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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-18 · 7 (18.2.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
7 (18.2.1898)
Date
1898-02-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 126 Vr VLortz's VochrntchrM Str. 7 Während in diesem Theile Polens die Juden ein marter¬ und schreckenvolles Leben führten, befanden sich Jene in Litthauen unter Herzog Witold in ziemlich günstiger Position; ihr Schicksal hing eben von Gesinnung, Laune und Habgier des jeweiligen Herrschers ab. Der Eine schützte sie ihres Geldes wegen, der Andere zertrat sie wegen ihres Geldes; Dieser behielt sie für sich als ergiebige Einnahmsquelle; Jener warf sie als Opfer der Kirche hm; der kleine Adel und das Volk lauerten auf die Beute und die Juden lebten das Dasein des gehetzten und umstellten Wildes. Selbst kleine Dorfpotentätchen, Besitzer verschuldeter Güter dursten ihre Juden peitschen, ja hängen lassen oder die Schneide ihrer Pallasche an ihnen probiren — es kostete nichts — als ein Menschenleben. Die Gemahlin König Sigismunds I. trieb im Vereine mit dem Wojwoden Peter Kmita offenkundigen Handel, indem sie für baarcs Geld bald ihnen ihren Schutz verkaufte, bald die Juden chren Verfolgern. Schließlich wurden die stüheren Privilegien aufgehoben, die Handelssteiheit widerrufen, sie unter König Johann Albert 1496 aus manchen Städten ausgewiesen, in andern Orten in Ghettos eingepfercht, ihnen eine gelbe Kopfbedeckung aufgenöthigt und sie, ohne Appellation, der Gerichtsbarkeit ihrer Gutsherren unterstellt. Eine kurze Ruhepause in dem Leben voller Schrecken und Leiden trat ein, als der politisch reifere, höhere polnische Adel, unter Führung des gelehrten Johann Ostrorog dem Monarchen eine Schranke durch Einsetzung eines Senats und einer Deputirtenkammer zog, welche seine Acte zu controliren und zu modificiren berechtigt waren. Die von Kasimir dem Großen den Juden bewilligten Freiheiten wurden wieder erneuert, die Souveränetät der Landtyrannen eingeengt und der thätlichen Feindseligkeit gegen das unglückliche Volk empfindliche Strafen entgegengesetzt. Auch der feingebildete, edelangelegte König Sigmund Augustus und der tapfere Stephan Batory waren eifrige Beschützer der Juden — aber diese kurze Aufheiterung wich nur zu bald einer düstern Umnachtung, und als in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts der Jesuitenorden sich häuslich in Lemberg niederließ und über zahlreiche Zöglinge commandirte, da ging abermals das Unheil los und befleckte diese, ftüher ruhige Stadt sich mit Blut und Schande. Das von den Jesuitencollegien aus gegangene Maffacre, dem der losgelassene trunkene Pöbel mit Wollust affistirte, begann am 3. Mai 1664 und dauerte mit größerer oder erschöpfter Wuth bis zum 18. Juni, durch volle sechs Wochen. Zweihundertsiebzig Menschen, Männer, Weiber und Kinder, fielen der blutgierigen Bestie des Aufstandes zum Opfer. Der Geldschäden der Juden betrug siebenhuuderttausend Gulden, eine zu jener Zeit ganz enorme Summe. Die Synagogen wurden demolirt, die Wohnhäuser eingeäschert, die Thoras geschändet, die Läden geplündert, die Dommente zerriffen. Der Stadtmagistrat sah unthätig zu und die militärische Hilfe, die dann entsendet wurde, kam zu spät oder war dem bewaffneten Haufen gegenüber zu schwach — ganz wie jüngst in Prag. Endlich schritt, nach langem Besinnen und bedächtiger Weise die Regierung ein, unterdrückte den bereits müden Aufstand und verurtheilte die Gemeinde, die Beraubten zu entschädigen, von denen Biele ihre Ernährer beweinten. Zu diesen Heimsuchungen traten noch Brandschätzungen seitens der Kosaken, der Schweden, der Stadtmagistrate; die Sondersteuern und die Beschränkung der Erwerbe, sowie die persönliche Unsicherheit. Selbst in den seltenen Pausen relativer Ruhe blieben die Juden, geschieden durch Religion, Sprache und Gesittung, ein Fremdkörper innerhalb des autochthvnen Volkes das Surrogat eines Bürgerstandes; der Gegenstand gehäffigen Neides Jener, die bei ihnen Schätze vermutheten; ein gebrechliches Spielzeug in der Hand des mächtigen Adels und der wilden Brutalität des Volkes. Die Wucht solcher Verhältniffe, die Schwere solcher Schicksale hätten jedes andere, minder zähe und weniger glaubensstarke Volk längst zermalmt und von der Oberfläche wegradirt — die Juden aber widerstanden diesen fürchterlichen Heimsuchungen, sie überdauerten die härtesten Verfolgungen von Oben und Unten, bis sie 1773 unter die Herrschaft mächtiger Staaten kamen, von denen sie allerdings nicht rhre Menschenrechte erlangten, unter denen sie immer noch ein schweres, durch Sondergesetze eingeengtes Dasein führten, aber doch das nie gefühlte Sicherheitsbewußtsein hatten, daß das Auge des Gesetzes wacht, daß eine centrale Macht sie vor Raub und Gewaltthat schützt und sie in den engen Pferchen ihrer Ghettos gegen Acte