Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 66 Vr NUntz's Wmtzrnfitzrtfr Nr. 4 an der französischen Revolution, noch mehr an dem Elend Spaniens und Italiens. Die Geistlichen verstehen das Regieren nicht, dafür war der Kirchenstaat der beste Beweis. Und die protestantische Geistlichkeit würde es hierin der katholischen wohl annähernd gleich thun. Ich will von solchen Bestrebungen nichts wissen, weil auch unser Volk dabei schließlich nur schlechter fahren würde. Stöcker und seine Leute haben mir darum auch öfter am Zeuge flicken wollen und haben mir namentlich mein Berhältniß zum Bankier Bleichröder vorgeworfen. Ich weiß, was ich von Bleichröder als Mensch und seinen Söhnen zu halten habe, ich weiß Alles und billige nicht Alles, aber seine Tochter ist eine Frau von vornehmer Gesinnung und Geist. Für mich selbst war Bleichröder mein Bankier, der ein Theil meiner Finanzen verwaltete. Es ist erlogen, daß ich ihm wichtige Mittheilungen politischer Natur gemacht habe, damit er solcher Gestalt bessere Geschäfte für sich und für mich machen könne. Wahr ist aber, daß mir Bleichröder im Jahre 1866 die Mittel zur Kriegführung, die uns Niemand vorschießen wollte, beschaffte. Das war eine That, für welche ich dem Manne zu Dank verpflichtet war. Als anständiger Mann lasse ich mir auch von einem Juden nicht nachsagen, daß ich ihn gebraucht und ihn dann für geleistete Dienste, die ich als Staatsmann hoch anschlagen mußte, verachtet habe. Daß Bleichröder der Urheber der Goldwährung sei und mich zu deren Einführung veranlaßt habe, ist eine Erfindung. Nach 1870 war Alles für die Goldwährung, weil sie dem deutschen Münzwirrwarr ein Ende machte. Wenn statt der Juden Lasker und Bamberger andere in gleicher Weise die Einführung im Reichstage begründet hätten, wäre das Ergebniß das gleiche gewesen. Die Goldwährung hat gewiß auch Gutes gebracht. Die großen Nachtheile, welche der Unterschied der Währungen zwischen Deutschland und den Hauptgetreidehändlern Rußland, Argentinien, Nordamerika, auch Indien, China, Japan nicht blos unserer Landwirthschaft, sondern auch der Industrie gebracht hat, habe ich durch erhöhte Schutzzölle auszugleichen versucht. Leider ist diese Politik unter meinem Nachfolger im Bunde mit der Börse, den Socialdemokraten und dem clericalen Centrum aufgegeben und dadurch das Unheil über unsere deutsche Landwirthschaft gebracht worden. Das Centrum hat durch seine sinnlose Zustimmung zu den Handelsverträgen die deutsche Landwirthschaft unendlich mehr geschädigt, als ihr alle Juden geschadet haben und schaden können. Das war eine wirklich reichsfeindliche Politik, woran die Socialdemokraten die ausgelassenste Freude haben konnten." Dr. Ed. Glaser und die Zianistensührer. Dr. Eduard Glaser, unstreitig der bedeutendste Kenner des Orients unter den derzeitigen jüdischen Gelehrten Europas, hat angesichts der wachsenden zionistischen Propaganda im „Berliner Tageblatt" einen Leitartikel publicirt, der ruhig und sachlich die momentane Realisirbarkeit des zionistischen Gedankens und die eventuellen Chancen der Herzlichen Pläne einer kritischen Erörterung würdigt. Die Herren Dr. Nt a x N o r d a u und Dr. Theodor Herzl sahen sich veranlaßt, an gleicher Stelle ihm zu erwidern und die Antwort war in der Sache entschieden abwehrend, in der Form aber vornehm und gentlemanlike, wie der Aufsatz Glaser's. Selbstverständlich reproducirte das Wiener Organ des Zionistenführers die beiden Erwiderungen. Offenbar dünkte das keine hinreichende Sühne für eine so strafwürdige Ketzerei, denn in dem erwähnten Blatt erschien ein Originalartikel, luit dem Pseudonym „Spectator" versehen, der eine sachliche Discuffion der von Dr. Glaser gebotenen Anregungen strenge vermied, dafür aber mit persönlichen Beschimpfungen und ehrenrührigen Insinuationen ordinärer Art reichlich ausgestattet war. Bis nun gilt es unter Ehrenmännern als Gebot der Ehre für jeden, der aus irgend einer Ursache sich gezwungen erachtet, einem sachlichen Gegner persönlich an den Leib zu rücken, auch mit dem vollen Einsatz der eigenen Persönlichkeit für den Angriff einzutreten. Ueberraschend war ferner die