Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-02-11 · 6 (11.2.1898) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
6 (11.2.1898)
Date
1898-02-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021230--07549-3031883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Säte 104 Vr Bloch s Wochrnsürrtst Nr. 6 Wer die Berichte über den Verlauf des heurigen Balles der Stadt Wien aufmerksam verfolgte, dem war es keinen Augenblick zweifelhaft, daß ein Fiasco auf allen Linien zu verzeichnen war. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, daß der Monarch der Stadt Wien als solcher nicht entgelten ließ, welch' traurige Carricatur der Zufall der Urne an die Spitze der Verwaltung gestellt hat. Daran konnte der Umstand nichts ändern, daß die antisemitische Unterrock- Publicistik sich darin gefiel, die Toiletten der Frau Bezirksausschuß sachgemäß und liebevoll zu schildern und damit den Beweis zu erbringen, daß die Aera Lueger, wenn auch nicht den kleinen Mann, so doch die kleine Naschmarktftau gerettet hat. Die Präsenzliste des Balles der Stadt Wien darf natürlich Niemanden irre machen; das anerkennt auch das „Deutsche Volksblatt", indem es ein Jammergeheul darüber anstimmt, daß alle die officiellen Würdenträger in dem Augenblick des Abganges des Hofes, in fluchtartiger Eile die glänzenden Säle des Rathhauses verließen. Wen kann das Wunder nehmen? Das alte Wort des „Grüß mich nicht unter den Linden" findet seine Bestätigung. Auch die hochgebornen Herren, welche den Antisemitismus des dummen Kerl von Wien als den willkommenen Vorspann clericaler Bestrebungen ausnützen, stehen auf dem Standpunkt, daß sie die Luegerei und den Gregorigismus lieben, aber die Lueger und Gregorig verachten. Uebrigens hat es mit Gesinnungen und Anschauungen wenig zu thun, daß das Gebot der einfachsten gesellschaftlichen Reinlichkeit den Verkehr mit jenen Elementen, welche im Wiener Rathhaussaal gegenwärtig tonangebend sind, vermeidet, und nicht mit Rücksicht auf die Juden hat das Organ des Herrn Vergani Recht, wenn es klipp und klar ausspricht, daß manchen Leuten der antisemitische Ball der Stadt Wien mit dem Odium des Plebejerthums, der gesellschaftlichen Unterwerthigkeit behaftet zu sein scheint. Was aber die Wiener Schauspieler betrifft, so sind sie vielleicht dem Ball fern geblieben — das sei zum Trost des Herrn Vergani gesagt — aus Angst vor einer Concurrenz, der sie nicht gewachsen sind, aus Angst vor den — Wiener Rathhaus-Comödianten. Die volkswirthschaftlichen Resultate der antisemitischen Politik m Oesterreich. Wien, 4. Februar. Der in der Generalversammlung des Creditorenvereines am 2. d. M. erstattete Jahresbericht entwirft ein trauriges Bild von den mißlichen, Handel und Gewerbe lahm legenden wirthschaftlichen und politischen Verhältnissen in Oesterreich im abgelaufenen Jahre und zu Beginn der neuen Jahresperiode. Die Insolvenzen mehrten sich auffällig, Schritt haltend mit den wirthschaftlichen und politischen Sorgen. Dabei wurde der Boden für die Zahlungseinstellungen durch ungewöhnliche Ereigniffe noch besonders vorbereitet; mit alleiniger Ausnahme einzelner, mit der Berufsthätigkeit in Verbindung stehender Industrien leiden die Kreise des Handels und der Fabrikation fast alle unter der Abnahme des Consums. Insbesondere die Textili n d u st r i e sieht sich durch die andauernde Ueberproduction zu einem Kampfe der Producenten unter sich gezwungen. Der Unternehmungsgeist ist gelähmt, das Capital in Furcht versetzt. Während andere Staaten die Gebiete ihres Außenhandels mit Austvand aller Kräfte zu erweitern bestrebt sind, werden wir im traurigen Gegensätze fast überall und insbesondere auf dem seit altersher uns zugewiesenen und von uns behaupteten Verkehr mit der Levante, den Balkanstaaten rc. zum großen Theile durch fremde Industrie und Handelskräfte ersetzt. Mag uns dabei der Vorwurf eigenen Verschuldens auch nicht erspart bleiben, so finden wir den Hauptgrund dieses Verfalles doch in der inneren Politik und dem socialen und nationalen Zwiste. Die unglückseligen Verhältnisse bedrohen unsere Handelsthätigkeit selbst innerhalb der Grenzen unserer Monarchie, welche, wenn sich die Tendenzen einiger Parteien Geltung verschaffen, durch die Errichtung der Zolllinie zwischen den beiden Reich s- Hälften eine verhängnißvolle Einschränkung erhalten könnte. Dazu kommt die noch immer