der WMür geborgen seim. Social allerdings blieb ihre Stellung in den Staaten, denen sie mit den polnischen Gebietsteilen zufielen, wie ftüher; sie durften nicht überall wohnen, nicht jeden Erwerb betreiben, keinen Staats¬ und Gemeindedienst bekleiden; sie mußten außergewöhnliche Abgaben leisten und viele Ungerechtigkeiten moralisch erdulden — bis die Mittagssonne des neunzehnten Jahrhunderts in die finstern Ghettos hineinleuchtete und die düstern Uebel zerstreute, die das Leben der Juden in Polen so lange umnachteten! Leo Herzberg-Fränkel. Heine über feine Taufe. Von M. G e i r i n g e r, Berlin. Aus Anlaß der Centennarfeier Heinrich Heine's ist auf dem Büchermarkt eine Reihe von Schriften erschienen, die sich mit dem Dichter beschäftigen. Es wird nicht ohne Interesse sein, Einiges über den eigenartigen Mann, und zwar über sein Denken und Fühlen kurz vor und nach der Taufe in Erinnerung zu bringen. Wiewohl nun von unserem Standpunkte aus die Thatsache, daß ein Jude den väterlichen Glauben verläßt, Grund genug ist, seiner nicht zu gedenken, so scheint uns jedoch dieser Mann bei nicht allzuoberflächlicher Betrachtung soweit von der Regel der Apostaten abzuweichen, mit so starken inneren Banden an seinen angeborenen Glauben geknüpft zu sein, in seinen tiefsten, zeitweise ihm selbst verborgenen Gefühlen so tief im Boden des Judenthums zu wurzeln, daß selbst das Taufwasser diese Wurzeln zu unterwaschen nicht vermochte. Darum scheint es uns nicht unberechtigt, einige Stellen aus seinem Briefwechsel mit seinem Berliner Freunde, dem Banquier Moser, mitzutheilen. Wir lassen die einzelnen Stellen chronologisch folgen, in welcher Art sie das anfängliche unsichere Sträuben gegen die Taufe, die spätere Selbstüberredung, so für seine Stammesgenossen offen eintreten zu können, und den schließlichen Haß gegen den eingetauschten Glauben am deutlichsten veranschaulichen. Im Juni des Jahres 1823, zwei Jahre nachdem er im „Almansor" sowohl seiner geringen Liebe gegen das Christenthum, wie auch seiner Verachtung des Renegatenthums, speciell des jüdischen, Ausdruck verliehen, und zwei Jahre auch bevor er selbst das „Enträebillet in die europäische Cultur" gelöst hatte, schreibt er aus Lüneburg an Moser: „Juden sind hier wie überall unausstehliche Schacherer und Schmutzlappen, christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höheren Claffen ebenso in höherem Grade. Unser kleiner Hund wird auf der Straße von den anderen Hunden auf eigene Weise berochen und malträtirt, und die Christenhunde haben offenbar Rischeß gegen den Judenhund." Auf die Zeitschrift des damaligen Berliner jüdischen Reformvereins hinzielend, schreibt er: „Sehr drängt es mich, in einem Aufsatz für die Zeitschrift den großen Judenschmerz (wie ihn Börne nennt*) auszusprechen und es soll auch geschehen, sobald mein Kopf es leidet." Wie eine geschickt vorweggenommene Selbstanklage in Form einer Vertheidigung des Gedankens an die Taufe klingen folgende, später bestimmter gefaßte Versicherungen, für seine Stammesgenossen stets einzutreten: „Was man von mir hält, kann auch nichts Besonderes sein. Ist mir aber nicht gleichgiltig. Ich habe Ihnen doch schon den Wahn benommen, daß ich ein Enthusiast für die jüdische Religion sei. Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthusiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederhallt. Doch der geborene Feind aller positiven Religion wird nur für diejenige Religion sich zum Champion aufwerfen, die zuerst jene Menschenmäkelei aufgebracht, die uns jetzt so viel Schmerzen verursacht, geschieht es auf eine Weise dennoch, so hat es seine besonderen Gründe, Gemüthsweichheit, Starrsinn."- Ein psychologisch merkwürdiges, ja classisches Beispiel von Selbstüberredung, die dann ausweichend in ein anderes Thema hinüberlenkt, sind die Zeilen an Moser aus dem September 1823. „Wie Du denken kannst — kommt hier die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich. Und dieser ich ist sehr eigensinniger Natur. Aus meiner Denkungsart kannst Du es Dir wohl abstrahiren, daß mir die Taufe ein gleichgiltiger Act ist, daß ich ihn auch symbolisch nicht wichtig achte und daß er in den Verhältnissen und auf die Weise, wie er bei mir vollzogen werden würde, auch für Andere keine Bedeutung hätte. Für mich hätte er vielleicht die Bedeutung, daß ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stammesgenossen mehr weihen würde. Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe. Im lieben Preußen! Ich weiß wirklich nicht, wie ich mir in meiner schrecklichen Lage helfen soll. Ich werde noch aus Aerger katholisch und hänge mich auf."-— „Wir leben in einer traurigen Zeit, Schurken werden zu den Besten und die Besten müssen Schurken *) Hier wird man unwillkürlich an die moderne Prägung dieses Begriffs „Judennoth" erinnert.

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