Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Vr. Vlmtz's MvchrnkchrM Seite 67 sals die wirklichen und einzigen Führer, und zwar von der gesammten Partei, betrachtet wurden, zum Wort und veröffentlichten im „Berliner Tageblatt" vom 4. Jänner 1898 unter ihren beiden Namen, je eine Entgegnung auf meinen Artikel. Es stand nun zu erwarten, daß sich das officielle Parteiorgan zur Sache gleichfalls äußern würde. In der That erschien gleich in der nächsten Nummer der „Welt" (vom 7. Jänner) an erster Stelle unter dein Titel: „Abrechnung" eine Antwort auf meinen Tageblatt-Artikel. Aber ganz gegen alles Erwarten, war sie weder von Dr. Herzl, noch von Dr. Nordau, sondern von „Spectator" unterschrieben, den ich weder kenne, noch angegriffen habe. Der anonyme Artikel strotzte von Beschimpfungen meiner Person. War schon von vornherein anzunehmen, daß nur der Führer der Partei das Wort ergreifen werde, da ich doch nur die Führer „gestellt" hatte, so inußte sich Jedermann die gleiche Bermuthung auch aus dem Grunde aufdrängen, weil nur ein Führer das Recht hatte, im Namen der Partei mit mir „abzurechnen", da ich keinem A n d e r n etwas geliefert hatte. Herzl, an den man zunächst denken würde, scheint aber nicht der Autor zu sein, weil gewisse Aenßerungen in der „Abrechnung" im Widerspruche stehen, mit dem, was Herzl im „Berliner Tageblatt" geschrieben hatte. Es drängte sich also von selbst die Bermuthung aus, daß Spectator mit dem zweiten Führer, nämlich mit Herrn Dr. Nordau, identisch sein könnte, zumal einzelne beschimpfende Ausdrücke und Redewendungen, theils den von Nordau im „Berliner Tageblatt" gebrauchten identisch, tbeils täuschend ähnlich sind, so daß es sich also jedenfalls um einen außerordentlich nahen Geistesverwandten Nordau's 'handelt. Die Bermuthung aber, daß es Nordau selbst sein könnte, wurde bestärkt durch den Umstand, daß bei dieser ersten Gelegenheit offen und mit Namen nur einer der beiden Führer, nämlich gerade Herr Dr. Nordau, mit einem an d r i t t er Stelle des Blattes abgedruckten Artikel vertreten war, was den Eindruck hervorzubringen geeignet war, daß dieser Artikel, der obendrein nur ein Wiederabdruck der Berliner Acnßerungen desselben Führers war. lediglich zur Irreführung bestimmt sein könnte. Trotz alledem aber konnte nur vermut h u u g s- >v e i s e Dr. Nordau als der Verfasser der „Abrechnung" angenommen werden. Es war nämlich immer noch die unter gewöhnlichen Umständen, d. h. bei anständigen Parteien, allerdings befremdende Möglichkeit vorhanden, daß im officiellen Parteiorgane über die Köpfe der Führer h i n w e g u n b e k a n n t c Personen anonym ihre U e b e r f ä l l e auf die vor ü b e r w a nd e r n d e M e n sch h e ist tut t e r n e h m e ». Ich habe deshalb mich in meiner „Quittung" trotz aller scheinbar dafür sprechenden Momente dennoch gehütet, Spectator mit Nordau zu identificiren, sondern habe jeden der beiden Autoren separat mit dem betheilt, was ihm gebührte, allerdings in Einem Artikel, da ich nicht jedem der drei Herren, Herzl, Nordau und Spectator, einen besonderen Artikel widmen konnte. Da aber die ganze zionistische Bewegung von allem Anfänge an eine Sache der Herren Herzl und Nordau war, so mußte und muß ich „ als Außenstehender, so leid mir dies auch thut, mich an die F ü h r c r halten, welche allein ich angegriffen hatte; denn m o r al i s ch sind sie nun einmal für solche an so hervorragender Stelle ihres officiellen Parteiorgans erscheinende Kampfesäußerungen verantwortlich. Sie können die anonymen Wegelagerer nicht von ihren Rockschößeln abschütteln. Ich sage: m o r a l i s ch verantwortlich, nicht v o r d e m Gesetze verantwortlich. In jedem Falle aber ist es für eine Partei, die sich hoher Ziele rühmt, schmerzlich und