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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 3 Vr Vlmtz's Wochrnptzrkst Seite 5S Lasten auf dem Rücken, bespritzt von den hinrasenden Rädern. Der Magen hat ihm geknurrt vor Hunger — aber er hat geschwiegen. Und wenn er sich mit seinen Packen einmal aufs Trottoir wagte, stieß man ihn mit fluchendem Worte herunter auf den Damm, zwischen die Droschken und Equipagen und Pferdebahnen. Er hat nie geklagt — er hat geschwiegen. Niemals hat er ausgerechnet, wie viel Groschen er für das Tragen der Centnerlasten fordern solle. Und wenn man ihm noch einen Centner auflud, so wagte er nicht mehr zu verlangen. Wie oft ist er auf dem Wege zusammengebrochen vor Hunger und Ueberarbeit — er hat geschwiegen. Und wenn er seinen Lohn verlangte, die Gesichter .... Das Herz ging ihm schier über — aber er hat geschwiegen. Nie hat er laut oder gar frech um seinen Lohn gedrängt. Wie ein Bettler stand er an der Thür und bat nur mit den Augen. „Kommt später", haben ihm die Arbeitgeber oft zugerufen; dann schlich er lautlos von dannen wie ein Schatten — und noch stiller kam er dann wieder wegen des Lohnes. Selbst wenn man ihm in gemeiner Weise von seinem Verdienste einen Theil abzog — er hat geschwiegen. Auch wenn man ihm eine falsche Münze gab — er hat geschwiegen. „Man scheint mich doch zu meinen", sagte er sich, schon muthiger werdend. „Einmal", so fuhr der Vertheidiger nach kurzer Unterbrechung fort, „einmal trat in seinem Leben eine Wendung ein. Er war gerade über den Damm gegangen, als eine Carrosse heransauste — die Pferde waren scheu geworden. In hohem Bogen flog der Kutscher vom Bocke und zerschlug sich den Schädel. Da war Bonze den Pferden in die Zügel gefallen — sie schäumten und aus ihren Hufen sprangen nur so die Funken, ihre Augen leuchteten wie Lichter in dunkler Nacht. Der Mann im Wagen hatte sich endlich von seinem Schrecken erholt und aus Dankbarkeit nahm er Bonze als Kutscher in seinen Dienst. Er ist sein Wohlthäter geworden. Er hat ihn nicht rrur zum Kutscher gemacht. Er hat ihm auch ein Weib gegeben, und ein Kind hat er ihm dazu gegeben. Aber Bonze hat geschwiegen.- „Man meint mich, man meint mich!" so dachte er nun schon hocherfreut; aber den Gerichtsvorsitzenden wagte er doch nicht anzuschauen. Er hörte weiter zu, was der Vertheidiger von ihm da alles sagte. — — „Er hat geschwiegen, als sein Wohlthäter bankerottirte und ihm seinen schäbigen Lohn nicht bezahlte. Er hat geschwiegen, als sein Weib ihm davonlief und ihm noch ein Kind von 3 Monaten zurückließ. Er hat geschwiegen, als nach 15 Jahren das Kind ihn zur Thüre hinauswarf. — „Er hat sogar geschwiegen" — spricht mit fast bebender Stimme der Vertheidiger — „als der Wohlthäter sich mit allen Gläubigern ausgeglichen und ihm doch nichts gab. Und als der Banquier später wieder auf Gummirädern fuhr und als er den Bonze überfahren — da hat er der Polizei nichts gesagt — er hat geschwiegen." Er hat geschwiegen — sogar im Spital, wo man doch schreien darf. Er hat geschwiegen, ob auch der Doctor sich gar nicht um ihn kümmerte und nie an sein Bett trat. Er hat geschwiegen, als der Krankenwärter ihm nie reine Wäsche brachte, denn auf gutes Trinkgeld konnte er doch nicht hoffen. Er hat geschwiegen, als er den Tod nahen fühlte und er hat geschwiegen, als er in den letzten Zügen lag. „Kein Wort", so schloß der Vertheidiger seine Rede, „hat er gegen Gott, kein Wort gegen die Menschen gesprochen." Nun wird dem armen Bonze, der sich kaum erholt hatte, angst und bange: „Jetzt kommt ja der Ankläger an die Reihe." Er selbst hat sich ja niemals seines vergangenen Lebens erinnert. Noch auf Erden wußte er im nächsten Augenblick nicht, was ihm der vorige gebracht. Jetzt erinnerte er sich ja an Alles, worauf der Vertheidiger hingewiesen. Aber was wird wohl der Staatsanwalt Vorbringen? „Meine Herren", begann der Staatsanwalt mit