Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. .2 Vr. Vloch's MochrnsttzrM Seite 31 Sehr geehrter Herr Redacte ur! Ich erlaube mir. Sie zu ersuche», uachsteheuden Zeilen, wenn auch nicht auf Grund des § 19, in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben. Von mir befreundeter Seite wurde die demnächst stattfiudende Vollendung meiner 25jährigen Amtsthätigkeit in der hiesigen Cultnsgemeinde in die Oeffentlichkeit gebracht. Nun kann ich zwar nicht leugnen, daß ich am 1. Februar 1873 das Glück gehabt hatte, in die Dienste der Wiener Cultusgeineinde einzntreten, und ich freue mich, heute, nach einem Zeiträume von fast 25 Jahren, mich noch frisch und arbeitskräftig zu fühlen; schon aus letzterem Grunde finde ich keinen Anlaß, ein Jubiläum zu feiern, das bei aller Ehrung immer den Beigeschmack einer gewissen Arbeitsmüdigkeit enthält; ganz abgesehen davon, bin ich der Ansicht, daß ein Beamter, weil er seine 25jährige Dienstthätigkeit beendet hat, nicht sofort ein Jubiläum feiern muß. Ich werde daher, da ich seit dem Jahre 1895 wegen Häufung von Amtsgeschäften von keinem Urlaube Gebrauch machen konnte, mit Bewilligung des löblichen Vorstandes Ende Jänner d. I. eine kurze Erholungsreise antreten. Ich richte gleichzeitig an alle meine Gönner und guten Freunde die Bitte, von jeder Begrüßung aus obigem Anlasse absehen zu wollen, mir jedoch ihr Wohlwollen auch fernerhin zn bewahren, das zu verdienen ich mich stets bemühen werde. Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr Redacteur, die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung mit der ich zeichne Ihr ergebener D r. Theodor Lieben. Wien, 7. Jänner 1898. Wien. (Die Ko ch kunstaus stellung.) Wenn in einem Organe, welches zur Wahrung jüdischer Interessen dient, von einer diesem Zwecke entfernten Erscheinung gesprochen wird, geschieht es um zu constatiren, daß bei dem ersten Huldigungsacte, welcher anläßlich des Jubiläums dem Kaiser dargebracht wird, der Grundsatz festgehalten wurde, den das Comits aufstellte. weder parteipolitische, noch confessionelle Unterschiede in irgend einer Art bei Jnscenirung aufkoMmen zu lassen." So wirkten Männer von ganz diametral-politischer Gesinnung in loyalster Weise zusammen. Aber auch in confessioneller Beziehung, wo leider in der Jetztzeit bei jeder Gelegenheit von Objectivität keine Rede ist, wurde das sachliche Princip vollkommen eingehalten. So finden wir bei den Gründern den Hotelier Herrn W i n t e r n i tz, zum Secretär wurde Herr K u l k a bestimmt, in die Jury wurden in ehrendster Weise die Herren kaiserlicher Rath Wilhelm P o l l a k, Commercialrath Hermann S t i a ß n y, Zeitungsredacteur Lichtblau berufen. Unter den Ausstellern finden wir: M. W i n t e r n i tz, P a u n z e n, A. Löwy, M. Steiner, Jo kl, S. Taussig, Gutherz, G. W i n t e r n i tz aus Grottau, Bertha P o l l a k, Päppenheim, D. Löwy und Sigmund Blatt, Koscher- Selcherei, ebenso Carl Lustig, Ignaz Kantor, Wilhelm Todesco, Emanuel Khuner, Moriz Stern, M. Munk u. s. w. Aber auch bei den Jnstallirungsarbeiten wurden israelitische Gewerbetreibende beschäftigt. Wien. (Bon der Kochkunstausstellung.) Bei der Eröffnung der Jubiläums-Kochkunstausstellung wurde unter zahlreichen jüdischen Ausstellern auch Herr Heinrich Kantor, der Vertreter der renommirten Bäcker- und Conditor-Firma Ignatz Kantor, II., Stefaniestraße 2, von Sr. Majestät dem Kaiser durch eine huldvolle Ansprache ausgezeichnet. Die genannte Firma stellte Pariser Brot in Wecken und Laibform sowie Weihnachtsstrizzel aus. Se. Majestät der Kaiser trat unter Führung des Ausstellungs-Präsidenten Herrn Seiler auf die Collection Kantor zu und äußerte: „Ach, das ist schön, was ist denn das?" Herr Heinrich Kantor gab die gewünschte Aufklärung, worauf Se. Majestät sich über das Material und die Art der Zubereitung erkundigte und sodann sagte: „Haben sie Alles selbst arrangirt?" Auf die bejahende Antwort des Herrn Kantor sagte der Monarch: „Das ist schön, wenn ein solch' junger Geschäftsmann einen solchen guten Geschmack hat". Die Jury hat demselben die höchste Auszeichnung, das Ehrendiplom zuerkannt. Wien. (Abgeordneter Dr. Engel über b e n Antisemitismus.) Das Budweiser Czechenblatt „Budivoj" veröffentlicht eine briefliche Aeußerung des Obmannes des Jungczechenclub, Dr. Engel, über den