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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4. Dr« Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan für die gesammten Interessen des -- --^--- Wien, 28. Jänner 1898. Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. G..... K. ft. Postsparftassen-Umt Elrarinsvrrkrhr Nr. 810.976. Lrdmtton und Rdmivistratton: Wien > II., Arrtrrr Nusartrnstr. la. j Telephon - Nr. 6535. m - —* Judenthums Seprgsvrris für Sestrrrrtch: Halbjährig 4 fl. --- S Lr. Einzelexemplare SS kr. I2r'» Uusland: halbjährig S fl. — 10 Lr. ganzjährig 10 „ — 20 * Anzei gen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: Ankläger Zola. — Die letzte Lueger-Eomödie. — Vom Jahrmarkt des Lebens: „Schädlinge des Deutschthums". Die Rothschilds als Schriftsteller. Der entjudete Jndustriellenball. Glaubenswechsel. Aus dem Leben eines Studenten. Ein Dreyfus-Roman von Zola. Karpeles. Zur Affaire Dreyfus. Judenbanken. Ein Wiener — Bürgermeister in Südafrika. Von der Solidarität der Juden. Eine jüdische Kunst- und Gewerbeschule. Nochmals Fürst Bismarck über Antisemitismus und Juden. — Dr. Ed. Glaser und die Zionistenführer. — Uns fehlt ein Zola. — Russische Philosophie und semitischer Geist. — Jüdische Socialhygiene. — Deutsche Sagen und die Juden. — Korrespondenzen: Wien, Nikolsburg, Groß- Enzersdorf, Preßburg, Karlsbad, Krakau, Frankfurt a. M., Berlin, Petersburg, Paris, London, Algier, Mogador, Avignon. — Vermischtes: Wien, Brünn, Teplitz, Proßnitz, Leipnik, Klattau, Austerlitz, Neunkirchen, Budapest, Bösing. Trencsen- Baan, Lakompak. — Feuilleton: Spätes Glück. — Der Rabbi und die Ressource. — Briefkasten. — Inserat. Ankläger Zola. ' Frankreich ist wieder einmal in einer leidenschaftlichen Erregung, von der sich noch nicht Voraussagen läßt, wohin sie dieses leidenschaftliche Volk treiben wird. Die Affaire Dreyfus steht in öffentlicher Erörterung. Trotz aller Versuche, welche die Regierung gemacht, diese ihr sehr leidige Sache im Keime zu ersticken, erstehen dem Verbannten von der Teufelsinsel immer neue Anwälte. Ihn konnte man lebendig in sein schreckliches Grab werfen, denen aber, die an seine Unschuld glauben, konnte man in einem freien Staate das Wort nicht nehmen. Nach Scheurer-Kestner, der seinen mannhaften Muth gelassen mit dem Verluste einer durch ein langes und tadelloses Leben verdienten Popularität, mit seiner Bicepräsidentschaft im Senate bezahlt hat, nahm es derjenige an sich, der des Wortes Meister ist, wie Niemand sonst im gegenwärtigen Frankreich — Emile Zola. Kühn und seiner Wirkungen sicher, ivie es ein großer Dichter sein soll, hat er sich einen Feldzugsplan zurechtgelegt, der überraschend neu ist. Er will zur Verantwortung gezogen sein, um Diejenigen anschuldigen zu können, die seiner innersten Ueberzeugung nach einen Rechtsbruch begangen haben. Vor den Geschwornen, die vielleicht eher Gründen zugänglich sein werden, als die geheime Vehme eines Militärgerichtshofes, will sich der Angeklagte Zola in den Ankläger verwandeln, gewiß, daß man seinen Schrei nach Recht mindestens nicht ungehört ersticken können wird. Ich sprach von einer innersten Ueberzeugung. Man sieht sonst nämlich durchaus nicht ein, was diesen Mann in seinen grauen Jahren zu so junger Entrüstung hätte Hinreißen können. Man spricht von den Millionen des Dreyfus-Syndicates. Ich weiß nicht, ob es besteht, aber ich sähe nicht einmal ein Verbrechen darin, wenn es sich wirklich gebildet hätte und wenn selbst die Juden der ganzen Welt sich daran betheiligt