Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 5 Vr Vloch's WochrnfchrM Leite 99 näheren Bekanntschaft mit Blanca bis zu ihrem Tode, zu entrollen. „Wenige Wochen nachdem ich meine akademische Lehrthätigkeit in B. begonnen hatte, machte mir mein väterlicher Freund der Commercienrath den Vorschlag, da ihm eine Badereise nach Teplitz verordnet sei, und er die Absicht habe, nach beendeter Cur in Begleitung seiner Tochter Prag zu besuchen, dort mit ihm zusammen zu treffen. Schon lange von dein Wunsche beseelt, ihn einmal wiederzusehen, ging ich mit freudiger Bereitwilligkeit ans seinen Vorschlag ein, und für Ende Juli wurde das Rendezvous in Prag festgesetzt. Der Commercienrath begrüßte mich mit unverminderter rührender Wärme und Herzlichkeit, ja, mir schien, als sei er stolz auf mich, und Blanca, die nur als kleines Mädchen noch in meiner Erinnerung lebte, „mit züchtigen, verschämten Wangen, sah ich als Jungfrau vor mir steh'n;" sie trat mir unbefangen wie einem alten guten Freunde entgegen und ich fand, daß sie zu einem sehr schönen Mädchen herangeblüht war. Jene Photographie, die ich Dir nach unserer Verlobung sandte, war nur ein schwacher Abglanz des Originals. Die hohe schlanke und doch volle ebenmäßige Gestalt des kaum achtzehnjährigen Mädchens, das elastische Profil mit den feinen reinen Zügen von reichem, aschblondem Haar umgeben, welches in einer schweren Flechtenkrone, fast zu schwer für den feinen Kopf, aufgesteckt war, zu welchem die großen dunkeln Augen von ungewöhnlich langen Wimpern beschattet, eigenthümlich, wirkungsvoll contrastirten, bildeten verbunden mit einem Teint von wahrhaft blendendem Weiß, von welchem das leichte Jncarnat der Wangen und Lippen, Rosen gleich hingchancht, sich abhob, ein Meisterwerk der Schöpfung, eine feine gewählte, jedoch nicht reiche Toilette unterstützte, ja vermehrte noch den fesselnden Eindruck, welchen das junge, bezaubernde Mädchenbild machte. Als ich am Abende nach den ersten gemeinsam verlebten Stunden von dem Commercienrathe uub feiner reizenden Tochter schied, sagte ich mir, daß mir in dieser Gesellschaft eine Reihe schöner Tage winkten. Blanca, frühe ihrer Mutter beraubt, war nach dem Tode derselben von ihrem Vater als fein einziges Kind mit verdoppelter Liebe umfaßt worden. Eine ältere, verwitwete Verwandte, welche er als Repräsentantin und Dame d’honeur in sein Haus genommen hatte, wußte sich in seiner Gunst festzusetzen, da sie ihm, der ohnehin sein schönes Kind anbetete, Blancas Vorzüge mit lautem Wortschwalle unermüdlich pries. Das Kind zeigte schon in zarter Jugend glänzende Fähigkeiten, lernte spielend und der Commercienrath wendete alle die reichen, ihm zu Gebote stehenden Mittel auf, um den Geist seines einzigen, so außergewöhnlich veranlagten Kindes auf das Beste ausbilden zu lassen. Einer französischen Bonne war eitre englische Erzieherin gefolgt und die bewährtesten Lehrkräfte der Lrtadt wurden zum Unterrichte in Wissenschaften und Künsten für das Heranwachsende junge Mädchen genommen. Kaum zur Jungfrau entfaltet, wurde Blanca vermöge ihrer Schönheit, ihrer Geistesgaben und des Reichchums ihres Vaters die leuchtende Sonne der Gesellschaften der haute rinance ihrer Vaterstadt und überstrahlte alle ihre Freundinnen, welche ihr neidlos den Preis der Schönheit und geistigen Ueberlegenheit zuertheilten und sich ihr willig unterordneten. Ich war geblendet von ihrer Schönheit, von der bestrickenden Liebenswürdigkeit ihres Wesens, welche sie besonders in ihrer Unterhaltung entfaltete; ich staunte über ihr vielseitiges Wissen, über ihre Belesenheit, über ihr phänomenales Gedächtnis; welches Gebiet ich auch berührte, überallhin vermochte sie mir zu folgen. Zuweilen verfocht sie eifrig ihre Meinung, oft aber machte sie dieselbe nicht geltend, und erkannte die meine als höchste Instanz an; die Sicherheit ihres Benehmens, die Vornehmheit ihres Auftretens, der Adel ihrer Bewegungen, kurz die ganze Art und Weise des Mädchens gefiel, ja imponirte mir ungemein. In dem durch seine herrliche Lage uud seine historischen Erinnerungen so berühmten Prag wurde ich der Cicerone und Führer des Commercienrathes und seiner schönen Tochter, deren distinguirte Erscheinung, wo wir uns auch zeigten, Aufsehen erregte. Wir besuchten den Hradschin, sahen das denkwürdige Fenster des Ursprunges des dreißigjährigen Krieges, zahlreiche Kirchen und Capellen, an denen die alte Residenz Libufsas so reich; Blanca lauschte dort meinen Erzählungen und Erklärungen gleich Orakelsprüchen und auf dem alten Judenfriedhof thellte sie