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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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an. 2 Vr. Bloch'» Wochrnlchryl. Seite 29 bäum ersetzen; das Austauchen der schönen Sitte, an diesem Tage Gaben zu spenden, wurde ich mit großer Sympathie begrüßen. Dieses wäre auch nur eine Anticipation des Purimfestgebrauches, wo bekanntlich Geschenke ausgetauscht werden. Das Geben und Empfangen von Geschenken erscheint mir speciell noch sympathischer, weil es etwas republikanisch „Großes" in siäi hat und des auf zartbesaitete Gemllther verletzend Wirkenden entkleidet ist. Der Franzose, der im Allgemeinen viel Aehnlichkeit mit dem Juden hat, fühlte es auch heraus, und in Frankreich ist es seit Langem üblich, sich am sonr de ran zu beschenken. Wir könnten eventuell beide Sitten mit einander verbinden, wir spenden Gaben am Chanukafest mit milder Hand und liebevollem Herzen an unsere Bediensteten und Armen und tauschen Geschenke, die wie in Frankreich am Neujahrstage meist den Kindern gemacht werden, ein. Und wenn uns dann mit einem leuchtenden Kinderauge, mit einem freudestrahlenden Gesicht, mit einem stummen, aber beredten Drucke der Hand, mit einer Thräne, die zerdrückt wird im Auge, gedankt wird, dann haben wir gewiß ein Gefühl seliger Freude empfunden, und Harmonie ist in unser durchwühltes Innere eingezogen. Nur müßte man es den Kindern sagen, ausdrücklich sagen, daß nicht das „Christkindl" ihnen die Geschenke gebracht, sondern Chanuka. Unsere Schriftgelehrten könnten sich dann auch einigen, welche „äußere" Concessionen vielleicht noch dem Chanukafest gemacht werden dürfen. Aber selbstverständlich dürfte immer nicht über der Schale der Kern vergessen werden. Der Ursprung der Keligionen und ihre Zukunst. Nach Ludwig Stein. Es ist bekanntlich ein Kennzeichen der modernsten Philosophie, daß sie dem religiösen Bedürfnisse der Menschheit Verstündniß und der Religion Achtung entgegenbringt. Nicht immer ist es so gewesen! Vor zwanzig und noch mehr vor 100 Jahren galt nur der als ein rechter Philosoph, welcher affectirte, Atheist zu sein. Man kemit .die Anekdote von dem kühnsten Zweifler, David Hume von Schottland', er" selbst hat sie erzählt. Humeging soweit, den Begriff der Ursache und die Existenz des eigenen Ich zu leugnen; aber daß Jemand ernstlich die Existenz Gottes in Abrede stelle, konnte er sich nicht denken. „Ich habe in meinem Leben noch keinen wirklichen Atheisten gesehen", versicherte er einmal in einer Philosophenversammlung. „Blicken sie um sich, Sie sehen deren siebzehn", rief DMembert 'übermüthig aus. Seitdem ist die Philosophie recht kleinmüthig geworden. "Der^ französische Akademiker Brunetiere spricht sogar nach der anderen Seite hinüber treibend, von dem „Bankerott der Wissenschaft". Die Wissenschaft hat sicherlich im Zeitalter des Telephons, der Röntgen-Strahlen, der Spectralanalyse und der Socialpolitik durchaus nicht, bankerott gemacht. Die Religion zu ersetzen, war sie allerdings nicht im Stande, aber war sie denn jemals dazu berufen? Dies eingesehen zu haben, ist eine Errungenschaft der modernsten Philosophie, eine Errungenschaft, welche für Stein's Haltung maßgebend ist. Mit Vergnügen übersetzen wir das Citat aus Fustel de Culanges, welches er seinen Lesern zur Verfügung stellt und dessen voller Werth und Wahrheitsgehalt gerade unserem Leserkreise besonders einleuchtend sein dürfte. „Was die Mitglieder der Famllie alten Styls verbindet, ist etwas Mächtigeres als die Geburt, als das Gefühl, als die physische Gewalt; es ist die Religion des häuslichen Herdes und der Ahnen. Sie bewirkt, daß die Famllie einen einzigen Körper bildet in dieser Welt und in der anderen. Die altpatriarchalische Famllie ist eine religiöse Vereinigung, noch mehr als eine natürliche Gesellschaft," Wie paßt da jedes Wort auf die altjüdische Familie! In wie hohem Grade ist diese Famllie ein Minjon, oft sogar mehr als ein Minjon gewesen, eine kleine Cultusvereinigung fft, einsam im Dorfe, aber immer unter sich zusammenhaltend. Daß die jüdische Familie vor Allem eine