Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 62 Vr VLmtz's Wochrnfchrlfl Nr. 4 seine Neigung hätte einen Possen spielen können: man denke an seinen Börsenroman „Das Geld". Er wittert — und dies ist eine eigene Seite seines Talentes — eben die Fäulniß, wie die unter dem Kaiserreiche, so nunmehr die in der dritten Republik. Und er steht gesellschaftlich und sittlich hoch genug, um sich keinerlei Zwang auferlegen zu müssen, um seine Ueberzeugung frank und frei den Mächttgsten seines Landes gegenüber auszusprechen. Der selten trotzige Muth, der ihn in den Jahren des Ringens an seiner damals so viclverspotteten Manier des Dichtens festhalten ließ, er flammt noch heute in ihm, und wie er in seinen Romanen so oft und so schneidend Anklage erhoben hatte gegen Alles, was ihm faul und nach der Geißel hungrig erschien, so erhebt er sie auch jetzt, nachdem von den öffentlichen Gewalten seiner Heimat ein Unrecht geübt wurde, das ihm unerträglich erscheint. In ihm lebt jener active Sinn für Gerechtigkeit, der es nicht duldete, daß öffentliche Unbill begangen werde, derselbe Geist, der Voltaire antrieb, den Gebeinen des unglücklichen Calas Sühnung zu schaffen, bewegt ihn, die Rettung des verlorenen und unter allen Umständen längst innerlich zermorschten Dreyfus zu versuchen. Ihm ist so wenig damit gedient, wie Calas selber: wohl aber seinen Angehörigen in der Zuspitzung, welche durch die Gegner in die Sache kam, der Judenschaft von Frankreich und der Familie Dreyfus selber. Wird sein Bemühen etwas fruchten? Das ist noch sehr, sehr ungewiß. Es heißt ja, daß hochpolitische Erwägungen jener Revision im Wege stünden, welche die Dreyfus-Freunde fordern. Sie wollen ja nämlich im Grunde nichts, nur die Ersetzung eines tumultarischen Verfahrens, bei dem selbst nach dem Zugeständnisse seiner Versucher Ordnungswidrigkeiten vorgekvmmen sind, durch ein neues nach den Formeln und Regeln des Gesetzes. So anmaßend sind sie, diese Juden! So bestrebt, durch ihr elendes Geld diese vortreffliche, französische Militär-Justiz zu corrumpiren, die der Fall Esterhazy eben erst mit einer neuen und nicht so bald verblassenden Glorie umwoben hat. Man wird ihnen diesen Gefallen nicht thun. Denn hochpolitische Erwägungen, das heißt in der diplomatischen Sprache der dritten Republik. Rücksichten gegen den „Verbündeten", gegen Rußland. Da hat es immer geheißen, der Franzose sei so anhänglich an seine Sitten und seine Lebensgewohnheiten, daß er sich an nichts Fremdes gewöhnen könne. So eine dumme Rederei! Sie lernen erstaunlich rasch. Sie haben sich innerhalb weniger Jahre so hübsch an russische Tracht, au russische National-Speisen gewöhnt. Russische Feindseligkeit gegen Juden regt sich auch, so wenn in der Kammersitzung vom 24. Jänner, derselben historischen Kammersitzung, in der das Cabinet Meline zum Danke für seine Tapferkeit gegenüber dem Ansinnen des Dreyfus- Syndicates, oder was man so nennt, die größte Mehrheit seit seinem Bestände erhielt, wenn also an diesem historischen 24. Jänner ein Deputtrter den Ausspruch that, man müsse endlich gegen die Einwanderung deutscher Juden Vorkehrungen treffen. In Cabinetjustiz, nach höheren Erwägungen, haben sie gleichfalls einen ganz hübschen Anfang gemacht. Sie schießen vielleicht sogar ein wenig über's Ziel hinaus, wie dies bei hoffnungsvollen und nur zu strebsamen Schülern die Regel ist. Denn das Maß lernt sich zuletzt und zwar sehr schwierig. Nur die öffentliche Meinung läßt sich in Frankreich nicht so ganz knebeln wie in Rußland. Und unbequeme Menschen, die ihren Muth und ihre Meinung bekennen, kann man noch nicht nach Sibirien schicken. Durch die Straße sie terrorisiren lassen, wie man es gegen Zola gethan, ist bei entschiedenen Naturen nicht ganz sicher und nicht unbedenklich. Niemals noch hat eine Regierung revolutionäre Gewalten sich zur Hilfe gerufen, ohne daß sie sich über ein Kurzes drohend gegen sie kehrten. Was bleibt also zu thun? Den Proceß, den man dem leidigen Fanatiker der Wahrheit macht, so sorgfältig jeder Spitze entkleiden, als nur möglich. Was sich der Angeklagte als die Hauptsache gedacht, warum er eigentlich allein die Verhandlung begehrte, das Zurückschieben, Herunterdrücken in den Alltag, das sich dieser schreckliche Mensch in's Ewige hinaufzuheben bemüht hat. Denn das Recht und seine Wahrung ist im staatlichen Leben das schlechtweg Ewige, an das man nicht tasten darf. Und wir sehen denn auch das Ministerium Meline bemüht, diesen Weg zu gehen. Ob aber auch mit Erfolg, wird ja die nächste Zukunft lehren, die uns vielleicht zu neuen Betrachtungen Anlaß geben wird. Das