Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 106 Vr. Bloch'» Wochrnschrlfl Nr 6 Proben einer besonderen musikalischen Stimmungsmalerei . . Von dem Chor der Nilschiffer sagt P u ch st e i u, daß derselbe in der entzückendsten Weise das wolllüstige Treiben des schlafenden Harun schildert, ebenso wie die Arie Harun's ein duftiges musikalisches Gewebe voll süßen, melodischen Reizes ist. Und weiter unten heißt es: „In dem Duett Harun - Djamileh entzückt uns Bizet durch die zu Thränen rührende Schwermuth, die über diese Nummer aus gegossen ist, und durch die wundervolle, eine Meisterhand verrathende Tonmalerei... Also schreibt Herr P u ch st e i n. Wie anders hätte das Referat gelautet, wenn Puch stein gewußt hätte, daß Bizet ein Jude war; welch' öde und geschmacklose Witzeleien hätte er da über die orientalische Musik machen könnend Hoffentlich bekommt der Arme für den bösen Lapsus, der ihm da wider Willen passirte, von seinem schwerbauchigen Chef, dem großen Judenfeind aus Eigennutz, den verdienten Rüffler. Was aber wird Freund Gregorig, der Schlangenweg-Mensch, zu dieser Beurtheilung eines jüdischen Werkes sagen? Und gar Herr Schneider! O, armer P u ch st e i n, was hast Du da angerichtet! Aehnlich, wie Herrn Puch stein ist es auch Herrn Hagen, dem Referenten der „Ostdeutschen Rundschau" ergangen. Wenn sich der gute Mann wenigstens die Mühe genommen hätte, im Conversationslexikon nachzuschlagen! Dann hätte ihm auffallen müssen, daß Bizet mit einer Tochter H a l e v y's vermählt war! Herr Hagen äußert sich über „Djamileh" in folgender, geradezu enthusiastischer Weise: „George Bizet ist der französischen Kunst zu früh entrissen worden. Er ist ihr bedeutendstes musikdramatisches Talent, dessen größter Wurf „Carmen" noch in. unseren Tagen auf die jungitalienischen Operncomponisten nachhaltig gewirkt hat. Er allein hat sich zu einem eigenen Stil durch gerungen. Die Musik Bize t's folgt mit größter Feinheit der psychologischen Entwicklung. Ihr gebührt das beste Lob, nämlich durchaus originell und erfindungsreich zu sein." Herr Hagen hat sich da gründlich verrannt. Was würde er dazu sagen, wenn der Verein, an dessen Spitze er steht, einmal den Bizet'schen Nilschifferchor bei einer Liedertafel singen wollte? Das heißt, was wird er jetzt sagen, wo er zu seinem größten Entsetzen hören muß, daß Bizet nur ein Jude war? Vielleicht gibt er uns im Briefkasten der Redaction eine ehrliche Antwort, auf die wir recht neugierig sind. Den Lesern dieses Blattes sei bei dieser Gelegenheit mitgetheilt, daß sich hinter dem Pseudonym Hagen der hervorragendste Functionär jener Sängervereinigung verbirgt, die vor einiger Zeit dadurch unliebsames Aufsehen hervorrief, daß sie zuerst eine jugendliche und talentvolle Künstlerin um ihre Mitwirkung bei einer Liedertafel anging, dann aber die Einladung wieder rückgängig machte, weil die Künstlerin — eine Jüdin war. Auch ein Standpunkt für akademisch gebildete Leute. Wo Alles lobt, kann Herr Theodor Helm von der „Deutschen Zeitung" nicht Haffen. Auch er findet die Musik zu „Djamileh" in seinem kurzen Referat „fein und geistreich". Herr Helm hat übrigens unter seinen Gesinnungsgenossen die schwierigste Stellung. Er gehört dem Verbände der „Deutschen Zeitung" schon seit jener Zeit an, wo sie von ihren jetzigen Anhängern als „judenliberal" bezeichnet wurde, er hat als letzter Mohikaner den Muth seiner Ueberzeugung aus der einst liberalen in die jetzt christlich-social-deutsch-volkliche „Deutsche Zeitung" hinübergerettet. In Wien ist Herr Helm in erster Linie Teutone; in Pest, woselbst er ein großes deutschgeschriebenes Blatt mit bandwurmartigen Recensionen überschwemmt, muß er seine deutsch nationale Gesinnung vorsichtig maskiren. Nicht ohne Absicht haben wir uns mehr als sie verdient hätten, mit den Herren der antisemitischen Kritik beschäftigt. Wir wollten zeigen, wie engherzig, wie verlogen und gemein der Standpunkt ist, daß die Juden in der Kunst bisher nichts Hervorragendes geleistet haben, und haben dafür bei einem speciellen Anlaß die berufsmäßigen Verfechter dieser lächerlichen Theorie als classische Zeugen vorgeführt. Daß dieser Beweis gelungen ist, werden die Herren Puchstein und Consorten selbst zugeben müssen. Vielleicht regt sie das ein wenig zum Nachdenken an. Jedenfalls geben wir ihnen noch den collegialen Rath, in Hinkunst vorher in den