Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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»Ä^w#>sBiHE^ra«BHRcara Seite 26 Vr VLmV» MochrnpyrM Nr. 2 aber kein Wort an ihn richten. Die Briefe, welche Frau Dreyfus ihrem Gatten schreibt, werden zuerst vom Gouverneur gelesen und nur dann dem Gefangenen zugestellt, wenn sie nicht die geringste Anspielung auf die alle Welt in Spannung haltenden Ereignisse enthalteu. Zeitungen und Zeitschriften der letzteren Jahre werden natürlich Dreyfus strengstens entzogen. Dafür stehen ihm einige Bücher, zumeist wissenschaftlichen Inhalts, sowie ältere Jahrgänge von Revuen zur Verfügung. Die zunehmende Apathie seines Geistes äußert sich aber bereits deutlich in dem geringen Interesse, welches er nunmehr der Lectüre entgegenbringt. Er führt innerhalb seiner Palissaden, wo er zu Stummheft verurtheilt ist, ein rein animalisches Leben, wie ein Thier in seinem Käfig, wobei er durch das fortwährende Rauchen von Eigarren noch mehr betäubt wird. Die ihm von seiner Familie nwnatlich gesaudten 500 Francs gelangen selbstverständlich nicht in seine Hände, doch stellt er auf diese Summe Bons aus, um sich hauptsächlich Wein, Eonserven und Eigarren zu beschaffen. Er verwendet auf sein Exterieur fast gar keine Sorgfalt mehr und erschien vor dem oben erwähnten Besucher in einem recht verwahrlosten Zustande. Nichts erinnert an ihm mehr an den einstigen eleganten Generalstabsofficier. Die Inferakenpalitik des „Deutschen Volksblatt". Wahrheiten sind keine Gemeindeobligationen; man braucht sie nicht zu — unterschlagen. Ein neuer Wahrheitsfanatiker ist uns erstanden, da ist der rühmlichst bekannte Pan Vergänef. Ernst V e r g a n i hat der Kochkunst-Ausstellung die „Wahrheft" gesagt, die ungeschmintte, die bittere, die durch keinerlei Jnseratenrücksichten gettübte Wahrheit. Ehre, wem Ehre gebührt! Ein Wahrheitspauschale dem Wahrhcitskäuipfer. Am 10. Jänner 1898 nach Schluß der Ausstellung erschien im Wiener Deftaudantenblatt ein Artikel, der die Auffchrist ttug: DieKochkunst-Ausstellung ein — unverantwo^ tlicher Leichtsinn. Bis auf den Gcdankensttich, der an dieser Stelle so unmotivirt ist, wie etwa die Abgänge in der Mühldorfer-Gemeindecassa, haben wir den Titel des Vergani'schen Wahrheitsergusses abgedruckt. Vergani rühmt sich in diesem Aufsatz, die Ausstellung nach Kräften unterstützt zu haben, „wie alle Wiener Blätter" setzt er hinzu, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie peinlich den übrigen Journalen diesaufgedrungene Gesellschaft sein muß. Nach Schluß der Ausstellung, nach gemachtem Jnseratenschab spricht der Mühldorfer-Ehrenbürger es erst aus, wie feuergefährlich die Ausstellung war, wie sie in dieser Form niemals hätte gestattet werden dürfen. Wir haben sicherlich unsere engere Anschauung über die Begeisterung, den echt arisch idealen Enthusiasmus, den das Lueger'sche Wien der Kochkunstausstellung entgegenbrachte. Wir bekennen ehrlich, daß die Inden in ihrem semitischen, allem Höheren abholden Materialismus niemals mit so edler, fteudiger Verehrung vor dem das Knie gebeugt hätteu, was die größten Köche, die feinsten Suppentöpfe hervorgebracht haben; aber immerhin düntt uns dieies echte Vergani- Stückchen Werth, in aller Form angenagelt zu werden. Für den gesunden, inseratenftemden Menschenverstand gibt es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder: Vergani glaubt, daß die Besucher der Sofiensäle so bedroht, ihre körperliche Sicherheit derart gefährdet war, wie die der unglücklichen Opfer des Wiener Ringtheater- und des Pariser Bazarbrandes; dann erwächst ihm die Pflicht, nicht nur die schwammige Zaubergewalt der eigenen Erscheinung der Umgegend der Marxergasse möglichst ferne zu halten, sondern auch in seinem Blatte Wien und die Wiener zu warnen, mit allen Mitteln die christliche Bevölkerung davor zu behüten, selbst einen furchtbaren Tod zu finden und ihre unversorgten Kinder der Mildthätigkeit der wie aimu Ringtheaterbrand anzuschnorrenden Juden anheimzugeben. Oder: Vergani hält die Sache für so ungefährlich und harmlos wie ein — Wiener Schwurgerichts-Urtheil. Dann ist ja der Entrüstungsruf des „Deutschen Volksblatt" nach Ausstellungsschluß nichts Anderes wie das unbefriedigte Knurren eines nicht