Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 84 Vr. Vlmtz's MochrnptzrM Nr. 5 in irgend welchen directen oder in directen Beziehungen zu Dreyfus standen. Standhaft für die Sache der Gerechtigkeit treten auch die angesehensten deutschen Blätter ein, die nicht in dem Verdacht, „Judenblätter" zu sein, stehen. So ließ sich dieser Tage die „Münchener Allgemeine Zeitung" aus Paris schreiben: „Ein roherer gemeinerer Justizmord als am Hauptmann Dreyfus ist, seit wir aus dem mittelalterlichen Rechtsznstande heraus sind, in einem civilisirten Land mit ähnlichem Cynismus wohl noch niemals begangen worden.... Justiz, Regierung und Volk begehen so die „größte Gemeinheit des Jahrhunderts", wie einer der angesehensten Pariser Advocaten gesagt hat, „für gemeinsame Rechnung und Gefahr". Und die katholische „Kölnische Volkszeitung" kommt zu ähnlichem Resultate. Das Merkwürdigste ist, daß auch die russische Presse dem Ministerium Meline und seiner Majorität eine derbe Lection darüber ertheilt, wie sie hätten Vorgehen müssen, um im Interesse der Gerechtigkeit, des guten Rufes von Frankreich und der Republik in der Affaire Dreyfus ihrer Pflicht Genüge zu thun. Das hat also noch gefehlt, daß die russische Presse sich unvergleichlich liberaler, gerechter und aufgeklärter beweise, als die sogenannten Hüter der republikanischen Traditionen. Den russischen Blättern, welche ihre Mißbilligung über die schroffe Zurückweisung der Revision des Processes Dreyfus ausdrückten, haben sich nun. wie aus Petersburg gemeldet wird, die „N v w o st i" mit einem dort großes Aufsehen erregenden Artikel angeschlossen. Es heißt in demselben unter Anderem: „Zola's eloquenter und energischer Brief rief in Paris und in ganz Frankreich einen von dem Ministerium Meline gewiß nicht erwarteten Eindruck hervor. Hinter Zola stehen andere, der Korruption unzugängliche Ehrenmänner, welche man keineswegs verdächtigen kann, der Armee oder der Regierung gegenüber zu intriguiren. Französische Blätter, die Esterhazy zu eifrig vertheidigten, erklärten Zola für einen Narren und wollten ihn in ein Irrenhaus schicken. Aber der Brief des berühmten Schriftstellers, weit entfernt davon, eine Geistesschwäche zu verrathen, bildet im Gegentbeile ein von Logik und schwerwiegenden Anklagen erfülltes Werk. Würde Zola's Schreiben, wie seine Gegner behaupten, nur aus declamatorischen Phrasen bestehen, so hätte cs auf die öffentliche Meinung keinen so mächtigen Eindruck üben können. In jedem Worte erscheint der Mann von Ueberzeugung, ohne Vorurtheile und der ausgezeichnete Patriot. Solche Charaktere fürchten sich nicht vor dem Geschrei des Pöbels. Vom Anfang der Affaire her verübte das Ministerium Mäline einen großen und irreparablen Fehler. Es hätte angesichts der allgemeinen Aufregung die Revision des Processes Treyfus acceptiren und in den Debatten eine unparteiische Haltung einnehmen müssen. Anstatt dessen that das Ministerium Meline das Entgegengesetzte und ergriff Partei im Conflicte. Dieser Fehler zog alle übrigen nach sich, mitinbegriffen die Freisprechung Esterhazy's und die Verhaftung Picquart's. Das Ministerium befindet sich gegenwärtig in einer der peinlichsten Situationen. Man darf es erwarten, daß die Revision des Processes sich aufdrängen werde, und zwar unter Umständen, die für das Ministerium außerordentlich nachtheilig sind. Solche, wie gesagt, keineswegs vereinzelte Ausführungen russischer Journale scheinen die Nachricht, daß seitens der russischen Presse oder doch der überwiegenden Majorität ihrer Blätter Emile Zola am Tage der Eröffnung der Schlußverhandlung eine Vertrauen und Hochachtung ausdrückende Adresse überreicht werden soll, zu bestätigen. So tritt denn die öffentliche Meinung ganz Europas für die Revision des Verrathsprocesses in die Schranken und steht die republikanisch-antisemitisch-monarchistische Coalition — wohl die sonderbarste und beschämendste, welche Frankreich je sah — vollständig isolirt da. Während aber selbst die Frankreich stets so sympathische liberale Presse Belgiens und der Schweiz ihre tiefe Betrübung und ihre Verblüffung über die hier herrschenden Zustände ausdrückt, die Republikaner beschwörend, im Interesse der Freiheit und ihrer Staatsform die Revision des Processes Dreyfus vorzunehmen, faselt der wahnsinnig; Chauvinismus unentwegt von einem deutschen Complott, ja geradezu von einer internationalen Verschwörung behufs der Schädigung der Interessen der nationalen Vertheidigung Frankreichs. Dies erklären nicht nur die Organe der einstigen Boulangisten, wie die „Patrie", welche in ihrer heutigen Nummer, die vom Staatssecretär v. Bülow im Budget-Ausschusse des deutschen Reichstages abgegebenen Erklärungen betreffend, unter Anderem Folgendes schreibt: „Hatte Jemand nicht das Recht, in diese Debatte einzugreifen, welche nur Frankreich angeht, so ist es besonders jener Souverän, dessen diplomatische Agenten in dieser Affaire