Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 58 Vr. Vlortz's WvchrnschrM. Rr. 3 Wer weiß?! vielleicht ist er gar verhungert. — Wenn irgendwo ein Droschkengaul fällt, dann schreiben die Zeitungen darüber, und die Leute laufen zusammen. — Aber wenn ein Bonze stirbt .... ach, davon gibt's ja so viele! — — — Bonze hat still, welteinsam gelebt und still, welteinsam ist er gestorben . . wie ein Schatten. Als er geboren wurde, da tranken seine glücklichen Eltern vor Freude keinen Wein; keine Gläser klangen chm zu Ehren. Er war so wie ein Sandkörnchen am Meeresstraud, das der Wind sortbläst, ohne daß sich Jemand drum kümmert. Und als er starb, da brauste der Sturm das Grabtäfelchen von der frischen Gruft und die Todtengräberfrau fand es weit ab vom Grabe, zerhackte es und legte es ins Feuer, um ihre Kartoffeln damit zu kochen. Und so wußte man schon nach wenigen Tagen nicht mehr, welches sein Grab war. Hätte er wenigstens einen Grabstein gehM, so hätte doch nach ein paar hundert Jahren ein Alterthumsforscher ihn der Vergessenheit entrissen. Keinem Menschen blieb eine Erinnerung an ihn, keinem. Elend hat er gelebt und elend ist er gestorben. Und wenn auf Erden nicht so ein brausender Trubel gewesen wäre, mau hätte seine Knochen knacken hören; so hat er gearbeitet; man hätte vielleicht gemerkt, daß auch er ein Mensch, wenn auch das Auge matt nur noch leuchtete und ihm die Backen eingefallen waren, ein Mensch, der selbst wenn er kmen Packen auf dem Rücken schleppte, gebeugt ging — als suche er sein Grab. — Als man ihn ins Spital brachte, da blieb sein Schlafwinkel im Armenhaus nicht leer — drauf warteten schon zehn Menschen.... Als man ihn aus dem Spitale ins Todtenhaus brachte, da haben schon zwanzig Kranke auf sein Bett gelauert. Und als er aus dem Todtenhause in die kühle Gruft gesenkt wurde, da wartete man schon mit zwanzig Todten, die ein einstürzendes Haus zerschmettert hatte. Wer weiß, wie viele schon auf das kleine Stückchen kühler Erde warten, worin er nun ruht. . . . Er ward still geboren ... er hat still gelebt ... ist still gestorben . . . und still begraben worden.-— — — Aber droben im Himmel! Als man dort erfuhr, daß Bonze gestorben, da lies Alles in wilder Aufregung umher. Der gewaltige Messiasschaufor erklang, daß es durch alle sieben Himmel brauste. Alles tuschelte einander in die Ohren: Bonze ist gestorben — Bonze kommt. Und die Engel raunten einander zu: Bonze kommt. Schon eilen zwei wundermilde Engel herbei. Sie schieben einen güldenen Rollstuhl vor sich her — für Bonze, und einer trägt eine goldene Krone mit leuchtenden Brillanten. Die Frommen, die droben im Himmel leben, die fragten ob des Aufruhrs verwundert, vielleicht auch neidisch, was all das solle. Und die Engelein antworteten: Das wird heute ein einfaches Gericht werden. Heute kann der Satan keine niederschmetternden Anklagen erheben. Die Engelein hatten Bonze gefaßt. Der Stammvater Abraham, der an der Himmelsvsorte stand, reichte ihm die Hand zum Willkommengruß und tuschelte ihm zu, daß ein Sessel im Reiche der Himmlischen und eine güldene Krone seiner harre .. Bonze war ganz starr — er hat geschwiegen, so wie er es auf Erden that. Denn er wußte ja, daß hier ein Jrrthum vorläge; er wußte ja ganz genau, daß all das Gute, das ihm je erschienen — nur Traumgebild oder Jrrthum war. Einmal hatte ihm geträumt, daß auf dem Fußboden glitzernde Ducaten lägen mid er sie nur aufzuheben brauche. Und als er dann schreckfreudig erwachte, da war er just noch ärmer als je zuvor. Redete ihn mal Jemand freundlich an, dann war es gewiß ein Versehen. Und so, dachte er, ist es auch jetzt, jetzt wo ihm im Himmel solche Herrlichkeiten wintten. Er wagte es, die Augen zu öffnen und als Bonze erkannt zu werden. ... Er wagte es kaum, auch nur ein Glied zu rühren, die Lippen zu öffnen — damit man ihn nicht erkenne und in den jähen Abgrund stürzte. Er war so verängstigt, daß er all die Schmeichelworte nicht hörte, die