Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 42 Nr. 3 Dr. Bloch'» Vochrnkchrist. sprochen, aber das Ruhebedürfniß dieser Epiciers scheut davor k zurück, den Kampf gegen die zerstörenden Gewalten aufzuuehmen. Und so schreitet man sehenden Auges dem Verderben entgegen, so läßt man es thatenlos zu, daß die Errungenschaften der großen Revolution durch die entfesselte Judenhetze zunichte gemacht werden. Diese Hetze aber arbeitet nach bewährten Mustern. Man deutet mit Fingern auf den Jesuitenpater D u l a c, der die Seele der Conspiration ist und mit dem Pariser Vergani, Herrn D r u m o n t, ebenso innige Händedrücke tauscht, wie mit dem Pariser Schönerer, Herrn Rochefort. Mit dem Krummstab vereinigt sich der Säbel in der Person des clericalen Generalstabschefs Boisdeffre, dem bornirten Urheber des verhängnißvollen Dreyfus-Jrrthums. Pfäffische Niedertracht, antisemitische Habsucht, verblendeter Nationalstolz, spießbürgerliche Dummheit und militärischer Machtdünkel haben sich vereinigt, um mit Hilfe der Judeuhetze das französische Volk zu bethören und die republikanischen Freiheiten zu erwürgen. Die Pariser Straßen aber bieten heute dasselbe Bild, das uns Wienern aus langjähriger Erfahrung so vertraut ist. Pöbelrotten durchziehen die Stadt, in den Versammlungen schlägt mau sich, und wo einst in brausendem Jubel verkündet wurde, daß alle Menschen gleich und ftei geboren sind, dort heult man heute in thierischer Wuth: „Plündern wir die Juden!" „Tod den Juden!"- Zur Lage der Juden in Rumänien. Bukarest, im Jänner 1898. In der letzten Zeit ist wieder einmal viel von rumänischen Juden gesprochen und viel über sie geschrieben worden. Die öffentliche Aufmerksamkeit wurde auf uns gelenkt, warmes Jntereffe wurde unseren Geschicken, Wünschen und Bestrebungen entgegengebracht; es dürste Ihren Lesern erwünscht sein, zu erfahren, aus welchen Ursachen die Unruhen des vorigen Monates in der Hauptstadt des jungen Königreiches entstanden und welche Folgen sie für uns hatten. Erlauben Sie, Herr Redacteur, daß ich, um Ihre Leser aufzuklären, etwas weiter aushole. Die Krankheit, an der die rumänischen Juden leiden, datirt aus dem Jahre 1866, dem Zeitpunkte, da sich Rumänien, damals noch ein der Türkei tributpflichtiges Fürstenthum, eine der steisinnigsten Verfaffungen gab. Durch Artikel 7 dieser Verfaffung wurde die Naturaliflrung der Juden schlechterdings unmöglich gemacht und eine Kategorie von Fremden geschaffen, die niemals Vollbürger in Rumänien werden können. Die La^. der Juden in Rumänien wurde dadurch schlechter als in den Ländern, wo unsere Glaubensgenossen nicht emancipirt waren; denn während sie dort wenigstens für Inländer galten, denen man doch gewisse Rechte nicht vorenthalten konnte, wurden sie in den Douaufärstenthümern als Fremde angesehen, die, wenn sie nicht unter dem Schutze eines fremden Staates standen, geradezu heimatlos und vogelftei waren. Ihre Lage wurde schlechter und trauriger, als sie ftüher war; denn während man sie früher nicht hintansetzen und bedrücken konnte, ohne auf sich den Vorwurf einer Judenverfolgung zu laden, durste man jetzt Unrecht und Willkür als nicht gegen die Juden, sondern als gegen die Fremden gerichtet hinstellen. Die durch die Verfassung des Jahres 1866 geschaffene Lage wurde von den Juden auch deshalb als eine drückende, im Vergleiche mit der früheren, empfunden, weil es in stüheren Zeiten außer ihnen noch Millionen von Menschen im Lande gab, die gleich ihnen unstei waren, während sie jetzt, unter der Herrschaft der neuen Verfassung, die Einzigen in Rumänien waren, denen nicht nur alle Bürgerrechte entzogen, sondern die auch zu rechtlosen, vogelfreien Fremden gestempelt wurden. Man vergleicht oft die Lage der Juden in Rumänien mit derjenigen unserer Glaubeusbrüder in Rußland. Der Vergleich ist falsch. Wohl werde» die Juden in Rußland unterdrückt und verfolgt, aber auch die Russen christlicher Religion empfinden auf Schritt und Tritt die Härten einer despotischen Regierung. Rumänien hat die demokratischen Gesetze, sie sind aber nur für die Christen da, der Jude steht außerhalb derselben, er darf von den Früchten der steisinnigen Verfassung nicht pflücken. Man kann darum mit vielem Recht sagen, die Lage der rumänischen Juden sei eine traurigere und bemitleidenswerthere, als die der russischen Glaubensbrüder. Der Berliner Congreß im