Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 9c. Vloch* WochrnPhrM Veite 43 ab, die Fremden, d. i. die Juden, auf ökonomischem Gebiete zu vernichten, und so entstand eine lange Reihe von Gesetzen, die nicht von Furcht, sondern von Haß und Rachsucht gegen die Juden eingegeben waren. Es gehörte die ganze Energie und Zähigkeit des jüdischen Charakters dazu, um sich bei der großen Menge von Beschränkungen aller Art nach behaupten zu können und sittlich und materiell nicht zugrunde zu gehen. Als die rumänischen Antisemiten, die ebenso im Parlament wie in den höchsten und einflußreichsten Aemtern saßen, sahen, daß die bisher geschaffenen judenfeindlichen Gesetze ihre Wirkung, den völligen moralischen und materiellen Ruin der Juden herbeizusühren, verfehlten, machte man sich im Jahre 1893 daran, die jüdischen Kinder von dem Besuche der öffentlichen Schulen auszuschließen. Ein früherer rumänischer Minister, P. Poni, wies im Senate auf die Thatsache hin, daß die Gymnasien, besonders in der Moldau, größtentheils von jüdischen Schülern, die sich meist durch regen Fleiß und Aufgewecktheit Hervorthun, besucht werden und daß in diesem Umstande eine große Gefahr für's Land liege, denn wer Bildung besitzt, muß früher oder später die Macht in die Hände bekommen. Dieser Geist schuf 1893 di» Gesetze, welche die jüdischen Kinder von dem Besuche der öffentlichen Elementar-, Handwerker- und Ackerbauschulen grundsätzlich ausschlossen oder, wie bei den ersteren, die Aufnahme in dieselben nur unter erschwerenden Bedingungen zuließen. Diesen Schlag empfanden die rumänischen Juden um so härter, als ihre Religionsgemeinden jeden staatlichen Schutzes entbehren und darum außer Stande sind, die Mittel zur Gründung und Erhaltung der Volksschulen aufzubringen. Seit dem im Jahre 1864 ins Leben getretenen Schulgesetze war der Unterricht in allen öffentlichen Schulen für alle Landeseinwohner unentgeltlich, und Männer wie Mihail Kogulniceano ermunterten die Juden in Jassy und anderswo, ihre Kinder in die vom Staate oder der Commune unterhaltenen Lehranstalten zu schicken; nach 30 Jahren wurde es Regierungsmaxime, die Juden zu Analphabeten zu machen. Schon damals, 1893, wollten die rumänischen Antisemiten die Juden auch von den elastischen Gymnasien ausschließen, das Gesetz aber kam nicht zu Stande, nicht etwa aus Rücksicht für uns, sondern aus Gründen, die mit uns nichts zu schaffen haben. Diese Schwierigkeiten sind nun beseitigt, und es besteht nicht der geringste Zweifel, daß das vom gegenwärtigen Cultus- und Unterrichtsminister den gesetzgebenden Körperschaften vorgelegte Mittelschulgesetz angenommen werden wird. Im Sinne desselben können jüdische Schüler zu den Gymilasien und Liceen nur dann zugelassen werden, wenn in denselben nach Aufnahme aller sich meldenden rumänisch-christlichen Kinder verfügbare Plätze sind und dies erst gegen eine Schultaxe, deren Höhe der Minister bestimmt. Da aber die vorhandenen Mittelschulen noch viel weniger ausreichen, als'die Elementarschulen, so wird durch das neue Gesetz thatsächlich die völlige Ausschließung jüdischer Kinder von denselben decretirt. Hat schon dieser Gesetzentwurf in den Reihen der Juden Bestürzung hervorgerufen, so stieg diese bis zum höchsten Grad, als der Kriegsminister, General Berendeiu, sein Recrutirungsgesetz der Oeffentlichkeit übergab. Der erste Artikel dieses Gesetzes lautet, daß von jetzt ab nur Rumänen durch Geburt oder Naturalisation in die Armee ausgenommen werden und daß alle Anderen, die, entweder weil sie untauglich oder Fremde sind, zum Kriegsdienst nicht herangezogen werden, eine ihren Vermögensverhältnissen entsprechende Kriegstaxe entrichten müssen. Es wurde mehrfach behauptet, daß die öffentliche Agitation gegen dieses Recrutirungsgesetz durch die jugendlichen Mitglieder der „Association der jüdischen Reservisten" angeregt wurde und daß sie darum die Schuld an den am Sonntag, den 23. November (5. December) vorigen Jahres, in Bukarest und Galatz vorgekommenen wüsten und pöbelhaften Ausschreitungen trügen. In Wahrheit wurden die ernstesten Männer durch diesen Gesetzentwurf in die höchste Aufregung versetzt, denn abgesehen von allem Anderen sah man allgemein ein, daß durch die Ausschließung der Juden von der Armee unsere Lage in irreparabler Weise verschlechtert werde. Man gab sich in allen Kreisen, ob mit Recht oder Unrecht möge dahingestellt bleiben, der Hoffnung hin, daß, wenn ein Wandel zum Bessern eintritt, und der war bei dem sprunghaften Charakter des rumänischen Volkes, dessen untere Schichten den Judenhaß gar nicht kennen, nicht unmöglich, in erster Reihe die jüdischen Soldaten gegründete Aussicht auf Naturalisation haben. d Die „Association der jüdischen