religiöse Bereinigung gewesen ist, zeigt die Hochhaltung des Kaddisch, der Trauer um den Abtri'mnigen und tausend andere Dinge. So ist die jüdische Familie vielleicht der beste Beleg für die Anschauung jenes feinsinnigen Culturhistorikers, nach welcher die Religion die Individuen fester zusammenkittet, als es selbst die natürlichen Beziehungen der Verwandtschaft zu thun vermöchten. Wenn freilich Fu8te1 de Ouianges die Religion auch für älter hält, als die Familie, so wird ihm in diesem Putckte mit Recht voll Steill widersprochen. Den llrsprung der Religion verfolgt Ludwig Stein nach seiner bereits erwähnten Methode, sowohl in der Seele des Einzelmenscheu, als auch in den äußerem Existenzbedingungen der Gesammtheit. Mit großer Feillheit versteht eres, das revolutionäre Dogma Fenerbach's, daß der Mensch sich seinen Gott nach seinem Ebenbilde vorstelle, seiner religionsfeindlichen Spitze zu entkleiden, ohne doch das augenfällig Richtige daran in Abrede zu stellen. Daß der Mensch einen Hang hat, sich seinen Gott menschenähnlich vorzustellen, wird durch die Geschichte aller Religionen so zweifellos bestätigt, daß es im Principe gar nicht geleugnet lverden kann. Aber nach Stein's Anschauung findet diese Ausbildung der Gottesvorstellung erst auf einer hohen Entwicklungsstufe des Menschen statt. Für die Anfänge allerreligiösen Gefühle gilt dagegen der Satz, daß sie ihren Ursprung der Furcht verdanken, welche der Conflirt mit übersinnlichen, unangreifbaren Schicksalsmüchten im Gemüthe des Naturmenschen znrückläßt. Dies ist die letzte psychvgenetische Wurzel der religiösen Gefühle. Dieser Satz könnte dazu ausgebeutet werden, in allen Religionen einen Aberglauben zu erblicken, der dem Wilden von seiner Furcht eingegeben und dann auf spätere Geschlechter übertragen wird. Hier setzt uun unser Philosoph mit eitler sehr feinen Wendung ein, die im Geiste seiner Methode liegt. Er sucht nämlich immer hinter den psychischen Wurzeln der Vorstellungen die tiefer liegenden, äußeren Ursachen, die äußeren Existenzbedingungen, welche in den Menschen die psychischen Motive erzeugen. Die Furcht vor übersinnlichen Gewalten könnte llicht entstehen, wenn nicht der ganze äußere Weltlauf und die ganze Natur des Menschen diesem einen solchen Gedatiken nahelegen würde, mit anderen Worten, die Furcht vor Gott elitsteht bei jedem sich normal entwickelnden Volke einfach deshalb, weil aller Grund dazu vorhanden ist. Gott selbst bildet den Gottesgedanken m den Menschen hinein, wie schon der berühmte Descartes gelehrt hat. Auch der religionslos erzogetle John Stuart Mill hat als reifes Resultat seiner großen Welt- und Lebenserfahrung jene drei Abhandlungen über Religion niedergeschrieben, welche in den Gottesglauben als unzerstörbare Hoffnung des Erderchilgers ausmünden. „Gewiß kann im heutigen geordneten Gesellschaftszustand", sagt Stein, „ein vereinzeltes Exemplar aus atheistischem Fanatismus vermeintlich religionslos erzogen werden und leidlich ' dabei gedeihen, wie denn auch Krüppel zur Welt kommen und sich ein mmehmbares Verhältniß zur Mitwelt zurechtschnitzen oder auch Selbstverstümmelungen aller Art nicht selten sind. Allein wie zum vollen Ausleben einer ganzen Persönlichkeit die gleichmäßige Ausbildung und Inanspruchnahme aller unserer körperlichen Organe und psychischen Functionen gehört, so wird auch die ganze Persönlichkell ohne gewisse Beziehungen zum Uebersinrllichen und Unfaßbaren auf die Dauer nicht auskommen können; die Masse vollends ganz und gar nicht . . . Wie der civilisirte Mensch unseres Zeitalters ohne Rechtsbewußtsein und Gewissen nicht wohl zu denken ist, und falls ein solches Exemplar auftaucht, dies von 'dem Psychopaten als pathologische Anomalie behandelt wird (woral insanity), so ist, von philosophischer Seite gesehen, der consequent sein wollende Atheist nur als Opfer des Unverstandes oder als psychische Anomalie zu erklären." (Selle 159.) Stein verzichtet in dankenswerther Weise darauf, die Religionen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, dies ist Auf-

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