der Engelchor ihm ins Ohr flüsterte, nicht sah, wie die kleinen Engelein lustige Reigen um ihn tanzten. Und noch furchtbarer war sein Schreck, als er unwillkürlich die Augen aufschlug und sah, daß er vor dem^Himmelsthrone stand in dem weiten, glänzenden Saale mit den mächtigen aufstrebenden Säulen und dem Alabaster-Boden, in den schimmernde Brillanten eingefügt waren. „Wer weiß", so dachte er sich, „wer weiß, welchen Edelmann oder Millionär, welchen Gelehrten oder Frommen man hier erwartet. Ja, der wird schon kommen, und dann wird der Jrrthum offenbar werden und mich wird man in die Hölle jagen." Vor lauter Angst,hörte er überhaupt nicht, wie der Vorsitzende des himmlischen Gerichtes seinen Namen aufrief und dem Bertheidiger die Acten über Bonze reichte und ihn bat, die Sache recht schnell zu Ende zu führen. Dem armen Bonze war, als ob der Saal mit den prunkvollen Säulen um ihn herum tanzte. Es brauste und sauste ihm durch den Schädel .... und doch leise schlug mitten durch das wirre Gesumme eine milde Stimme an sein Ohr — die Stimme des Vertheidigers, der immer und immer wieder seinen Namen nannte: Bonze, Bonze .... „Was redet der Mensch?", fragte er sich, und da erscholl die harte, ungeduldige Stimme des Vorsitzenden: „Bitte, iveiter, keine Umschweife." „Niemals", so fuhr der Bertheidiger fort, „hat er geklagt, nicht gegen Gott, nicht gegen die Menschen, und niemals hat er mit Neid oder Haß auf die anderen gesehen-" Bonze versteht von alle dem keinen Ton. Der Vorsitzende ruft wieder dazwischen: „Bitte weiter! Lassen Sie doch alle rhetorischen Kunstleistungen." „Hiob", begann der Bertheidiger, „Hiob hat das Leiden nicht ertragen; auch er hat das Unglück gefühlt, aber.... „Ich muß um Thatsachen bitten, Thatsachen, Thatsachen." — Als Bonze 8 Tage alt war, wurde er in den Bund der Väter ausgenommen. Bei all den Schmerzen hat er geschwiegen. Als seine liebe Mutter starb — hat er geschwiegen. Als er mit 13 Jahren eine Stiefmutter bekam, die eine Schlange, eine Bestie war, er hat geschwiegen.. „Meint man mich wirklich?! fragte sich Bonze, schon schwankend. „Seine Sttefmutter gönnte ihm keinen Bissen. Hartes, altes, verschimmeltes Brod gab sie ihm — aber sie hat an leckerem Male sich gütlich gethan. Ja mit den Speisen geizte sie — mit ihren Nägeln nicht. Keinen Fleck hat Bonze am Leibe gehabt, wo er nicht blau und grün geschunden war. Durch die zerrissenen Kleider guckten ihm Schrammen und Narben. .Und im Winter im größten Frost hat sie ihn barfüßig auf den Hof gejagt, wo er Holz hacken mußte — er hat geschwiegen. Seine Hände waren jung und schwach . . . und die Kloben waren hart und ästig . . . und das Hackbeil war stumpf — er aber hat geschwiegen. Wie oft hat er sich seine Arme ausgerenkt, wie oft sind ihm die Füße erfroren — er hat geschwiegen — sogar vor seinem Vater. Und Bonze fuhr es kalt durch alle Glieder. Ja, er hat niemals vor seinem Vater geklagt — er hat geschwiegen. Vom Glücke wußte er nichts; er hat keinen Freund besessen, keinen Lehrer, keinen ganzen Rock und keine arbeitsfreie Minute — aber er hat geschwiegen. Er hat sogar geschwiegen, als sein Vater im Rausche heimkehrte, ihn an den Haaren packte und aus der Wohnung in den eisigen Winter warf. Er hatte sich aus dem Schnee erhoben und war sortgelaufen, wohin ihn seine Füße nur tragen mochten. Auf dem ganzen Weg hat er geschwiegen. Er hat gehungert — aber gebettelt uni ein Stück Brot hat er nur mit den Augen. In schauriger Winternacht war er in eine große Stadt gekommen. Zwar war er hier nur wie ein Tropfen im Meere — aber ihn hat man gleich gepackt und auf die Wache geschleppt. „Warum, wofür?" — Er hat geschwiegen, er hat nicht gefragt. Und als man ihn aus der Wache entließ, da begann er Arbeit zu suchen. Noch schwerer als die Arbeit selbst, war das Suchen, das Finden. — Er hat geschwiegen. Bon Morgens bis Abends lief er durch die Straßen, daß ihm der Schweiß in Tropfen über die Nase rann, die schwersten