Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021228--07513-3031845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 70 Vr. Bloch » Wochrnschrtfl Nr 4 (Grenzen überschreiten, ich kann nur einige besonders bedeutsame Forderungen hervorheben. Es sind das etwa folgende: „Iß nie, wenn Du nicht vom Hunger dazu getrieben wirst, trinke nie, wenn Du nicht durstig bist, trinke auch nicht während der Mahlzeit, sondern erst nachher." Man sieht, moderne Diät-Vorschristen haben manchmal ein ehrwürdiges Alter! „Stets soll das, was leichter verdaut wird, zuerst genossen werden, die schwerer verdaulichen Speisen folgen. Vor dem Essen soll man seinen Körper durch Arbeit abmühen, bis er sich erwärmt, dann soll Ulan so lange warten, bis der Athem wieder ruhig geht, und erst dann effen. Nach der Mahlzeit soll man ruhen. Für den Schlaf genügen acht Stunden. Alan soll sich nie unmittelbar nach dem Nachtmahl hinlegen, sondern drei bis vier Stunden warten, auch nicht am Tage schlafen." Er verbietet, ferner sich in einer Gemeinde niederzulassen, in welcher fehlen, 1) ein Arzt, 2) ein Chirurg, 3) ein Bad, 4) ein Anstandsort, 5) siießcndes Wasser, 6) eine Synagoge, 7) ein Knabenerzieher, 8) ein Schreiber, 9) ein Almosensammlcr, 10) eine Behörde, wobei bemerkcnswerth ist, daß der Arzt die erste Stelle, die Synagoge die sechste Stelle der für eine Niederlassung unerläßlichen Factoren einnimmt. Ueberblicken wir noch einmal das Gesagte, so wird man zugeben müssen, daß wir in Maimonides einen ausgezeichneten Arzt und Denker zu bewundern haben. Sein hygienischer Codex, der sich aus dem tiefen Wissen der Araber einerseits und selbstständigen Forschungen andererseits aufbaut, ist eines der h e r v o r r a g e n d st e n Denkmäler in der socialhygienischen Gesetzgebung aller Zeiten und Völker, es ist wohl kaum jemals ein gleich umfassender Codex der Gesundheitspflege niedergeschriebcn worden." Deutsche Sagen und die Juden. Es ist eine heute nicht mehr zu beweisende Thatsache, daß sich das Wesen eines Volkes deutlich in seinen Sagen offenbart. Wie ein Volk die bedeutendsten Persönlichkeiten und Ereignisse seiner Geschichte erfaßt und sie mit einem Kranze von immergrünen Dichtilngen umgibt, das zu betrachten ist nicht nur außerordentlich anziehend, sondern was mehr sagen will, lehrreich. Wer denkt da nicht sofort an den reichen Sagcnschatz, mit welchem unser jüdisches Volk die großen Persönlichkeiten der Bibel ansgestattet hat? Wer denkt da nicht an unsere Midraschim? Es ist das Verdienst einer verhältnißmäßig jungen Wissenschaft, der Folklore oder Volkskunde darauf hingewiesen zu haben, wie zur Kenntniß des Volkscharakters seine Sagen nicht minder beirragen, wie seine Geschichte. Dr. F r i e d r. S. K r a u ß in Wien hat mit seiner Zeitschrift „A in U r q u e l l" dieser Wissenschaft gleichsam ein Sprachrohr verliehen, sie ist zur Sammelstätte von Mitarbeitern aller Völker geworden, von Mitarbeitern, welche gewissermaßen an den Ursprüngen eines Volkes, dessen Werden betrachten, belauschen, wie es fühlt und denkt und dieses in dichterischen Sagen und Legenden zum Ausdrucke bringt. Eine Frucht dieser folkloristischen Forschungen und Arbeiten ist ein stattlicher Band, der uns vorliegt; er enthält „B e r g i s ch e Sage n", gesammelt von Otto Schell (Eberfeld 1897, Bädeker'sche Buchhandlung). — Wir lernen aus diesen Sagen das Volk am Niederrhein kennen, in jenem Ländchen, das von den Zuflüssen des Rheins, genannt Ruhr, Sieg. Düffel, dem Deilbach, Angerbach, der Itter, Wupper, der Dhün, dem Strunderbach, der Sülz, der Agger und Wiehl u. A. durchströmt wird. Es ist das alte Herzogthnni Berg, zur jetzt preußischen Rhein-Provinz gehörig, mit seinen Burgen und Ruinen, aber auch mit seinen industriereichen Städten, mit seinen Kohlengruben und Fabriksschloten, das durch seine Volkssagen uns erschlossen wird. Wie sich nun dieses Rheinvölkchen zu seinen Hexen und Teufeln, zu seinen Quelluud Waldfräulein, zu seinen Gespenstern und Spielmännern stellt, wollen wir hier nicht betrachten; es bietet aber der Belehrung genug, wenn man vom Volksaberglauben ein Capitel hören will. . Uns interessirt hier: v o n w e l ch e m Standpuukte betrachtet die nieder rheinische Volkssage die Juden? Wenn ich richtig gezählt habe, so sind in unserem Bande, der mehr als 600 Seiten umfaßt, 11 Sagen, die sich mit Juden beschäftigen. Da ist es nun lehrreich zu sehen, wie alt gewisse Vorurtheile gegen die Juden und wie tief wurzelnd der Haß gegen sie beim Volke ist. Der Haß äußert sich in der unsinnigen Beschuldigung das Blutgebrauches, das Vorurtheil darin, daß auch das Gute, das sie ausführen, ihren Zauberkünsten zugeschrieben wird. Sie retten Menschen, sie löschen Feuersbrünste, man