Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 6 (11.2.1898)
- Date
- 1898-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 102 Vr. Vloch'» VochrnptzrM Nr. 6 Ich selbst bin Sohn jüdischer Ettern. Wir lassen selbstverständlich, wie es die Gelegenheit erfordert, sowohl den christlichen, wie den jüdischen Mädchen unseren Schutz zutheil werden, d. h. in Wirklichkeit kümmern wir uns weder um die Religion der Beleidigten noch der Beleidiger." Auf Grund dieses unanfechtbaren Zeugnisses ging nun die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" daran, der Verleumdung an jener Stätte entgegenzutreten, an welcher sie erhoben wurde — im niederösterreichischen Landtage. In der Sitzung dieser Körperschaft vom 3. d. M. überreichte der Abgeordnete Kick folgende Petition: „Hoher niederösterreichischer Landtag! In der Sitzung des hohen niederösterreichischen Landtages vom 12. Jänner 1898 hat der Abgeordnete Gregorig anläßlich der Berathung über das Subventionsgesuch des Schnlvereines für Beamtentöchter nach dem vorliegenden stenographischen Protokolle, Seite 158, folgende Aeußerungen gethan: Es ist eine Gefahr für unsere Christenmädcheu, in die Judenhäuser zu gehen, weil die Moral dort leidet! (Rufe rechts: Sehr richtig!) Es ist eine Gewissenlosigkeit von den Leuten, ihre Kinder in Judenhäuser zu geben. Ich habe gehört, daß sich in Berlin ein Verein zum Schutze dieser armen Wesen constituirt hat. Ich würde es lebhaft und mit Freude begrüßen, wenn ein ähnlicher Verein auch in Wien existiren würde, von welchem solche arme Wesen, die, um ihr Lrot zu suchen, in solche Häuser eintreten, beschützt würden, damit sie nicht der Schande verfallen." — Dem gegenüber erlauben wir uns, an den hohen niederösterreichischen Landtag das ergebene Ersuchen zu stellen, davon geneigtest Kenntniß zu nehmen, daß der Berliner Hilfsverein für weibliche Angestellte wohl eure Actiou zum Schutze weiblicher Arbeitsnehmer gegen solche Uebergriffe von Chefs und Betriebsleitern eingeleitet hat, daß aber diese Action, wie uns der Anreger derselben, Herr Rechtsanwalt Dr. Bieber, Berlin, Kaiser Wilhelmsstraße Nr. 39, mittelst Schreibens vom 26. Jänner 1898 mitgetheilt, weit davon entfernt ist, gegen Angehörige einer bestimmten Confession gerichtet z u s e i n. Es besteht in Berlin auch kein anderer Verein, welcher eine ähnliche Action gegen Chefs jüdischer Confession eingeleilet hätte. Ebenso haltlos sind die übrigen, ganz allgemein gehaltenen Behauptungen des Abgeordneten G r e g o r i g über die bedenkliche Lage weiblicher Angestellter in jüdischen Geschäftshäusern. Der ergebenst'gefertigte Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" nimmt hiemit Anlaß, namens der jüdischen Bevölkerung Wiens den oben citirten, in öffentlicher Landtagssitzung ausgesprochenen v e r l e u m d e r i s ch e n A n w u r f, welchem jede thatsächliche Begründung mangelt, mit Entrüstung zurückzuweisen und seinem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß diese, dieEhreder jüdischen Kaufleute tief verletzende Beschuldigung durch den Vorsitzeuden des hohenLandtagesnicht sofort dieentsprechendeRüge erfahren hat. Der gefertigte Vorstand des Vereines „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" erlaubt sich an den hohen niederösterreichischen Landtag die Bitte, den Inhalt dieser Petition zur geneigten Kenntniß nehmen zu wollen Für den Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" : Sigmund M a y e r, Vicepräsident. Ignaz Zucker, t k. Commercialrath. Und nun zeigt sich die Lumperei der Herren Christlich- Socialen in ihrem vollen Lichte. Als der Schriftführer lediglich den wesentlichen Inhalt der Petition mitgetheilt hatte, beantragte der Abgeordnete Kick die vollinhaltliche Verlesung des Schriftstückes. Die christlich-sociale Majorität aber stimmte diesen Antrag, für welchen sich die