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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 71 Vr Vwch's »oMentchrMötr. 4 Ein Jude wandelt am stillen Freitag mit einem Bündel auf dem Rücken. Da ergeht über ihn der„Fluch: „Du sollst ewig wandern ohne zu ruhen, bis Du zwei aufgerichtete Eggen triffst." Er wandelt noch und heißt deshalb der ewige Wandelj u d e. Aehnliches vom ewigen Juden erzählt eine Elberfelder Sage (a. a. O. S. 199). Nur handelt hier der Jude am Weihnachtsfest. (Die Sage ist dem Werke von Leibing, „Sagen und Märchen des Bergischen Landes" entnommen.) Daß man den ewigen Juden auch mit dem wilden Jäger zusammenbringt, entnehmen wir einer Sage, welche unserem Sammler mündlich berichtet wurde. Die Leute wollen deutlich sein „Ho, ho" in den Lüften gehört haben. (Ans dem Düffelgebiet, a. a. O. S. 105). Andere wieder schreiben das laute Geheul in der Luft dem Judas Jschariot zu, „der nimmer zur ewigen Ruhe gelangen kann" (a. a. O. S. 254). Sicherlich haben wir in diesen kurzen Berichten lehrreiche Beiträge zur vergleichenden Geschichte von höchst wichtigen und in der Literatur oft behandelten Sagengebieten. Der ewige Jude, der wilde Jäger und Judas Jschariot, welch' tiefe Einblicke gewähren diese Sagen in den Anschauungskreis eines naiven Volkslebens, das aber wenig davon weiß, daß geschrieben ist: „Alle Vergehungen bedeckt die Liebe!" Was das Volk von den Bräuchen der Inden hält, erzählt folgende höchst eigenthümliche Sage; sie ist dem C ä s a r i u s von H e i st e r b a ch entnommen. (Vergl. über ihn Alex, von Kaufmann: Ein Beitrag zur Culturgeschichte des XII. und XIII. Jahrhunderts, Köln 1802). In Königswinter feierten einst die Juden das Laubhüttenfest. In dem Hause eines Ritters, das sie gemiethet hatten, um hier einen Festgvttesdienst abzuhalten, fand sich auf dem Altäre, dem ihr Priester znschritt, eine m ä ch t i g e K r ö t e. Er schrie vor Entsetzen laut auf. Juden und Christen eilten herbei. „Mehrere Ritter und deren Weiber hatten sich eingefunden und vermehrten, in lautes Gelächter, sehr bezeichnend, ausbrechend, noch die Verwirrung der Juden." (Schell, a. a. O. S. 497.) Ich füge hinzu, daß ähnliche Märchen, welche das Heiligthnm der Juden mit Thieren in Zusammenhang bringen, sich schon bei alten Schriftstellern finden. Von den Juden und dem Denkmal Johann Wilhelms zu Düsseldorf, erzählte man mündlich (a. a. O. S. 117): „Die Patinabildung an dem erzgegoffenen Standbild zu Düsseldorf ließ bei dem Volke den Glauben aufkommen, es sei Grünspan, welcher das silberne Denkmal überzogen habe. Einst boten die Inden in Düsseldorf der Stadtbehörde eine Million Thaler, wenn man ihnen gestatte, diesen Silberrost abschaben zu dürfen. Leider wurde das Gesuch abgeschlagen." Wer wohl da die Gefoppten gewesen sein mögen?! Von dem „ganz besonderen Saft", genannt Blut, erzählt zum Schluffe noch folgende Sage; auch sie beruht auf mündlichem Berichte (a. a. O. S. 470). Am I u d e n k i r ch h o f e zu Kaiserswerth liegt ein großer Steinblock. Wenn Mittags im Orte die Glocken geläutet werden, springt der Stein dreimal, nach Anderen gar 12mal herum. „Sticht man im Frühjahr mit einer Nadel in den Stein, dann fließt B l n t heraus." Soviel von den „Bergischen Jndensagen". Wir nehmen damit Abschied von Schell's interessantem Buche. Die in ihm enthaltenen Jndensagen sind wohl ein Beitrag zur Kenntniß des Verhältnisses, in welchem das Volk am Rhein zu den Juden stand. Sie erzählen uns in ihrer Naivetät auch ein wenig die Geschichte des Judenvolkes am Rhein, welcher von so vielen blutigen Verfolgungen zu berichten weiß. Siezeigen uns aber mit erschrecklicher Deutlichkeit, von welchen Vorurtheilen das Volk zu allen Zeiten gegen die Juden erfüllt war, und wie wenig man uns das entgegenbrachte, worauf wir als Menschen doch auch Anspruch haben — Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit. Brün n. Dr. Max Grünfeld. Wien. (Aus der Sitzung des Vo rstand es der i s r a e l i t i s ch e n C u l t u s g e m e i n d e vom 22. Jänner 1898, Beginn 6 Uhr Abends.) Die Sitzung findet unter der Leitung des Präsidenten kais. Rath Klinger statt. Der Präsident beantragt namens des Vertretercollegiums, daß anläßlich des ersten Jahrzeittages des verewigten, hochverdienten