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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang XV, Dr. Bloch’s Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudrnthums. ...—^- Wien, 21. Jänner 1898. ->>—»-«. - Erscheint jeden Freitag. -:-.» <■ ^- Brief-Adresse: Wien, 1., Hauptpostamt — Zach. Telegramm-Adresse: Bloch s Wochenschrift Wien. X= ■■■■ --=•« Brjngaprtta für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. 8 Stx. j Einzelexemplare Sft kr.! IÜr'» Ausland: j halbjährig 4 fl. — IO Ae. I ganzjährig 10 „ SO „ J 2 nteigen: Die 4m al gespaltene |! Petit,eile 12 kr. ] K. h. postsparkasten-Amt Cle aringverketzr Nr. 810.976. Lrdartion und Administration: Vien II., Untere Angartenfir. In. Telephon - Nr. 6535. Inhalt. Leitartikel: Die Krisis in Frankreich. — Zur Lage der Inden in Rumänien. — Der jüdische Centralverein in Prag. — Karls englische Sprachstudien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Rumänische Anleiheverhandlungen. Preßburger Martinigänse und Wiener Schinken. Zum Kampfe um das Staatsgrundgesetz. Adam Mickiewicz. Die rituelle Beschneidung vor der Wiener Aerztekammer. Ein Gegenstück zum Fall Dreyfus. Antisemitische Kritiker. — Die Bne-Berith-Logen. — Juden in China. — „Die Orgelfrage." — Correspondenzen: Wien, Budapest, Prag, Boskowitz, Jglan, Troppau, Berlin, Straßburg, Paris, St. Petersburg, Salonich, Constantinopel. Washington, New-Aork, Johannesburg. — Vermischtes: Wien, Brünn, Nikolsburg, Jtzkany, Prag, Raab, Tyrnau Kopenhagen, Abbazia, Petersburg, Boston. — Feuilleton: Bonze hat geschwiegen. — Literatur. — Briefkasten. — 'Inserate. Die Krists in Frankreich.! In Paris und anderen Städten Frankreichs durchziehen ' Trupps von Studenten, halbwüchsigen Burschen, beschäftigungslosen Commis und bezahlten Camelots (die Pariser „Kappelbuben") die Straßen mit dem Rufe: „Tod den Juden!" Vor jüdischen Kaufläden ertönt die Aufforderung zur Plünderung, in Volksversammlungen kommt es unter der Parole: „Tod den Juden!" zu blutigen Schlägereien zwischen Socialisten und Antisemiten. Auf dem freien Boden der französischen Republik, in demselben Paris, welches vor mehr als hundert Jahren, trunken von Begeisterung, die allgemeinen Menschenrechte proclamirte, welches seither in den Volkserhebungen von 1830, 1848 und 1871 sein Blut für die Freiheit verspritzte, feiert der Judenhaß seine wüsten Orgien. Die teuflische Saat, welche mit der Beschuldigung und Verurtheilung des jüdischen Capitäns Dreyfus in diesen blutgedüngten Boden gelegt wurde, schießt üppig in die Halme. Die herrlichste Eigenschaft des ftanzösischen Volkes, seine glühende Liebe für das Vaterland, sein eifersüchtiger Nationalstolz, wird von einer Rotte gewissenloser Verschwörer zur Vergiftung der öffentlichen Meinung benützt. Zweimal seit dem Bestände der dritten Republik ist der Versuch unternommen worden, die nationalen Leidenschaften für die Zwecke der clerical-monarchistischen Reaction zu entflammen: das eine Mal unter der Aegide des Herzogs von Broglie, das zweite Mal durch Boulanger. Beide Versuche scheiterten an der Macht des republikanischen Geistes. Aber die Erfolge, welche der Jesuitismus in anderen Ländern mit der Anfachung des alten Judenhasses erzielte. haben die Reaction nun auch für Frankreich das wirksame Recept für die Bethörung der Massen finden lassen. Kein Geringerer als Emile Zola hat es ausgesprochen, daß