Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 90 Dr Vloch's Mochrnfttzrtfl 'JtV. 5 von dem Vortrage der Propheten auch nach Jahrtausenden lind unter ganz anderen Himmelsstrichen noch Etwas durchhörcn lasten. Ein solches Schaffen hat Luther für die deutsche Schriftsprache vollbracht. Er hat den richtigen Ton getroffen, oder, lute man auch zu sagen pflegt, er spricht biblisch, das ist doch wohl, in Luther's Üebersctzung spreche die Bibel wie im Original zu uns. Aber Luther hat noch mehr gcthan als Voß für Homer, Schlegel für Shakespeare, Schlciermachcr für Plato; er hat durch seine Bibelübersetzung die Schriftsprache aller deutschredenden Völkerschaften gegründet und die Einheit des deutschen Schristthums für alle Zeiten gestchcrt. Also bedeutet das Erscheinen einer Bibelübersetzung oft mehr, als das; die Zahl der theologischen Bücher um Eins zugenommen, ebenso wie die Reformation fiir Europa nicht die Bedeutung einer kirchlichen Frage, sondern diejenige einer gewaltigen politischen, cnltnrellen und socialen Bewegung hat. Nach einer sinnigen rabbinischen Legende wurde das Land Palästina, als die allererste Bibelübersetzung, die griechische, in das Reich der Erscheinungen trat, vierhundert Parasangen weit im Gevierte von einem Beben ergriffen — wie weit bleibt aber selbst die wunderliche Schilderung der Legende hinter der wahren Bedeutung jenes Ereignisses zurück, jenes Ereignisses, ohne welches die Entstehung des Christenthums nicht denkbar nv'c! Jene schlichte griechische Bibelübersetzung wurde der Ausgangspmrkt weltgeschichtlicher Entwicklungen Ihr Geist belebte das neuentstandenc Christenthum und zu dem griechischen Alten Testament trat alsbald das griechische Neue Testament hinzu. Die astatischen Kirchen, wie überhaupt der gauze Orient, vernehmen ans diesem Wege die ewigwährenden Worte feiner Moral und Gotteserkenntniß und alsbald beeilen stch Syrer und Kopten, Armenier und Georgier, auf Grund der griechischen Bibel ihre eigenen nationalen Gemeindebibeln sich anzuschaffen. Der Kirchenvater Theodor et behauptete sogar, daß in seiner Zeit, im IV. Jahrhundert, neben Armeniern auch Saurom atcn und Skythen ihre eigenen Bibeln erhielten*), und warum sollte das unmöglich sein, wenn der Bischof der Gothen, U l f i l a, schon früher es an der Zeit fand, seinen wilden Landsleuten in gothischer Sprache die zahme Zucht des Gotteswortes zu bieten? Die Deutschen sind stolz auf dieses uralte Denkmal ihrer nationalen Literatur; sollteil die Ungarn nicht auch eine Art innerer Befriedigung fühlen dürfen, wenn fast zur selbigen Zeit auch ihre.Stammesverwandten, Skythen ruft» Sauromaten, ihre nationale Bibel erhielten? Allerdings ist durch die Ungunst der Zeiten außer jener vereinzelten Nachricht Nichts auf uns gekommen, woran sich das nationale Hochgefühl nähren könnte; vielleicht ist uns aber in der Bekehrung der K as are n zum Judenthum das Vordringen des Geistes der Bibel in jene ikythischen Landschaften rwch besser bezeugt, als es ein Paar literarische Fragmente thun würden. Die Anfänge der ungarifchen Bibelübersetzungen sind auch auf europäischem Boden in tiefes Dunkel gehüllt, soviel steht aber jetzt schon fest, daß wir lange vor Luther und der Rcformatioil bereits eine ungarische Bibelübersetzung besaßen. Der im Jahre 1456 verstorbene Ladislaus Bathori, von dem in ncuefter Zeit in einem polnischen Kloster sogar ein Porträtbild entdeckt worden ist, gilt für den ältesten ungarischen Bibelübersetzer; ist es aber denkbar, daß eine solche literarische Erscheinung ganz vereinzelt austritt? Sollten der Bathori'schen Arbeit nicht wenigstens Versuche vorangegangen sein? Vollends aber soll während eines ganzen Jahrhunderts, bis zur Reformation, nichts auf diesem Gebiete geschehen sein? Ein glücklicher Fund könnte unser gegenwärtiges Wissen über diese Dinge sehr leicht antiguitiren. Daß die Bibelübersetzung des Bathori, des E r d ö s i (Sylvester), des H e l t a i und Anderer fast verschollen ist, zeigt zur Genüge, daß sie die Eignung, eine Gemeindebibel zu werden, nicht besaß. Die reformirte Kirche Ungarns sollte erst im Jahre 1590 eine echte Gemeindebibel erhalten. Was so manchen Anderen nicht gelungen ist, das hat durch die ihm eigene Liebe und Begeisterung für das Gotteswort der reformirte Pfarrer Kaspar Karolyi vollbracht. Viel größere Kirchen als die reformirte ungarische Kirche konnten sich erst später einer Gemeindebibel rühmen; die englische Gemeindebibel erschien erst im Jahre 1611, die holländische im Jahre 1637. Selbst die katholische ungarische Bibel, die von Georg K a l d i, erschien im Jahre 1626, also um mehr als ein Decenniuill früher als die holländische. Die zwei größten und wichtigsten Kirchen Ungarns haben also bereits an dreihundert Jahre ihre Gemeindebibel. Daß es so gekommen, ist gewiß kein Zufall; das Bedürfnitz ist ein guter Lehrmeister und lehrt die geistlichen Führer des Volkes eine dem Volle verständliche Sprache führen. Lange Zeit reichten diese