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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 72 Vr. Vlmtz s MoarrnlrtzrM ritt. 4 In der Hoffnung daß im Laufe der Verhandlungen die Angelegenheit, die ich hier anregen will, auch zur Sprache kommen würde, hatte ich bis jetzt gezögert, darüber zu sprechen; da dies aber nicht geschehen, so bitte ich mir zu erlauben, hier als der Anwalt einer Claffe von armen Frauen auftreten zu dürfen, die bis jetzt von den Unterstützungen der Cultnsgemeinde ausgeschlossen waren. In Nr. 49 Ihres geschätzten Blattes v. I. veröffentlichten Sie, geehrter Herr Redacteur, eine Statistik der jüdischen Eheschließungen in Oesterreich und weisen die Tabellen eine auffallend geringe Zahl von Eheschließungen in Wien und Galizien aus. Während Sie nun diese triste Erscheinung für Wien in den schlechten Erwerbsverhältnissen finden, ist, nach Ihrer Ansicht, die Ursache derselben in Galizien darin zu suchen, daß ein sehr großer Theil der galizischen Ehen, namentlich der unter den Chassidim geschlossenen, nicht in das Civilregister eingetragen wird, weil sie nur rituell geschlossen wurden. Thatsächlich sind solche Ehen zumeist bei der armen Bevölkerung Galiziens an der Tagesordnung. Die Trauungsceremonie nimmt bei solchen Paaren ein freilich gesetzlich nicht dazu berechtigter frommer Mann in Gegenwart von Zeugen vor und sobald die bindende Formel über sie gesprochen wird, sind sie nach jüdischem Gesetze Mann und Frau. In seinem Fragmente, der „Rabbi von Bacharach" spricht Heine von derartig geschlossenen Ehen. Die schlechten Erwerbsverhältnisse in Galizien haben im letzten Jahrzehnt einen starken Zuzug solcher Eheleute aus dem Osten nach Wien gebracht. Alles gravitirt nach der Metropole. Hier aber gerathen diese Armen in eine noch traurigere Lage, da sie mit der Unkenntniß der Sprache und der Verhältnisse einer fremden Stadt zu kämpfen haben. Die Noth dieser Eingewanderten ist sehr groß und in meiner Eigenschaft als Aus-- schußmitglied eines Wohlthätigkeits-Vereines, bei dem die Bittgesuche dieser armen Leute sehr zahlreich einlaufen, bin ich auch oft in der Lage, durch persönlichen Augenschein mich davon zu überzeugen. Ihren Höhepunkt erreicht diese Noth, wenn die Ehefrau Wöchnerin ist. Ich recherchirte jüngst bei einer solchen und traf die arme Frau, trotzdem schon 14 Tage seit ihrer Entbindung verstrichen waren, noch fiebernd im Bette. In der engen dunklen Kammer der Wöchnerist herrschte eine feuchte modrige Luft, die beklemmend wirkte, die bitterste Armuth war hier zu Hause. Sowohl der Säugling als auch das zweijährige ältere Kind lagen im Bette der kranken Frau, die vor Schwäche kaum sprechen konnte. Das Elend dieser Wochenstube sprach eine ergreifende Sprache. Als die Frau niedergekommen war, befand sie sich in hellster Verzweiflung, es war kein Kreuzer Geld im Hause. Der Ehemann ertheilt hebräischen Sprachunterricht, wandte sich an die Armenanstalt der Cultnsgemeinde, aber da verlangte man seinen Trauschein — da er keinen vorweisen konnte, erhielt er nichts. Es ist eine feststehende Tbatsache, daß die Cultnsgemeinde jährlich coloffale Summen für die Armenunterstützung ausgibt, aber die hier genannten Wöchnerinnen, die nach jüdischem Gesetze rechtlich getraut sind, sind von diesen Unterstützungen ausgeschlossen, und wenn die humanen Anträge, die der Experte kais. Rath Dr. K o h n in der letzten Enquete-Sitzung bezüglich armer Wöchnerinnen stellte, zur Ausführung gelangen, dann werden sie diesen armen nur rituell getrauten Wöchnerinnen wahrscheinlich nicht zugute kommen. Man kann also annehmen, daß ein Drittel armer jüdischer Frauen in der schwersten Stunde ihres Lebens von den Unterstützungen der Cultnsgemeinde ausgeschlossen ist. Ich erlaube mir deshalb von dieser Stelle aus die Anregung zu geben, daß die jetzt behufs Ausführung geplanten Reformen in der Armenpflege züsammentretenden Commissionen auch die Unterstützung von nur rituell getrauten Eheleuten in das Bereich ihrer Thätigkeit ziehen mögen. Auch ein großer jüdischer Frauenverein hier geht nach dem Principe der Vorweisung des Trauscheines bei seinen Unterstützungen vor. Eine Vertreterin desselben hatte bei der armen Wöchnerin, von der hier die Rede ist, recherchirt. Sie sah das ergreifende Elend dieser Wochenstube und — verlangte nach dem Trauschein, und da die arme Frau keinen vorweisen konnte, erhielt sie auch keine Unterstützung. Aber es geht wohl nicht an, daß jüdische Wohlthätigkeitsinstitute