Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 49 Nr. 3 Dr. Blvch's Wochenschrift. hndi?" „Nein", antwortete der Mann, „ich bin Israeli". Dann nahm der Missionär eine lateinische Bibel, die einige hebräische Buchstaben enthielt, und zeigte sie dem Juden. Dieser fand sie augenblicklich heraus, aber er konnte sie nicht lesen. Alsdann wandte er sich an die Umstehenden und sprach: „In meiner Vaterstadt gibt es viele Kinder Israels; sie haben einen großen Tempel, den sie gerade jetzt renoviren, und eine Gesetzrolle, die mehrere Jahrhunderte alt ist. In tzankuk befinden sich aucö viele Israeliten, die ebenfalls einen Tempel und die Bücher Moses' besitzen. Auf den Wunsch der Anwesenden trug er einige Stellen aus der heiligen Schrift vor. Er erzählte die Geschichte von Abraham, Judith und Esther, und dies Alles aus dem Gedächtuiß. Unter Anderem erzählte er auch, daß mehrere seiner Verwandten hebräisch sprächen, er selbst sei aber von den Chinesen erzogen und deshalb von seinen Angehörigen verachtet. Er habe die chinesische Wissenschaft gründlich studirt, und man^ Habe ihn zu einer hohen Würde erheben wollen, er begnüge sich iudeß mit der Stelle eines Arztes und habe sich stets geweigert, dem Glauben seiner Väter untreu zu werden. — Drei Jahre später sandte Pater Ricci einen Abgeordneten in die von dem Juden oder, wie er sich selbst nannte, Israeli bezeichnete Stadt, um sich von der Richtigkeit seiner Angaben zu überzeugen. Der Pater gab dem Abgesandten einen in chinesischer Sprache geschriebenen Brief an den Vorsteher der betreffenden jüdischen Gemeinde mit, in welchem er die Bitte aussprach,_ ihm mitzutheilen, ob sie nicht Bibeln besitzen, welche bekunden, daß der erwartete Messias seit langer Zeit gekommen "sei. Auch ertheilte er dem Abgesandten den Auftrag, Copien von etwaigen hebräischen Schriften anzufertigen. Der Abgesandte hat jene Gemeinde wirklich aufgcfunden und dem Pater eine Antwort des Gemeinde-Vorstehers überbracht, welche lautet: „Der erwartete Messias ist noch nicht gekommen, aber er wird bestimmt ankommen." Hören wir, was Kögler, der Reiseschriftstetter, mittheilt: „Die Juden in China theilen die biblischen Bücher in vier Classen ein. Die erste rnnfaßt den Pentateuch, der in 53 Leseabsätze gelheilt ist, in eben der Ordnung und mit denselben Zuschriften wie ln allen anderen jüdischen Bibeln. Diese machen das ganze Gesetz oder Thora ans, welches Wort sie, da ihnen gleich den Chinesen der N-Lant fremd ist, Thaula nussprechen. Die zweite Claffe besteht ans den fünf Büchern Josua, Richter, Samuel, Melakhim und David. Die Bücher Josua und Richter haben sie nicht vollständig; auch in den Büchern der Könige fehlt ihnen Manches. Samuel das sie Schemueul aussprechen, ist vollständig. Das Buch David (Davits), worunter die Psalmen gemeint sind, ist nicht untersucht worden. Die dritte Classe heißt Ei-pai, die Bücher der Ceremonien.. Diese enthalten das Buch Jesaiäs, das vollständig ist; Jeremias, das sie Ja!emeichung, zuweilen auch Tivele (nach hem hebräischen Anfangsworte Ordre) benennen und an Festtagen vorlesen, ist ebenfalls vollständig. Von Ezechiel haben sie nach ihrer Aussage nichts und von Daniel nur einige Verse des ersten Capitels. Von den kleinen Propheten haben sie Jona ganz; Micha, Nabuill, Habakuk, Zefania, Chagai und Zechariä sind mangelhast; von den übrigen besitzen sie nichts. Zu dieser Classe zählen sie auch die Bücher der Chronik (Divele Hajamim), deren erstes nur vier bis fünf Capitel und auch diese nicht vollständig enthält. Die vierte Classe nennen sie Hafuchala. Diese enthält das Buch Esther, Esra, einen Theil des Nehemia, die zwei ersten