Antisemitismus, welche folgendermaßen lautet: „Sollte der Antisemitismus Eingang in die jungczechische Partei erlangen, so würde f ü r m i ch k e i n P l a tz mehr d a r i n s e r n, denn ich beharre aus dem Standpunkte der faktischen und vollen Gleichberechtigung und einer ehrlichen Humanität. In dieser Beziehung kann ich keine Compromisse anerkennen Ich habe stets nach den angeführten Grundsätzen nicht blos theoretisch, sondern auch praktisch (und dies nicht wenigemale zu meinem eigenen und nicht geringen persönlichen Schaden!) gehandelt und ich werde mich an denselben jetzt im vorgerückten Alter gewiß nicht versündigen! Ich wünsche keine Popularität auf Kosten von Moralitätsprincipie u." Carlsbad, 11. Jänner. (A ns dem antisemitischen Carlsbad.) Trotz der „Berichtigungen", mit welchen Bürgermeister und Stadtrath von Carlsbad sowohl die „Oesterreichische Wochenschrift", als auch die hiesige unabhängige Localpreffe bombardirten, wächst die antisemitische Bewegung in u iserem Curorte unter der duldsamen Patronanz unserer ehrsamen Stadtväter in der bedenklichsten Weise. Im privaten und öffentlichen Leben wird mit unverfälschtem kuror teutonicus gegen die Inden gehetzt, und bezeichnend für die Dimensionen, welche dieser methodische Wahnsinn bereits angenommen hat, ist die Thatsache, daß der hiesige liberale Bürgerverein unter Führung des Buchhändlers Hans F e l l e r und des iVleä. vr. N a g l in seiner jüngsten Vollversammlung mit fliegenden Fahnen und dröhnenden Heilorufen in das Lager des deutsch-nationalen Antisemitismus übergegangen ist. Beschimpfungen jüdischer Bürger auf offener Straffe und in öffentlichen Localen gehören nicht mehr zu den Seltenheiten und die „Spitzen der Stadt" scheuen sich nicht, Sammlungen für deutsch-nationalautisemitische Zwecke zu veranstalten und für das antisemitische Wochenblatt Abonnenten zu werben. Die Tactik des Bürgermeisters und des Stadtrathes ist ebenso einfach als läppisch: die auswärtige Presse wird mit „Berichtigungen" regalirt, damit das internationale Curpublicum nicht kopfscheu werde, zu Hause aber bleibt Herr Schäffler mit seinen einflußreichsten Stadträthen ruhig Mitglied des „arisirten" Turnvereins, von welchem die antisemitische Stänkerei ausgegangen ist und erlabt sich an den Hetzartikeln des stadtamtlichen Moniteurs, der von Gemeindegeldern gefüttert wird. Wäre es dem Bürgermeister Ernst mit der Versicherung, daß er das Treiben der Judenhetzer verdamme, dann hätte er, statt einen akademischen „Appell an die Localpreffe" zu richten, ein viel wirksameres Mittel anwenden können, um der Verhöhnung und Verlästerung unserer jüdischen Mitbürger durch das „Carlsbader Wochenblatt" zu steuern — er hätte die geschäftlichen Beziehungen, welche dieses Blatt mit der Stadtgemeinde verknüpfen, abbrechen müssen. . In welchem Maße übrigens auch schon das Ausland auf unsere Zustände aufmerksam wird, lehrt ein in der letzten Nummer abgedruckter Brief einer New-Iorker Körperschaft, in welchem um Angabe der antisemittschen Hotels, Gasthöfe, Privathäuser und Aerzte ersucht wird, damit sich die amerikanischen Curgäste im nächsten Sommer darnach richten können. „Es ist unsere Absicht", heißt es in dem Schreiben, „dies allen hervorragenden Amerikanern, sowie den über die ganze Welt verbreiteten Mitgliedern unserer Gesellschaft bekannt zu geben und ihnen eine Abschrift Ihrer Liste zu übersenden." Unser braver, unschuldsvoller, kindlich naiver Bürgermeister hat auch die Angabe der „Oesterreichischeir Wochenschrift", daß beim Kaiserbade, welches gleichzeitig und von demselben Architekten gebaut wurde wie seine eigene Villa, eine Kostenüberschreitung von fl. 300.000 vorkam, „berichtigt". Welcher Werth den „Berichtigungen" des Herrn Schäffler beizumessen ist, geht nun aus folgender Reminiscenz der „Karlsbader Zeitung" hervor: „Bei Aufnahme der Anleihe wurde die „präsumtive" Bausumme für das Kaiserbad mit fl. 300.000 angesetzt und später die M a x i m a l s u m m e vom Stadrverordneten-Collegium auf fl. vvtt f e stgesetzt. In der Stadtverordnetensitzung vom 27. April 1893 wurde jedoch diese M a x i m a l s u m m e von fl. 500.000 schon wieder als zu niedrig befunden und die Baukosten auf fl. 759.000, sowie noch fl. 61.000 für Parkanlagen, Brücke, Uferschutzbauten u. s. w., zusammen also mit fl. 820.000 ge-