseudonymen für schriftstellernde Damen. Das kommt daher, daß Drumont am Sabbath nicht arbeiten will und sich daher Schabbesgoites halten MUß. Quod erat demonstrandum. Paris. Zu den pikantesten der gegenwärtigen Vorgänge in Paris gehört es, daß die Vertheidiger Dreyfus' zum Theil frühere Judenfeinde sind. Vom Oberst Picquart ist festgestellt, daß er bis vor einigen Jahren ein ausgesprochener Antisemit war, jetzt veröffentlicht ein Socialist Adolphe Rabarant eine Studie über den Antisemitismus in der „Aurore". dem Organ Clemenceau's, und erzählt dabei Folgendes: Er sprach einst mit Zola über die Judenfrage, wobei ihm dieser sagte: „Die Juden, ich mag fie gar nicht leiden." Auch aus dem Buche des berühmten Schriftstellers, „Das Geld", geht eine starke Animo sität gegen unsere Race hervor. Es ist eine eigene Ironie, daß gerade diese Persönlichkeiten durch ihre Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe genöthigt sind, für Dreyfus, Zola sogar direet für die Juden einzutreten. Warnung für Schnelldichter. Der französischen Regierung war die Aufführung eines Dreyfus-Dramas in Amsterdam bekanntlich sehr peinlich. Sie erlangte die Jnhibirung der weiteren Aufführung des Stückes. Nach diesem Erfolge ist es ihr plötzlich eingefallen, daß es auch außerhalb Hollands Schnelldichter geben soll. Herr H a n o t a u x, der französisct e Minister des Auswärtigen, hat daher an alle Vertreter Frankreichs im Ausland ein Rundschreiben gerichtet, sie mögen sich bei den Behörden dahin verwenden, daß keine Apologie Dreyfus' auf den Bühnen zugelassen wird. Die Beklemmungen der französischen Regierung sind begreiflich. Die jüngsten Prügelscenen in der französischen Kammer mußten ja die Schnelldichter aller Länder in die Versuchung führen, mit diesem unvergleichlich dramatischen „Knotenpunkt eine Behandlung des Dreyfus-Problems zu wagen. Ob das Rundschreiben etwas fruchten wird? Die Herren Schnelldichter seien jedenfalls davon in Kenntniß gesetzt! St. Petersburg. Dem Unterrichtsminister ist die Frage vorgelegt worden, ob jüdische Zahnärzte im Staatsdienst angestellt werden dürfen. Es hat sich nämlich ein solcher bei einem Staatsgymnasium gemeldet, der Minister hat aber gegen seine Zulassung entschieden. — Das Spiritusmonopol ist nicht nur gegen die Juden gemacht worden, es wird auch mit der äußersten Strenge gegen dieselben durchgeführt. So wird ihnen nur gestattet, Restaurants erster Classe zu halten, das heißt solche, bei denen sie außer den gewöhnlichen Taxen noch eine besondere Steuer von 1000 Rubel zu entrichten haben. Der Stadtrath von Kischineff hat bei der Regierung Klage geführt, daß durch diese Maßregeln das Einkommen der Stadt sich allzusehr vermindern, die auf die Einnahmen aus den Schanksteuern angewiesen sei, und daraufhin hat endlich ein Jude die Erlaubniß zu einem Restaurant zweiter Clafse erhalten, ein Schritt, der von großer principieller Bedeutung ist. — Der Senat ist in einer anderen wichtigeren Frage als höchste Instanz angerufen worden, nämlich bei der Entscheidung, ob jüdische Kaufleute erster Gilde, auch wenn sich, nachdem sie länger als 10 Jahre dieser Gilde angehört haben, ihre pecuniären Verhältniffe verschlechtern und sie in die zweite Gilde herabsinken, noch das Recht haben, in ganz Rußland zu wohnen. Bisher hatten fie nach der Praxis diese Berechtigung, aber einzelne Gouverneure setzen sich darüber hinweg und weisen die Juden aus, sobald sie nicht mehr die Steuern der ersten Gilde zahlen können. Der Senat, an den einige der Betroffenen appellirt haben, wird nun entscheiden, was geltende Rechtsnorm sein soll. — In Orjejew hat der Oberst Jiv'ovitsch, Adjutant des Kaisers, der dortigen Talmud- Thora ein Grundstück geschenkt und zugleich alle darauf liegende Steuern bezahlt. Auf diesem Terrain soll eine Farm errichtet werden, wo junge jüdische Männer Unterricht im Ackerbau erhalten sollen. Nur die Baukosten hat die Gemeinde zu tragen, doch sind dieselben sehr klein, und die Sammlung hat bisher nur 700 Rubel ergeben. — Nicht unintereffant ist, daß in der russisch-historischen Gesellschaft der hiesigen Universität ein Gelehrter Wodowoseff einen Vortrag über die Entwicklung des Antisemitismus gehalten hat, in der er den Beweis führen mußte, daß derselbe eine durchaus reactionäre Bewegung ist. — In Winnitza wird eine technische Mädchenschule für Jüdinnen