Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Date
- 1898-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Vr. Bloch* WochrMchrifl Seite 123 auch in den ärmlichsten Verhältnissen erfreuliche Erziehungsresultate erwachsen. Das Kind hilft seinen Pflegeeltern in der Erwerbung des täglichen Brodes, nimmt Antheil an deren Sorgen und empfängt hiefür die elterliche Liebe, die durch kein Surrogat ganz ersetzt werden kann. Aber das Auffinden solcher Familien, zumal in der Großstadt, ist keine so leichte Sache; sie zu finden, ist eine Gabe Gottes und große Vorsicht am Platze. Das Suchen nach solchen Familien muß die ganze Zeit fortgesetzt werden, die Armenverwaltung muß stets eine größere Zahl derselben in Bereitschaft haben und sie auch in Bezug auf ihre Erziehungstüchtigkeit genau kennen. Manche Familie, die sich zur Aufnahme eines Pflegekindes bereit erklärt, thut dies nur, um ihr Einkommen zu verbessern, selbstverständlich fehlt es diesen Leuten oft an der nöthigen Bildung, um zwischen allzugroßer Strenge und übelangebrachter Milde die richtige Mitte halten zu können. Verwaisten Kindern ist aber eine liebreiche, feste, sich immer gleich bleibende Zucht nöthig, sie, die oft aus ungeordneten Verhältnissen kommen, arten leicht in der geordneten Freiheit der Familie aus. Sie sind wie alle Kinder verschiedener Gemüthsart und finden nicht in der erstbesten Pflegefamilie den Boden für ihre gedeihliche Entwicklung. Mit der Unterbringung der Kinder ist man noch nicht der Sorge um ihre Zukunft enthoben. Wie schwierig aber ist eine Controle solcher Kinder! Wie wenig nützt ein noch so häufiger Besuch der Aufsichtsorgane und welche Zeit und Mühe kostet dies! Und wie schädlich wirkt ein Wechsel der Pflegefamilie auf das Kind. Nicht unerwähnt soll hier bleiben, daß der löbliche Cultusvorstand seine Fürsorge jüdischen Findelkindern dadurch zuwendet, daß er an Parteien, die ihre Pflegekinder bis zur Vollendung des dritten Jahres am Leben erhielten, Prämien ertheilt. Seit Einführung dieser Geldprämien fiel die Mortalität dieser Kinder von 80 auf 27 Percent. Christliche Pflegeparteien jüdischer im schulpflichtigen Alter stehender Kinder erhalten ebenfalls eine Prämie, wenn sie Nachweisen, daß diese Kinder den jüdischen Religionsunterricht erfolgreich besuchen. (Bericht der Cultusgemeinde 1896.) Man sieht, das Familienpflege-System ist ebenso gut und ebenso schlecht, als die Familien sind, welchen die Kinder anvertraut werden. Wenn auch die Cultusgemeinde schon der geringeren Kosten wegen einen großen Theil ihrer Armenkinder der Privatpflege überlassen wird, so ist doch die Unterbringung in eine Anstalt für viele Kinder, besonders aber ftir Knaben, von größerem Bortheil. Es wird deshalb, sei es durch die Cultusgemeinde selbst, oder sei es durch eine Stiftung edler Frauen und Männer, an die Gründung eines Asyls geschritten werden müssen, um jene Kinder aufzunehmen, deren Eltern oder Mutterin Wien gelebt haben, ohne daselbst die Zuständigkeit erlangt zu haben. Ja, die Statuten der neuen Anstaltwerden so angelegt sein müssen, daß auch jene Kinder, deren Eltern zwar leben, aber nicht im Staude sind, sie zu ernähren und zu erziehen, Aufnahme finden können. Bis zu einem Percentsatze könnten auch Zahlzöglinge ausgenommen werden. Der mäßige Pensionsbetrag dürfte nur zur Erhaltung der Anstalt verwendet werden. Selbstverständlich müssen alle Kinder gleich gehalten werden. Wie soll aber ein solches Asyl die Heimstätte armer verlassener Kinder sein, um segensreich wirken zu können; wo soll dasselbe errichtet werden und welches Erziehungsprincip soll ihm zu Grunde liegen? Bor Allem kein Prachtbau und keine Kaserne. Kein Haus, dessen äußere Schönheit viele Tausende von Gulden kostet und einen Fassungsraum für 100 oder gar für noch mehr Kinder besitzt. Kein Haus, welches sich weithin als ein Asyl für uneheliche Kinder an- Nndigt, sondern ein einfacher, höchstens stockhoher Bau, zugänglich allen verlassenen Kindern, errichtet in Gottes freier Natur, in frischer, gesunder Landluft, außerhalb des Stadtrayons. Um das Anstaltsleben dem Familienleben so nahe als möglich zu bringen, dürfte es sich empfehlen, ein größeres Grundstück zu erwerben und auf demselben einen einfachen Bau mit dem Fassungsraume für höchstens 30 Kinder zu errichten; eine später nothwendig werdende Vergrößerung der Stiftung könnte in der Weise stattfinden, daß ein zweites, ebenso einfaches Haus in entsprechender Entfernung auf demselben Territorium