Gemeindebibeln aus, und auch in jüngster Zeit, da ihre Spräche dem Volle bereits fremdartig erschien, denkt man nicht an deren Ersetzung durch neue Schöpfungen, sondern an deren Revision. Dazu gehört eben nur Einzelnes in derselben Sprach- und Schreibweise zu berichtigen, wie es der erste Uebersetzer gethan haben würde, wenn er leiblich unter uns fortlebte. *) Urtext und Uebersetzungen der Bibel; Sonderabdruck aus der dritten Auflage der Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche. Leipzig, 1897. Diejenige vaterländische Confession, welche, im Punkte des Magyarenthums ihrer Anhänger gleich Nach der. reformirten folgt, ist nicht in der Lage, an die Revision ihrer Gemeindebibel heranzutreten, sondern muß sich eine Gemeindebibel erst schaffen. Man denke nur ja nicht, daß die Werthschätzung der Bibel beim Volke der Bibel hierzulande eine Einbuße erlitten hat-; das Jndenthum weiß es überall und zu jeglicher Zeift was es an der Bibel besitzt. Das Bedürfniß, die Bibel in der Landessprache zu besitzen, ist bei den Juden kaum etwas älter als ein Jahrhundert; noch vor nicht langer Zeit hatte jeder Jude soviel Kcnntniß des Hebräischen, das; er seine Bibel im Urtexte las, und in gewisser Beziehung ist es heute noch so. Erst das Erstarken und Emporblühen der nationalen Cnltnr auf Kosten der alten Culturen brachte es mit sich, daß sich auch das religiöse Leben in nationalen Formen bethätigen will, und so hat sich auch das B ed ü r f n i ß nach einer nationalen ungarisch-jiidischen Gemeindebibel herausgestellt. Das ungarische Judenthum empfand dieses Bedürfniß viel später, als seine übrigen europäischen Glaubensgenossen, weil es infolge eigenthümlicher politischer Entwicklungen sich bis in die jüngsten Zeiten deutsch fühlte und sich demgemäß auch in seinem religiösen Leben mit Mitteln des deutschen Erzeugnisses zufriedenstcllte. Mit dem Deutschthum der ungarischen Juden ist es nun zu Ende. Bereits vor einem halben Jahrhundert, im Jahre 1847, forderte der gelehrte Rabbiner Leopold Löw eine ungarische Bibel für Inden. Im Jahre 1862 nahm sich der guten Sache der „Israelitische Ungarnverein" (Izraelita Magyar-Egylet) an, indem er die ungarische Bibelübersetzung einer Commission von fünf Mitgliedern übertrug, von deren Arbeit jedoch nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Der jüdische Congres; vom Jahre 1869 faßte den Beschluß, einen Theil des jüdischen Schulfondes auf eine ungarische Bibelübersetzung zu verwenden. Im Jahre 1866 nahmen die Herausgeber der Zeitschrift »Magyar Zsidö-Szemle«, die Professoren W i lhelm Bacher und Josef Banoczi, die Schaffung einer ungarischen Bibelübersetzung neuerdings mit vielem Eifer in Angriff, ohne jedoch einen Erfolg erzielt zu haben. Erst die vor vier Jahren gegründete „Israelitisch-ungarische literarische Gesellschaft" brachte diese Ehrensache des ungarischen Jndenthums der Austragung nahe, indem sie die genannten Professoren und den Unterzeichneten mit der Redaction der ungarischen Bibelübersetzung betraute. Die Gesellschaft ist nun in der angenehmen Lage, einem längst gefühlten Bedürfniß entgegenzukommen, indem sie den ersten Theil der vollständigen Bibel, die fünf Bücher Moses, in neuer ungarischer Üebersctzung dein Publicum vorlcgt.*) Fernere drei Theile sollen in einigen Jahren Nachfolgen, und so beginnt das neue Millennium für das ungarische Judenthum mit der frohen Zuversicht, daß der mächtigste Factor in seinem religiösen Leben, die altehrwürdige Bibel; auch in der ihm so lieben nationalen Sprache alsbald ihm zu Gebote stehen wird, und dies umsomehr, als die Üebersctzung der ganzen Bibel, von dem verdienstvollen Rabbiner Immanuel L ö w, schon vor Jahren gesammelt, sich bereits im Besitze der Gesellschaft befindet und nur der einheitlichen Redäction bedarf. Budapest. D r. Samuel Krauß. Wien. Der Cultusvorsteher, Herr Theodor Ritter von Goldschmidt, hat in der Sonntags-Sitzung des israelitischen Cultusvorstandes nachstehende Anträge eingebracht: Aus Anlaß der Jubiläumsfeier der 50jährigen glorreichen Regierung Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. wolle der Cultusvorstand folgende Beschlüsse fassen: I. Es sei aus den Mitteln der Israelitischen Cultusgemeinde, eventuell aus zufließenden freiwilligen Spenden ein Siech eüh aus zu erbauen. Dasselbe soll für circa 50 Pfleglinge auf der Realität des Altersversorgungshaüses, IX., Seegasse 9, durch Abbruch des alten Siechenhaüses und Arrondirung des Baugrundes aus dem dvrtigen Gartengrunde errichtet werden. Das Siechenhaus ist in organischem Zusammenhang mit dem Altersversorgungshause zu erbauen, so daß eine gemeinsame Verwaltung, beider Anstalten ermöglicht werde. Der Bau soll ehestens in Angriff genommen werden; um aM 2. DeceMber 1898 den Schlußstein zu demselben legen zu können. * Szentiräs. Käadja az izraelita magyar irödal’mi tärsulat. EIsö kötet. A Töra. Budapest; 1898. Gleichzeitig ist auch das reichhaltige „Jahrbuch" der Gesellschaft erschienen.