Präsidenten Gustav Simon Mittwoch, am 2. Februar, Abends in einem der Gemeindetempel eine Trauerfeier veranstaltet werde. Dieser Antrag wird einstimmig angenommen und die weiteren Anordnungen, betreffend die Ausführung, dem Präsidenten überlassen. Weiters wird beschlossen, alljährlich am Sterbetage des verewigten Präsidenten im Bethause des israelitischen Armenversorgungshauses, an dessen Schaffung der Verblichene mit besonderer Hingebung mitwirkte, eine Jahrzeitfeier abzuhalten. Seitens des Herrn Bice-Präses Dr. Stern ist ein an den Präsidenten gerichtetes Schreiben eingelansen, in welchem Herr Dr. Alfred Stern in pietätvollem Gedenken an seinen im Vorjahre verewigten Bruder Julius Stern und im Sinne eines der letzten Wünsche des Verstorbenen den Erlös der aus dem Nachlasse seines Bruders herrühreudeu Kunstsammlung, welcher auf fl. 20.000 bis fl. 25.000 veranschlagt werden könne, für eine Wohlthätigkeitsstiftnng der israelitischen Cultusgemeinde widmet, welche seinen und seines verewigten Bruders Namen zu tragen hätte, wobei er in erster Linie die Widmung für ein etwa zu errichtendes Siechenhaus im Auge hätte. Das Schreiben wird vollinhaltlich zur Verlesung gebracht. Der Herr Präsident knüpft an die Verlesung desselben unter Ausdruck des Dankes auch warme Worte der Erinnerung an den verewigten Herrn Julius Stern, welcher seinem letzten Geburtstage durch diese Widmung die Weihe gab. Der Präsident bemerkt, daß, wer den Verblichenen gekannt, die Ueberzeugung gewinnen mußte, daß derselbe ein Mann von biederster Charakterfestigkeit gewesen, dessen Wort in den Körperschaften, ivelchen er angehörte, gehört wurde, als das eines Mannes, welcher die Verkörperung der Rechtschaffenheit darstelle. Der Präsident ladet die Anwesenden unter allgemeiner Zustimmung ein, dem ehrenden Gedenken des Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen Ausdruck zu geben. (Geschieht.) Weiters gelangt ein Schreiben der Frau Rosalia Edle von Kuffuer zur Verlesung, in welchem dieselbe mittheilt, daß sie anläßlich ihrer Genesung von einem schweren Leiden sich bereit erklärt, zwei Stiftplätze für Frauen im Altersversorgungshause mit dem Betrage von zwölftausend Gulden (fl. 12.000 österreichische Rente) zu errichten. Der Spenderin wird für diesen hervorragenden Hnmanitätsact der wärmste Dank ausgesprochen. Namens des Vertreter-Collegiums referirt Herr Vice- Präsident Dr. Kohu über die Charlotte Kuffner'sche Grab- Erhaltungs- und Verwandten-Stiftung. Die Annahme dieser Stiftungen unter den vom Vertreter-Collegium beantragten Modalitäten wird beschlossen. lieber Ansuchen des Talmud-Thora-Vereines für die Bezirke XII—X V wird beschlossen, diesem Vereine ein entsprechendes Locale im Gemeindehanse, Turnergasse Nr. 22 zu Unterrichtszwecken unentgeltlich zu stellen. Die erfolgte Verleihung der Zinsen der Isidor Kulka'schen Wohlthätigkeirs-Stiftnng im Betrage von ö. W. Gulden E i nh u n d e r t s i e b e n u n d d r e i ß i g und 60 kr. (fl. 137'60) zur Bekleidung armer Schüler der Talmud-Thora-Schule wird nachträglich genehmigt. Ueber eine Eingabe des Ortsschulrathes Leopold Strauß, in welcher das Elend so vieler jüdischer Schulkinder im!!. Bezirke geschildert wird, werden zur Anschaffung von Schuhen ö. W. Gulden Dreihundert (fl. 300) bewilligt. Die Ausführung der Angelegenheit wird der Unterrichtssection übertragen. Für die Bibelschule im XVUI. Bezirke werden für außerordentliche Ausgaben im Jahre 1897 ö. W. Gulden E i nhundert (fl. 100) bewilligt. Ueber Antrag des Vertreter-Collegiums und des Referenten Herrn Dr. Berger wird dem Vereine „Marpe Lanefesch" die Bewilligung zur Errichtung eines Bethauses im II. Bezirke, Taborstraße Nr. 38 und dem Vereine „Meichisch-Jeschua" über Antrag desselben Referenten die Bewilligung zur Errichtung eines Bethauses II., Josefinengasse Nr. 10 bis auf Widerruf ertheilt. (Schluß der Sitzung um 9 Uhr Abends.) Wien. (Z u r E n q u e t e über die Armenpfleg e.) Geehrter Herr Redacteur! Gestatten Sie einem Outsider, der die Verhandlungen der Enquete über die Armenpflege, die Sie in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlicht hatten, mit Interesse verfolgt hat, einige Worte zur Sache.

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