Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Vr. Bloitz's Mvchrntürrlst. Seite 3A heute so. frisch, so jugendlich erscheinen läßt; die frohe Erregung, daß er wieder bei ihr ist, welche den müden Zug, den ihr schönes Antlitz sonst immer trägt, verscheucht? Sie trinken plaudernd und scherzend Kaffee; es war mittlerweile dunkel geworden; auf ein Täschchen von kostbarem Florentiner Mosaik, das er soeben geschäftig von seinen Stroh- und Papierhüllen befreite, stellt Leonie den prachtvollen, schweren, silbernen.Chanukaleuchter, ein thenres Erbstück ihrer Eltern, er zündet die kleinen Lichtchen an. Er baut ihr reiche Gaben, die er allmählich einem kleinen Koffer entnahm, auf; eine wundervoll geschnitzte, echt römische Camae in antiker Goldfassnng. Bilder, welche ihr Boudoir, Bronzen, die ihren Schreibtisch schmücken sollen; seine große Liebe, gepaart mit einem geläuterten Geschmacke und dem feinsten Kunstverständnisse, leiteten ihn bei der Wahl seiner Geschenke. Leonie ist erfreut.- gerührt, entzückt, sie dankt ihm mit fenchtschimmernden, zärtlichen Blicken. Dann baut sie ihm auf: eine weiche Schlummerrolle von Plüsch, ein paar bequeme, warmgefütterte Morgenschnhe; sie hat in seiner Abwesenheit sich so gern für ihn beschäftigt, jeder Stich war ein Gedanke an ihn. Er dankt ihr freundlich, küßt die schlanken Finger, die für ihn die mühevollen Stickereien gefertigt, um ihn bei seiner Heimkehr zu erfreuen, aber er zieht die hohe, gedankenreiche Stirn etwas kraus; als Arzt zürnt er ihr ein wenig; sie folgt nicht; wie oft hat er ihr schon verboten, ihre Augen, besonders bei den kurzen Wintertagen, durch feine Arbeiten anznstrengen. Leonie entschlüpft seinem liebevollen Tadel und verläßt ihn auf einige Minuten. Der Channkalichter milder Schein beleuchtet die holde Frauengestalt mit einem kleinen Mädchen an der Hand, als sich die schwere Portiöre wieder hebt; überrascht bückt er auf die liebliche Gruppe. „Dies, geliebter Mann, ist mein Chanukageschenk für Dich, für mich, für unser Haus. Gottes Fügung führte mir gestern ein Pflegetöchterchen zu. Für unseren Heimgegangenen Herzensliebllng gibt es keinen Ersatz; aber von einer armen reichen Mutter erbat ich mir gestern dieses liebe Kind, um es zu erziehen. Habe Mariechen auch" ein wenig lieb und sei mir nicht böse, Geliebter, daß ich, ohne Dich zu fragen, der Eingebung des Augenblickes folgend, das Kind sogleich mit mir nahm; ich wußte, ich handle in Deinem Sinne", sagte Leonie weich. „Was Du auch thust, Geliebte, es ist stets in meinem Sinne. Möge der Einzug des Kindes in unser Haus unter dem milden Glanze der Chanukalichtchen, von einem guten Sterne geleitet, ihm und uns zum Segen werden", gab er tief ergriffen zurück, preßte die geliebte Frau an sein Herz und bedeckte ihren Mund, ihre fenchtgewordenen Augen mit süßen Küssen. Er nahm Mariechen bei der Hand, fest und klar blickte sie den hohen ernsten Mann cm; er küßte die reine Kinderstirn und fragte liebreich: „Willst Du mir auch ein wenig gut sein. Kleine, wenn auch nicht ganz so sehr, wie Deiner holden Schntzgöttin?" „Gewiß, Onkel", versetzte Mariechen, zutraulich ihm die Hand reichend. Verwundert sucht sein Blick bei der unverhofften Anrede des Kindes den Blick Leo nies; sie versteht ihn und sagt lebhafter, als sie sonst zu sprechen pflegt: „Das Kind bat Vater und Mutter, Geliebter! Du sollst Abends, wenn wir allein sind, Alles erfahren. Eltern besitzt man nur einmal, und als Otlkel und Tante wollen wir Mariechen lehren, nie zu vergessen, stets zu beherzigen und zu bethätigen: „Ehre Vater und Mutter!" Literatur. Mutter Eva. Drei Novellen von H. Aort-Zteiner. Der erste Band kürzerer Erzählungen dieses Schriftstellers ist vor wenigen Jahren erschienen. Er war „Anti" betitelt und fand bei Presse und Publicum vollauf jene Beachtung, welche seinem reichen künstlerischen Gehalte gebührte. Deshalb griffen wir auch nach dem neuen Buche mit Vertrauen, Gutes und Werthvolles sicher erwartend. Jork-Steiner gehört durchaus nicht zu jener Art von Erzählern, die — scheinbar! — ihre Persönlichkeit aufgeben, die möglichst subjectlos erkennen wollen. Im Gegentheil! Seine sympathische, menschliche, rund in sich abgeschlossene Persönlichkeit tritt immer m i t auf, der Erzähler ist kein trocken die abrollenden Thatsachen referirender Berichterstatter des Lvcalaugenscheins. Nein, er fühlt mit seinen Helden er leidet und freut sich mit ihnen. Er zieht keine Marionetten, keine steifbeinigen