Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Vr. Bloch's WmtzrnschrM- Seite 63 Emporschnellen der Course der Tramway-Papiere. Ja selbst seine eigenen Leute und Anhänger wissen, daß auf seine Worte „nichts zu geben" sei. Vor Montag und am Montag selbst wußte in Wien noch Niemand von dem Abschluß des Gasanlehens mit der Deutschen Bank außer — den Vertrauensmännern dieser Bank und den Vertrauensmännern des Dr. Lueger, gn denen natürlich auch V e r g a n i vonc „Deutschen Volksblatt" und Dr. W ä h n e r von der „Deutschen Zeitung" gehören. Das Merkwürdige ist nun, daß die Tramwayactien schon am Samstag recht erheblich zu steigen begannen, daß es also Leute gegeben haben muß, die den bevorstehenden „Sieg des christlichen Volkes" zu ahnen in der Lage waren und sie haben diesen Sieg börsenmäßig „in Tramw a y" ausgenützt. Im Augenblicke praktischer Bethätigung mußten sich die gegenwärtigen Machthaber bequemen, die Lügenhaftigkeit ihrer Theorie vom Moloch Kapitalismus, von der Schädlichkeit der Großbanken, von der Nothwendigkeit, die Börse mit Stumpf und Stiel auszurotten, «ganz ebenso eingestehen, wie die von Dr. Lueger gegenwärtig zugegebene Thatsache der Pilgerfahrt nach London, das Schlagwort, die Engländer müßten aus Wien vertrieben werden, im richtigen Licht erscheinen läßt. Komisch ist Dr. Lueger in seiner Selbstberäucherung als Finanzkünstler. Aber wenn sich Gregorig für einen Politiker, Vergani für einen Ehrenmann, Ernst Schneider für ein menschliches Wesen hält, dann kann man schließlich auch den Größenwahn des Dr. Lueger vom Standpunkte des Psychiaters verstehen. -ft , -i- * Der niederösterreichische Landtag und sein Landmarschall zählen zu den vornehmsten europäischen Curiositäten. Ein solch' verrohter und verwilderter „Gesetzgebungskörper" existirt an den alten Cultnrstätten nicht. Der „Stampiglienmensch", welchen seinerzeit Dr. Bloch im Reichsrath gebührend zeichnete, hielt es für rathsam, durch Forderung eines „Schußgeldes auf Juden" die Aufmerksamkeit von seinen lncrativen Communalgeschäftchen abzulenken und der Freiherr v. G u d e n u s hatte für solchen Auswurf -- die weiteste „ch r i stl i ch e" Duldsamkeit. Gleichzeitig wurde auch ein Antrag auf Verbot des „rituellen Schächten?" zur Verhandlung gestellt. Die innere Verlogenheit der gesammten „arischen" Moral kann keinen drastischeren Ausdruck finden, als diesen geforderten gesetzlichen Schutz der Thiere gegen die „S ch ä ch t g r a u s a m k e i t". D i e S p i tz b u b e n mit dem Rosenkranz! Vom Jahrmarkt des Lebens. Als „Schädlinge des Deutschthnms" haben sich die Inden wie überall, so auch neuerdings in Budweis gelegentlich des Communalwahlkampfes bewährt. Seit Jahren arbeiten die Czechen mit allen geistigen und materiellen Mitteln daran, die Verwaltung dieser einflußreichen Stadt zu czechisiren. Das Deutschthum befindet sich dort in constantem Rückgang und kann seine durch die slavische Sturmfluth unterwaschenen und erschütterten Positionen nur mühsam erhalten mit Hilfe der jüdischen Stimmen., Vor den letzten Reichsrathswahlen erschien Herr Doctor Lueger zu einem Gastspiel in Budweis, und die Mission des christlich-socialen Wiener Parteihäuptlings hatte trotz mancher kleinen Unannehmlichkeiten, die ihm widerfuhren — beim Empfang am Bahnhofe wurde ihm wiederholt ins Gesicht gespuckt — das erfreuliche Resultat, daß bei den Reichsraths-' wählen der czechische Prinz Schwarzenberg den Mandatwerber der Deutschen zu Falle brachte. Der Reichsrathswahlbezirk von Budweis war für das Deutschthum definitiv verloren. Nunmehr sollten die Gemeinderathswahlen stattfinden, die Czechen trafen für den Wahlkampf die umfassendsten Vorbereitungen und entwickelten eine Agitation von äußerster Heftigkeit. Man hätte nun voraussetzen dürfen, daß die Deutschen jeglicher Parteischattirung aus Rücksicht für die gefährdete Lage ihres Volksstammes in dieser Stadt jeden Sonderstandpunkt für einen Moment zurückstellen und Candidaten nominiren würden, welche es den jüdischen Wählern möglich machen, ohne Verrath an den eigenen Existenzbedingungen zur Wahlurne zu schreiten und für sie zu stimmen Allein ihr sogenanntes Deutschgefühl