Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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«Seite 86 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 5 Vom Jahrmarkt des Lebens. Luegers Judengeschäft. Wir verstehen, wir würdigen den Jubel, in dem Doctor Carl Lueger schwelgt. So lange mußte er dem Parteiterrorismus nachgeben, so lange wagte er es nicht, dem Vergani'schen Terrorismus „Kaust nur bei Gesinnungsgenossen!" Trotz zu gebieten. Er mag üble Erfahrungen genug gemacht haben, so traurige Erfahrungen, daß für ihn das erste — Judengeschäft, die erste Abmachung, die er wieder mit Israeliten abschließen durfte, eine Erlösung bedeutete. Gönnen wir daher dem vielgeprüften Manne die Genugthuung, daß die Juden der „Deutschen Bank" in Berlin ein menschliches Mitleid empfanden und ihm nicht die Thüre wiesen. Derjenige, der nicht auch schon einmal seiner inneren Ueberzeugung, seiner ersten Empfindung zuwider einem antisemitischen Schnorrer ein Almosen zugeworfen hat, werfe den ersten Stein auf unsere Glaubensgenoffen von der „Deutschen Bank". Es jauchzt steilich nicht allein der Bürgermeister von Wien und Judeugeschästssteund Lueger, es jauchzen auch die Verganis, die Wähners und verschiedene andere antisemitische Würdenträger. Und ihr Jubel klingt überaus merkwürdig, beinahe so wundersam, wie die — deficitreiche Weiterexistenz der — 8it venia verbo — „Deutschen Zeitung". Hoch Lueger! Beinahe so hoch wie Dr. Lueger stehen gegenwärtig die — Tramwayactien. Hauffirende Tramwayactien sind beinahe so einträglich wie der hauffirende Dr. Lueger. Hat der Letztere denen, die an ihn glaubten, Landtags- und Reichsrathsdiäten verschafft, so erhalten die Gläubigen der Tramwayactien sozusagen — Börsendiäten!. Freilich die Gläubigen der Tramwayactien waren Ungläubige des Dr. Lueger. Diejenigen, die an die Versicherungen Lueger's, Gasanleihe und Tramway hänge nicht zusammen, berechtigten Zweifel knüpften, die mußten dafür an die Tramwayactien glauben, deren Cours im selben Maße stieg, als die Glaubwürdigkeit des Dr. Lueger sank. Montag erfuhr die Welt vom Zustandekommen der Gasanleihe, das heißt, jene halbe oder Viertelwelt, die das Luegerkränzchen im Drehersaal besuchte, Dienstag theilte der Obligationenmoniteur des Herrn Vergani urbi et orbi die erlösende Kunde des habemus Siemens und Steinthal mit. Samstag vorher bereits gingen Tramwayactien in die Höhe. Da muß es doch bereits einige Leute gegeben haben, die eine feine Nase hatten und den bevorstehenden „Sieg des christlichen Volkes", das dem Abschluß nahe Judengeschäst des christlichen Bürgermeisters, vorausahnten. Wo diese zu suchen sind, wollen wir nicht beantworten. Freuen wir uns dessen, daß die Börse und das Börsenspiel dank Lueger und den Seinen „verchristlicht" wird. Freuen wir uns der Lueger-Hausse und hoffen wir, daß uns das Steigen der Tramwayactien noch lange den ungeschmälerten Genuß an der Dummheit der antisemitischen Zeiümgsliteratur sichern wird. Eruft Vergani und die Berliner „Deutsche Bank/ Wie die Wiener antisemitische Parteileitung über die „Deutsche Bank" vor dem Publicum sich lustig macht, erhellt aus nachstehendem Ausschnitte eines Artikels aus dem Morgenblatt vom 1. Februar d. I. des „Deutschen Volksblatt": „Wann verleugnet seine Principien e Jüd'? Wann er weiß zu mach'n e gütes Geschäftche. Wos for e Geschäftche wiss'n zü mach'n ürffere Last vo' der daitsche Bank? Es Geschäftche mit der Tramway. Nu sennen ünsere Lait nix talentvoll, sennen se nix groiß und geschaidt? E soi füll iach leb'n Im Uebrigen haben ja die Wiener Antisemiten ihre sogenannten „Principien" im Interesse des „Geschäftlichen" nicht minder verleugnet. Zum Jndustriellenball. Man schreibt uns in Bezug auf unsere Notiz in Nr. 4 „Der entjudete Jndustriellenball" : „Sie constatiren, daß unter 42 Comitemitgliedern sich nicht ein Jude befindet. Das ist freilich richtig. Im Damencomits figuriren aber einige Mädchen aus jüdischen Häusern. Dies ist Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, wohl aber, daß zwei israelitische Patroneffen fungiren werden; die Damen S k r e i n und Herzfelder. Das ist doch mehr,! Die maßgebenden Industriellen legen das größte Gewicht darauf, daß festgestellt werde, daß sie antisemitischen Grundsätzen keineswegs huldigen, sondern im Gegentheile, die guten gesellschaftlichen Beziehungen zu ihren jüdischen Freunden wiebisher