verhängnißvoll, wenn unverantwortliche und durch die Anonnmität gedeckte Personen im officiellen Parteiorgane einen Außenstehenden, auch wenn dieser hundertmal ein Gegner wäre, verunglimpfen können, wenn sie ihn der Berleunidung. Dennnciation zeihen, ihn einen Kannegießer und Kläffer nennen dürfen, wenn sie ifm als Typus Derjenigen hinstellen können, welche „nicht inconnnodirt oder gar zu einem Opfer an ihrem Wohlleben, ihren bürgerlichen Demürhigungen, ihren Titel- und Ordensaussichten verhalten werden wollen", als Typus Derjenigen, welche „sich ducken. Rippenstöße und Fußtritte einstecken, aber dabei Barone, Ritter, Hofräthe werden", als Typus Derjenigen, welche „Motiven höherer Ordnung, Motiven des nationalen Stolzes, der sittlichen Auflehnung gegen Schmach und Unbill nicht zugänglich sind", und andere ähnliche, ihn der allgemeinen Verachtung preisgebende Dinge mehr. Da müssen die Herren Führer sich schon gefallen lassen, daß man sich an ihnen hält und sie nicht mit Glacehandschuhen anfaßt. Das ist schmerzlich und verhängnißvoll; denn die Missethaten anonymer Helden im officiellen Parteiblatt werfen naturgemäß ihren Schatten zunächst auf die Häupter der Partei. Einstweilen haftet also an den beiden öffentlich als Führer der Zionisten anerkannten Herren Nordau und Herzl für diese geradezu schmählichen und durch nichts provocirten Aenßerungen „Spectators" die moralische Verantwortung. Nicht die Verantwortung vor dem Gesetze; denn keiner von Beeden ist als Autor genannt, keiner von Beiden wird sich als Autor bekennen und vielleicht ist keiner von Beiden in der That der Autor. Ich bedaure, daß ich nicht sagen kann: „Keiner von Beiden ist der Autor" oder: „Der Eine der Beiden ist der Autor". Dazu fehlt mir das Material vollständig. Aber es wäre sehr im Interesse der beiden Herren gelegen, wenn sie, was sie doch können, Klarheit schaffen wollten. Die Ehre der Partei und die eigene Ehre der Herren Nordau und Herzl erfordern es, daß diese beiden Führer J>ett wirklichen Autor, der ihnen doch nicht unbekannr sein kann, ohne 'scheu nennen; denn sonst bleibt an der ganzen zionistischen Bewegung für alle Zeiten ein Makel. Bon der Redaction kann i ch das nicht verlangen, denn diese ist in der Regel zum Schweigen verpflichte r. Einen Proceß gegen die Redaction anzustrengen, wäre also vollständig zwecklos, weil durch denselben nicht der wahre Thäter, sondern ein Unschuldiger, nämlich der verantwortliche Redacteur, getroffen würde. Selb st wird sich Spectator kaum melden, denn er hat es nicht einmal für gerathen erachtet, auf die Züchtigung, die ich ihm in der „Oesterr. Wochenschrift" vom 14. d. M. zu Theil werden ließ, in seinem Leibblatt „Die Welt" zu antworten, sondern feiert mit geradezu elastischer Unbefangenheit und in bombastischen Tone — wenn das wirklich derselbe Spectator ist — die Heldenthat Emile Zola's und überläßt es dem verantwortlichen Redacteur uud Herrn H. einige saftige, aber dem Wesen der Sache behutsam ausweichende Bemerkungen gegen mich zu schleudern. Vielleicht thut er es in der nächsten Nummer der „Welt", die am 28. d. M. in Wien erscheint. Hoffentlich weiß ich bis dahin schon, wie dieser Ehrenmann heißt, welcher es gewagt hat, mich aus dem Hinterhalt der Anonymität aus unerhörte Weise anzufallen imb zu besudeln. Dann werde ich auch wissen, was ich zu thun habe. Wird mir diese Kenntniß des Namens jedoch vorenthalten, dann bleiben in meinen klugen die Führer moralisch verantwortlich und mit ihnen die ganze zionistische Bewegung. Ich fordere deshalb h i e >u i t die H e r r e n D r. Nordau u n d D r. H e r z l ö f f e n t l i ch u n b mit alle m Nachdruck au f, m i r N a m e und Adresse des B e r f a s s e r s des A rt i k e l s „A b r e ch n u n g" b e k a n n t z u g e b e n, damit