durch genügende Inserate gesättigten Köters. So lange man in der Josefsgasse noch daran dachte, von dem reichhaltigen Jnscratcn-Futternapf der Kochkunst-Ausstellung möglichst viel fortzuschleppen, war aber Alles in bester Ordnung und spaltenlange Berichte des „Deutschen Volksblatt" forderten den kleinen christlichen Mann auf, einmal, statt die Juden zu ftessen, sich lieber in der Kochkunst-Ausstellung einen schmackhaften Bissen auszusuchen. Erst als die Tam-Tamschläge ertönt waren, die den Ausstellungsschluß kündeten, griff Vergani zu seiner alten Methode, zur — Schadensgutmachung, obwohl der Schaden nicht eingetreten war. Und die Moral von der Geschichte: Christen, übrigens, wenn Ihr gerade wollt, auch Juden, inserirt nur bei Vergani! Der Tragikomödie letzter Theil. Studierzimmer des Professors Schlesinger. Bücher, Bücher, Bücher, sogar das Conversationslerikon von Knigge und Vergani's gesammelte Abschriften, fetter Druck, in Schweinsleder. Riesige Folianten, alle Jahrgänge des „Deutschen Volksblatt". Dr. Lueger tritt im Pelz ein. Schlesinger (in Schlafrvck und Pantoffeln): Ah! Welch' angenehute Inkongruenz zwischen dem plötzlich Eingetroffenen und dem absolut Unerwarteten. Was verschafft mir diese erwünschte Erregung des Ehrbegriffes? Der Herr Meister der Bürger in Selbstherbewegnng begriffen seiend — O, bediene er sich doch wohlgeneigtest dieses vierbeinigen Holzgestelles mit Rückenlehne zur Niederlassung. Die graue Substanz meiner Großhirnrinde vibrirt vor Entzückung über den seltenen Besuch. Lueger: Laß die dummen Faxen. Hast Du zufällig dr.i bis vier Millionen bei Dir, Alter? Schlesinger: Volksgeld? Mit erschauernder Wonnelust. (Greift in die Westentasche.) Lueger: Ah, was, Volksgeld! Gib mir lieber auf eine Million heraus, die ich nicht Hab'. Koche mit Luft! Das kann ich nicht. Lauf' ich da nicht die längste Zeit herum bei allen Bankjuden und Judenbankerten. Bis auf die Koscherfleischbanken habe ich alle abg'rast, umsonst. Will keine pumpen. Das ist infam, unpatriotisch, niederträchtig, gemein. Vaterlandsloses Gesindel. Jeder von ihnen macht mir eine lange Nase. S ch le sin g er. @i! Haben wir uns nicht, entsinn' ich mich recht, immer der Formel bedient: Kauft nicht bei Juden? Fürwahr! Lueger: Freilich, freilich. Aber das ist doch etwas ganz Anderes. Ich will ja nicht bei Ihnen kaufen, ich will nur borgen. Weißt Du mir keinen Rath. Du hältst Dich doch für einen gescheidten Menschen! Ich bin da in einer fürchterlichen Verlegenheit. Schlesinger: O ja, ich gedeihe Dir meines Rathes Hilfe gerne an und Du siehst mich. Dich aus Deiner Klemme Zwickung herauszureißen wohlbereit, gehe doch hin zu den Männern arischer Herkunft und Edel-Art, christlich und wohlgesinnt, und pump' die an, ein Weniges oder Mehreres. Lueger: Hab' ich längst versucht. So gescheidt wie Du, weißt Dn, war ich auch. Will keiner sich herangetrauen. Die Presse hat sie alle stutzig gemacht. Das ist die Hefe des Volks. — Was stehst denn so in tiefe Gedanken versunken und tramyappert da, Schlesinger, wohin verliert sich Dem gewaltiger Geist — schlaf' mir nur nicht ein, — (er rüttelt ihn wach). Schlesinger (murmelt mystisch): Ja wohl, — diese Preßhefe! Lueger: Laß' gefälligst Deine Spaßett'ln. Die Sache ist viel zu ernst. Ich bring' meiner Seel' und Gott das Gasanlehen nicht au. Ich, der Herr von Wien, der vergötterte schöne Carl, stolpere über ein Paar dumme Gasröhr'n, die wir, und doch — ganz unter uns gesagt — auch vom Eisen-Inden gekauft haben. Schlesinger: Halt, ich hab's! Heureka, heureka! Du legst die Anleihe ganz einsach auf! Das ist das Hühnerei des Colombo. Lueger (höhnisch auflachend): Ja, die möcht' Ihnen stark aufliegen! Wenn Du nichts Besseres weißt, so geh' ich lieber. Da hat mir der Ernst Schneider, von dem ich g'rad zu Dir herg'fahren bin, doch noch einen klügeren Rath gegeben: Confiscation der Judengüter. Ich bin ja im Princip dafür. Jedoch in einer concilianteren Form. In der Form einer Anleihe, eines Credits, eines Punrps. Es ist wirklich zum aus der Haut fahren, daß die Barriörestöcke keine Portemonnaies haben. Und das zizerlweise Anbohren der kleinen Sparkassen, das is doch nix für die Dauer. O! Das ist eine sehrböse Sach'! Ich Hab keine Ahnung, wie ich da herauskomm'! Und