sollte nun meinen, daß sie in der Sage als Wohlthäter des Volkes erscheinen, nein, dies Alles wird durch Zauberei, durch Gemurmel von Worten, durch räthselhafte Zeichen bewirkt; eben so, wie die heutigen Gegner selbst die jüdische Wohlthätigkeit als einen Ausfluß der religiösen Selbstsucht bezeichnen. Interessant und für die Gehässigkeit, welche den Juden entgegengebracht wurde, bezeichnend ist es auch, wie die Ursache der Wanderung des ewigen Juden geschildert wird. Der arme Hausirer, welcher am „stillen Freitag" und am Weihnachtsfeste doch auch sein Brod verdienen muß, wird wegen dieses Frevels zur ewigen Wanderung verurtheilt, eine Strafe, welche doch kaum seiner Sünde entspricht. Hören wir zunächst, was die „Bergischen Sagen" über den Blut gebrauch berichten. Die betreffende Sage stammt aus dem Dhüngebiet, sie ist entnommen dem hervorragenden Sagenwerke von Montanus-Waldbrühl: „Die Vorzeit der Länder Cleve-Mark-Jnlich-BergundWestphalen" und findet sich in Schell's Buche auf Seite 270. Ein Mädchen aus Schlebusch reist eines Tages nach Cöln. Bei der Ueberfahrt über den Rhein schneidet es die Nägel der Hände. Ein Jude betrachtet dies, läßt sich das Messer zeigen und bietet dafür einen beträchtlichen Preis, so daß der Handel abgeschlossen wird. Das Mädchen mußte den Handel theuer bezahlen;.„denn", und jetzt citire ich wörtlich, „der Jude verstand es, vermittelst des Messers dem Mädchen trotz der Entfernung das Blut zu entziehen, welches die Juden, dem V o l k s g l a-u b e n gemäß, zu gewissen Zwecken bedürfen (sic!!). Als das Mädchen nach Hause kam, siechte es hin und starb nach kurzer Zeit. Es wurde ganz ohne Blut gefunden. Das Ungeheuerliche und verlogene Wesen des Blutaberglaubens, wird wohl in wenigen Volksdichtungen in so deutlicher Weise dargestellt, wie in dieser Sage. Sie ist gewissen Volksbeglückern in ihrer Widersinnigkeit und Thorheit zur besonderen Beachtung empfohlen. Wie der Jude selbst den dummen Teufel besiegt, dadurch aber einen frommen Mann rettet, erzählt gar ergötzlich die Sage vom „Horkenstein zu Hattingen" im Ruhrgebiete (a. a. O. S. 3, entnommen Firmenich „Germaniens Völkerstimmen".) Es ist das Schicksal der Juden, daß selbst das Gute, was sie thun, in das Schuldbuch ihrer Gewinnsucht geschrieben wird. So erzählt unsere Sage, wie der Teufel den frommen Ludgerus, der durch sein Beten allen Leuten zur Seligkeit verhalf, durch einen gewaltigen Stein, den er mühsam aus dem Morgenlande herbeigeschleppt hatte, tobten wollte. Da begegnet dem Teufel ein Jude, der ihm, „wie schon die Inden verschlagen und gewinnsüchtig sind", weiß macht, er sei noch im gelobten Lande, worauf der Teufel den Stein wegschleüdert und durch die Luft entweicht. — Wir fragen erstaunt: Wo liegt hier die Gewinnsucht des Inden verborgen? An diese Sage schließen wir wohl am besten zwei an, welche erzählen, wie Inden Retter in Fenersgefahr wurden. Natürlich thaten sie dies durch allerlei Zaubermittelchen, wie schon bemerkt. Der Jude thut eben — das ist das Ergebniß dieser Sagen — Alles aus Selbstsucht. Die eine Sage stammt aus dem Düsselgebiet. Hier wurde unserem Sammler mündlich erzählt (a. a. O. S. 104): Zu Krutscheid bei Vohwinkel brach einst ein mächtiges Feuer aus; alle Löschversuche, waren vergebens. Da eilte man zu dem Juden Nathan, von dem man meinte, er könne Feuer durch Za über mittel löschen. Lange wollte der Jude sich nicht bewegen lassen, das Werk der Barmherzigkeit zu thua und das Feuer zu löschen. Endlich läßt er sich doch dazu herbei. Man bringt ein Brot, führte den Juden rückwärts gegen das brennende Haus, er murmelt allerlei unverständliche Worte, wirft das Brod über seinen Kopf in die Flammen — und diese erlöschen sofort. Daß ein Jude sich weigert, ein Werk der Barmherzigkeit zu thun, wenn er seinen Nebenmenschen leiden sieht, entspricht wohl sehr wenig dem, was wir „jüdisches Herz" zu nennen pflegen. Etwas Aehnliches erzählt man sich in Wiesdorf am Rhein (Montanus-Waldbrühl a. a. O. l. S. 214, Schell a. a. O. S. 482). Wenn es dort brannte und das Unglück ein Haus erreichte, dem die Juden gewogen waren, dann machten sie mit Kreide ein Zeichen an dessen Thür. Die Nachbarn waren dann sicher, daß das Feuer nicht weiter fressen werde und gingen ruhig nach Hanse. Gut, daß man wenigstens den Juden dieses Vertrauen eutgegenbrachte und diese doch .nicht so schlecht sind, wie ihr Ruf. Die Sage vom ewigen Juden ist gewiß in mancher Beziehung eine der bedeutsamsten. Es ließe sich, wenn wir sie näher betrachten, ein Capitel über Barmherzigkeit und Liebe, die den Juden versagt blieb, aus ihr ableiten. Hören wir, was unsere Sagen darüber erzählen. Aus dem Rnhrgebiete .stammt die folgende, welche mündlich berichtet wurde (a. a. O. S. 46).