Jahre 1878 und die in Folge desselben 1879 vorgenommene Aenderuug der rumänischen Verfassung haben unsere Politischen Verhältnisse nicht im Geringsten verbessert, wohl aber verschafften sie Rumänien das Recht, mit scheinheiliger Miene auszurufen: Nun darf ich mich zu den freisinnigsten Staaten der Welt zählen, denn ich habe den letzten Rest mittelalterlicher Verfolgungssucht aus meiner Gesetzgebung getilgt, meine Verfassung kennt keinen Racen- und Religionsunterschied! In Wahrheit ist es beim Alten geblieben. Der Jude, der naturalisirt werden will, muß sich an die Kammer der Abgeordneten und an den Senat wenden. Diese haben selbstverständlich das Recht, das Gesuch zu bewilligen oder abzuweisen. Daß das Letztere in der Regel geschieht, ist bei der hier und anderswo herrschenden antisemitischen Strömung eben selbstverständlich. Im Laufe von 18 Jahren haben kaum hundert Juden das rumänische Bürgerrecht erlangt. Gelehrte, wie Lazar Saineanu, wurden mit ihren Gesuchen schnöde abgewiesen. Man hat vielfach behauptet, die rumänischen Juden selber wären schuld, daß sie vom Berliner Congreß keinen Nutzen haben, und man scheute sich nicht, Männer, wie I. I. Schönfeld, Daniel Marcus, Dr. A. Stern u. A., die in selbstlosester Weise ihre besten Kräfte in den Dienst der rumänischen Judenheit stellten, öffentlich zu beschuldigen, ihre Glaubensgenossen verrathen zu haben. Worauf stützt sich diese aus der Luft gegriffene, durch nichts gerechtfertigte Behauptung? Den Artikel 44 der Berliner Congreß-Acte empfanden die Rumänen als eine schimpfliche Erniedrigung, die man aber trotzdem über sich hätte ergehen lassen, wenn Europa ernste Entschiedenheit gezeigt haben würde. Aber daran fehlte es ganz und gar. Das haben die rumänischen Diplomaten, die es mit ihren russischen Collegen sehr gut aufnehmen könnten, bald herausgefunden. Der inzwischen verstorbene Minister des Aeußern von damals, Basilius Boeresco, besuchte die europäischen Höfe, um sie zu sondiren, ob man denn auf der buchstäblischen Ausführung der Bestimmungen des Berliner Tractates wirklich bestehe. Da erfuhr er zu seiner Freude und zu unserem Schaden, daß die Stimmung, namentlich in Wien und Berlin, lange nicht so judenfreundlich war, wie man nach der feierlichen Erklärung der Glaubensfreiheit am Berliner Congresse voraussetzen mußte. Unbeugsam waren nur England, Frankreich und ItalienSie wollten Rumäniens Unabhängigkeit nicht früher anerkennen, als bis die völlige Emancipation der Juden ansgesprochen wäre. Alls Rücksicht auf diese Staaten, mit denen man es sich nicht verderben wollte, zeigte sich die rumänische Regierung zum Scheine geneigt, sich den Beschlüssen des Berliner Congreffes zu fügen. Sie lud jüdische Vertrauensmänner ein, um ihre Ansicht zu hören, wie sie sich die Emancipation ihrer Glaubensbrüder vorstellen, wie man diese praktisch durchführen müßte, denn es ginge doch nicht an, alle Juden in Rumänien, unter denen mindestens 50.000 bis 60.000 Fremde, meist österreichischungarische Unterthanen, waren, für rumänische Bürger zu erklären. Die rumänische Regierung zog diese Unterhandlungen, die von den jüdischen Vertrauensmännern ernst und in der reinsten Absicht geführt wurden, absichtlich in die Länge, und als sie sah, daß auch Deutschland, Frankreich, England und Italien geneigt seien, dem Beispiel Rußlands und Oesterreich-Ungarns, die schon 1878 'ihre Gesandten nach Bukarest geschickt hatten und dadurch die Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt hatten, zu folgen, brach sie die Unterhandlungen ab und es kam eine Verfassungsänderung zu Stande, von der Jedermann wußte, daß sie eine offenbare Verletzung des Berliner Tractates sei, mit der man sich aber gleichwohl zufrieden gab, weil man den Juden zuliebe — der Antisemitismus war damals, namentlich in Berlin, schon sehr mächtig — Rumänien keine vermeintliche Demüthigung zufügen wollte. Man sollte nun meinen, Rumänien werde sich dieses Sieges über Europa freuen und mit den Juden Frieden schließen, aber weit gefehlt! Jetzt erst ging die antisemitische Agitation los, man beschuldigte die einheimischen Juden, sie hätten im Bunde mit der Alliance Jsraälite Universelle in Paris die Demüthigung Rumäniens angestrebt, das Land als ein barbarisches verschrieen und sich der ftüher genossenen Gastfteundschaft undankbar gezeigt. Man leitete hieraus die Berechtigung