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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 38 Vr. Lwttz s WochrntMrM Nr. 2 nur hinein ins volle Menschenleben, und wo ihr's packt, da ist es inLerefsaut." Welche Tragödie von Liebe, Aufopferung und Entbehrung hatte sich in diesen ärmlichen Räumen abgespielt! Eine Krone auf das-Haupt dieser Frau und Mutter! denkt Leonie. „Gott, ich danke Dir, daß Du mir den Weg gezeigt, zu helfen und zu lindern", murmelt sie leise. Es ist spstt geworden, sie muß heim, ihre treue Minna wird sich schon um sie sorgen. „Und ich darf Mariechen gleich mit mir nehmen?" fragte sie mit schüchterner Bitte in ihrem weichen Tonfalle, die seelenvollen Augen von dem kranken Manne zu der verhärmteil Frau wendend. „Gewiß, gnädige Frau," versetzte Frau Kconeck, „wollen Sie gütigst nur noch kurze Zeit verweilen". Auf einen leisen Wink der Mutter verschwand die ältere zwölfjährige Schwester mit Mariechen in dem anstoßenden Alkoven; bald darauf kehrte sie mit ihr in das große Zimmer zurück; Mariechen hatte ihr Sonnabendkleidcheu von abgetragenem, fadenscheinigen, blauem Stoffe angelegt, der Zopf erglänzte frisch geglättet; das Kopftuch hielt sie noch in der Hand. „Wie hübsch du dich geputzt hast," lächelte Leonie ihr freundlich zu. Der kranke Mann richtete sich, von seiner Frau unterstützt, mühsam auf: „Segne Gott Deinen Ausgang hier, Deinen Eingang dort, mein geliebtes Kind," flüsterte er. Seine Hand berührte segnend den blonden Scheitel seines Kindes, seine bleichen Lippen ruhten in langem heißen Knffe auf dem frischen Munde, der klaren Stirn; er weiß, seine Tage sind gezählt. Auch Leonie sagt sich, der kranke Mann hat wohl seine letzte Freude in dieser Welt erlebt, da sie sein Haus betrat; sie neigt sich in Demuth vor ihm und er berührt ihr Haupt auch segnend und flüstert nur ihr verständlich: „Nun kann ich ruhig heimgehen, da Gott Sie meiner Frau, meilien Kindern als Schutzgeist gesandt hat." Mariechen ruht in den Armen ihrer Mutter, in langer, nicht endenwollender Umschlingung. „Mache der edlen Frau stets Freude, bleibe brav und fromm, mein Kind," flüstern die zitternden Lippen unter Thränen und Küffen. Leonie drückt wieder wortlos die Hand der Frau; sie fühlt mit ihr, was in dem Mntterherzen sich regt, was das Mutterherz empfindet; sie soll ihr Liebstes an eine Fremde hingebeu! Die größeren und kleineren Geschwister Herzen und küffen Mariechen, und können ihre bewundernden Blicke noch immer nicht von der holden Lichtgestalt wenden; die jetzt Mariechen mit sich nehmen will. „Wir kommen bald wieder und da bringt Mariechen Euch schöne, gute Sachen, und Sonnabend Nachmittag holt sie Euch!" sagte Leonie laut, mit diesen Worten endlich den Abschied kürzend. Sie schlang die wärmende Hülle um das kleine blonde Haupt, schlüpfte in ihren Pelzmantel, nahm Mariechen bei der Hand, noch ein stummer Gruß herüber und hinüber und die Thür schloß sich hinter ihnen. Unten winkte sie wieder einer Droschke; sie war von den Erlebnissen der letzten Stunden mehr erregt und ergriffen, als sie sich selbst zugesteheu wollte; während der kurzen Fahrt hielt sie Mariechens Hand in der ihren. Was würde ihre tteue Minna sagen? Die Droschke hielt an ihrem Heim; raschen, elastischen Schrittes eilt sie mit dem Kinde die Treppe hinan und schellte lauter, als sonst ihre Art; die treue Minna öffnete und rief ihr entgegen: „Gott sei Dank! Wie habe ich mich schon um Frau Profeffor geängstigt! Wen bringen denn Frau Professor mit?" fragte sie, ihre verwunderten Blicke von Leonie zu dem Kinde, von dem Kinde zu Leonie schweifen lassend. „Frage jetzt nicht; heize schnell das Fremdenzimmer und bestelle Thee; Abends erzähle ich Dir Alles; Gott sandte mir dieses kleine Mädchen, damit ich es als mein Pflegekind aufnehme", antwortete Leonie, durch den hellerleuchteten Vorsaal, Mariechen noch immer an der Hand, schreitend, in ihr Boudoir eintretend. Sie küßte Mariechen auf die Stirne und sagte: „Gott segne Deinen Eingang, liebes Kind!" Mariechen glaubte sich in einen Feenpalast versetzt und betrachtete Alles in stummer Bewunderung. Nach dem Abendessen, bei welchem Leonie's liebreiche Art' die Kleine gesprächiger machte, brachte Leonie sie selbst zu Bette; ärmlich, von grobem Stoffe zwar, doch von tadelloser