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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 Vr VUntz's M»Ärrnptzrrp Seite 69 und der Advocatur mit Ausschluß aller anderen juristischen Aemter ist gerade dem stärksten jüdischen Talent kein genügender Spielraum gegeben. Es fühlt sich eingeengt und die Mische dialectische Kraft bekommt den bekannten sophistischen, spitzfindigen Zug. der sich oft nur da einstellt, wo der Gegenstand, durch seinen Mangel an Weite und Größe, ihr nicht angemessen ist, und sie nicht die Freiheit hat, sich dem Höchsten zuzuwenden. Der semitische Verstand ist ein wesentlich talmudistischer und beschäftigt sich am liebsten mit den letzten philosophischen und theologischen Problemen. Man kann sich keinen schärferen Gegensatz dazu denken, als den russischen Geist mit seiner naiven Hingebung an Alles, was sich concret darstellt und mit seiner tiefkünstlerischen Fähigkeit, innere Wahrnehmungen festzuhalten und sie in einem unveränderlichen Gefühl hindurchzutragen durch die längsten und abstractesten Begriffswandlungen; er sieht teleskopisch, wo der Russe durch ein Mikroskop schaut; er ist weitsichtig bis zu dem Grade, daß ihm das Naheliegende entschwindet, daß die Schönheit des Einzelnen sich ihm entfärbt, und alle Formen sich auflösen, aber in diesem ungeheuren Unterschied der beiden Racen hinsichtlich ihrer Art, auf die Dinge zu blicken, findet sich ein tiefliegender Vereinigungspunkt, nämlich: alle beide — durch wie verschiedene Gläser es auch geschieht — schaue n ihren Gegenstand, sie nehmen ihn wahr mit enthusiastischen, liebetrunkenen Augen, während der deutsche Verstand eher geneigt ist, ihn mit Begriffszangen zu fassen. Daher könnten Russe und Jude sich einander wie von zwei entgegengesetzten Polen der Cultur ergänzend nähern, bis sie sich, an ihrem Berührungspunkte angelangt, zu beiderseitigem höchsten Vortheile durchdringen und verstehen lernten. Dies würde man in Kurzem einsehen, sobald die philosophischen Lehrstühle an den Universitäten Rußlands der jüdischen Concurrenz freigegeben würden. __ „Die 3eü\ Jüdische Sorialhygiene. In einer der letzten Nummern der Sonntags-Beilage der „Bossischen Zeitung" veröffentlicht Dr. Paul A p P e l i u s einen sehr lehrreichen Artikel über „M a i m o n i d e s, einBeitragzur j ü d i s ch e n S o c i a l h y g i e n e", in welchem es heißt: „Nach dem Abschluß des babylonischen Talmud erfolgt eine innige Verschmelzung der jüdischen Medicin mit der der Araber, deren Cultur zu der Zeit einen gewaltigen Aufschwung nahm, und wir finden namentlich unter der Herrschaft des Khalifen Abu Giassar Almonsor Inden bei der Gründung medicinischer Schulen hervorragend betheiligt. Es entstanden ferner eigene jüdische Hochschulen für Medicin, wie in Cordova, Granada und Toledo, und in den Akadeniien für Rabbiner wurde der Unterricht in der Medicin obligatorisch. Ter jüdische Arzt genoß einen begründeten Weltruf; er war der Leibarzt von weltlichen und Kirchenfürsten, ja sogar die Päpste bedienten sich seiner, obwohl eigentlich die Kirche die Benutzung jüdischer Aerzte verboten hatte. In jener Epoche finden wir klangvolle Flamen, wie Harun de Cordova, Jehuda Chaing, Annan de Toledo, Jbn Zohor, den berühmten Lehrer seines noch berühmteren Schülers AverhoLs, ferner den Chirurgen Raschi, Jbn-Esra und Andere. Als jedoch die Mauren aus Spanien vertrieben waren, war es mit der Herrlichkeit der jüdischen medicinsichen Hochschulen vorbei, sie verfielen der Zerstörung, und ihre Lehrer und Schüler zerstreuten sich über alle Lande; so kommt es, daß wir die jüdischen Aerzte in allen civilisirten Theilen der Erde finden. Als die saracenische Cultur zu Grabe getragen wurde, waren es die Juden, die den