ich den dunklen literarischen Seichtbeutel nach Gebühr behandeln könne. Lassen die Führer aber den Fleck auf der Partei sitzen, dann ist der Zionismus nicht nur in meinen Augen, sondern auch in denen der ganzen civilisirten Welt gerichtet, noch bevor die Herren ihre furchtbare Drohung. mich vor die Richter zu zerren, ausgeführt haben. Bis auf Weiteres müssen sich also die Herren schon gefallen lassen, daß ich von ihrem Blatte keine vortheilhafte Meinung habe, ja daß ich sogar glaube, nichts sei besser, als ein solches Blatt geeignet, da» Ansehen und die Reputation selbst einer alten Partei, geschweige denn einer erst nach Einbürgerung ringenden Bewegung auf irreparable Weise zu compromittiren und zu untergraben. Ein solches Blatt und somit auch dessen augenblicklicher verantwortlicher Redacteur baden das Recht verwirkt, 'Außenstehenden, die sich gegen Besudelungen wehren, welche im Blatt anonym gegen sie verübt wurden, ein „journalistisches Bubenstück" an den Kopf zu schleudern. Auch haben die Herren kein Recht, darüber emrüstet zu sein, wenn man angesichts dieser Haltung des Blattes an die Revolverjournalistik erinnert wird. Dabei braucht man noch lange nicht an Gelderpressungen zu denken. Es gibt auch politische, moralische, geistige Revolverjournalistik und diese ist viel gefährlicher und schädlicher als die Revolverjournalistik der Gelderpresser; denn der Letzteren kann unter Umständen leicht das Handwerk gelegt werden, während das bei dem Terrorisirungs- und Einschüchterungssystem der politischen Revolperjournalistik fast unmöglich ist. Im klebrigen inöge Herr Dr. Siegmund Werner, dessen schätzbare Person mir nicht bekannt ist und die ich in keiner Weise angegriffen hatte, beruhigt sein! Ich gedenke mich wie in der Vergangenheit so in der Zukunft nur mit den Principien der zionistischen Bewegung, mit deren wichtigeren Lebensäußerungen und mit den Hauptpersonen der Partei, nicht mit den Nebenpersonen zu befassen. Sollte sich Herr Dr. Siegmund Werner vielleicht darüber kränken, daß ich den Namen desjenigen verrathen habe, welcher die Stellung des verantwortlichen Redacteurs innehaben wird, sobald die Zionisten bei der Besitzergreifung Palästina's in die Pfeffer gerathen sein werden, oder sollte er gar dieser! Namen (Simplicius Strohmann) auf sich bezogen haben, dann sei ihm versichert, daß er das mit Unrecht thut; denn bis dahin wird noch manches Jahrzehnt vergehen und ich zweifle gar nicht, daß Herr Dr. Siegmund Werner in jener fernen Zukunft längst nicht mehr verantwortlicher Redacteur der „Welt" sein wird. Hat doch die „Welt" bis jetzt, also im siebenten ode achten Monat ihres Bestandes, schon den dritten verantwortlichen Redacteur. Dr. Simplicius Strohmann wird vielleicht der Tausendste in der Reihe sein. Wenn der d'rankommt, wird Herr Dr. Sieginund Werner längst nicht mehr auf der Welt sein, geschweige denn in der Welt; denn da wird der Untergan > der Welt, uora i>ene nur der Welt mit Gänsefüßchen, längst eingetreten sein. Nun noch einige Worte für Herrn Dr. Herzl. Dieser Herr schreibt in der „Welt" vom 21. d. M. unter der Chiffre H. unter Anderem: „Seine (nämlich des Dr. Glaser) Rathschläge, sowohl die vertraulichen, mit denen er uns (nämlich den Dr. Herzl, da ich nur mit diesem über die zionistischen Pläne in Briefwechsel stand) zu er st beehrst e, wie die öffentlichen, mit denen er uns später ^behelligte, mußten wir zu unserem lebhaften Bedauern ablehnen." Dem gegenüber stelle ich einfach fest, daß laut einer am 8. oder 9. Jänner d. I. in meine Hände gelangten brieflichen Mittheilung des HerrnDr. Karpeles, Redacteurs der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", »1« dato Berlin, 7. Jänner 1898, Herr Tr. Theodor Herzl seine Bereitwilligkeit erklärte, an de r