Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 88 Vr. VImtz's WochrnlchrM Nr. 5 fühlt selbst, daß dieser Standpunkt stark opportunistisch sei und sucht sich vor den Vorwürfen, die man ihm deshalb machen könnte, zu rechtfertigen; allein, daß seine Vertheidigung gelungen sei, kann man nicht behaupten. Ein Besuch bei Zola. Man meldet aus Amsterdam unterm 25. d. M.: Als Ueberbringer einer von 30 holländischen Journalisten Unterzeichneten Huldigungsadresse wurde der als Vorstandsmitglied des internationalen Preßcomites in Paris weilende Chefredacteur des „Allgemeen Handelsblad" Herr Ch. Boissevain, dieser Tage von Zola empfangen. Er berichtet über diesen Besuch in seinem diesmaligen Wochenartikel, wobei er aber hinzufügt, daß er aus Furcht mißverstanden zu haben oder mißverstanden zu werden im gegenwärtigen für Zola so kritischen Moment sich einer großen Reserve befleißigen müsse. Zola, welcher Journalisten zur Zeit nicht empfängt, hatte ihn als älteren Bekannten auf seine Anfrage zu Abends 9 Uhr geladen. Als er sich auf der Straße nach der Rue de Bruxelles erkundigte, erhielt er die Antwort: „Ah, das ist dort, wo der elende Berräther, der Zola, wohnt." Der Droschkenkutscher, als ihm die Hausnummer genannt wurde, hielt seine Hände wie ein Sprachrohr vor den Mund und sagte: „Nous allons chez l’espion prussien." Und vor Zola's Haus endlich hörte man die Rufe: »Conspuez Zola. Pendez l’espion et le traitre. A la potence les juifs!« Zuerst verhielt sich Zola gegen seinen Besucher sehr reservirt, bis dieser mit der Adresse seiner holländischen Collegen herausrückte. Da aber war der Dichter wie verwandelt. Er hielt die Hand Boiffevains lange in der seinen und sagte dann bewegt: „O, wenn Sie doch wüßten, was Sie mir da Liebes erweisen . . von keinem Volke habe ich so viele Zeichen der Zustimmung und Ermuthigung erhalten, wie von dem Ihrigen, Telegramm auf Telegramm, Brief auf Brief von Hoch und Gering... Ob les peuples libres dont la conscience parle!" Dann ging er näher auf feine gegenwärtige Lage ein, deren Gefahr er vollauf begreift. Frankreich stehe an einem bedrohlichen Abhang und rutsche und rutsche. Bald werden Neuwahlen stattfinden unter dieser demagogischen Parole: Für oder gegen die Armee. Aber wer sei denn Gegner der Armee? Niemand doch weniger als er. Aber er verlange Wahrheit und daß man das Licht nicht scheue. Wie könne man nur so blind sein, um nicht zu begreifen, wohin dies Alles führe . . . Zola hält es für unmöglich, daß das französische Volk seine Absichten auf die Dauer mißverstehen könnte und er äußerte sich sehr empört darüber, daß man ihn nur für einen Theil seiner Beschuldigung zur Verantwortung ziehen wolle. Er wolle nicht zum Pessimisten werden, es sei das nur ein böser Wind, der zur Zeit über Frankreich wehe. Beim Abschied sagte Zola, es wäre ein alter Wunsch seiner Frau „votre Hollande des heros et des artistes" kennen zu lernen. Dazu müßten aber erst bessere Zeiten kommen. Dann wolle auch er allen dortigen Freunden danken für ihren stärkenden Beistand in der schwer st enKrisis seines Lebens. Der Gefangene der Teufelsinsel. Der Berner „Bund", welcher in seinem politischen Theil gegen Dreyfus wüthet, veröffentlicht unter dem Strich folgendes Gedicht aus der Feder seines Feuilletonredacteurs, des bekannten Schweizer Poeten I. V. Widmann: Ob schuldig oder nicht — daß er nicht weiß, Wie über ihn der Streit entbrannt so heiß! Daß ihm nicht kündet fernen Sturmes Heulen, Wie sich zur Schlacht um ihn die. Geister theilen! Daß in des Westens Wolkenwand, der grauen, Die Augen er nicht sieht, die nach ihm schauen, Die Stimmen nicht, die um ihn hadern, hört, Wenn Wogenschwall den Ocean empört! Von Wandervögeln rauschen weiße Schwingen, Doch keine Botschaft können sie ihm bringen. In Millionen Herzen wildes Zittern; Europa bebt durch ihn in Ungewittern. Und er auf seinem Eiland weiß von nichts. Lebt Tag und Nacht im Wechsel nur des Lichts. Und Sonn' und Mondstrahl mögen ihn erreichen, Doch nicht der Liebe, nicht des Hasses Zeichen. Noch lebend, schon ein abgeschiedner Geist! Um den sich zürnend eine Welt zerreißt! Aus dem Gerichtssaal in Teplitz. T e p l i tz, 2. Februar 1898. Vor einem Bierrichter-Collegium in Leitmeritz fand dieser Tage die Verhandlung gegen eine Reihe von Personen aus Teplitz statt, welche in die sogenannte NePtun-Affaire verwickelt