Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021231--07570-3031905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 124 Dr. Vlortz s Wochrnschrtst. Rr. 7 Mithilfe der die Aufsicht führenden Personen die häuslichen Geschäfte, die Reinigung und Instandhaltung ihrer Wohnstätte und ihres Hausgartens selbst besorgen müssen. Hiedurch wird schon ein doppelter Zweck erreicht: Die Kinder sind nützlich beschäftigt und ersparen der Anstalt die Besoldung eines größeren Dienstpersonales. Eine Arbeitstheilung nach Geschlechtern tritt erst in der Besorgung der Bedürfnisse der ganzen Anstalt ein. Die Arbeiten in der Küche, die Wäsche, die landwirthschaftlichen und Werkstätten-Arbeiten machen eine Trennung der Geschlechter und selbst der einzelnen Familienverbände nöthig. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die fernere Erziehung der Heranwachsenden Mädchen; sie werden von ihrer Erzieherin intensiv mit weiblichen Handarbeiten, von der Hausmutter mit den Bedürfnissen eines bürgerlichen Hauswesens bekannt zu machen und mit der Besorgung der Küche und Wäsche zu beschäftigen sein. Es kann nicht in der Aufgabe des Asyles liegen, die Mädchen den sogenannten besseren Erwerbsständen, Buchhalterinnen, Gouvernanten rc., zuzuführen, sein Hauptziel muß es darin erblicken, tüchtige Gehilfinnen unserer Hausfrauen, also Köchinnen, Stubenmädchen, eventuell auch Kindergärtnerinnen heranzubilden. Es herrscht ein entschiedener Mangel an verläßlichen, anhänglichen Dieustmädchen und viele gutsituirte israelitische Familien wären bei den heutigen Verhältnissen gerne bereit, jüdische Mädchen aufzunehmen. Solche in der Hauswirthschaft tüchtige Zöglinge fänden also nicht nur sofort lohnende Unterkunft, sie würden auch in der Familie ihrer Dienstgeber einen festen Halt für ihre fernere Zukunft gewinnen. Die Besorgung und Zuweisung der Dienstplätze müßte der Anstaltsleitung oder einem eigenen Damen-Comite obliegen, die Statuten müssen den Mädchen den Aufenthalt in der Anstalt eventuell bis zum vollendeten 16. Lebensjahre gestatten und im Falle der Dienstlosigkeit vorübergehend Aufnahme gewähren. Was nun die Erziehung der Knaben zur Arbeit betrifft, sollen diese, wie schon ftüher angedeutet, in der schönen Zeit mit landwirthschaftlichen, im Winter und bei schlechtem Wetter mit Werkstättenarbeiten beschäftigt werden. Körperliche Arbeit, besonders im Freien ausgeführt, ist für die Gesundheit der Kinder äußerst zuträglich und bietet ein heilsames Gegengewicht gegen die einseitige Geistesthätigkeit der Schule. „Durch den Betrieb landwirthschaftlicher Beschäftigungen", sagt Schlipf, „wird der jugendliche Geist in die freie Natur geführt, seine Gesundheit gewinnt und wird befestigt; der kleine Arbeiter übt und stärkt im Schweiße des Angesichtes seine Körperkräfte; er verzehrt, von Schweißtropfen benetzt, mit Wohlgeschmack sein schwarzes Brod, gewöhnt sich an jeden Temperaturwechsel; er lernt praktische Handgriffe und übt sich in . der Vorschule in Geduld und Ertragung der Beschwerden der Zukunft." Die Anstalt muß zu diesem Zwecke mindestens einen so großen Grundbesitz haben, daß auf demselben der nöthige Bedarf an Gemüse selbst gezogen und gewonnen werden kann, auch Kühe werden eingestellt sein, um das Haus mit guter Milch und Butter zu versehen, außerdem wird aber jede Familie ihr Hausgärtchen haben, in welchem jedes Kind ein kleines Beet zur Bepflanzung nach eigenem Geschmack und Besorgung erhält. Im Winter und bei schlechtem Wetter werden die Knaben in der Schulwerkstätte damit beschäftigt sein, einfache Lehrmittel herzustellen, ihre Bücher und Hefte zu binden, kleine Schäden des Hauses und der Mobilien selbst zu repariren und ihr Spielzeug zu fertigen. Die Arbeiten in der Landwirthschast und in der Schulwerkstätte werden den Knaben als bleibenden Gewinn ihrer Thätigkeit Lust und Liebe zu jeder Arbeit einflößen und vielen die Wahl eines paffenden Berufes erleichtern. Der zukünftige Lehrjunge wird die harte Lehrzeit leichter bestehen, als sein in Arbeit unerfahrener Genoffe, er besitzt schon jetzt ein geschultes Auge, eine geübte Hand, Anstelligkeit und wahre Lernbegier. Auch wenn der Knabe nicht Handwerker werden sollte, wird er bei kleinen, leicht zu behebenden Schäden nicht sofort nach dem Handwerker rufen, sondern selbst zugreifen, sich dadurch vor Auslagen bewahren und in wirthschastlicher Beziehung unabhängiger sein. Welchem Stande auch immer der austretende . Knabe sich zuwenden möge, seine Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wird durch die Erziehung zur Arbeit durch Arbeit nur erhöht, seine sittliche Bildung nur veredelt. Mit der Erziehung