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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 44 Vr. »wch * WochrnptzrM Der jüdische Centralverem in Prag. Es gibt Zufälle, die wie Fügungen ausseh en. Zur selben Stunde, da uns die Post den eben erschienenen Jahresbericht des Prager Centralvereins zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in's Haus brachte, stellte sich uns wehklagend eines der Opfer der jüngsten Prager Judenexcesse vor. Die Heilung der furchtbaren Schäden, welche unsere Glaubensgenossen in der böhmischen Landeshauptstadt durch diese Excesse erfahren, ist die dringendste Aufgabe dieses musterhaft örgauisirten und geleiteten Vereines in den letzten Wochen gewesen. Und nicht nur um das ziffermäßig kaum abzugrenzende Unheil handelte es sich dabei, sondern mehr noch um die Wahrung und Sicherung der schwer bedrohtem staatsbürgerlichen Rechte unserer Glaubensbrüder in Böhmen, die in dem rasenden Streite zwischen den beiden feindlichen Nationalitäten nicht der sich freuende, sondern der bedrängte und geschlagene Dritte sind. Die Ereignisse der ersten Decembertage haben denn auch den jüdischen Eentralverein in Prag zu einer Thätigkeit aufgerusen, welche sich in dem vorliegenden Jahresberichte noch nicht verzeichnet findet. Er hat iu die HUssactiou für die beklagenswerthen Opfer der Exceffe mit seiner weitverzweigten Organisation kräftig eingegriffen, und er hat ferner an den neuen Ministerpräsidenten Freiherrn v. Gautsch ein umfangreiches Memorandum gerichtet, in welchem die Ursachen der fortschreitenden antisemitischen Bewegung unter beiden Volksstämmen Böhmens und die Gesahreu, welche eine , weitere Duldung dieser Bewegung von Seite der zur Abwehr berufenen Factoren in sich schließt, in der nachdrücklichsten Weise geschildert werden. Damit ist dieser segensreich wirkende Verein, welcher im Grunde keineswegs eine Kampsorganisation ist, sondern sich die Aufgabe gestellt hat durch die Vereinigung unserer Glaubensgenossen beider nationalen Bekenntnisse auf dem gemeinsamen Boden der werkthätigen Nächstenliebe, der staatsbürgerlichen Rechte, der geistigen Interessen undder Pflege des jüdischen Bewußtseins das Judenthum zu kräftigen, mitten hineingerathen in den Wirbel der antisemitischen Sturmfluth. Schwierig und dornenvoll ist seine Lage, sowie diejenige all unserer böhmischen Glaubensbrüder geworden. Von welchen Grundsätzen der Verein sich bisher bei der Abwehr antisemitischer Angriffe leiten ließ, lehrt uns folgende Stelle des Berichtes: „Wir sind der vollen Ueberzeugung. daß die feindlichen Angriffe gegen unsere Confession überwunden werden, wenn wir das Vorbild unserer ehrwürdigen Ahnen uns vor Augen halten, welche in der Zeit der schlimmsten Bedrängniß treu zu einander standen, Abtrünnigkeit und Renegatenthum als das schändlichste Mittel zur Abwehr verwarfen, vielmehr in ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen ausharrten und an .ihrer Confession festhielten; wir sind vollends überzeugt, daß wir dieser Bewegung feste Dämme entgegensetzen werden, wenn wir im öffentlichen Leben und in unseren Berufs- und Erwerbskreisen ein musterhaftes, tadelloses Verhalten beobachten, wenn wir uns als patriotische Bürger dieses Staates von allen politischen Ausschreitungen ferne halten, wenn wir zwar überall dorck, wo wir zu gemeinnützigen und Humanitären Arbeiten herangezogen werden, unsere Mitwirkung bereitwilligst leisten, nie und nimmer aber uns anderen Kreisen ausdrängen, sondern bescheiden uns eine gewisse Reserve auferlegen, wenn wir ferner iu unseren Bedürfnissen keinerlei demonstrative Prunksucht zur Schau tragen, unseren confeffionellen Verhältnissen die vollste Aufmerksamkeit widmen, aber auch Alles hintanhalten, was dem Zeitgeist und den Zeitverhältniffeu widerstrebt!" Die Richtigkeit dieser Grundsätze vermag Niemand zu bestreiten, und doch — wer wollte behaupten, daß die Prager Juden in den Schreckenstagen vom 30. November bis 3. December verschont geblieben wären, wenn sie Alle nach diesen Grundsätzen gelebt hätten? Daß der Centralverein selbst aus der von ihm stets so dringend empfohlenen Reserve hat heraustreten müssen, ist der deutlichste Beweis dafür, daß die schönsten diätetischen Regeln gegen die Seuche des Antisemitismus nichts helfen. -st -st -st Wir wenden uns nun dem eigentlichen Thätigkeitsberichte zu, und da erfüllen wir zunächst eine Ehrenpflicht, wenn wir der unermüdlichen, aufopfernden und umfassenden Wirksamkeit des Geschäftsleiters Herrn Dr. Friedrich D u s ch e u e s gedenken, der sich durch seine vielfach entscheidende Mitwirkung an dem Gesetze, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Judengemeinden, und durch die Verfassung des Normalstatuts dieser Gemeinden die außerordentlichsten Verdienste erworben hat. Fast die gesammte Last der vielfältigen Vereinsgeschäfte ruht auf den Schultern dieses Mannes, der rastlos und unverdrossen seine freiwillig und uneigennützig übernommenen Pflichten erfüllt. Der Centralverem, welcher in ganz Böhmen mehrere tausend Mitglieder zählt, theilt seine Agenden in fünf Sectiouen, und zwar: I. Section: Culturelle und sociale Fracen; II. Section: Administrative Vereinsaugelegenheiten-; III. Section: Handwerkerabtheilung; IV. Section: das Studentencomita; V. Section: Zur Heranbildung von Krankenpflegerinnen. Von diesen fünf Sectionen verdient der von Herrn - S. Liberles erstattete Bericht über die Handwerkerabtheilung besondere Beachtung. Die Abtheilung zählte am Ende der ^erichtsperiode einen Lehrlingsstand von 43 Knaben n. zw.: Schneider 11, Schlosser 8, Tapezierer 4, Goldarbeiter 4, Handschuhmacher 4, Schuhmacher 2, Gerber 2, Weber 1, Glaser 1, Buchbinder 1, Posamentierer 2, Staatsgewerbeschüler 3. Freigesprochen wurden 1897: 6 Schlosser, 2 Schneider, l Spengler, 1 Handschuhmacher, 1 Tapezierer, l Mechaniker, 1 Selcher, l Glaser, 1 Lithograph, zusammen 15. Die Lehrlingsabtheilung ist ein lebendiger Protest des Centralvereines gegen die antisemitische Behauptung, daß die Juden sich vermöge ihrer „Raceneigenthümlichkeit" nicht einem ehrlichen Handwerke zuwenden können und wollen. Aus Beschluß der letzten Generalversammlung ist nunmehr der Verein auch anläßlich des 50jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers an die Errichtung eines eigenen Lehrlingsheims geschritten. Jnsgesammt wurden bisher 98 Lehrlinge unter der Aegide des Centralvereines sreigesprochen. Was die Hochherzigkeit und Menschenfreundlichkeit edler Frauen zu leisten vermag, lehrt der Bericht über die unter Leitung der Frau Julie L e i p e n stehende Section zur Heranbildung israelitischer Krankenpflegerinnen. Die unausgesetzt wachsende Beschäftigung der vom Verein ausgebildeten Pflegerinnen ist ein deutlicher Beweis, daß dieselben ein wichtiger Factor im charitativen Leben nicht nur Prags, sondern auch ganz Böhmens sind. Die Pflegetage und Nächte betrugen in der Berichtsepoche 1002 Tage und 938 Nächte. Der Cassastand hat sich auf fl. 2067*23 gegen fl. 1668.18 im Vorjahre erhöht, trotzdem das neucreirte eigene Heim eine Mehrausgabe erforderte und an Unbemittelte bedeutende Taxnachlässe bewilligt wurden. Die Section erhielt von Frau Baronin H i r s ch die namhafte Summe von fl. 2( 00 zugewendet. Nicht minder erfolgreich wirkte die Studentenabtheilung unter Leitung des Herrn Prof. Wilhelm Wertheimer. Die Section konnte im Berichtsjahre 68 armen Studenten Stellen zuweisen. In den zehn Jahren ihres Bestandes hat die Section insgesammt 683 armen jüdischen Studenten 541 Stellen als Hauslehrer, Hofmeister, Correpetitoren rc. vermittelt. Die Gesammteinnahmen des Vereines betrugen im Verwaltungsjahre 1886 -1897 fl. 4934, die Gesammtaus-

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