kostbaren Schatz medicinischer Wissenschaft bewahrten, und ihrer Solidarität ist es einzig und allein z u verdanken, d a ß d i e m e d i c i n i s ch e Wissenschaft nicht überhaupt voni Erdboden verschwand, sondern überallhin verbreitet wurde. Um aber dieses Rettungswerk durchführen zu können, bedurfte es einer Centrale, und so erfolgte die Gründung der medicinischen Schule zu Montpellier, der nachmals so berühmten Facultät dieser Stadt. Die Schule von Montpellier wurde sehr bald der Mittelpunkt medicinischer Forschung, den Ruf jüdischer Gelehrsamkeit weithin verbreitend, und noch im Jahre 1300 -finden wir den gelehrten Juden Profatius als Rector. Die Schule von Montpellier blieb eine Leuchte der Wissenschaft, ihre Schüler, wie arabisch-jüdische Wissenschaft überhaupt, verfochten und vertraten Lehren, die von hoher Kenntniß zeugen. Wenn der arabischjüdische Arzt Isaak Judaeils in seinem Führer der Aerzte schreiben kann: „1. Die meisten Kranken genesen ohne Beistand des Arztes durch Hilfe der Natur. 2. Hast Du die Wahl, durch Nahrungsmittel zu heilen oder durch Arzneien, so wähle stets die ersten. 3. Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist es, Krankheiten zu verhüten", so hat Isaak Judaeus eine hohe Staffel des Wissens und der Erkenntniß erreicht, und es muthet eigen an, bereits in jener Zeit Lehren als unumstößliches, segenbringendes Gesetz zu finden, auf die man heute mit Recht so großes Gewicht legt. . . Nachdem Maimonides einen Ruf als Leibarzt zu einem der christlichen Fürsten unter den Kreuzfahrern nach Askalon ausgeschlagcn hatte, ernannte ihn Salahcd-Din, der inzwischen den egyptischen Thron bestiegen hatte, 51t seinem Leibarzt; dieser Dienst war aber für ihn sehr lästig und anstrengend : er mußte jeden Morgen von seiner Wohnung aus eine Stunde Weges nach Cabira in die fürstliche Residenz und nicht allein die zahlreichen Mitglieder der königlichen Familie, sondern auch die noch zahlreichere Schaar der Hofbediensteten und ihrer Angehörigen besuchen. Wenn er dann abgemattel des Abends nach Hau'e kam, fand er seine Wohnung umlagert von Kranken aller Stände, die seine ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen, so daß er sich kaum ein wenig erholen konnte und oft den Kranken bis Mitternacht Rath ertheilte. Auch der Sohn und Nachfolger des Salah-ed-Tin, el Malik el Aziz, behielt ihn als Leibarzt, und besonders fand er eine große Stütze an el-Kadhi el Fudhil, der ihn mit Ehren und Gunstbezeugungen überhäufte. Daraus ersieht man, daß Maimonides eine umfangreiche, zeitraubende Praxis hatte; umsomehr muß man seine erstaunliche Arbeitskraft bewundern, da er nebenbei noch eine sehr bedeutende schriftstellerische Thätigkeit entfaltete. Maimonides starb 1208 und soll zu Tiberias in Palästina begraben sein. Es liegt nicht in meiner Absicht, hier alle Schriften des Maimonides aufzuzählen; ich kann nur einige herausgreifen. Da ist zuerst der Tractatus de regiiuine sanitatis, oder Briefe über Diätetik an den Sultan Salah-ed-Tin; es ist das eine im populären Tone gehaltene Hygiene von höchstein Werth; ferner schrieb er im Aufträge des schon genannten Kadhi Abu Alt Abd el-Rahim el Beisäni ein Buch über Gifte und ihre Heilung, wahrscheinlich damit - einem dringenden Bedürfnisse abhelfend, ferner 25 Bücher Aphorismen, zumeist ein Abklatsch des Hippokrates. Alle diese Werke sind gedruckt; im Manuscript verblieben sind seine größten Werke: Ueber die Medicamente, arabisches Manuscript in Oxford, ferner sein großes Werk Sephcr Hassiboth, De causis et indiciis morborum, über die Ursachen und Anzeichen der Krankheiten. Leider ist dieses Werk unbekannt; ein Exemplar soll sich unter den Handschriften des Baticans befinden, ein zweites in