Sauberkeit sind die Unterkleider des Kindes; Leonie denkt im Stillen: wie kann diese Frau Kroneck das Unmögliche möglich machen, für ihren Mann und für ihre Kinder so zu sorgen, und bewundert auf's Neue den Opfermuth derselben. Sie läßt Mariechen die Hände zum Gebete falten und spricht mit ihr das Gebet, welches sie einst ihre fromme Mutter auch beten ließ und dann sagt sie ihr vor: „Lieber Gott, beschütze meine guten Eltern und Geschwister, die gute Tante, die mich jetzt zu sich genommen hat, und den guten Onkel lasse gesund heimkehren!" . „Ich darf Dich „Tante" nennen, schöne, gute Dame?", fragt Mariechen mit glücklichem Lächeln, während die schon schlaftrunkenen Augen noch einmal freudestrahlend aufleuchten. „Gewiß, mein Kind, schlafe süß." Sie küßt Mariechen und schellt; Minna soll bei ihr bleiben, bis sie eingeschlafen, dann in ihr Boudoir kommen. Sie sitzt in ernste Gedanken versunken endlich allein in ihrem Boudoir, sie läßt diese kurzen, inhaltsreichen Nachinittagsstunden an sich vorüberziehen. Sie weiß, sie übernimmt eine große Verantwortung mit dem fremden Kinde; sie will es lieben, schützen, es bilden an Geist und Gemüth, es Alles lernen lassen, ihm wohlthun, indem sie es zu einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft erzieht; aber sie will es nicht an die Ansprüche und Bedürfnisse der bevorzugten Gesellschaftsklassen gewöhnen, es soll sich nicht überheben seinen Geschwistern gegenüber, es soll seiner Sphäre nicht entzogen werden. Was wird ihr geliebter Mann sagen? Wird er den von einer mitleidig auflvallenden Herzensreguug ihr eingegebenen Entschluß, den sie in rascher That ausführte, billigen? Gewiß, Mariechen wird auch bald seine Zuneigung gewinnen. In fliegenden Worten' erzählt Leonie später der treuen Minna Alles, was sie in so kurzer Spanne Zeit erlebte; und Minna bewundert auf's Neue die eugelgleiche gütige Herrin, als sie der Köchin berichtet, wie und wo Frau Professor das fremde Kind fand. Nach friedlichem Schlummer ist Leonie erfrischt erwacht und aufgestanden, ihr Herz klopft höher, ihr schönes Antlitz färbt eine feine Röthe, ihre sanften Augen strahlen Heller, nnr noch Stunden und ihr Gatte kehrt Heini. Mariechen ist später erwacht, hat mit ihr gefrühstückt, dann hat sie in lange nicht berührten Kisten, die, obgleich sie nach dem Tode Lillis eine große Menge von Wäsche uub Kleidungsstücken armen Müttern für ihre Kinder schenkte, noch reiche Vorräthe bergen, eine ganze Ausstattung für ihr Pflegetöchterchen herausgesucht. Mariechen ist zwar fast acht Jahre, doch Lilli war mit sieben größer und stärker. So ist der Vormittag ihr * schnell vergangen, und die Stunden der Erwartung haben sich nicht so sehr ausgedehnt; jetzt sind Weihnachtsferien, nach denselben soll Mariechen in eine gute Schule angemeldet werden. Nachmittags drei Uhr kommt der Zug an, welcher ihn, den Heißersehnten, zu ihr bringt. Er liebt weder zärtliche Begrüßungsnoch rührende Abschiedsscenen am Bahnhofe, darum erwartet sie ihn in ihrem traulichen Heim. Sie steht am Fenster mit hochgerötheten Wangen und schneller schlagendem Herzen, die Uhr rückt so langsam vorwärts, endlich biegt sein Wagen um die Ecke; sie tritt in den Vorsaal, mit fast jugendlicher Lebhaftigkeit eilen leichte, schnelle, liebe Schritte, immer über zwei Stufen, die Treppe hinan, sie öffnet die Thür des Vorsaales, er tritt schnell ein und mit einem Rufe des Entzückens fliegt Leonie in die sich ihr entgegenbreitenden Arme ihres Mannes, die sich so fest um die schlanke mädchenhafte Gestalt der geliebten Frau legen, als wollte er sich nie mehr von ihr trennen. Als er sie endlich freigab, schmiegte sie sich mit glückseligem Lächeln an ihn und geleitete ihn in ihr Boudoir an den traulich winkenden, einladenden Kaffeetisch. „Gott sei Dank, daß Du wieder daheim bist, wie bleiern schlichen die Tage dahin, wie öde war es mir ohne Dich Geliebter", sagte sie tief aufathmend. „Man sollte sich wahrlich im Leben feine Trennung auferlegen, wenn dieselbe nicht unbedingt erforderlich", gibt er ernst zurück. „Wie habe ich mich nach Dir gesehnt, Dich überall vermißt, Licht meines Lebens!" Er blickt sie unausgesetzt liebevoll bewunderrid an; ist es die Freude des Wiedersehens, die sie ihm

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