Wort abschneiden, in seinen Rechten verkürzen, wird man Zola kaum. Das wagt man nicht. Und so wird man genug hören, um sich ein klares Urtheil zu bilden, als gegenwärtig möglich. Der Ankläger Zola wird den Fall sicherlich mit jener unbarmherzigen Schärfe aufrollen, über die er verfügt. Vielleicht wendet man sich enttäuscht; vielleicht aber, wahrscheinlich sogar, ermißt man mit einem Blicke die ganze Tiefe der Niedertracht, die sich zur Aufrechterhaltung eines unerhörten Richterspruches verbündet. Es gibt ein wunderschönes Märchen und das heißt: „Das klagende Lied" und es erzählt von einem Morde, den ein Bruder in Herrschbegier an seinem wehrlosen und vertrauenden Schwesterchen verübt. Keine Spur der That gab's: nur nach vielen Jahren fand ein spielender Hirte ein Knöchelchen und als er darauf blies wie auf einer Pfeife, so stieg eine schreckliche und schrille und klagende Weise herauf und die Worte fügten sich dazu und wer sie hörte, erstarrte. Damit kam er an den Hof des Schwestermörders; und als der König im klagenden Liede Kunde von seiner längst gethanen Unthat vernahm, da tödtete ihn der Schrecken. So wandert hinter jeder Gewaltthat, an einer Unschuld gethan, ein klagendes Lied. Er suchte sich selber den, der es an jener Stelle erhebe, wo es vernommen sein solle. Zola stimmt das klagende Lied an; wird es sich durch ihn nicht jenes Gehör verschaffen, so wird's weiter wandern, wandern, wandern, bis die Stunde da ist, in der es seine offenbarende und strafende Gewalt üben kann. Nemo. Die letzte luegrr-Comödie. Ein Mann, für den der Besuch eines Balles eine Lebensfrage ist und der erst im letzten Augenblick durch einen glücklichen Zufall in der Lage ist, seinen Frack auszulösen, kann sich nicht toller in seiner jauchzenden Freude benehmen, als dies Doctor Lueger am Dienstag im Wiener Gemeinderath gethan hat, als er den in den Sitzungssaal und auf die Galerien commandirten Brüderln vom „goldenen Luchsen" mittheilen konnte, daß das Gasanlehen perfect geworden sei. Und die Leute, die auf den Galerien brausend in die Hände klatschten und ihr „Hoch Lueger!" in den Saal hinunterbrüllten, haben schließlich, genau genommen, Recht. Dem communalen Taschenkünstler Lueger gebührte die Ovation, die ihm dargebracht wurde. Er hat sie sich redlich verdient, als er so dastand und die hervorragendsten Wirths- Haus-Jongleure in Verlegenheit brachte, mit Begriffen, Behauptungen, Personen herumschupfte, wie mit den Kugeln, die den Vororte-Wirthshauskünstlern bei ihren Productionen als Material dienen. Eine Reihe von Fragen, Herr Doctor Lueger! Wer hat eigentlich das Darlehen bekommen? Sie, der verkrachte antisemitische Politiker, oder die Stadt Wien? Und falls Sie die Güte hätten, die Frage im letzten Sinne zu beantworten, ob Wien das Geld von der Deutschen Reichsbank bekommen hat, weil Sie, Herr Doctor, Bürgermeister sind, oder trotzdem Sie Bürgermeister sind? lieber diese letztere Frage belieben Sie sich in einer gewissen Unklarheit zu befinden. Einmal stellen Sie die Sache so hin, als ob Wien eines der finanziell gesichertsten Gemeinwesen wäre, als ob nur der internationale Grimm gegen das antisemitische Wien die finanzielle Boycottirung der Stadt nach sich gezogen habe. Ein anderes Mal lassen Sie durchschimmern, daß Wien und die Wiener des Aeußersten beraubt sind, daß kein Hund sich nach ihnen umschauen würde, stände nicht an der Spitze von Wien jener providentielle Mann, vor dem pflichtgemäß auch die Banken ihre eisernen Gassen öffnen. Wiederum wollen wir, Herr Dr. Lueger, der ersten Eventualität glauben..Das wird Ihnen, dem begeisterten Sohn der Stadt, ja lieber sein, dann aber fragen wir Sie, was der öde Antisemiten-Schwindel von dem verarmten Wien, von dem Zusammenbruch des Regime Prix und G r ü b l, der corrupten, demoralisirenden, Gassen leerenden Finanzpolitik des liberalen Regime zu bedeuten hatte? Aber, Herr Doctor, Sie werden wohl die Naivetät nicht so weit treiben, anzunehmen, daß irgend Jemand Ihnen das Märchen von dem „jüdischen Großindustriellen", der Ihnen die Vermittlung des Anlehens gegen die Provision von einem halben Percent angeboten, ernstlich glaubt. Wenn Ihre Erzählung, „mein lieber Dr. Lueger", nicht vollständig zu Agitationszwecken erfunden, so wird es sich um einen getauften Hausjuden der Antisemiten handeln, der sich als Renegat anbiedern wollte. Der christlich-sociale Bürgermeister Wien's genießt den sonderbaren Vorzug, daß ihm nichts mehr geglaubt wird. Seine feierliche Versicherung, er habe in der Tramway-Frage keinerlei Verl pfiichtung übernommen, begleitete die Börse mit einem plötzlichen