Oxford; beide harren noch der Auferstehung. Wir bewundern in Maimonides einen glänzenden, zu hoher wissenschaftlicher Klarheit gelangten Geist, ich möchte sagen antiker Cultur, der, unberührt und ungehemmt von christlicher scholastischer Spitzfindigkeit, den jüdischen Ceremontencoder niederschrieb. In erster Linie mußte er darauf bedacht sein, die Arbeit vieler Jahrhunderte, die Aufzeichnungen der Talmud-Toctoren wissenschaftlich und kritisch zu sichten, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden und eine Grundlage zu schaffen, auf der weiter aufgebaut werden konnte. Diesem Zwecke dienten ein Commentar zur Mischna und das vielgenannte Buch Moreh Nebuchim, Führer der Verirrten. Aber er begnügte sich riicht, schon einmal Geschriebenes nur in knapperer, klarerer Fassung zu wiederholen, er benutzte auch die mündliche Ueberlieferung und schrieb die esoterische Socialhngiene der Juden, wie sie sich in der Ueberlieferung erhalten hatte, nieder. Tie Leiden, deren Ursache der Mensch ist» zerfallen in zwei Arten, erstens in solche, die ein Individuum dem anderen zufügt, und zweitens in solche, an denen der Mensch selber schuld ist. Unter die erste Gruppe fallen namentlich die Schädigungen, die durch ungeschickte Behandlung der Aerzte entstehen, so recht eigentlich durch Mangel an Wissen. So schreibt Maimonides in der Einleitung zum Tractat Aboth: „Ter Arzt, dem die Erhaltung der Gesundheit des menschlichen Körpers obliegt, soll zunächst diesen Körper genau erforschen, sowohl als Ganzes, wie in seinen Theilen, und ebenso, welche Tinge diesem Körper Krankheiten zuführen, auf was für Art sie verniieden werden können, und was den Körper gesund erhält. Indessen sagt schon Aristoteles, daß die Mehrzahl der Menschen als ein Opfer der Medicin stirbt, da die Aerzte die wahre Natur der Menschen nicht kennen. Ter Arzt muß wissen, wann und wie er eingreifen soll. Ties hat schon Maimonides bestimmt, wenn er sagt: „Ist die Krankheit stärker, als die Kraft des Kranken, so ist der Zustand hoffnungslos und jede Medicin unnütz; ist die Kraft des Kranken der der Krankheit überlegen, so ist der Arzt gleichfalls überflüssig, da die Natur von selbst die Heilung herbeisührt; nur wenn die Kraft beider gleich ist, bedarf man des 3lrztes, um die Kraft des Kranken zu stärken. Es genügt, wenn der Arzt weiß, wie er die Natur auffassen und stärken soll. Es irren jedoch die nieisten 3lerzte, und in dem Wahn, die Natur zu stärken, schwächen und hindern sie sie. Ja, es kann sehr oft die Krankheit nur leicht sein, und es gewinnt schon die Natur die Oberhand, um sie zu beseitigen, indem sie 3llles zu thun bemüht ist, was von Nutzen ist; es irrt aber der 3lrzt in der Behandlung und unterbricht die Thätigkeit der Natur, und das ist es, was sich zu allen Zeiten und an allen Orten am häufigsten ereignet." So sehen wir ans diesen, verschiedenen Schriften entnommenen Ausführungen, welch' reifem vorgeschrittenen Wissen wir bei Maimonides begegnen, der bereits im 12. Jahrhundert alle die Kränkheitsquellen kannte und zu würdigen wußte, welche die moderne mediciNische Forschung a n n i m m t. Ich komme zur Besprechung des „Jad Hachasakah" genannten Codex'. Das Buch ist in mehr als in einer Beziehung interessant. Das Endziel alles menschlichen Strebens soll die Erkenntniß Gottes sein; ein kranker Mensch ist jedoch außer Stande, irgend etwas von der Erkenntniß Gottes zu begreifen, es muß daher der Mensch alles das vermeiden, was die Gesundheit zu schädigen im Stande ist, und dafür alles das thun, was den Körper kräftigt. Ich muß es mir leider versagen, eine genauere Darstellung seiner Gesetze zu geben, wollte ich nicht die mir gesteckten

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