Reservisten" trifft nicht nur kein Borwurf, sie verdient vielmehr das höchste Lob, daß sie es wagte, öffentlich und feierlich das auszusprechen, was die Herzen der bedächtigsten Männer im Lande bewegte. Hinter der Affociation stand mit geringen Ausnahmen die ganze rumänische Judenheit, die den jugendlichen Mitgliedern der Association nicht einmal ihre^lebhafte Sympathie für ihr muthiges Auftreten aussprach. Man darf die Affociation umso weniger beschuldigen, als sie ihre unmittelbar nach der Parlamentseröffnung abgehaltene Protestversammlung am 16. (18.) November polizeilich anmeldete, wozu sie gar nicht verpflichtet war, da^die Juden gleich allen Rumänen seit 30 Jahren das Recht der Versammlungsfreiheit ungestört genoffen und geübt hatten. Da den Führern der Association schon früher Gerüchte von geplanten Tumulten zu Ohren gekommen waren, so baten sie ausdrücklich und wiederholt den Polizeipräfecten um Schutz und um Ergreifung von entsprechenden Vorsichtsmaßregeln. Ihre Bitte wurde nicht berücksichtigt, als die Mitglieder zur Versammlung kamen, fanden sie den von ihnen gemietheten Saal von Tumultuanten bereits besetzt. Die Versammlung konnte nicht stattfinden, die Mitglieder der Affociation mußten sich vor den Ruhestörern zurückziehen. Acht Tage darauf fanden die Exceffe, die vor den Augen der Polizei planmäßig vorbereitet worden waren, in Bukarest statt. Wer die Urheber dieser bedauerlichen Tumulte waren, läßt sich schwer ermitteln. Die Einen behaupten, die Regierung wollte durch die Aufrollung der Judenfrage ihre Popularität, die durch die Mißerfolge in der Siebenbürger-Rumänenangelegenheit nicht wenig gelitten hat, wiedergewinnen, die Anderen wieder meinen, ein namhaftes Mitglied der in der Opposition sich befindlichen conservativen Partei, das sich inzwischen politisch unmöglich gemacht hat. habe die Studenten und die Radaumänner ausgehetzt, einerseits um der Regierung Verlegenheiten zu bereiten, andererseits um sein Müthchen an den verhaßten Juden zu kühlen. Es ist sehr leicht möglich, daß die Hetze gegen die Juden von beiden Seiten ausging, denn es befinden sich in den Reihen der Conservativen, sowie in denen der Liberalen blindwüthige Antisemiten. Der einzige, wahrhaft freisinnige Politiker Rumäniens ist P. P. Carp, seine jüngste Rede im Senat ist ein glänzendes Zeugniß seiner staatsmänuischen Weisheit wie seiner edlen Gesinnung. Unbekümmert um die antisemitische Strömung hält dieser gesinnungstüchtige Mann an seinen Grundsätzen unentwegt fest und räth bei jeder Gelegenheit dem Lande, die Judenfrage endlich einmal im Geiste der Humanität, die mit den wohlverstandenen Interessen Rumäniens zusammenfällt, zu lösen. Inzwischen wurden die Opfer der Tumulte vom 5. December durch die Polizei entschädigt. Die Liste, aus der sich etwas über 170 Personen befinden, wurde in völlig unparteiischer und gewissenhafter Weise zusammengestellt. Es sind bisher wohl an die 8000 Francs ausgezahlt worden. Ohne einen greifbaren Beweis in Händen zu haben, glaube ich nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß man dies verhältnißmäßig glückliche Resultat der Hochherzigkeit Königs Carol I. zu verdanken hat. Schon in der Audienz vom 8. December, welche zwei Vertretern der hiesigen jüdischen Gemeinde gewährt wurde, stellte der König die Entschädigung wenigstens der Armen in sichere Aussicht. Das ist nun in einer befriedigenden Weise geschehen, und es wäre recht schön, wenn man auch in Prag, die dort stattgehabten Exceffe durch eine gerechte Entschädigung in Vergessenheit gerathen ließe. Zur Zeit herrscht im ganzen Lande Ruhe, die letzten christlichen Feiertage, an welchen sonst die jüdischen Vereine ihre Versammlungen abzuhalten pflegen, verliefen diesmal sehr still, Alles blieb hübsch zu Hause. Wir glauben, daß das Judenthum dadurch gar keinen Schaden erleiden wird. Die wahrhaft wohlthätig wirkenden Vereine und Gesellschaften haben nichts zu befürchten, sie können ihre Ziele furchtlos weiter verfolgen; denn wenn auch öffentliche Versammlungen, wie es verlautet, nicht mehr geduldet werden, so wird das Bereinsrecht nicht angetastet werden. Es ist gut, daß die Glaubensbrüder in Rumänien sich wenigstens vorläufig, bis sich die Gemüther auf beiden Seiten beruhigt haben, von öffentlichen Demonstrationen fern halten. Zum Schluffe theile ich Ihnen noch die freudige Nachricht mit, daß seit einigen Tagen Dr. Sonnenfeld unter uns weilt, um im Aufträge der Baronin Hirsch das hiesige jüdische Schulwesen zu studiren. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß auch unserere Schulen Gegenstand der Fürsorge der edlen Frau bilden werden. Das wäre ein Hoffnungsstrahl in der gegenwärtigen, nicht gerade trostreichen Zeit.