Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021228--07518-3031850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 4 Vr. Bloch » Wochenschrift Seite 75 „Wir berichteten vor einigen Wochen, daß die Bauern; eines Dorfes des Gouvernements Orel beim Gouverneur ein Gesuch eingereicht haben, worin sie baten, einem Juden den Aufenthalt in ihrem Dorfe zu gestatten, weil er ihnen Arbeit gäbe. Dann gelangten ähnliche Bitten zum Gouverneur von Bauern, Kaufleuten und Grundbesitzern. Diese Personen erklären, daß im Gouvernenient Orel der Aufenthalt von Juden für die Entwicklung der Industrie eine Nothwendigkeit sei. In Anbetracht der großen Anzahl dieser Bitten hat der Gouverneur diese Frage der Centralgewalt überwiesen, deren Entscheidung von allen Jnteressirten ungeduldig erwartet wird. Andererseits hat der Präsident des Semstwo den Präsidenten von Kursk auf die dringende Nothwendigkeit aufnierksam gemacht, die Bestimmungen abzuschaffen, welche den jüdischen Kaufleuten verbieten, sich in die Land- und Stadtgemeinden zu begeben zum Handel mit Ackerproducten. Der Präsident gibt von der Lage der Bauern ein anschauliches Bild und hält unter den vorgeschlagenen Mitteln diejenigen für die wirksamsten, die den Juden erlauben, das Land zu durchreisen oder selbst da zu wohnen. Er glaubt, daß durch ihre Anwesenheit ein Markt für die Ackerproducte geschaffen wird, die jetzt keinen Käufer finden. B. Paris. Bekanntlich haben die Antisemiten bei ihrer großen Demonstration eine klägliche Niederlage durch die Socialisten erlitten und sie suchen sich nun vor einer Wiederholung dadurch zu schützen, daß sie Reinach und Lazare erklärt haben, daß sie Beide als Geiseln behandeln würden, wenn ihnen die Socialisten noch eine Versammlung stören würden. Darauf antwortet Lazare in einem prächtigen, kurzen Briefe, der in der „Aurore" veröffentlicht war. Er schreibt: Jules Guerin, dem bei seiner Niederlage jeder Ernst verloren gegangen ist, beschuldigt mich, die Revolutionäre angestiftet zu haben, welche seine Truppen in Tivoli Baux-Hall in die Flucht geschlagen haben. Ich überlasse den Revolutionären die Antwort hierauf. Indessen Mr. Guerin erklärt, daß er mich als Geisel betrachten werde für den Fall, daß ihm und den clericalen Armeen eine neue Niederlage beigebracht wird. Mr. Guerin glaubt, mich durch seine Rodomontaden ä la miles gloriosus zu erschrecken, er verwechselt mich offenbar mit einem seiner Gläubiger. Ich benachrichtige ihn ganz einfach, daß ich als Geisel mich meiner Haut zu wehren im Stande bin. Aber zu seiner Beruhigung will ich noch versprechen, daß ich auch in diesem Fall die Gendarmen nicht erst rufen werde. Bernard Lazare. 8. London. Der „Jewish Chronicle" ist in der Lage, mitzutheilen, daß die Jewish-Colonisation-Association beschlossen hat, die Ansiedlung in Cypern, die dort der Verein „Ahawath Zion" ängelegt hat, zu unterstützen. Zunächst wird eine Summe Geldes als Darlehen gegeben werden, dann werden die Ansiedler in geschäftlichen Dingen auf Veranlassung der Jewish-Colonisation- Association Rath bei einem Engländer, der auf Cypern ansässig ist, erhalten können, eine Förderung, der sie fast noch mehr bedürfen, denn baren Geldes, weil sie mit den Landesverhältnissen gar nicht vertraut sind. Die Ansiedlnng besteht erst ein Jahr, von einem Erfolg kann daher noch keine Rede sein, aber die Aussichten sind nicht ungünstig. Mogodor. Zum italienischen Consnlaragenten in unserer Stadt ist, was sehr erfreulich ist, ein Jude, Signor Victor L a m b r o s o, ernannt worden. Die Wahl ist eine sehr gute, denn Lambroso erfreut sich allgemeiner Achtung und wir dürfen außerdem hoffen, daß er ans dem neuen Posten auch für seine Glaubensgenossen eintreten wird. Noch ein Jude ist zu einem officiellen Posten berufen Wignor Attias, der soeben den Posten eines Consuls von.Brasillen^.mit dem Sitz in Tanger erhalten hat. — Eine SachUn großer Wichtigkeit für hie Entwicklung der Marokkaner Juden ist die Eröffnung der neuen Allianceschule in Casablanca. Die Schule wurde mit großer Feierlichkeit eingeweiht, nahm doch das gesammte Consularcorps daran theil, und der Director Senor Moses Rahon hielt die Festrede. Die Schule beginnt schon mit 215 Kindern, von denen 150 zahlen und 65 ganz frei den Unterricht genießen. Ebenso wie die englischen und französischen Schulen in Tanger und Mogador nimmt auch das neue Institut Kinder aller Confessionen auf. Am 1. Jänner hat der hiesige englische