Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 98 Dr. BLortz's Wochrnschrtst. Nr. 5 Rabbiner Rev. B e n d a ist. Es wird nicht leicht einen zweiten Fall geben, in dem ein so hoher Berather ein Protectorat über einen jüdischen Verein und noch dazu genieinsam mit dem Rabbiner führt. Der Verein zählt circa 200 Mitglieder und verausgabte circa 1100 Mark im letzten Jahre für Wohlthätigkeitszwecke. _ Feuilleton. Spätes Glück. Erzählung von Regina Reißer. (Fortsetzung.) Die Freunde hatten sich mehrere Jahre nicht gesehen, und Professor Heller fühlte tiefes Bedauern, den Freund so frühzeitig gealtert zu finden. Auf Dr. Seefeld's edlem Antlitze war für den geübten Blick des Freundes und Menschenkenners die Geschichte seiner unglücklichen Ehe unschwer ohne Worte zu lesen; während der fremde oberflächliche Beobachter nur geistige Abspannung m Folge anstrengender Studien darin ausgeprägt sah. Dr. Seefeld in der zweiten Hälfte der Dreißig war noch immer ein schöner Mann, hochgewachsen, das interessante scharf geschnittene Gesicht von dunkelm Vollbart umrahmt; doch das Haupthaar war namentlich an beit Schläfen schon stark von Silberfäden durchzogen und die hohe gedankenreiche Stirn zeigte nicht nur Denkerfalten, das waren Furchen, welche des Lebens herbe Erfahrungen und Enttäuschungen gezeichnet, unauslöschlich eingegraben hatten. Auch um Mund und Augen lagen leise feine Schuierzenslinien, die von Kämpfen zu erzählen schienen und die ernsten ausdrucksvollen Augen leuchteten auch nicht mehr wie einst; nur bei Verkündigung des Gotteswortes strahlten sie noch im Glanze früherer Tage. Dem weihevollen herrlichen Gesänge der Hallel-Psalmen war die Vorlesung aus der heiligen Thora gefolgt, nach derselben bestieg Dr. Seefeld die Kanzel. Mit dem ganzen Wohllaute seines biegsamen, prachtvollen, modulationsreichen Organes, welches stets einen eigenartigen Zauber auf seine andachtsvoll lauschenden Zuhörer ausübte, sprach er in schwungvollen und erhebenden Worten, anläßlich der Confirmation mehrererMnaben über „Ehre Vater und Mutter", pries die Liebe der Eltern zu ihren Kindern als die treueste, edelste, selbstloseste auf Erden, und ermahnte die Kinder stets dessen eingedenk zu sein, selbst über das Grab hinaus! Seine Predigt und die sich derselben unmittelbar anschließende Todtenfeier hinterließ einen mächtigen, nachhaltig wirkenden Eindruck bei allen Anwesenden; kein Auge blieb trocken und viele bewundernde Blicke folgten ihm, als er die Kanzel verließ. Als das schöne Gebet, daß der Winter zum Leben und zum Segen herankommen möge, vorüber war und der Sängerchor den Schlußgesang intonirte, trat der Professor, tief ergriffen von dem feierlichen Festgottesdienste, an das Hauptportal, um dem Freunde möglichst bald ins Auge zu fallen. Umringt, aufgehalten durch würdige, ehrfurchtgebietende Männer, welche ihm durch Händedruck und herzliche warme Worte ihren Dank für seine herrliche Predigt aussprachen, näherte sich Dr. Seefeld endlich der Thür und gewahrte sofort den Freund. Er verabschiedete sich rasch mii kurzer Verbeugung von den ihn begleitenden Herren, begrüßte den Professor freudig mit kräftigem Händedrucke und legte an seiner Seite schnellen Schrittes den kurzen Weg zu seiner Wohnung zurück. Dr. Seefeld's Hauswesen stand seit dem Tode seiner Frau eine ältliche Cousine seiner Mutter vor, die ihren verehrten Herrn auf die liebevollste Weise, ja mit fast mütterlicher Zärtlichkeit umsorgte. Die glänzende Einrichtung seines Hauses in B. war nach dem Tode seiner Frau, seinem ernsten Sinne, entsprechend, bedeutend vereinfacht worden, nur sein Studierzimmer trug noch die unveränderte Physiognomie, wie zu Lebzeiten seiner Frau und die Bilder und Büsten der großen Philosophen, Historiker, Denker und Dichter aller Zeiten und Nationen, die den hohen, schönen Raum verschwenderisch schmückten, ernst von den mit dunkler Ledertapete bekleideten Wänden herabblickten, waren jetzt stumme Zeugen der Erfolge, welche der junge Gelehrte im Dienste der Wissenschaften errang, wie sie einst stumme Zeugen der tiefen schmerzlichen Seufzer waren, die sich oft dem gepreßten Herzen des in seiner Ehe so wenig befriedigten jungen Mannes entwanden. In diesem seinem Lieblingsraume, seinem Tuskulum, nahm Dr. Seefeld auch zuerst den Freund