eine absolut schändliche Rolle spielten . . . Allein Wilhelm II. kann sich nicht resigniren, um Frankreich zu gestatten, daß es sich, gemäß den Traditionen seines Genies und den Aspirationen seiner Race, wieder erhebe und kräftige. Er hat es nöthig, täglich in unserem Gehirn und unserer Seele zu lesen, um unsere Bestrebungen paralysiren, unseren Patriotismus stören zu können. Wissend, daß er von seinen officiellen Spionen, die sich zumeist Blößen gaben oder enthüllt wurden, keine Dienste mehr fordern könne, sicherte er sich werthvollere Mitarbeiter. Am Ende des letzten Monates überbrachte Bleichröder — der Berliner Bankier, welcher im Jahre 1871 die Ziffer des französischen Lösegeldes festsetzte — dem Berraths- Syndicat in Paris die Instructionen Wilhelm's II. Es wurde bestimmt, daß die Freisprechung Esterhazy's die Verschworenen nicht entmnthigen dürfe und daß man, trotz alledem, die Beschimpfungs- und Verleumdungs-Campagne gegen die französische Armee fortsetzen müsse. Einige Tage nachher publicirte Zola seinen »J’accuse« betitelten Brief. Damit war der Funke ins Pulverfaß geschleudert worden. Dies wars, was der deutsche Kaiser wollte. Man gehorchte ihm servil- Jetzt aber will er auf die Jury Pression ausüben und Zola mit seiner Zeugenschaft — einer falschen Zeugenschaft — decken." Die officiöse „Post" in Berlin ertheilt nach einer Richtung eine scharfe Lection: „Was soll man dazu sagen, wenn das „Echo de Paris", das vom französischen Gen erat st ab öfters zu officiösen Mittheilungen benützt wird, folgendermaßen schreibt: Die Worte Herrn von B ü l o w's standen in Widerspruch zu dem Berichte des Hauptmannes Lebrun-Renault, dem Dreyfus ein Geständniß seiner Schuld abgelegt habe. Wenn Jemand die Unwahrheit in diesem Falle gesprochen — m u ß es dann gerade Herr v. Bülow sein? Auf die Idee, diesen Bericht des Herrn Lebrun-Renault einmal genauer auf seine Echtheit und Glaubwürdigkeit zu untersuchen, kommen das „Echo de Paris" und seine Hintermänner überhaupt nicht. . . Man will anscheinend die Wahrheit nicht finden, loeit man von der Annahme ausgeht, als ob eine Revision des Processes die Ebre der französischen Armee schädigen könne. Wir leben in Deutschland in einer Monarchie, wo die Ehre der Armee wahrlich hochgehalten wird. Noch nie und nimmer aber hat man bei uns gehört, daß die Ehre dieser Armee geschädigt werden muß, wenn dem Rechte, nach welcher Richtung immer, sein Lauf gelassen wird. Deutsche, welchen Standes sie auch sein mögen, würden niemals eine Ehre darin suchen, das Dunkel, welches über die Verurtheilung eines unglücklichen Kameraden waltet, unaufgeklärt zu lassen. In dieser Beziehung genießt allerdings das Individuum unter der deutschen Monarchie einen höheren Grad von Freiheit, als in einer demokratischen Republik, in der anscheinend selbst die heiligsten Rechte des Einzelnen dem M a j o r i t ä t s p r i n c i p unterworfen werden. Man wird diese Thatsache dem deutschen Volke gar nicht genug zum Bewußtsein bringen können." Nein, nicht nur die von den einstigen Schildknappen des Boulangismus geleiteten Blätter tischen ihren Lesern solche Ungeheuerlichkeiten auf, sondern auch Organe, wie das „Petit Journal" und das „Journal". Wie Judet in dem zuerst genannten Blatte, so hat es auch S a i s s y glücklich herausgefunden oder vielmehr nachgeplappert, daß die Affaire Dreyfus — man höre und staune! — „einem zwischen den Cabineten von London, Berlin Rom, Wien, za sogar Brüssel geschmiedeten, lange vorbereiteten Complot entsprungen sei." Wahnsinn! wird man sagen. Leider aber liegt in diesem Wahnsinn Methode und es gibt unzählige Leute, die allem Gedruckten fest und steif Glauben schenken. Niemand vermag übrigens heute zu sagen, was die nahe Zukunft noch bringen kann. Die Hetze gegen die Protestanten war bis jetzt fast ausschließlich das Monopol des Boulangisten T h i e b a u d, der sie in Vorlesungen und in der Presse zu seiner Specialität erhoben hatte, und es ist beachtenswerth, daß sie gerade in diesen Tagen (am 21.) bei der Berathung des Cultusbudgets auch in der Deputirtenkammer ihre Vertreter fand. Nachdem die Abgeordneten Le Heriffe uitb Börard die Juden hatten Spießruthen laufen lassen und beantragt hatten, dem Großrabbiner von Frankreich die Bezüge zu sperren, erhob sich kein Geringerer als der frühere Minister de Mahy, um gegen die Protestanten Sturm zu blasen: „Daß sich unter dem Beifall der gesammten Reptilienpresse jenseits des Canals und jenseits des Rheins", rief er, „eine kosmopolitische, confessionelle und finanzielle, halb jüdische, halb m e t h o d i st i s ch e Gesellschaft in unsere Angelegenheiten eindrängt, die Frankreich vergewaltigt, auf die Regierung drückt, uns mit aller Gewalt zu ihren Zwecken benutzen, uns als ihren Willen die Wiederaufnahme des Processes auferlegen will und uns ankündigt, daß sie, wenn wir nicht nachgebeu, die abscheuliche Treiberei, die sie im Lande ans-