Taufschein derjenigen Persönlichkeiten, die sie loben wollen, Einsicht zu nehmen. Alexander N e u m a n n. Zur Tage der Juden in Rumänien. Bukarest, im Februar 1898. Am Schluffe meines Berichtes vom vorigen Monate habe ich bereits bemerkt, daß Dr. S o n n e n f e l d im Aufträge der Baronin Clara von Hirsch nach Rumänien gekommen ist, um sich über unsere Gemeindeverhältnisse im Allgemeinen und unser Schulwesen im Besonderen zu informiren. Sie wissen es schon, daß wir uns auch in dieser Beziehung in einer ganz exceptionellen Lage befinden. Auf der einen Seite werden uns die vom Staat und von der Commune unterhaltenen Schulen verschlossen, auf der anderen hindert man die jüdischen Gemeinden, sich zu organisiren, um mit eigenen Mitteln die zum Wesen des Judenthums gehörigen Cultus-, Lehr- und Wohlthätigkeitsanstalten in's Leben zu rufen. Daß wir darum im größten Theile des Landes, besonders in der Moldau, wo die Armuth fast eben so groß ist, wie in Galizien und Russisch- Polen, über alle Maßen betrübende Gemeindezustände haben, liegt auf der Hand. Wer der Gemeinde nicht angehören will, kann zur Theilnahme an ihren Lasten und Pflichten nicht gezwungen werden, und wer sich freiwillig zu ihr zählt, trägt zu ihren Bedürfnissen nur so viel und dann bei, wie viel und wann es ihm beliebt. Wenn man die ökonomische Lage der Juden in Rumänien in Betracht zieht, so kann man ihnen im Allgemeinen trotzdem Opferwilligkeit für Gemeindezwecke nicht absprechen und auf diese Tbatsache wurde von berufener Seite die besondere Aufmerksamkeit Dr. S o n n e n f e l d's gelenkt. Es ist erfreulich, daß sich dieser Herr davon überzeugt und constatirt hat, die rumänischen Juden entziehen sich nicht in leichtsinniger Weise ihren Pflichten der Gemeinde gegenüber, und so fand er denn auch in allen von ihm besuchten Städten, wie Bukarest, Plojeschti, Braila, Galatz, Jassy, Botuschani und Dorohoiu, wenn auch nicht alle der jüdischen Gemeinde eigenthümlichen Anstalten, so doch manche, die, der Pflege der Wohlthätigkeit oder dem Unterricht bestimmt, segensreich wirken. Wenn diese Anstalten den Bedürfnissen in keiner Weise entsprechen, so darf man deshalb den rumänischen Juden keinen Vorwurf machen, man muß vielmehr ihren Eifer rühmend anerkennen, daß sie trotz unsäglicher Hindernisse noch so viel für das gemeinsame Wohl leisten und opfern. So hat die Bukarester Gemeinde, obschon sie sich in keiner Weise eines staatlichen Schutzes erfreut, ein jährliches Ausgaben-Budget von etwa 300.000 Francs, eine Summe, die ausschließlich durch freiwillige Beiträge aufgebracht wird. Unsere Gemeinden dürfen einer glücklichen Zukunft entgegensehen, wenn sich die Baronin v. Hirsch entschließen wird — und nach den Zusicherungen, die uns Dr. Sonnenfeld gab, ist daran nicht zu zweifeln — sie durch namhafte jährliche Subventionen zu unterstützell. In welcher Weise dies geschehen wird, läßt sich im Augenblicke noch nicht feststellen, da man vorläufig nur über einige allgemeine Bestimmungen übereingekommen ist. Es sollen zwei Regional-Comitäs, ‘ eines für die Moldau, das andere für die Walachei und Dobrudscha, eingesetzt werden. Aufgabe dieser Comitäs wird es sein, die Subvention zu bestimmen, welche den einzelnen Gemeinden behufs Erhaltung ihrer Schulen gewährt werden soll. Die endgiltige Entscheidung behält sich das Central-Comite, dessen Sitz in Paris sein soll, vor. Dieses weist den Regional-Comites in Bukarest und Jassy die bewilligten Summen jährlich an. Zur Regelung aller allgemeinen Angelegenheiten, welche das Schulwesen des ganzen Landes betreffen, soll aus den beiden Regional-Comitss ein Ausschuß, der sich bald in Jassy, bald in Bukarest versammeln wird, eingesetzt werden. Außer den Elementar- oder Volksschulen, die in allen Städten, wo es eine größere Anzahl von Juden gibt, unterstützt werden, sollen in Bukarest eine Lehrerbildungsanstalt und je eine Handwerkerschule in Bukarest und Jassy ins Leben gerufen werden. Für die Errichtung beider Anstalten hat die Bukarester Gemeinde bereits Vorkehrungen getroffen; für die erstere besitzt sie ein schönes, zweckentsprechendes Haus, das vor zwei Jahren gebaut wurde, für die letztere hat man erst in jüngster Zeit ein Grundstück in der Ausdehnung von etwa 16.000 Quadratmeter käuflich erworben. Beide Anstalten werden daher, wenn wir die uns in Aussicht gestellte Subvention erhalten, schon im