Bücher der Makkabäer, sowie einige andere Bücher, deren Bezeichnung sie nicht kennen und die sie chinesisch Kiang tschang, d. h. die Ausleger, nennen. Dies sind vier Classen der Bücher der heiligen Schrift. Von Proverbien und Hiob, dem Hohelied und Prediger' besitzen sie nichts, lieber das Buch Ruth und die Klagelieder konnten wir aus Mangel an Zeit keine Untersuchung anstelle». Vielleicht besitzen sie noch mehr, als sie sagen oder zu haben wirklich glauben. Da sie sehr unwissend sind, haben sie nicht das geringste Verlangen, ihre Bücher zu untersuchen. Sie erlauberl nicht, Bücher mit nach Hause zu nehmen, sie aber in der Synagoge einzeln zu untersuchen, hält schwer, weil sie daselbst in großer Unordnung untereinander liegen. Obschon diese Bibliothek dem Anscheine nach arm ist, könnte sie doch den europäischen Gelehrten reich scheine)!, wenn man Gelegenheit hätte, sie mit Muße durchzusehen. Für den unaussprechlichen Namen Gottes haben sie dieselbe Benennung wie wir: Adon. . oberEtunoi, wie sie ihn aussprechen. Wenn sie dieses Wort mündlich oder schriftlich er- . klären wollen, so sagen oder schreiben sie nicht wie die chinesischen Christen: Dieut8Llieu (Herr des Himniels), sondern blos Dien (Himmel). Dien aber — sagen die chinesischen Gelehrten - ist nichts anderes als der Geist, der den Himmel regiert, wahrend der Himmel die allervortrefflichste Schöpfung ist, die durch jenes höchste Wesen hervorgebracht wurde. Daher wird dieses Wort zuwerlen auch vom materiellen Himmel gebraucht, und es kommt bei Beurtheilung der Bedeutung immer auf die Sache an, von welcher es gebraucht wird. So sagen die Chinesen z. B., daß der Vater der Dien seiner Familie, der kaiserliche Statthalter der Dien seiner Provinz und der Kaiser der Dien seines Landes sei n. s. w. In einem der angesehensten kanonischen Bücher der Chinesen, Chuking, liest man, „daß dieser Himmel, dieses allerhöchste Wesen, das erste Grundwesen aller Dinge, der Vater aller Völker sei, ein Wesen, das ganz allein von Keinem abhängig ist, ein Wesen das Alles vermag, dern auch die verborgensten Geheimnisse des Herzens nicht verborgen sind." Die chinesischen Juden begehen daher keine Gotteslästerung, wenn sie den Gott Israels mit Dien bezeichnen. Ihre Gesetzrollen» die auf Pergament geschrieben und unpunktirt sind, werden von ihnen in Ehren gehalten, nicht minder aber auch das Andenken derjenigen, die eine Gesetzrolle selbst schreiben oder schreiben lassen. So enthält eine Gesetzrolle am Schlüsse der Genesis einen Anhang, der dem Andenken der Männer gewidmer ist, welche diele Gesetzrolle geschrieben haben. Dieser Anhang, welcher uns einen Einblick in das religiöse Leben und Empfinden dieser Juden gewährt, hat nach Olav Gerhard Tycksen's Uebersetzung folgenden Wortlaut: „In der Stadt, welche Anfangs Pieug-leang hieß, in der heiligen Stadt Kei-fong-fu, durch Hilfe des Himmels (ist) das Gesetz, das dreiundfünfzig Paraschen enthält, o Israel, wahrhaftige Worte. Ter Anfang des Gesetzes ist abgeschrieben im Jahre 1933'-) im Monat Ab, am ersten Wochentage, anr dritten Tage des Monats. Das Schreiben des ganzen Gesetzes ist geendigt im Jahre 1937 im Monat Jjar, am inerten Wochentage, am zwölften Tage des Monats. Unser Lehrer und Meister Rabbi Jaacob, Sohn des Rabbi Obischai, Enkel des Rabbi Eldad, Schreiber und Schulmeister, hat es geendigt. Völlig hat cs geendigt Rabbi Schade, Sohn des Rabbi Jaacob. Das Jahr haben unterschrieben Rabbi Mordechai, Sohn Simeon's Benncht, Rabbi Akiba, Sohn Aron's Enkel des Esra. Es weiheten das Geschenk der Bachur Simcha, Sohn Jehoschna's, Enkel Josephs, der vortreffliche Rabbi Jaacob, Sohn Ruben's, Enkel