Liberalen, der Großgrundbesitz und sogar die Schönerianer erhoben, unter Hohngelächter nieder. Die Verleumdung der Juden wurde ungerügt z u g elassen, die Feststellung des wahren Sachverhaltes aber wollte man verhindern. Und der Herr Landmarschall hat das Schmachvolle und Entwürdigende dieses Vorganges nicht gefühlt, denn er hätte sonst die Verlesung ex praesidio verfügen können. Ein schlichter Landmann, der dentschnational-antisenntische Abgeordnete Hofer hat den Cavalier an Vornehmheit der Gesinnung überboten. Als man ihm höhnend zurief, daß er „mit den Juden stimme", entgegnete der Abgeordnete Hofer: „Gleiches Recht für Alle!" Der Vorsitzende des Landtages, Herr Baron G u d e n u s, hat diesen Grundsatz verleugnet, er hatte kein Gefühl dafür, daß die den jüdischen Kauflenten zugefügte Ehrenkränkung eine öffentliche Sühne erfordere. „Ein unterschlagener Brief." Mit der diffamirenden, verleumderischen Ueberschrift: „Ein unterschlagener Brief" — im marktschreierischen Styl sensationslüsterner Colportage-Romane — erhebt das Organ des Dr. Th. H e r z l, Nummer 5, gegen „den Herausgeber der Oesterreichischen Wochenschrift" die öffentliche Anklage einer „Briefunterschlagung". „Ein unterschlagener Brief!" Es ist nicht anzunehmen, daß dem routinirten und überfeinen Stylkünstler das Verständniß mangelt für die Tragweite einer derartigen öffentlichen Anschuldigung, erhoben gegen einen Mann, der durch nahezu anderthalb Jahrzehnte im österreichischen Parlament für das Judeuthnm — unter den schwierigsten Verhältnissen, aber jederzeit ehrenvoll — das Wort geführt hat. Auf derlei sich selber qualificirende, impertinente „Scherze" zu erwidern, erachten wir als unter unserer Würde; wir beschränken uns darauf, Herrn Dr. Th. H e r z l in aller Ruhe zu erklären, daß jene seine Beschuldigung nichts als eine niedrige bodenlose Lüge bildet, das verunglückte Product einer überreizten „dichterischen" Phantasie und überliefern diese Musterleistung einer schulgerechten Preßbüberei der öffentlichen Verachtung. „Ein unters ch l a g en er Br ief!" Die ehrenwerthen Brutusse mit ihren, dem neuesten Demagogenthum abgeguckten „kraftvollen" Allüren, stets bereit, Jedermann die bürgerliche Achtung abzustreiten, die Ehre, wie man zu sagen pflegt, abzuschneiden, haben noch jederzeit nach der Polizei gerufen, wenn ihnen von irgend einer Seite mit der gebührenden Antwort aufgewartet wurde. Herr Dr. Th. H e r z l hat bereits angedeutet, daß er diesen Weg zu finden wisse. Möge er nun auch die Gelegenheit nicht verabsäumen, die gegen uns erhobene Beschuldigung einer „Briefunterschlagung" gerichtlich zu beweisen. Ob zu den Geboten der Ehre, deren genaue Kenntniß Dr. Th. Herz! für sich allein reclamirt, auch die gehässige Verfolgung unbequemer Concurrenz durch erdichtete Beschuldigungen und grundlose, wahrheitswidrige Anklagen gehört, dürfte dann einer ausreichenden Discuffion unterzogen werden. Die Redaction. Erklärung. In der „Welt" vom 4. Februar d. I. haben Dr. Herzl und Dr. Nordau eine Reihe der unglaublichsten Beschimpfungen gegen mich vorgebracht und sich allerlei Entstellungen des Sachverhaltes zu Schulden kommen lassen. Alle anständigen Leute,' gleichviel ob sie mich und mein Wirken kennen oder nicht, werden mit mir übereinstinnnen, wenn ich es unter meiner Würde finde, auf solche Anwürfe p u b l i c i st i s ch zu reagiren. Wenngleich das Benehmen der beiden Genannten, sowie das der „Welt" sich von selbst richten, so werde ich dennoch, nachdem die Redaction des erwähnten Blattes die Intervention der Gerichte . anzurufeu erklärt hat, auch meinerseits die competenten Gerichte um Schutz meiner Ehre angehen. Damit hat die gesammte „zionistische" Bewegung für mich aufgehört zu existiren, und ich zweifle nicht, daß von der gleichen Anschauung bald genug auch die gesammte intelligente und .— >" "i W ao»