Puppen an sichtbaren Drähten. Seine Gestalten sind Menschen aus Fleisch und Blut und sind ihm deshalb so sehr an das Herz gewachsen, weil es sein eigenes Herzblut ist, das er ihnen eingeflößt, seine eigene Seele, die er ihnen eingehaucht hat. Dieser Novellist ist auch durchaus nicht der Mann, mit seiner auf reicher Welterfahrung und Menschenkunde gegründeten Anschauung über brennende Tagesfragen hinter dem Berge zu halten, keiner von jenen Literaturjuden, die, wenn sie die Feder zur Hand nehmen, mit ihrem Judenthum Bersteckens spielen und sich — nicht zu erkennen geben. Ihn geniren die niedrigen hämischen Angriffe absolut nicht, die iyn dafür erwarten, sondern er verachtet sie im Voraus — a Conto! Ein solcher Erzähler, redlich und tapfer, darf wohl Anspruch auf einiges . uteresse erheben, wenn er mit einem neuen Buch auf den Plan tritt. Die erste novellistische Skizze „Warum?" ist gleich ein kleines Meisterwerk, fein in der Stimmung, zart abgetönt, mit discret aufgesetzten Lichtern, von echter Empfindung — ohne Empfindsamkeit — durchwärmt. Die Geschichte selbst ist so ureinfach, wie sie alle Tage gleich ein Dutzend Mal sich ereignet. „Nur wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei." Ein blühender Sohn stirbt, in schönsten Jünglingsjahren, den armen alten Eltern ab. Uub weil er bei der Marine war, fahren sie auf sein Grab nach dem Süden, um sich dort auszuweinen und Zwiesprach mit dem todten Bilben zu halten in ihrem namenlosen Schmerz. Im Waggon sitzt ein Hochzeitreisepürchen verschämt und verliebt ihnen gegenüber. Hier das knospende Glück, das seinen Blüthenkelch eben erst im Morgeuroth erschließt -- dort das abblühende, dessen Blumenblätter matt zur Erde sinken, eins leise nach dem andern. Verwundert schauen die Ueberseligen drein und wollen es nicht Wort haben, daß aus der Liebe so viel Leid entsprießen könne . . . Wunderschön sind die Natnrschilderungen eingewoben;, anschaulich, klar, mühelos. Das Meer spielt mit, das große, unendliche Meer. Nur die Liebe darf sich ihm vergleichen, aber der Schmerz um ein unwiederbringlich Verlorenes ist doch noch größer und tiefer. . . . „Mater Dolorosa" spielt in einem kleinen slovakischen Marktflecken nutet Juden und Jüdinnen. Das alte, kleine, verrunzelte Tvdtenwäscher-Weib ist gleich mit ein Paar Strichen verlebendigt. Ihr trauriges Gewerbe hat sie nicht gefühllos gemacht. Treu und wahr ist der Gesprächston getroffen, man glaubt schier ohne alle Kunst : „Die Frau hat's überstanden. Wir haben ihr „ihr Rechts" gethan. Ich sag' Ihnen, Jentele, zum Herzbrechen, so eine junge schöne Frau in die Erd' hineinzulegen. Und außerdem — — Na, nicht soll man's wissen! Wir haben ihr die Kindswäsch' mitgegeben, wie es der Brauch ist in solch einem Fall — — Ich sag' Ihnen, ein paar Arm' hat sie gehabt und einen Körper! Und das soll man begraben müssen!" So redet sie daher. Dann erzählt sie die schaurig schöne Sage voll dem Mann, der in Sarg und Grab keine Ruh' findet, weil man vergessen, ihm seinen Gebetmantel umzuhängen, und der Mitternachts in der Schul' an seinem verschlossenen Pult rüttelt, wo er drein versperrt ist. . . . Die ganze Geschichte ist übrigens durchaus nichts für zart- und schwachnervige Leute. Der Doctor Grünstein, ein Halb- oder Bierteljude, legt Hand an sich in einem Anfall von Zorn, Wnth, von tollen Eifersuchtsanalen in den Selbstmord gejagt. Er erhängt sich und soll — s e c i r t werden. Wie diese Thatsache auf das jüdische Empfinden einwirkt, gibt ohne Frage ein starkes Motiv ab für einen Dichter. Ivrk-Steiner scheiilt uns aber diesmal viel zu weit gegangen zu sein im krassen Realismus. Das Erhängen schon mit all seinen widerlichen Details stößt ab und schaukelt uns zwischen Entsetzen und Grauen. Daun das Auftreten des Schinders — die Obduction, der die leibliche Mutter im Versteck beiwohnt. Sie hört das Knirschen der Knochensäge. Dann geht sie das Blut des Sohnes auf seinen Grabhügel ausgießen. . . . Die Erzählung enthält viele ergreifende Momente, viele starke, packende Conflicte; dieses Schwelgen im Uebergräßlichen sollte bei einer Neuauflage fortbleiben. Diese störenden Flecken auf einem Kunstwerke mögen entfernt werden. Mit ein paar kräftigen Strichen werden sie zum Bortheil des Ganzen verschwunden und unsere Ghetto-Literatur wird um eine Meistererzählung reicher sein. Prächtig ist die verlumpte Gestalt des slovakischen „Dvrfpoeten" und Schnapssäufers herausmodellirt, mit Sacher-Masoch'-