auf. Bald darauf bat die treue Sarah die Herren zu Tische. Als das von lebhafter Unterhaltung gewürzte Mahl eingenommen war, Dr. Seefeld den Wunsch ausgesprochen hatte, für den Nachmittag ungestört mit dem Professor bleiben zu wollen, Sarab sich zurückgezogen hatte, saßen die Freunde sich endlich beim alten Tokayer und echten Havannas in lange entbehrtem und ersehntem Gedankenaustausche gegenüber. Nicht genug Worte konnte der Professor finden, seiner Ehe Glück za preisen. „Du wirst meine Marie sehen, sie kennen lernen, ihr liebliches Walten, ihr anspruchsloses Wesen bewundern! Sie ist das Bild der echten deutschen Hausfrau, verkörpert jenes Dienen und Herrschen zugleich, jenes Kommen und Gehen, das unsere Dichterheroen in „Hermann und Dorothea" und der „Glocke" verherrlichen. Unsere Knaben gedeihen prächtig an Körper und Geist und Marie ist ihre liebreiche, doch strenge Hüterin und Erzieherin!" „Gott erhalte Dir ungetrübt das schöne häusliche Glück, welches Dir zutheil geworden, Georg", versetzte Dr. Seefeld ernst. „Kenne ich es auch nicht, ist es mir auch versagt geblieben, denn das war es ja, was ich zumeist an Blanca vermißte, jene holde Weiblichkeit, jene wahre Herzensgüte, die dem echten, rechten Weibe, noch im grauen Alter, wenn Schönheit und Jugend längst dahin, Schmuck und Duft verleihen, und die ich mir immer nothwendig bei meiner Lebensgefährtin dachte; ich gönne Dir Dein Glück ohne jede Regung einer Empfindung von Neid aus vollem Herzen, vermag lebhaft mit Dir zu fühlen, welchen Segen Du in Deinem Weibe besitzest/ „Und willst Du nicht endlich Dein Schweigen brechen, willst Du nicht endlich den Schleier lüften, der mir noch immer jene für mich dunkle Epoche Deines Lebens verhüllt?" fragte der Professor, seine sonore Stimme zu sanftester Klangfarbe dämpfend. „Sieh', Eduard" fuhr er fort, „als ich damals die Anzeige Deiner Verlobung mit Blanca erhielt, sah ich voraus, daß aus der Verbindung mit der reichen Erbin, dem verwöhnten Kinde des Glückes, Dir kein Heil ersprießen könne! Mir, der ich Dich so genau kannte, lag ja der Gedanke absolut fern, Habsucht oder Eigennutz, der Wunsch, Dein Leben durch den reichen Besitz Deiner Frau sorglos zu gestalten, könnten die Dich leitenden Motive bei dieser Wahl gewesen sein; Felix Dahn's Worte: „Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen, Dann fängt der Freundschaft ftommer Glaube an." kamen mir in Erinnerung. Blanca war nach dem Bilde, welches Du uns sandtest schön, wunderbar schön, und als ich in wahren Enthusiasmus ausbrach, Deinen guten Geschmack, Dein ungeahnt hohes Verständniß für Franenschönheit lobte, traf meine Marie mit echt weiblichem Herzenstacte das richtigere Urtheil, welches ich damals nicht gelten lassen wollte, dessen Wahrheit ich jedoch später aus Deinem fast gänzlichen Verstummen erkennen lernen sollte! Marie betrachtete lange schweigend, prüfend das Bild und dann entschlüpften ihr die Worte ihrer unglücklichen schottischen Namensschwester: „Aus diesen Zügen spricht kein Herz!" Wie gerne hätte ich Deiner Hochzeit beigewohnt, um das Weib, das Du gewählt, kennen zu lernen. Jedoch Marien's schwere Krankheit nach der Geburt unseres ältesten Knaben, die sie fast an den Rand des Grabes brachte, gebot streng und unerbittlich Verzicht auf meinen Lieblingswunsch, Pflicht und Liebe hielten mich mit festen Banden daheim. Als dann Monate, Jahre vergingen, Deine Briefe immer seltener und kürzer wurden, immer weniger von Deinem häuslichen, ehelichen Leben meldeten, es kaum flüchtig streiften, da las ich zwischen den Zeilen mit der Liebe geschärftem Blicke, daß in Deiner Ehe nicht Alles sei, wie es sein solle, denn das Glück macht mittheilsam, und es schmerzte mich tief, Dich, meinen besten Freund, nicht glücklich zu wissen." „Du bist sogar berechtigt, mein volles Vertrauen zu fordern, unbegrenzte Offenheit zu beanspruchen, Georg, erwiderte Dr. Seefeld ernst, „und ich habe diese Stunde, in der ich mich Dir rückhaltlos aussprechen, Dich in meinem Herzen lesen lassen will, lange, lange sehnlichst herbeigewünscht! Was ich in meinen Briefen Dir preiszugeben scheute, Auge in Auge, Hand in Hand wird es mir leicht. So höre denn!" Und er begann vor dem in athemloser Spannung zuhörenden Freunde das Bild jener Zeit, von der Stunde seiner