offenbarte naive Unkenntniß der Bedeutung Ed. Glaser' s als Gelehrten und scharfsinnigen Forschers, der — um das Eine hervorzuhebeu — wichtige Partien der jüdischen' Geschichte aufgehellt und als erfolgreicher Orientreisender zwar keine Reichthümer gesammelt, keine officiellen Stellungen erworben, wohl aber durch seinen Mannesmuth und seine allen Gefahren trotzende Tapferkeit dem jüdischen Namen vielfach Ehre gemacht hat. Der derzeit in München lebende Gelehrte war an die „Oesterreichische Wochenschrift", welche, jedem engherzigen Parteifanatismus abhold, den Wortführern aller Parteien, den Vertretern sämmtlicher großen Strömungen und Bestrebungen innerhalb des Judenthums stets eine freie Tribüne war, mit der Bitte herangetreten, ihm zum Zwecke der persönlichen Abwehr das Wort zu gestatten. Wir gestehen, wir haben es ihm gerne und mit derselben Bereitwilligkeit gewährt, wie seinerzeit Herrn Dr. Th. Herzl selbst, als er zum Zwecke der Verteidigung seiner Ideen unsere Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Herr Dr. Ed. Glaser hat hinter, dem Pseudonym „Spectator" irrthümlich Herrn Dr. M. Nordau vermuthet und demgemäß mit seiner Antwort, dem Tone des „Spectator" angepaßt, an dessen Adresse sich gewendet. Wir begreifen, daß Herr Dr. Nordau sich gegen diese Insinuation scharf und entschieden verwahrt. Er sendet uns eine Zuschrift mit der Erklärung: „Den mit „Spectator" Unterzeichneten Aufsatz in der „Welt" vom 7.- Jänner habe ich weder verfaßt, noch eingegebeu, noch vor Eintreffen der betreffenden Nummer der „Welt" in Paris gekannt; es ist in der „Welt" nie auch nur ein Wort von mir erschienen, das nicht mit meinem vollen Vor- und Zunamen unterzeichnet war; ich nehme auf die Redaction der „Welt" nicht den geringsten unmittelbaren oder mittelbaren Einfluß." Die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" war sich von vornherein klar, daß Herr Dr. Nordau dem pseudonymen Artikel vollständig ferne stehen und wohl auch jenes ausgebildete System der Deckadressen, die es gestatten, von unsichtbarer Stätte ohne persönliche Verantwortlichkeit den Wehrlosen anzufallen, nicht gutheißen werde. Die Redaction der „Welt" hält nach dieser Richtung Vieles moralisch für bedenklich, nur nicht, daß der aus einem Versteck Angefallene sich herausnehme, sich zur Wehr zu setzen und daß ihm für dieses Unterfangen von dritter unbehelligter Seite das Wort gestattet werde. Ob solch arglistigen heimtückischen Frevels schreit die „Welt" nach dem Staatsanwalt. Jndeß hat der Appell an die Furcht — bei uns wenigstens — noch immer die Wirkung versagt. Die Redaction. Uns fehlt ein Zola. In der „Welt" vom 21. d. M. widmen mir H. und der augenblicklich verantwortliche Redacteur genannter Zeitschrift, Herr Dr. Sigmund Werner, je einige Zeilen als Empfangsbestätigung meiner in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. Jänner abgedruckten „Quittung". Ich bemerke vorweg, daß unter H. Herr Dr. Herzl zu verstehen sein dürste. H. spricht nämlich von „vertraulichen Rathschlägen, mit denen er (Glasers uns zuerst beehrte". Da ich in zionistischen Angelegenheiten nur mit Herrn Dr. Herzl in Briefwechsel stand und sonst mit keinem anderen Mitglied der Zionisteupartei, so kann das Wörtchen „uns" sich nur auf diesen Hauptführer der Partei beziehen. H. und der gegenwärtige verantwortliche Redacteur stellen sich fürchterlich ergrimmt darüber, daß ich mich über die moralische Haltung der „Welt" in tadelnder Weise geäußert habe. Die Herren Herzl, Nordau und Spectator aber schweigen sich gründlich aus über Alles, was ich jedem Einzelnen dieser Herrn hinausgegeben habe. So obliegt mir also nur. auf das zu antworten, was mir mit Bezug auf die „Welt" erwidert wurde. Dazu genügen folgende Bemerkungen: Ich habe in meinem „Berliner Tageblatt"-Artikcl vom 28. December 1897 die zionistische Bewegung in ihren beiden Führern Herzl und Nordau, die ich zwar nicht nannte, aber genau und unverkennbar bezeichnete, in durchaus ruhiger, anständiger und sachlicher Weise angegriffen. Sofort meldeten sich in der That die beiden Führer, die sowohl am Baseler Congresse, als auch sonst stets