hielt die Antisemiten in Budweis nicht ab, in dieser gefährdeten Situation mit der Forderung hervorzutreten, daß jene zwei Parteihelden, welche Herrn Lueger nach Budweis führten, in den Gemeinderath gewählt werden müssen — notabene mit Hilfe der jüdischen Stimmen — die liberale Parteileitung bewilligte diese Forderung um des lieben Friedens willen! Und die Juden von Budweis, was thaten die? Bon den Czechen bedrängt, öffentlich und privatim verwarnt mit dem Boycott, mit der Lösung aller Geschäftsverbindungen bedroht, gingen sie zur Wahlurne und wählten mit den Deutschen — um das Deutschthum in einer Zeit der Krisis nicht im Stiche zu lassen. Die „Deutsche Zeitung", unstreitig das gemeinste und verächtlichste Antisemitenorgan, schreibt am 26. Jänner: „Die Gemeindevertretung von Budweis bleibt allen gegnerischen Anstrengungen zum Trotze deutsch und diese Thatsache wird auf das Deutschthum in ganz Südböhmeu belebend und kräftigend einwirken". Die Rothschilds als Schriftsteller. Eine ganze Anzahl von Angehörigen der berühmten Gelddynastie hat sich mit Erfolg literarischer Beschäftigung zugewandt. Beginnen wir mit den Damen, so haben wir zunächst die geistreiche Gemahlin des Chefs des englischen Bankhauses, Lady Nathanael Rothschild, zu nennen, sodann die 1894 verstorbene Witwe des Frankfurter Barons Karl, Luise, und deren Tochter, die Freifrau James Rothschild zu Paris. Alle drei haben neben in Tagesblättern zerstreuten Novellen Jugendschriften und religiöse Erbauungsbücher verfaßt, die in mehreren Auflagen erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Lady Constanze Battersea, geb. Freiin vvn Rothschild, in London bewies die bekannte Neigung der Damen des englischen Highlife für historische und Cultür-Studien, indem sie zwei gelehrte Bücher, „Geschichte und Literatur der Israeliten" und „Das hebräische Weib", veröffentlichte. Prachtvoll in der Ausstattung und sehr intereffant im Inhalt ist das nur in 160 Exemplaren gedruckte Werk des durch seine Reisen und seine prachtvollen Jachten bekannten österreichischen Barons Nathcmael Rothschild „Skizzen aus dem Süden". Freiherr Ferdinand, der in London als Privatmann lebt, ließ vor mehreren Jahren bei Brockhaus in Leipzig eine Novelle „Vroni" erscheinen und ist außerdem durch kunstgeschichtkiche und andere Essays ein ständiger Mitarbeiter großer englischer Zeitschriften. Der fleißigste unter den reichen Schriftstellern dürste aber der 1872 geborene Baron Henri in Paris sein, der seine feuilletonistische Laufbahn bereits mit 18 Jahren begann und seine gewandte Feder seitdem auf den verschiedensten Gebieten mit einem Eifer wirken läßt, der einem zünftigen Journalisten Ehre macht. Der entjudete Jndnstriellenball. Aus der Einladung zum Jndustriellenballe ist zu ersehen, daß unter den (42) Comitenntgliedern sich nicht ein Jude befindet, worüber die hervorragenden jüdischen Industriellen und Kaufleute denen Ehrenkarten zugeschickt werden verstimmt sind. Der Umstand, daß einige Mädchen aus jüdischen Häusern im Damencomit« figuriren, fällt mit Rücksicht auf die den jungen Damen obliegende Aufgabe des Einsammeln von Beiträgen in ihnen befreundeten Kreisen nicht ins Gewicht. Man kann dem Comitö des Jndnstriellenballes das Zeugniß nicht versagen, daß es bisher unparteiisch vorgegangen und bei Verwendung der Reinerträgnisse auch jüdische Humanitätsanstalten alljährlich unterstützt hat; auch heuer soll ja ein Theil des Erträgnisses dem israelitischen Waisenverein zugewendet werden; nichtsdestoweniger fällt das Fehlen eines Juden im Verzeichnisse der Comitemitglieder auf. Glaubenswechsel. Kürzlich wurde gemeldet, daß 16 bis 17 Familien aus den czechischen Dörfern Bnkowitz und Buschin bei Schildberg in Mähren beabsichtigen, vom katholischen Glauben zum jüdischen überzutreten. Bemerkenswerth ist, daß dort im weiten Umkreise keine Judengemeinden bestehen. Der Führer jener von diesen nach Brünn gesendeten Deputation, welche am 20. d. M. mit dem Ansuchen um Aufnahme in den Verband des Judenthums beim Herrn Landesrabbiner Dr. B. P l a c z e k erschien, ein 72jähriger Greis, erklärte, daß er und seine Gefinnungsgeinffen schon seit Jahrcn