Consul Johnston der Directorin der Anglo Jewish-Mädchenschule ein Geschenk übersendet, um damit arme jüdische Kinderzu speisen. Avignon. Die alte Gemeinde von Carpentres zählt heute nur noch ca. 40 Familien und man hört fast nie von ihnen, aber die Spuren ihrer einstigen Bedeutung für die Stadt findet mau doch an allen Enden derselben. Eine derselben verdient an die Oeffeutlichkeit gezogen zu werden, weil sie ein seltenes Zeichen von Toleranz seitens eines Kirchensürsten gegenüber einem Inden der Nachwelt ansbewahrt hat. Nicht weit vom Bahnhose steht das alte Hotel Dieu, in dem der Besucher eines der größten Säle eine Inschrift mit folgendem Text finden wird: „Eines Tages theilte Don Malachie sein Kanzler mit, es sei ein Unglücklicher da, der um eine Unterstützung bittet. Gut, sagt der Prälat, gebt ihm zwei Thaler! Aber, Monseigneur, es ist ein Jude! O, dann gebt ihm das Doppelte, vier ThalerWie selten kennen wir Züge dieser Art von den Bischöfen des Mittelalters! Vermischtes. Wien. Für Mittwoch den 2. Februar 18Ü8, t0 Uhr Vormittags, ist eine öffentliche Sitzung des Vorstandes der israelifischen Cultusgemeinde in Aussicbt genommen. Wien. Anläßlich der ersten Jahresfeier nach dem verewigten Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Gustav Simon findet über Beschluß der Cultusgemeinde am Mittwoch den 2. Februar d. I. anschließend an den um 5 Uhr stattfindenden Abendgottesdienst eine feierliche Tranerandacht im Leopoldstädter Tempel II., Tempelgasse 5 statt. Wien. Montag den 31. Jänner, halb 8 Uhr Abends, findet im Festsaale des Kaufmännischen Vereines, I., Johannesgasse 4, eine Versammlung der Gesellschaft zur Conservirnng der Kunst- und historischen Denkmäler des Judenthums statt. Tagesordnung : Vortrag des Herrn Universitätsdocenten Dr. S. Ehrmann : „Die Inden in der Naturforschung un8 der Medicin." Wien. (T r a u n n g.) Sonntag am 23. d. M. wurde im Leopoldstädter Tempel Fräulein Sophie Blum, die jüngste Tochter des Antiquitätenhändlers Herrn Max Blum, mit ihrem Cousin, dem Bauingenieur Herrn Arnold Blum, Sohn des seligen Cantors Josef Blum aus Troppau, getraut. Die Tranungsfunction vollzog Herr Dr. Schmiedel. Wien. (F a m i l i e n-N a ch r i ch t.i Fräulein Thedi Bauer Tochter des Directors des Wiener Bankvereins Herrn Moriz Bauer, hat sich mit dem Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Gustav Bloch verlobt. Der Bräutigam gehört einer der angesehensten Prager Familien an und ninimt gleich dem allgemein geachteten Vater der Braut eine hervorragende gesellschaftliche und sociale Stellung ein. Wien. (C o n c e r t.) Der letzte Kammermusik-Abend des böhmischen Streichquartettes erhielt durch die Mitwirkung der ausgezeichneten Pianistin Fräulein Ilona Eibenschütz noch erhöhte Anziehungskraft. Die Künstlerin verstand es durch brillantes und verständnißvolles Spiel, das Publicum zu stürmischen Beifallskundgebungen hinzureißen. Samstag den 22. Jänner veranstaltete die Jüdische akademische Lesehalle im Feftsaale des niederösterreichischen Gewerbevereines einen Vortragsabend. Lange vor Beginn des Vortrages war der Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Unter den Anwesenden bemerkten wir nebst einer Reihe hervorragender jüdischer Schriftsteller, Baron Leiten berge r, Prof. Dr. Leon Kellner, Director A o r k - S t e i n e r rc. Der Präsident der Lesehalle, Techniker Siegfried Rosenbaum, begrüßte die Erschienenen in einer sehr beifällig aufgenommenen Ansprache. Herr Redacteur Heinrich Glücksmann besprach den literarischen Kampf gegen den Antisemitismus, geführt von jüdischer und christlicher Feder. Der äußerst geistreiche Bortrag fesselte die Anwesenden nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch die Form und fand allgemeinen Beifall. Herr Recitator Raphael Faelberg las hierauf in bekannt meisterhafter Art „Die heilige Nacht". Novelle von Aork- Steiner. Wien. (Die Akademie des Leopold st ädter Frauen-Wohlthätigkeitsvereines.) Die erste Veranstaltung dieses jungen, segensreich wirkenden Vereines ist ein Elitefest ersten Ranges gewesen. Die Veranstalter dieses gelungenen Festes, allen voran die hochverdiente Präsidentin des Vereines sowohl als auch des Balles, Frau kais. Rath Bertha K o h n, erfüllt von einer begeisterten Liebe für die Sache, die zweitausend erschienenen, den allerbesten Kreisen angehörigen Besucher, entzückt von den exquisiten — decenten —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.