waren. Diese Affaire war ein Bombardement des Hotel Neptun in Teplitz-Schönau am 22. März 1897. An diesem Tage hielt die ultra-radicale antisemitische Partei in dem großen Saale des Hotels eine von über 1000 Personen besuchte Wählerversammlung ab, in der der Redacteur Rafael Pacher aus Wien als Reichsrathscandidat sich vorstellte. Die Nachricht von der Abhaltung dieser Versammlung fachte natürlich schon längere Zeit vorher den höchsten Unmuth der liberalen Kreise von Teplitz-Schönau an (und diese bilden denn doch noch das Gros der Bevölkerung) erstens, weil die antisemitische Partei mit dieser Candidatur in die für den liberalen Candidaten Professor Dr. Psersche aus Prag mühsam genug geschaffene Einigkeit Bresche legen wollte, zweitens, weil die Antisemiten es zuvor noch nie gewagt hatten, in der alten liberalen Stadt Teplitz in solcher Weise an die Oeffentlichkeit zu treten. Streng genommen, konnte man freilich von Oeffentlichkeit nicht gut sprechen, weil die Versammlung eine sogenannte § 2-Versammlung war, welche Versammlungen bekanntlich auf geladene Gäste beschränkt sind. Der Umstand aber, daß die Antisemiten ihre Karten geradezu en masse versandten und auch die socialdemokratische Partei mit ihrer Einladung in großer Zahl beehrten, machte die Versammlung beinahe zu einer öffentlichen. Die Antisemiten hatten im Laufe des 22. März erfahren, daß die Socialdemokraten, welche bekanntlich im Princip der jüdischen Sache nicht feindlich gegenüberstehen, in der Versammlung durch glänzende Redner ihren gegnerischen Standpunkt darthun werden und gewährten am Abend auch jenen von der socialistischen Partei, welche Karten erhalten hatten, nicht den Zutritt zur Versammlung. Diese Thatsache, sowie die Aufregung, welche seit Wochen während der Reichsrathswahlperiode sich der Gemüther bemächtigt hatte und täglich an Intensität zunahm, brachte die vor dem Hotel „Neptun" nach Hunderten angesammelte Menge in eine gährende Bewegung. Als nun gar ein Socialistenführer, der auf Grund seiner Karte unter allen Umständen in den Saal gelangen wollte, von rüpelhaften Ordnern der Antisemiten blutig geschlagen wurde, da war dies das Signal zu einem Bombardenkent auf den Neptunsaal unter dröhnendem Gebrüll der Massen. Die vor dem Saale befindliche Glasveranda wurde an jenem 22. März in der achten Abendstunde von den wüthend erregten Massen unter dem Schutze des Abeuddunkels fast zur Gänze demolirt. Was lag nun näher, als daß die Antisemiten dieses Bombardement als etwas von Juden und Socialisten schon vorher ganz bestimmt Verabredetes hinstellten. Man forschte und natürlich fanden sich Denuncianten genug, welche Personen, die an jenem Abende vor den Neptunsaale weilten, als au der Demolirung theilhaftig hinstellten. Von circa 2000 Menschen hatte man auf diese Weise 21 Personen, sage 21 Personen herausgegriffen, denen man nach fast einjähriger Voruntersuchung vorige Woche den Proceß wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit machte. Unter diesen 21 Personen befanden sich zwölf Juden, durchaus wohlanständige, in geachteten Lebensstellungen sich befindende, zum Theil verheiratete Juden. Obwohl nun einige derselben es g a n z e u t s ch i e d e n in Abrede stellten, an jenem Abende überhaupt in der Nähe des Hotel Neptun gewesen zu sein und dies auch durch gelungene Alibi- Beweise bekräftigten, einige derselben, welche sich in geringfügiger Weise durch Ruse u. s. w. an dem Excesse betheiligten, die ihnen von als antisemitische Agitatoren bekannte Zeugen zur Last gelegte Theilnahme an den Neptuukrawallen ebenfalls verneinten, wurden von den angeklagten zwölf Juden sechs nach der vorerwähnten Hauptverhandlung schuldig gesprochen und zu Kerkecstrafen verurtheilt. Gegen drei derselben wurde das Verfahren provisorisch ausgeschieden und wird diesen separat der Proceß gemacht; drei, deren Unschuld klar zu Tage lag, wurden freigesprochen. Das höchste Strafausmaß war nicht weniger als sieben Monate schweren Kerkers, verschärft mit monatlich 2 Mal fasten. Von den christlichen Angeklagten wurden 2 schuldig gesprochen und zu einer geringen Strafe verurtheilt. Das Urtheil des Leitmeritzer Vierrichter- Collegiums erregt allgemeine Bestürzung. Ebenso allgemein ist die Theilnahme mitden für ihreLebenszeitruinirten Existenzen. Die Verurtheilten werden selbstverständlich alle Rechtsmittel ergreifen. I. K.