hätten. Oder hat man nicht ihnen Allen im gewissen Sinne das Verbrechen des Excapitäns aufgeladen? Hat man sich nicht beeilt, sie darauf hin, gleichviel in welchen Bermögensverhältnissen oder in welcher amtlichen Stellung sie seien, als zu jeder Niedertracht und zu jedem Berrathe geneigt hiuzustellen? Hat die Schuld dieses Einzelnen Geltung für die Gesammtheit, so darf man es dieser Gesammtheit auch nicht verargen, wenn sie diesen Einzelnen um jeden Preis von der Schuld zu reinigen sucht. Diese Millionen nun mögen dem einen oder anderen hungrigen Journalisten zu einer neuen Einsicht bekehrt haben. Ueber Zola vermochten sie sicherlich nichts; denn er lebt in mehr als in behaglichen Verhältnissen, er genießt eine Rente, wie sie die Summe der Dreyfus-Gelder kaum darstellt. Oder war es eine Speculation auf erneute Bolksthümlichkeit? Es ist ja sicher, daß Zola dafür sehr empfänglich ist und selbst seine Freunde spotteten gerne über diese seine Schwäche. Aber, der Mann, der wie kein Anderer die Psychologie der Massen studirt hat — man denke an „Germinal"! — weiß sehr wohl, daß sie es niemals Demjenigen danken, der ihnen ein Opfer entreißen will, dessen sie schon sicher zu sein meinen konnten, vielmehr, wer ein neues in den Circus stößt, der ist ihr Mann und dem jauchzen sie zu. Gegen Dreyfus geht der Deutschenwie der Judenhaß der Menge: eine solche Fluth zu stauen, ist auch Zola nicht stark genug und sie brandet denn auch bedenklich hoch genug um das Fußgestell des Denkmales, das er sich aus seinen Werken errichtet hat. Die Fähigkeit aber, auch einen verwickelten Fall zu verstehen, kann man heute Zola gleichfalls nicht gnt streitig machen. Es ist eben seine eigenste Kunst, complieirte Verhältnisse zu begreifen, auseinanderzulegen und sie auf die einfachste Formel zu bringen. Dies ewig wechselnde Leben der Gegenwart hat noch Niemand so tief begriffen. Und er ist in seiner ganzen Art das Gegentheil eines Eiferers. Er hatte für seine Methode des Schaffens und für sich erst in zweiter Linie den Ehrentitel eines Dichters beansprucht. Zunächst will er Forscher sein. Er sammelt sein Material mit dem hingebenden Fleiß und mit der bedächtigen Weise eines Untersuchungsrichters; er prüft es mit dem Scharfsinn eines Gelehrten nach Belang oder Belanglosigkeit; er betrachtet den Fall, der ihn beschäftigt, mit allen Umständen, selbst mit dem, was jedem Anderen als nebensächlich erscheint. Erst dann, wenn er in so mühsamer und weitausgreifender Arbeit seine Gerüste aufgebaut hat, erst dann geht er an das eigentliche constructive Werk. So hat er mehr als einmal aus der genauesten Betrachtung der Gegenwart Schlüsse auf die Zukunft gezogen, die nachträglich wie seherische Eingebungen erschienen. Es sei noch einmal auf „Germinal" verwiesen. Er hat damals unter den Kohlengräbern gelebt, deren Geschicke er schildern wollte und als späterhin ein Aufstand unter ihnen ausbrach, erzeugt durch die unerträgliche Ausbeutung der Actionäre und jener Bestellten, denen Menschenleben nur etwas galten, weil man aus ihnen durch moderne Alchymie recht hohe Dividenden herausdestilliren konnte, da bewegten sich jener Strike und diese Emeuten so vollkommen in den Geleisen, die ihnen Zola vorgezeichnet, daß der Argwohn laut wurde, als hätte die Wirklichkeit einmal den Dichter copirt. Von einem größeren Triumph des dichterischen Anschauungsvermögens weiß die Literaturgeschichte nicht zu erzählen. Er ist nicht einmal so ausgesprochen Philosemit, daß ihm diese

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