harten, schneidigen Worten. „Meine Herren", wiederholte er nochmals — aber schon etwas milder. Plötzlich bricht er ab; räuspert sich und sagt mit immer weicherer und weicherer Stimme: „Bonze hat geschwiegen — nun ich will es auch thun." Da ward Alles still umher, und aus der Ferne tönte eine leisbebende, zarte Stimme: „Bonze, mein Kind — mein liebes Kind." Und Bonze wird ganz weich ums Herz — er hätte ja so gern die die Augen aufgeschlagen — aber er konnte es nicht, denn die dicken Thränen quollen ihm hervor — es war ihm so wehmüthig, thränenselig zu Muthe. Und wieder klang es : „Mein liebes Kind, mein Bonze. ." Seit die Mutter gestorben, hatte er solche Töne nie gehört. „Mein Kind", sagte die Stimme weiter, „wie hast Du gelitten, was hast Du alles ertragen müssen — und Du hast geschwiegen. Kein Glied haben sie Dir ganz gelassen. Deine Knochen haben sie Dir zerschunden. Dein ganzer Körper ist blutunterlaufen nnd auch Deine Seele haben sie Dir zerfetzt — aber Du hast geschwiegen. Deinen Werth verstand man drunten auf der Erde nicht zu würdigen. Du hast wohl selbst gar nicht gewußt, daß man ausschreien kann, wild ausschreien, wie ein gepeinigtes Thier. Du wußtest nicht, daß solche Kraft in Dir schlummert. Auf Erden hat man Dein Schweigen nicht gelohnt, aber hier wirst Du Deinen Lohn empfangen. Du wirst vom himmlischen Gerichte nicht verurtheilt werden, nichts wird Dir zu Leide geschehen." — Nicht wie den anderen Frommen, die in den Himmel eingehen, wird man Dir die Güter, die Gaben zuweisen, Dir gehört alles, was Du immer nur begehren magst — alles ist Dein. Langsam hebt Bonze den Kopf hoch und blickt zum ersten Male nun im Saale umher. . . All das Licht blendet ihn . . . Alles blinkt und blitzt und funkelt. Die Säulen leuchten, aus den Perlen und Diamanten strahlen bunte und lebhafte Farben. Von goldigem Scheine umgossen sind die Richter, die Engel und der Reigen der Frommen. Bon aller Pracht geblendet, blickt er nun zur Erde. „Alles ist mein — Alles — mein!" »Ja, ja, Dein ist Alles, was der Himmel birgt an Schmuck und Reichthum. Nimm von den Schätzen, von den Gütern, was Du nur willst — alles ist Dein." „Wirklich — ist Alles mein?" fragte Bonze schon etwas hoffnungssicherer. „Wirklich, wirklich". „Nun, wenn es so ist", sagte Bonze schmunzelnd, „dann bitt' ich, wenn ich sehr bitten darf . . . täglich in der Früh — eine warme Semmel und ein bischen frische Butter." Literatur. Friedensboten. Nach auftegenden Tagen wäre es wahrlich zu wünschen, daß die Kalender pro 1898 uns Führer sein sollen in ein Friedensnnd Jubiläumsjahr. In dieser Hoffnung begrüßen wir daher umso angenehmer die alljährlich von der Buchhandlung Moritz Perles, Wien, I., Seilergas sei producirte Collection Kalender. Ein ausgezeichneter Erzählungskalender zum Beispiel ist der „O e st e r r. Volks-Kalender", welcher in einem besonders reich ausgestatteten (51.) Jahrgang vorliegt und nebst interessanten Novellen erster Schriftsteller eine Fülle ernster und humoristischer Bilder enthält. Auch machen wir auf einige elegante Erscheinungen, den Staffelet-(Nippes-) Kalen der, den Bijou-Kalender und den Boudoir-Kalender, aufmerksam. „Die feine Welt" (Tage- und Notizbuch) enthält pro 1898 das neueste Bildniß der Prinzessin Dorothea von Eoburg. Es ist überhaupt schwer, nach einem Kalender zu suchen, der bei P e r l e s nicht zu finden wäre. Es ist somit für alle Bedarfsfälle gesorgt und, wer irgend einen Kalender braucht, wende sich an die Buchhandlung Moritz Perles (Wien, I. Seilergasse 4). Dieselbe versendet auch elegante Kalender-Prospecte gratts. Briefkasten. Wien» II.» A. M. (Anonymus). Wenn Sie uns anstatt langer Vorwürfe, die ganz unberechtigt sind, lieber rechtzeitig eine informirende Notiz gesandt hätten, wäre das viel zweckentsprechender gewesen. Möglicherweise ist es jetzt noch nicht -u spät dazu.

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