Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 64 Dr. VLoch « Mochenkchrifi Nr. 4 aus innerer religiöser Ueberzeugung diesen Uebertritt beabsichtigen und nun ins Werk setzen wollen, und daß sie ihren Austritt aus der katholischen Kirche bereits der Bezirkshauptmannschaft in Hohenstadt angezeigt haben. Den mosaischen Satzungen zufolge, welche das Werben von Proselyten strenge untersagen, sowie deren Aufnahme besonders erschweren, da sie den rechtschaffenen Bekennern eines jeden Glaubens die Anwartschaft auf irdisches Glück und ewige Seligkeit zuerkennen, bot, wie bereits früher constatirt, Landesrabbiner Dr. Placzek Alles auf, um sie von ihrem Entschlüsse abzubringen. Ob mit Erfolg," steht noch dahin. Die Deputation kehrte dann wieder in ihre vom Verkehre abgelegenen Gebirgsdörfer zurück. Die Bewegung. in jener Gegend datirt schon viele Jahre zurück und scheint auf einer tiefgehenden Aversion gegen die Kirche und deren Diener, sowie auf ehrlicher Hinneigung zum Judenthum zu beruhen. Die Betreffenden haben bereits ihr eigenes Betlocal, wo sie nach ihrer Angabe an jüdischen Feiertagen aus übersetzten hebräischen Gebetbüchern ihre Andacht halten. Da sie ihren Austritt aus der katholischen Religion bei der politischen Behörde angemeldet haben, rieth Landesrabbiner Dr. Placzek ihnen dringend unter Hinweis auf-die Unannehmlichkeiten, denen sie sich durch einen offenen Uebertritt zum Judenthum aussetzen, und auf die dadurch gefährdete Zukunft ihrer Kinder, der Außenwelt gegenüber als confeffionslos zu gelten, was sie nicht hindern muß, im Herzen Juden zu sein und in ritueller Beziehung auch die jüdische Lebensweise, soweit es ihnen thunlich erscheint, einzuhalten. „Was soll mit uns geschehen, wenn wir sterben?" fragten sie, worauf der Rabbiner ihnen die Versicherung gab, daß ihnen auf einem Friedhofe der jüdischen Nachbargemeinden eine Ruhestätte eingeräumt werden soll. Es ist aber kaum anzunehmen, daß sie es bei der Confessionslosigkeit werden bewenden lassen. Sie sollen sich nämlich, entschieden geäußert haben: „Wir wollen ganze ehrliche Juden sein!" Aus dem Leben eines Studenten. „Narodni Politika" theilt aus der Studentenzeit des Abgeordneten Wolf folgende Episode mit: Nach einer durchschwärmten Nacht wollte sich Wolf, aller Geldmittel entblößt, in der Moldau ertränken. Schon hatte er sich über die Brüstung der steinernen Brücke geschwungen, um den Tod in den Fluthen zu suchen, als er sich von rückwärts erfaßt sah und nun einem jungen Manne gegenüberstand, der ihm in eindringlichen Worten seine Selbstmordabsichten aus dem Sinn zn schlagen suchte. Wolf klagte ihm sein Leid, worauf der junge Mann seine Börse hervorzog und Wolf den ganzen Inhalt — achtzig Gulden — zur Disposition stellte, welchen Betrag der Selbstmordcandidat mit tiefer Rührung annahm. Der damalige Retter Wolf's lebt heute noch und wartet noch immer auf die Bezahlung der 80 Gulden. Da er zufällig der jüdischen Confeffion angehört, glaubt er den Dank Wolf's vielleicht darin erblicken zu müssen, daß derselbe derzeit an der Spitze der antisemitischen Bewegung in Deutschböhmen steht. Ein Dreyfus-Romau von Zola. Aus Paris schreibt man der „Extrapost": „Vor einigen Tagen fand in einem bekannten literarischen Salon eine Soirse zu Ehren Z o l a's statt. Beim Dessert hielt Zola eine Rede, in deren Verlauf er sagte: Bettachten Sie den Brief, den ich dem Präsidenten schrieb, als eine Eintagsfliege. Ich gedenke in dieser Sache Besseres zu thun. Ich habe den Entwurf eines Romanes, in welchen ich als eine wohlausgearbeitete Episode mit allen Einzelnheiten die Affaire Dreyfus verflechte. Dann — ich kann es, gestützt auf meine Erfahrungen, sagen — dann wird eine halbe Million von Vertheidigern des Verbannten bei allen Gebildeten, um die ganze Erde umherwandern; in alle Sprachen übersetzt, soll dann die schreckliche Erkenntniß werden, wie man in dem civilisirtesten Lande der Welt Recht und Gerechtigkeit handhabt. Keines meiner Bücher habe ich noch mit größerem Eifer geschrieben, wie dieses, und ich glaube. Keiner von Ihnen wird zweifeln, daß ich eiuenVerlegerfindenwerde. Wien, 24. Jänner. (Zur Affaire Dreyfus.) Die „Neue Freie Presse" erhätt folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redacteur! Ein Wiener Fabrikant erhielt vor einiger Zeit eine Reihe beleidigender Zuschriften. Der