einer krank und hilflos daliegenden Wöchnerin eine Unterstützung versagen, weil sie nur nach dem jüdischen und nicht nach dem bürgerlichen Gesetze getraut ist. Derartig getraute Eheleute halten fest und treu zueinander, bis der Tod eventuell bis die nach jüdischem Gesetze vorgenommene Scheidung sie trennt; denn der Jude kennt kein Concubinat, keine „wilde Ehe". Ich bitte Sie, geehrter Herr Redacteur, um Veröffentlichung dieser Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte; vielleicht bedarf es nur dieser Anregung hier, um die maßgebenden Factoren auf die Beseitigung eines alten Uebelstandes aufmerksam zu machen. ' . Mit vorzüglicher Hochachtung Ihre Abonnentin R. F. Wien, 25. Jänner. (Jüdisch e a k a d e m i s ch e Lesehalle.) Die jüdische akademische Lesehalle versendet den Jahresbericht über das Vereinsjahr 1897. Mit Stolz und Genugthuung kann der Verein auf diese Zeit zurückblicken, denn schwierig, jedoch nicht erfolglos war seine Thätigkeit. Getreu ihrem Programm, fern von jeder politischen Tendenz, ein g e i st i g e s C e n t r u m der jüdischen Studenten, ohne Rücksicht auf die sonstige P a r t e i a n s ch a u u n g, z u sein, eineStätte, an welcher der Gedanke der Zusammengehörigkeit und Genieinschaft seinen kräftigen Ausdruck finden soll, wo von g e i st i g hochstehenden Männern dem jüdischen Studenten g e i st i g e Anregung u n d B e l e h r u n g zu T h e i l w i r d, h a t s i ch d i e Jüdische akademische Lesehalle aus kleinen Anfängen zum zweitgrößten Verein der Alma mater emporgearbeitet. Sieben Sectionen waren an der Arbeit, und zwar eine hebräische, französische, literarische, naturwissenschaftliche, eine Musiksection und eine Turn- und Fechtsection. Der Jahresbericht enthält ausführliche Berichte der einzelnen Sectionen, und am Schluffe einen Aufruf, den wir an anderer Stelle bringen, an die jüdischen Mitbürger, von bedeutenden Männern der Wiener Juden schaft unterschrieben. Das derzeitige Präsidium, Techniker Siegfried Rosen bäum, verspricht am Schluffe des Berichtes eine Reihe von Actionen behufs Besserung der materiellen Lage der jüdischen Studentenschaft in Angriff zu nehmen, von denen wir hier nur die Gründung eines jüdischen Studentenheims in Verbindung mit einer jüdischen Mensa hervorheben wollen. Wien. (S ch u l z u st ä n d e.) An einer Mädchenbürgerschule unterrichtet in der I. Claffe ein junger Lehrer S., der sich die Langweile dadurch zu vertreiben sucht, daß er seine Schülerinnen mosaischer Confession mit den ausgesuchtesten antisemitischen Schimpfworten, als: Judensau, Judenbagage u. s. w. belegt. Ein Heldenstücklein soll der edle Volkserzieher vor Kurzem geleistet haben. Der katholische Religionslehrer hatte die Namen der Söhne der Patriarchen Jacob auf die Tafel geschrieben. S. betritt nach der Religionsstunde den Saal, rümpft die Nase und ruft: „Da stinkt's", dann blickt er gegen die Tafel: „Ach so! Sie, L. löschen Sie das weg." L. thut, wie ihr befohlen. Dann wendet sie sich gegen den Lehrer und spricht: „Herr Lehrer, den Fetzen (Schwamm) nehme ich nicht mehr in die Hand; der stinkt jetzt." „Recht haben Sie" sagt Herr S., der treffliche Bildner der Jugend! Wien. (Gustav S i m o n.) Am 23. d. M. fand auf dem Centralfriedhofe die feierliche Enthüllung des Grabdenkmales für den im Vorjahre verstorbenen Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde Gustav Simon statt. Außer den Familien- Angehörigen waren zur Feier als Vertreter des Cultusvorstandes Herr Vicepräsident Dr. Gustav K o h n, kaiserlicher Rath Friedr. Vogel, Arthur Edler von Mises, Dr. Alfred Berger, der Centcalfriedhos-Verwalter R i s ch a n e k und Andere erschienen. Nachdem Cantor Jurb erg er unter Assistenz seines Chores einen Trauerpsalm zuni Vortrage gebracht, hielt Rabbiner Dr. Schmied! dem Heimgegangenen einen warmen Nachruf, in welchem er die Verdienste desselben um die Cultnsgemeinde und deren humanitären Institutionen hervorhob und in Erinnerung brachte, daß Gustav S i m o n der erste Präsident der v e reinigten großen Cultusgemeinde Wien, der größten jüdischen Gemeinde des Continents gewesen. Mit dem Kaddischgebete schloß die erhebende Feieri Das Denkmal, welches die Familie nach dem Entwürfe des Professor Feldscharek hat anfertigen lassen ist ganz im dunkeln Materiale gehalten und macht durch seine stylvolle Ausführung und die. Gediegenheit des Steines einen außerordentlichen Eindruck.

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