zur Arbeit muß aber Hand in Hand ein tüchtiger Unterricht gehen, dieser kann nach dem bisher Gesagten nur ein Hausunterricht sein. Wohl bietet der Besuch der öffentlichen Schule für Austaltszöglinge viele nicht zu unterschätzende Bortheile, allein er absorbirt zu viel Zeit, für die Arbeit bliebe beinahe keine Stunde des Tages übrig, und deshalb fjum er schon, abgesehen von anderen Nachtheilen, für die Kinder unserer Waisen-Colonie nicht empfohlen werden. Selbst wenn die Anstaltsschule nur eine zweiclassige ist, kann in derselben viel, ja bei tüchtigen Lehrkräften ebensoviel wie in der achtclassigen öffentlichen Schule geleistet werden,' der Stundenplan wird dem Bedürfnisse des Hauses angepaßt werden können und ohne das Bildungs-Niveau herabzudrücken weit weniger Zeit beanspruchen. Dies wären im Großen die Grundzüge, nach welchen eine Anstalt für verlassene Kinder dem Zeitgeiste und beit bisherigen Erfahrungen entsprechend errichtet werden sollte. Der Verfasser hat den Wunsch, daß zahlreiche Spenden die Cultusgemeinde ini Jubiläumsjahre in den Stand setzen mögen, eine solche Waisencolonie auf landwirthschaftliche Basis zur Ehre des Wiener Judenthums und zum Wohle der verlassenen Jugend ins Leben zu rufen. Die Einwanderung der Inden nach Polen. *) Die erste Einwanderung der Juden in die polnischen und ruthenischen Ländergebiete fällt in die Dämmerzeit einer verläßlichen Geschichtsschreibung und schwanken daher die Angaben zwischen dem neunten und zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Auch die Gegend, aus der sie zuerst kamen, ist historisch nicht festgestellt. Nach den einen Quellen sollen die von den zum Christenthume bekehrten deutschen Heiden blutig verfolgten Juden sich im Jahre 898 n. Chr. nach Polen gewendet haben, wo sie beim Herzog Leßek eine freundliche Aufnahme fanden, indem er der an ihn entsandten, aus den Rabbinern Ascaloni, Baccari, Barceloni, Estremaduri und Sefardi bestandenen Deputation freie Ansiedlung, freie Religionsübung, eigene Gerichtsbarkeit, unbeschränkte Thätigkeit auf commerciellem und gewerblichem Gebiete und jeden Schutz gegen Acte der Willkür seitens der autochthoneu Bevölkerung zusicherte. Nach andere» Quellen sollen die ersten Juden nach Polen aus den byzantinischen Grenzprovinzen und aus dem Reiche der Charzaren — jenem mächtigen türkischen Volksstamme, der in den Ebenen des jetzigen südlichen Rußland seine Herrschaft ausbreitete und zum Theile den mosaischen Glauben angenomnien hatte — gekommen sein. In diesem Falle dürften es die Karaiten gewesen sein, welche mit den Charzaren zuerst nach Polen kamen, eine den Rabbiniten! entgegengesetzte Secte, welche den Talmud nicht anerkennt, streng bibelgläubig ist, in der Krimm noch heute zahlreich unter einem in Sufat-Kalai residirenden Oberhaupte lebt und in Halicz bei Stanislau eine eigene Gemeinde besitzt. Dieser Zweig, der sich im achten Jahrhundert vom Hauptstamm trennte, genoß immer besondere Vorrechte, welche in Rußland von der Czarin Katharina 11., in Oesterreich von der Kaiserin Maria Theresia bestätigt wurden, an denen auch später niemals gerüttelt wurde. Ucber diese ältere Schichte lagerte sich, spätestens im XI. Jahrhundert, eine zweite, an Dichtigkeit immer mehr zunehmende und immer weiter reichende Schichte der talmudgläubigen, rabbinitischen ' uden, die ihre Herkunft aus Deutschland durch ihre auch in den slavischen Ländern bewahrte, wenn auch corrumpirte Sprache documentiren. Der durch die Kreuzfahrer entfachte Fanatismus gegen die in Deutschland schon damals in traurigen Verhältnissen und fast in Leibeigenschaft lebenden Juden, - die wild aufgebäumten Leidenschaften der Menge, der Concurrenzkampf des deutschen Bürgerthums, auf welches der Wettbewerb derselben schwer drückte, verdrängten die Juden mit Feuer und Schwert aus der Adoptivheimat, wo selbst die Autorität der *) Es ist erinnerlich, daß Herr Leo Herzberg-Fränkel seitens der Redaction des kronprinzlichen Werkes „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild" eingeladen wurde, für den Band Galizien eine ethnographische Skizze der Juden in den slavischen Ländern zu verfassen. Diese in allen Theilen gelungene, kurze, prägnante Darstellung jüdischen Lebens hat Herr Herzberg-Fränkel durch eine historische Darstellung der ersten Einwanderung der Juden eingeleitet, welche jedoch nachträglich, a u f h ö h e r e Weisung, zweifellos deshalb, weil darin von der Geistlichkeit Erwähnung geschieht, elimi-, nirt wurde. Da dadurch dieser Theil des Beitrages frei wurde, sind - wir, Dank der Freundlichkeit des Verfassers, in der Lage, ihn unseren Lesern zu bieten. Die Redaction.