Verdacht der Urheberschaft richtete sich gegen meinen Clienten, den Gutsbesitzer Ernst P. Bei der Verhandlung erklärte der bekannte Sachverständige im Schreibfache, Herr Professor Arthur Skallitzky, die Schrift meines Clienten sei identisch mit der Schrift in den incriminirten Briefen. Auf Grund dieses Gutachtens wurde Ernst P., trotzdem er seine Schuldlosigkeit betheuerte, v e r u rtheilt. Glücklicherweise gelang es mir nun. den wirklichen Schreiber der Schmähbriefe zu entdecken. Nun berief ich Herrn Professor Skallitzky in meine Kanzlei, stellte ihm daselbst jenen Dritten vor, und die sofort vorgenommenen Schriftproben ergaben in der That die vollkommene Schriftgleichheit. Herr Professor Skallitzky hat mir denn auch die schriftliche Erklärung ausgestellt, in welcher er bekennt, sein vor Gericht abgegebenes Gutachten sei einem Jrrthum entsprungen, der Urheber der Briefe sei nicht Ernst P., sondern jene dritte Person. Natürlich wurde nunmehr Ernst P. von der zweiten Instanz, der ich dieses neuerliche Gutachten vorgelegt, freigesprochen. Ich bringe diesen Fall zur öffentlichen Keuntniß, weil die gefährliche Unverläßlichkeit der von den „Schriftgelehrten" abgegebenen Gutachten selten so kraß hervortritt wie hier. „Irren ist menschlich" wird wohl in Zukunft heißen dürfen: „Irren ist schriftverständig." Hochachtungsvoll Dr. Friedrich El bogen." Karpeles. Der Abgeordnete Schneider hat im niederösterreichischen Landtag den Abgeordneten Kick ein paarmal höhnisch: „Karpeles" titulirt. Er hat damit ein wichtiges Princip der antisemitischen Tactik in Anwendung gebracht: Jeden Nichtjuden, der der antisemitischen Pöbelherrschaft feindlich gegenübersteht, dadurch zum Juden zu stempeln, daß man seinen Namen judaisirt und somit die Fiction erweckt, der wahre Name des Beschimpften fei ein zur Verhehlung der semitischen Abstammung gewähltes Pseudonym. Diesen Zweig ihres ausgebreiteten Verleumdungsgeschäftes besorgen die von der fixen antisemitischen Idee Besessenen mit wenig Witz und Phantasie. Aus K i ck machen sie Karpeles, aus Saussier — Salzer. Wie man sieht, besteht die ganze Technik dieser Witze darin, dem Gegner einen erlogenen jüdisch klingenden Namen beizulegen, der mit dem wahren Namen nichts als — den Anfangsbuchstaben gemein hat. Darauf gibt es natürlich keine Erwiderung. Denn es kann scklbst dem Papst Leo XIII. passiren, daß er, falls er sich mit der Erfüllung der Christenpflichten des Abgeordneten Schneider nicht ganz einverstanden erklärt, von diesem denuncirt wird, eigentlich — L ö w y zu heißen. — Unseren Nachforschungen ist es gelungen, festzustellen, daß die meisten Vorkämpfer des heimischen Antisemitismus eigentlich urjüdischer Abstammung sind und sich nur hinter christlich klingenden Pseudonymen verbergen. Wir stellen das Resultat dieser Nachforschungen dem Abgeordneten Schneider zur Verfügung. Falls er einmal mit einem seiner jetzigen Gesinnungsgenossen in Fehde geriethe, ist ihm damit das Mittel zu ihrer Vernichtung in die Hand gegeben: Pseudonym: Wahrer Name: Gregorig Costenoble Lehofer . Fickeis . Porzer . Strobach Polzhofer Liechtenstein Pattai . . Bielohlawek Geiringer. Cohn. Löwy. Fleckeles. Pereles. St. Rebach. Pollak. Lichtenstern. Patzeles. Weißkopf. Judenbanken. In einer vorige Woche abgehaltenen Wählerversammlung beklagte sich Bürgermeister Dr. Lueger über den Boycott der „Judenbanken", welche es verschmähen, mit der Commune Wien Geschäfte zu machen. Wiewohl es bekannt ist, daß die Banken keinen confessionellen Charakter haben und thatsächlich nur darin ihre Aufgabe erblicken, in rationeller Weise ihre Capitalien zu verwerthen, wollen wir im Hinblicke auf die Aeußerung des Herrn Bürgermeisters dennoch eine Analyse der Verwaltungsräthe vornehmen. Bei den 12 hiesigen Banken fungiren 124 Verwaltungsräthe, darunter nur 22 Juden, und zwar: Bei der Creditanstalt unter 19 sieben, bei der Anglobank unter 12 drei, bei der Niederösterreichischen Escomptegesellschaft unter 10, bei der Oesterreichischen Hypothekenbank unter 5 je zwei, bei der Bodencreditanstalt unter 18, bei der Länderbank unter 14, bei der Unionbank unter 12, beim Bankvereine unter 8, bei der Depositenbank unter 7, bei der Lombard- und Escomptebank unter 6, bei der Verkehrsbank unter 6, bei der Central- Bodencreditbank unter 7, je einer, wobei sich zwei Stellen in