des Busi, Mordechai, Sohn Benjamin's, Enkel des Busi. Gesegnet seist du bei deinem Eingang und gesegnet bei deinem Ausgang. Er (Abraham) war sehr reich an Vieh und Silber. Ans deine Hilfe vertraue ich, o Herr!" De G u i g n e s sagt an einer Stelle seiner Memoiren, sie wurden auch Lan-mao-hui-tze, das heißt „Muhamedaner mit der blauen Kappe", genannt, da sie in der Synagoge eine blaue Mütze trugen. Aber der letztere der beiden Namen scheint blos ein localer gewesen zu sein. Hui-tzo oder auch Hui-hui ist ob ndrein mehr ein Schimpfwort, das der Gassebubr dem Muhamedaner nachruft, der leicht kenntlich ist an der Art, wie er den Schnurrbart trägt. Die erste Beschreibung dieser Colonie haben wir von dem Jesuitenpater Gozani. Interessant, wenn auch nicht immer glaubwürdig, ist. was Pater Gozani (1704) berichtet: „Sie erzählten mir, daß ihre Vorfahren aus einem Reich inr fernen Westen, dem Reiche Inda, stammten, welches lange nach dem Auszuge ans Egypten, nach dem Gange durch das Rothe Meer und der Wanderung durch die Wüste Jostra eingenommen hatte. Ihre Angaben über die Anzahl der aus Egvpten ausgezogenen Israeliten, nämlich tio Baus, das ist oco.ouo Seelen, trat mit der Bibel zusammen. Dann erzählten sie mir von den Büchern der Richter, ferner von David, Salomo, von Ezechiel, der die tobten Gebeine wieder in's Leben zurückrief, vom Propheten Jona, welcher drei Tage im Bauche des Walfisches zugebracht batte u. s. w. Außer der Bibel besitzen sie noch andere von Rabbinen verfaßte Bücher, welche sie, wenn ich nicht irre, Santio nennen. Diese Bücher sind mit Albernheiten angefüllt und enthalten die Gebräuche und Ceremonien, welche sie immernoch beobachten. Sie kennen Paradies und Hölle, sie feiern dem Gesetze gemäß den Sabbath und vollziehen am achten Tage die Circmncision an ihren Kindern. Endlich sprach ich mit ihnen auch über den in der heiligen Schrift verheißenen Messias. Sie schienen über meine Worte sehr erstaunt, besonders als sie von mir den Namen des Heilands nennen hörten. Einige indeß sagten mir, daß die Bibel wohl eines heiligen Mannes dieses Namens gedenke, aber dieser sei der Sohn Sirach's gewesen und nicht der Mann, von dem ich spräche." Daß sie schon Kenntniß von Sirach hatten, welcher im zweiten Jahrhundert v. Ehr. lebte, ist, wenn auch keineswegs entscheidend, so doch wichtig. Alles wohlerwogen, hat man keinen Grund, zu zweifeln, daß schon frühzeitig auch auf dem Landhandelsweg über Baktrien :c. Inden nach China gewandert sein mögen, wohin im Mittelalter auch Benjamin aus Tudela ging, der erste Europäer, welcher Chinas, das er Land Zin nennt, gedenkt." Der Tsing-chin-sse oder „Reine und wahre Tempel" war^j ein großer Gebäudecomplex der aus vier großen, von einander getrennten Höfen bestand. Zahlreiche Gebäude, welche diese Höfe umgaben, dienten zum Gottesdienst, als Wohnungen der Priester und zu anderen Zwecken. Tie Li-pai-sse oder Synagoge maß ungefähr 20X15 Meter. Vor ihr befand sich ein Portico, der ans einer Doppelreihe von je vier Säulen gebildet wurde. Hier in der Mitte stand der „Thron des Moses", ein prächtig gearbeiteter Stuhl mit kunstvoll gesticktem Kissen, auf dem das „Gesetz" lag, während es der Gemeinde vorgelesen wurde. Diese Beschreibung G o z a n i's war für lange Zeit das Einzige und Letzte, was wir über die Gemeinde wußten. Da sandte der englische Bischof Smith von Shanghei zwei zum Christenthume übergetretene Chinesen nach Kaifoug, um über die derzeitige Lage der jüdischen Gemeinde Erkundigungen anzustellen. Die Leute verstaitden zwar nicht Hebräisch, man hatte sie aber gelehrt, die Bllchstaben der hebräischen Sprache zu copiren, so