nicht durchgeführte Regulirung der Valuta, die ungünstige Handelsbilanz, die seit Jahren versäumte Obsorge der Trausportverhältniffe, welche die wichtigsten Bedürfnisse des Verkehres, zum Beispiel den Donau-Odercanal, die Tauernbahn, fast gar nicht in ernste Verhandlung zieht; durchwegs traurige Motive unserer trotz der langjährigen Friedenssegnung stagnirenden, ja retrograden Volkswohlfahrt. Als Beleg für diese durch die faktische Lage gerechtfertigten Klagen wird die Thatsache angeführt, daß die im abgelaufenen Jahre den Verein betreffenden 911 Insolvenzen einen Betrag von mehr als 5'/2 Millionen Gulden umfaßten. Arische Nächstenliebe. Pilsen, 7. Februar. Das hiesige socialdemokratische Blatt »Posei lidu« bringt folgendes reizende Geschichtchen, welches ich aus dem Böhmischen wörtlich übersetze: „Der Pilsener Kirchendiener S e i d l e r sollte einer armen Witwe, der Mutter mehrerer Kinder, für eines der letzteren, welches gestorben war, den Todtenschein ausfolgen. Als edler Menschenfreund (im Original heißt es: „als echter Christ") versprach er die Erfüllung dieser Pflicht, sofern ihm 30 kr. ausbezahlt werden. Das Weib, welches nicht einmal auf Brod für ihre Kinder hatte, konnte diese 30 kr. nicht erlegen, und war der fürchterlichen Verlegenheit ausgesetzt, was sie beginnen solle, falls ihr das Kind nicht beerdigt werde. Sie jammerte verzweiflungsvoll, doch das steinerne Herz des Millionärs war nicht zu erweichen. Da traf es sich, daß das Weib am Ringplatze dem Juden B. begegnete, und als dieser erfuhr, um was es sich handle, gab er dem Weibe den erforderlichen Betrag, damit ihn der Nimmersatt vor die Füße geworfen bekomme, und S e i d l e r raffte richtig dieses „jüdische" Geld zusammen." Dieser nette Kirchendiener, der nebenbei gesagt, ein solch' schönes Einkommen besitzt, daß er sich schon niehrere Häuser anschaffen konnte, macht in seinen freien Stunden stark in Antisemitismus, welchen er auch dadurch bethätigt, daß er grundsätzlich an Juden keine Wohnung vermiethet, und man muß sich nur darüber wundern, daß die hiesige katholische Geistlichkeit, welche sich ln puncto Toleranz und humaner Weltanschauung von den diversen Scheichers und Schnabels auf's Rühmlichste unterscheidet, diesem Herrn die elementarsten Begriffe von der christlichen Nächstenliebe bisher nicht beizubringen vermochte. Zur Schächthetze im niederösterreichischen Landtag. In der Apostelgeschichte Capitel 15 wird von einer Versammlung der Apostel und Presbytern berichtet, welche darüber zu berathen hatten, ob den bekehrten Heiden die Beschneidung und die Beobachtung des mosaischen Gesetzes zur Pflicht gemacht werden soll. Es wurde auf Antrag des Apostel Jakobus beschlossen, den Bekehrten unter den Heiden keine allzu schwere Pflicht aufzuerlegen, sondern ihnen zu schreiben, daß sie sich von Götzenopfern, Unzucht, Erwürgtem und Blut enthalten sollen. Dieser Beschluß wurde den Gemeinden bekannt gegeben. Vergleiche auch Capitel 21, 25, wo dasselbe berichtet wird. Es ist demnach klar, daß das Fleisch von einem nicht geschlachteten, sondern erwürgten Thiere, sowie Blut überhaupt von jedem frommen Christen ebenso gemieden und verabscheut werden muß wie — Unzucht! Anstatt also den Juden das Schlachten verbieten zu wollen, sollte ein jeder fromme Christ darauf bedacht sein, das Schlachten auch für die christliche Küche einzuführen. Waidhofen a. d. Thaya. Rabbiner Dr. K a h a n. * * * In dem in der „Boffischen Zeitung" veröffentlichten, auch in Ihrer geschätzten Wochenschrift Nr. 4 abgedruckten Aufsatze über Maimonides citirt Herr Dr. Paul Apellius mehrere Diätvorschriften aus dem Werke „Jad chasakah" und ruft dann bewundernd aus: „Man sieht, moderne Diätvorschriften haben manchmal ein ehrwürdiges Alter! Zum Preise der Wahrheit sei nun bemerkt, daß die meisten in den socialhygienischen Partien des „Jad chasakah" enthaltenen Vorschriften dem Talmud entnommen sind und fast um ein Jahrtausend älter sind, als das Werk „Jad chasakah"; So hat das von Herrn Dr. Apellius angeführte Verbot, eine Gemeinde zu bewohnen, in welcher nicht vorhanden sind: 1. ein Arzt, 2. ein Chirurg u. f. w. schon znr Zeit Rabbi Akiba's bestanden. (Vgl. Sanhedrin 176 unten.) Bemerkenswerth ist nur, daß bei Maimonides der Arzt die erste, und die Gerichtsbehörde die letzte Stelle der für die Nieder-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.