Panama und die Affaire Dreyfus die beiden großen Verbrechen des Antisemitismus sind. Die Panama-Agitation verpuffte wirkungslos, weil es sich hier um eine bürgerliche Angelegenheit handelte und weil an derselben alle Parteien, auch die Monarchisten, in gleichem Maße betheiligt waren. An der Armee aber hängt das Herz des ftanzösischen Volkes, oder besser gesagt: der großen Masse der Kleinbürger und Bauern, nicht nur, weil in ihr die ruhmvolle Vergangenheit des ersten Kaiserreiches, sondern mehr noch, weil in ihr der Revanche-Gedanke verkörpert ist. Wenn es gelang, das Judenthum in Gegensatz zu der Armee zu bringen, dann war für die im Finstern schleichenden Mächte das wirksame Gift geftnden, geeignet, das Freiheitsgefühl der Massen zu ertödten. Und man hat diesen Gegensatz construirt, man hat einen jüdischen Officier ohne die Spur eines Beweises, auf ein gefälschtes Schriftstück hin des Landesverrathes angeklagt und bei geschlossenen Thüren verurthcilen lassen. Und als dann die Rächer dieses Frevels sich erhoben, und für diese der Gerechtigkeit und dem Namen Frankreichs "angethane Schmach Sühne forderten, da begannen die vereinigten Mächte des Chauvinismus. Clericalismus und Monarchismus eine wilde Hetze, da wurde die angebliche Schuld des Einzelnen auf alle seine Glaubensgenossen gewälzt, da ließ man das bekannte Schlagwort von der Solidarität aller Juden los und beschuldigte sie insgesammt des Verbrechens, das nicht Alfted Dreyfus, sondern der im Dienste der Jesuiten stehende Esterhazy begangen hatte. Und der teuflische Calcul bewährte sich als richtig. An der Spitze Frankreichs steht heute das engbrüstigste Spießbürgerthum, das vor jeder Zuckung des Bolksgeistes zittert. Man darf nicht glauben, daß die Herren F a u r e und M 6 l i n e die bewußten Werkzeuge des clerical-monarchistischen Complottes sind. Aber die Teilnehmer dieses Complottes haben das Wesen dieser Männer richtig beurtheilt, wenn sie ihnen einen großen, befreienden Entschluß nicht zutrauten, wenn sie voraussetzten, daß der egoistische Trieb der Selbsterhaltung in ihnen stärker sein werde, als die opferwillige Freiheitsliebe. Die republikanischen Opportunisten, welche heute die Mehrheit in der Kammer haben und Frankreich beherrschen, sind Fleisch vom Fleische und Blut vom Blute des halbschlächtigen, mitteleuropäischen Liberalismus. Ein dumpfer Krämergeist hält sie gefangen, macht sie blind gegen die Gefahren der anstürmenden Reaction und lähmt ihren Arm, der vernichtend aus die geschäftigen Maulwürfe der Republik herabsausen mußte. Mit einem einzigen Worte hätte dies noch am Beginne dieser Woche geschehen können. Der Abgeordnete Cavaignac hatte gefordert, daß die Regierung offen erkläre, ob es wahr sei, daß Dreyfus bei seiner Degradation gegenüber dem ihn begleitenden Capitän ein theilweises Geständniß abgelegt habe. Dieses Geständniß existirt nicht, der erwähnte Capitän selbst hat die Existenz eines solchen geleugnet. Die Regierung aber fand nicht den Muth, diese Lüge der antisemitischen Presse zu zerstören, sie verweigerte jede Antwort unter der Androhung ihres RüKrittes. Diese Feigheit kennzeichnet den herrschenden Opportunismus. Man sieht den ungeheuren Abgrund, der sich mit der Duldung der antisemitischen Hetze austhut, der Kammerpräsident B r i s s o n selbst hat warnend von der drohenden Diktatur ge-

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