anfgeführt würde. Bei einer derartigen Anlage könnten in einem Hause Knaben, in einem anderen Mädchen untergebracht werden. Die Inwohner eines solchen Häuschens bilden mit dem die Aufsicht führenden Erzieher, respective Erzieherin eine Familie und sämmtliche Familien stehen unter der Leitung eines pädagogisch gebildeten Elternpaares. Die Bortheile eines solchen Systems sind einleuchtend. Durch das innige Zusammenleben der Erzieher mit ihrer kleinen Schaar wird die Basis eines idealen Familienlebens geschaffen. Der Erzieher, respective die Erzieherin lernen bei der geringen Zahl der ihnen anvertrauten Kinder dieselben bald kennen, sind dadurch im Stande, ihre Eigenhetten und Fehler zu beseitigen und einen gedeihlichen Einfluß auf ihre Erziehung auszuüben. Sie werden die häuslichen Arbeiten nicht nur beaufsichtigen, sondern den Kindern auch helfen und innigen Antheil an Freud und Leid jedes einzelnen Kindes nehmen; so werden die Knaben in dem Erzieher, falls er sein heiliges Amt nur recht erfaßt, ihren Vater verehren; die Mädchen in der Erzieherin ihre Mutter lieben. Allein auch in sanitärer Beziehung bietet die Anlage einer derartigen Waisencolonie große Bortheile. Jnfectiöse Erkrankungen können sich nicht so ausbreiten, eine Separirung erkrankter Kinder ist leichter durchführbar, die Reinigung, Lüftung und Instandhaltung des Familienhäuschens weit eher möglich als bei großen Waisenhäusern. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit sämmtlicher Familien wird durch das gemeinschaftliche Essen im Speisesaale, durch gemeinsam zu begehende Feste und Anstaltsfeiern, sowie besonders durch die täglichen Andachten im Betsaale gepflegt und gekräftigt. Erhalten wird dieses Gefühl durch eine tüchtige Anstattsleitung. So wie die Gattin des Directors den wirthschaftlichen Mittelpunkt der ganzen Colonie bildet, so muß der Anstaltsleiter in erster Linie Vater der ihm anvertrauten Kinder sein. Er muß nicht nur ein tüchtiger Pädagoge, sondern auch ein umsichtiger Hausvater, er muß bedürfnißlos und aufopferungsfähig sein. Im Verkehr mit der Jugend wird er, liebreich aber gerecht, consequent die Ausführung seiner gegebenen Anordnungen überwachen und auf deren Einhaltung bestehen. Er wird die täglichen Hausandachten, die Gedenkfeiern der Anstatt in einer Weise leiten, daß sie veredelnd auf das Gemüth der Kinder einwirken, ja er wird, falls sich die Zöglinge nicht am öffentlichen Gottesdienste betheiligen können, einen eigenen Gottesdienst an Sabbathen und den jüdischen Feiertagen einrichten. Zur Leitung der Anstalt gehört ein ganzer Mann und ein ganzer Mann ganz, ihm darf keine Mühe zu groß, keine Arbett zu gering sein. Das Erziehungsprincip, welches der Anstalt zu Grunde liegen soll, läßt sich in dem kurzen, aber inhaltsreichen Satz geben: „Erziehung durch Arbeit zur Arbeite Nicht weil die Kinder arm find, sollen sie arbeiten, sondern weil die Arbeit die Bedingung des Lebens ist. Wie übel find viele im späteren Alter daran, daß fie in der Jugend nicht arbeiten lernten und wie glücklich find jene, die fiühzeittg fleißig arbeiteten. „Waisenanstalten sollen, wie schon Dr. Kröger sagt, ihren Zöglingen nicht blos einen gesunden, kräfttgen Körper, sondern auch zur Arbeit geschickte und gewöhnte Hände verschaffen, theils _ weil sie größtentheils in die Handwerk- und gewerbetreibenden Stände übergehen und sich dadurch also auf ihre künftige Bestimmung vorbereiten, ihr Fortkommen fördern, mit stillem Wesen arbeiten und ihr eigenes Brot essen können; theils weil dadurch dem Müßiggang gewehrt wird, dem die Kinder, da doch nicht alle Stunden des Tages mit Unterricht ausgefüllt werden können und sollen, sonst leicht überlassen bleiben, und praktische Arbeiten, wenn fie rechter Art find, zugleich den Verstand, die Urtheilskraft, den Sinn für Kunst und Gewerbe wecken und üben, besser oft, als es der Unterricht vermag; weil ein längeres Anhalten zur Arbeit auch an Beharrlichkeit und Ausdauer gewöhnt, was freilich auch durch den Unterricht geschehen muß; und endlich, weil dadurch der Anstalt selbst ein Nutzen erwächst, der indeß nie maßgebend sein darf." Es ist einleuchtend, daß ein so großes Hauswesen schon von vornherein seinen Hausgenoffen zahlreiche Arbeit bietet. Sowie eine arme, kinderreiche Familie keinen Dienstboten halten kann, um die häuslichen Arbeiten verrichten zu lassen und diese von den Kindern besorgt werden müssen, so werden auch die Zöglinge jedes einzelnen Familienhäuschens unter Anleitung und