weiter cultiviren in schöner Eintracht. Wie bisher! Aber dieser Kreis erweitert sich nicht, es treten keine neuen Mitglieder hinzu, daran theilzunehmen. Die Frauen und Heranwachsenden Töchter der guten alten' Bekannten werden wohl eingeführt. Das ist auch Alles. Und daran sind die eingeschüchterten, unsicher gemachten Juden selbst Schuld, die in den Wirren dieser argen Zeitläufe den Freund vom Gegner nicht mehr zu unterscheiden vermögen." Bettma-Stiftungspavillon. Im Sommer vergangenen Jahres wurde im Kaiserin Elisabeth-Spitale in Rudolfsheim eine Abtheilung für kranke Frauen in einem neuerbauten Pavillon eröffnet, der von Albert Freiherrn v. Rothschild zur Erinnerung an seine verstorbene Gattin Bettina gestiftet wurde. Gewidmet als Heilstätte für arme kranke Frauen, ohne Unterschied der Nationalität und Confession, soll in ihm auch den Aerzten Gelegenheit geboten sein, auf wissenschaftlichem Felde Erfolge zu erzielen. Der mitten in Gartenanlagen stehende Pavillon, mit seiner Hauptfront und den Krankenräumen nach Süden gelegen, ist nach den modernsten Gesichtspunkten der Hygiene, speciell dem gewidmeten Zweck entsprechend ausgestattet. Es sind die Kranken nicht in großen Sälen untergebracht. In dem 94 Meter langen, theils zwei-, theils dreigeschoßigen Gebäuden sind 60 Betten in 24 Zimmern; darunter 12 mit nur einem Bette, vier mit je drei, vier mit je vier und vier mit je fünf Betten. Dieser normale Belag kann erhöht werden. Vorhanden sind noch sechs Badezimmer, vier Theeküchen und fünf geräumige, isolirte Piecen für ambulatorische Behandlung. Ein Hauptaugenmerk wurde den Operationsräumen, welche die minutiöseste Reinlichkeit gestatten, zugewendet. Es bestehen zwei Operationssäle mit nördlicher Beleuchtung, ein eigener Raum für Sterilisirung der Instrumente rc., ein eigener Raum für Narkose, eine Aerztegarderobe, ein eigener Waschraum für die Aerzte und ein großer Aufzug, der es gestattet, die zu Operirenden im Bette zum Operationstisch zu bringen. Alle diese Räume sind mit den neuesten . Instrumenten und vorzüglichsten Apparaten ausgestattet. Der Pavillon ist mit vorzüglichen Ventilationen, einer Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung versehen. Für Licht und Luft ist in weitgehender Weise vorgesorgt. Die Kosten des Baues sammt innerer Einrichtung bstragen gegen 270.000 Gulden und sind zur ferneren Erhaltung die Zinsen eines Capitales von 300.000 fl. gewidmet. Nach einem von Professor Dr. Friedrich Sch aut a aufgestellten Programme wurde der Pavillon nach Plänen und unter der Leitung des Statthalterei- Oberingenienrs Franz Berger erbaut und rühren die Fassadenpläne vom Architekten Engen S e h n a l her. Dieser Tage fand die Enthüllung des im Pavillon aufgestellten Gedächtnißdenkmals statt. Die Marmorgruppe, eine Schöpfung des Bildhauers Josef K a s s i n, zeigt in Lebensgröße zwei Gestalten, die leidende Frau und deren mildthätige Pflegerin. Der Sockel ist mit Goethe's schönem Spruche: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" geziert. Hinter der Gruppe erhebt sich auf einem Piedestal die Büste der verblichenen Baronin Bettina v. Rothschild. An die intime Feier schloß sich eine Besichtigung des neuen Anstaltsgebäudes, worauf sich der Stifter Albert Freiherr von Rothschild, der Statthalter und eine Reihe höherer Beamter und Fachmänner und die bei dem Bau und dessen Einrichtung Beschäftigten betheiligten. Die Ahnen der Familie Rothschild, Pisek, 31. Jänner 1898. In der jünsten Nummer dieser den hochwichtigen Interessen des Judenthums gewidmeten „Wochenschrift" werden einige der Familie Rothschild angehörenden Mitglieder erwähnt, die sich als Schriftsteller ausgezeichnet. Es dürfte vielleicht die geehrten Leser dieses sehr geschätzten Journals interessiren, zu erfahren, wer die Ahnen dieser hochachtbaren Familie waren. Zu diesem Behufe gestatte ich mir hier folgende im IV. Theile meiner „Geschichtsbilder" abgedruckte Notiz zu reproduciren. Dieselbe lautet: „In Nr. 49 der „W. M." 1856 wird hierüber Folgendes berichtet: Bekanntlich war der erste Gründer des weltbekannten Bankhauses Rothschilds nicht blos Financier, sondern auch Gelehrter rc. Wenigen dürfte es bekannt sein, daß die Freiherren v. Rothschild auch sehr geachtete Rabbiner unter ihren Ahnen zählen. Nach dem Memorialbuch zu Worms war Rabbi Mendel Rothschild 1732 mehrere Jahre Prediger in Prag, hierauf Rabbiner