die mächtige Bewegung, die nrich ergriffen hatte. Du kannst Dir wohl denken, daß mich, den Historiker und Forscher, dieser alte Friedhof besonders fesselte; ich, der Jude, hatte Thränen des Schmerzes nicht unterdrücken können, als ich die vom Zahne der Zeit geborstenen, verwitterten, von wildem Gesträuche bewachsenen und überwucherten Denkmäler, welche von Jahrhunderten des Druckes, des Elendes und der grausamftell Verfolgungen meiner Glaubensgenossen zu erzählen schienen, betrachtete. Hingegen hob sich mein Herz in stolzer Freude, als mir in der Altneusynagoge die Fahne, welche Kaiser Ferdinand nach dem Westphülifchen Frieden der Prager Judenschast zum Lohne für ihre Tapferkeit und Treue während des Krieges geschenkt hatte, gezeigt wurde. Ein Jude, Bafsewi, dessen edle Gattin in den Drangsalen des schrecklichsten aller Kriege, der gute Engel aller Armen und Nothleidenden geworden war, wurde auch damals als Herr von Treuenberg in den Adelstand erhoben. „Endlich doch ein Zeichen der Anerkennung in der Zeit der Schmach und Knechtschaft meiner Glaubensbrüder!" rief ich begeistert ans. Während ich in Blanca nur die Tochter meines väterlichen Freundes, welchem ich zu großem Danke verpflichtet war, sah, das schöne, geistreiche Mädchen in ihr bewunderte, sie natürlich mit deni feinen Tacke behandelte, den Höflichkeit und gute Sitte dem Manne von Bildung gegen jede Dame zu beobachten gebieten, und zwanglos gern mit ihr verkehrte, glaubte ich nach kurzer Zeit wahrzuuehmen, daß der Commercienrath meine wachsende Vertraulichkeit mit dem schönen Mädchen nicht nur mit Wohlgefallen betrachtete, sondern dieselbe geflissentlich zu unterstützen schien. Ich hatte mich nicht getäuscht. Wir waren eines Abends aus dem Theater gekommen; die damals auf dem Gipfel ihrer Kunst und ihres Ruhmes stehende Lucca war die reizendste Frau Fluth gewesen; Blanca hatte sich, Müdigkeit vorschützend, zurückgezogen, der Commercienrath und ich waren noch ans der Terrasse des Hotels bei einer Cigarre plaudernd geblieben. Es war eine wundervolle Spätsommernacht. Von unserem Platze genossen wir eine weite Fernsicht über die Moldaubrücke, deren steinerne Heilige, vom silbernen Mondlichte magisch umflossen, geisterhaft erschienen. Wir waren im Laufe des Gespräches aus unsere persönlichen Angelegenheiten gekommen; mein väterlicher Freund billigte vollkommen meinen Zukunstsplau, die akademische Thätigkeit auszuüben, bis ich, sei es wann es wolle, eine mir vollständig passende Rabbinerstelle finden würde; plötzlich fragte er ziemlich unvermittelt und etwas hastig: „Eduard, hast Du denn noch gar keine Heiratsgedanken?" „Offen gesagt, ganz und gar nicht, ich will vorerst noch meine Freiheit wahren", gab ich ruhig mit spöttischem Lächeln zurück. Der Commercienrath athmete schwer aus, eine kleine Pause entstand, endlich sagte er: „Eduard, ich habe in diesen schönen Tagen des Zusammenseins frohen Herzens beobachtet, daß Blanca Dir gefällt, Du Dich ihr gerne widmest; Blanca, die Dich ja nur aus Deinen Briefen kannte, hat mir auf meine Frage, wie Du ihr im persönlichen Verkehr gefällst, gestanden, daß ihr noch nie ein junger Mann begegnet ist, welcher mit so hoher geistiger Begabung ein so tiefes Gemüth, gepaart mit ernster Würde uud wahrer Männlichkeit vereinte, wce Du; daß Du aus sie einen unvergeßlichen Eindruck gemacht Haft! Du weißt, mein lieber junger Freund, was Du mir bist! Wie ich Dich kenne, weiß ich aber auch, Du würdest Dich niemals um die Tochter eines Millionärs bewerben, aus Furcht, man könne Deine Werbung nicht ihr selbst, sondern ihren Reichthümern zuschreiben und sie mißdeuten. Es ist der heißeste Wunsch meines Herzens, einst, wenn ich nicht mehr bin, mein einziges Kleinod, meine Blanca, in Deiner Hut, an Deiner Seite geborgen zu wissen; wahrlich, Niemand wäre mir dieses Vertrauens würdiger als Du, den ich wie einen Sohn liebe, und darum werbe ich sreimüthig und ohne Umschweife für meine Tochter um Dich!" Tiefbewegt, doch nur männlichem Ernste hatte der Commercienrath gebrochen. Schon bei Beginn seiner Rede ahnend, was da kommen würde, fühlte ich mein Herz schneller klopfen; ich sah ihn unverioandt an, meine Züge zeigten ihm wohl deutlich genug meine Gedanken und Empfindungen. Es hatte mir vollständig ferne gelegen, dem Verkehr mit dem schönen, geistreichen Mädchen ernstere Absichten beizumischen! Gewiß, Andere an meiner Stelle würden diese günstige Gelegenheit, eine so reiche Erbin, die noch dazu so schön und begabt war, zu freien, nicht ungenutzt vorübergehen lassen, dieselbe schnell