Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch's WochrnphrWt. Seite 35 und zwar muß das nicht nur schon jetzt geschehen, so lange noch die „Barbarenherrschaft" der Türken besteht, sondern ganz besonders nach dem Verschwinden der Osmanen, die sich bereits zum „Rückzug auf Anatolien" vorbereiten, also eigentlich nur jetzt gegen die Türken, später aber sofort ganz besonders „gegen die Russen und die anderen Slaven." Das ist denn doch eine geradezu mustergiltige Loyalität des Zionistenhäuptlings gegenüber Rußland und der Türkei! In Europa ein Großgriechenland, in Anatolien, was uns dann schon einmal Spectator, nicht Dr. Max Nordau, verrathen wird, ein Großarmenien, mein englisches Herzchen, was willst Du noch mehr! Zwischen Dir und Rußland werden fortan Großgriechenland, Großarmenien und Dr. Nordau's Großwahnien liegen. Da, lieb' Angelland magst ruhigst sein, fest steht für Dich Spectator ein! Vielleicht hören Griechen und Armenier auf das thörichte Geschwätz des Herrn Max Nordau. Dann werden sie alle miteinander zumeist die Türkei in Brand stecken. Herr Nordau aber wird, zum Beweise seiner Loyalität, durch die Flammen hindurch dem verkohlten Sultan das Hoch des Baseler Zionistencongresses, wodurch dieser Souverän vor allen Anderen ausgezeichnet wurde, in „geeigneter Form" übermitteln. Ich fürchte sehr, daß die Türkei sowohl wie Rußland den überspannten Zionisten ganz gründlich auf die Finger klopfen werden und daß diese politischen Träumereien eines Literaten ein sehr ernüchterndes Erwachen zur Folge haben werden. München, 8. Jänner 1898. Zur internationalen Iudrnhrtze. Eszterhazy ist' freigesprochen worden. Die Verleumdung triumphirt! Von der Stunde an. da der Name Walsin-Esterhazy's in der Oeffentlichkeit genannt wurde, folgte eine erdrückende Menge von schwerwiegenden Verdachtsgründen gegen diesen abenteuerlichen Mann. Sein Name ist unecht, sein Grafentitel bestritten, seine Lebensführung eine unregelmäßige, sein Auftreten, Wohnen, Reisen von sonderbaren, lichtscheuen Gewohnheiten begleitet, seine Vermögensverhältuisse zerrüttet. Ein merkwürdiger Haß gegen die französische Nation erweist sich aus schriftlichen Aeußerungen. Er steckt in Unitrieben und fürchtet seit geraumer Zeit Nachstellungen. Um die Erklärung für auffällige Angaben befragt, weiß ec von räthselhaften verschleierten Damen und mächtigen namenlosen Freunden zu berichten. Er steht in intimen Beziehungen zu den antisemitischen Hetzorganen und zu Denjenigen, welche den verhängnißvollen Proceß Dreyfus am angelegentlichsten betrieben haben. Seine Handschrift gleicht jener, in welcher das berüchtigte Bordereau geschrieben ist und in den letzten Tagen wurden ihm arge Fälschungen vorgeworfen, ein Notariatsact, ein Schreiben des Generalstabschefs Boisdeffre, endlich ein Actenstück, angeblich von dem italienischen Militärattache Panizardi geschrieben, welches Papier Esterhazy dem Kriegsminister in die Hände gespielt haben soll. Seine beiden Ankläger weisen auf ihn, als den Abfasser des Bordereau, das von dem Kriegsgerichte, welches Dreyfus verurtheilte, dem Letzteren zugeschrieben worden ist; und diesem so schwer bezichtigten Manne haben die höchsten Militärbehörden eine erstaunlich milde Behandlung angedeihen lassen; er war auf freiem Fuß geblieben und verkehrte mit der ganzen Welt; lange Zeit hieß es, daß es zu keiner gerichtlichen Verhandlung kommen werde, ja noch in allerletzter Zeit verlautete, daß ein Verfahren nur aus Rücksicht auf die erregte öffentliche Meinung eingeleitet worden sei. Die Anklage ist höchst auffallend präcisirt. Es war anzunehmen, Walsin-Esterhazy werde sich wegen der angeblichen Fälschung des Bordereau zu verantworten haben, allein die Beschuldigung lautet, wie aus Paris berichtet wird, auf „Machinationen und geheime Verbindungen mit einer fremden Macht"! Und wenn nun dieser Vertraute verschleierter Damen und Günstling geheimnißvoller Machthaber jenes Bordereau nicht für eine „fremde Macht" abgefaßt hat? Der Richterspruch wird die Frage nicht aus der Welt schaffen, welche sich Jedem aufdrängt: „Wer und was ist eigentlich Walsin-Esterhazy, dem mit aller Aengstlichkeit und Behutsamkeit jene sonst geraden Wege zugerichtet werden, welche die blinde Göttin mit dem Richtschwert schreiten soll? Jedenfalls ist mit dem heutigen Richterspruch das Geschick des Märtyrers auf der Teufelsinsel nicht besiegelt. Noch steht eine Anzahl von Processen bevor, in deren Verlauf es wird gelingen müffen, hinter das Geheimniß dieser Vorgänge zu gelangen. Der Pariser Correspondent der sonst so ruhigen und bedächtigen Münchener „Allgemeinen Zeitung" fällt über die französische Regierung das folgende vernichtende Urtheil: „Eine noch kläglichere Rolle als in den verschiedenen Panamaprocessen spielen Regierung und Justiz im Dreyfus-Walsin-Esterhazy- Proceß. Ein roherer, gemeinerer Justizmord als am Hauptmann Dreyfus ist, seit wir aus den mittelalterlichen Rechtszuständen heraus sind, in einem civilisirten Land mit ähnlichem Cynismus wohl noch niemals begangen worden. Und was für jeden wahrhaft ftanzösischen Patrioten das Betrübendste sein mnß, ist der Umstand, sehen zu müssen, wie in dem Fall Dreyfus ein großer Theil des Volkes, um nicht zu sagen, das ganze Volk, bei seinem fanatischen, unsinnigen „Kreuziget ihn!" eine Regierung hinter sich hat, die sich über das Verbrechen, das sie begeht, völlig klar sein muß und vollkommen klar ist. Justiz, Regierung und Volk begehen „die größte Gemeinheit des Jahrhunderts", wie einer der angesehensten Pariser Advocaten gesagt hat, für gemeinsame Rechnung und Gefahr. Und Gefahr ist vorhanden. Schon werden trotz der anhaltenden Verblendung in Frankreich selbst ernste Warnrufe laut. Einer der Rufer und Warner ist kein Geringerer als der Senator, ehemalige Minister und Znkunfts-Präsidentschaftscandidat, der erste Rechtsanwalt Frankreichs, Herr Waldeck-Rousseau, auch ein Mann, wie Senator S ch e u r e r - K e st n e r, mit mehr deutschem als französischem Blut in den Adern. Herr Waldeck sagt: „II laut uns grande pensee ä un grand peuple!" Gewiß sehr zutreffend bemerkt; aber wo ist die „große Idee", die Frankreich heute beherrscht? Deutschland hat seine Idee: den Ausbau seiner Einheit, die Ausbreitung seiner Macht! Italien hat seine Idee: sie heißt Großitalien! England hat seine Idee: die Seeherrschast der Welt! Rußland hat die geheiligte Person des Czaren; aber Frankreich hat nichts. Denn gerade das Ideal, dem es früher zugestrebt, die Schaffung und Hochhaltung der Gerechtigkeit, droht ihm verloren zu gehen. Und es geht ihn unter der Herrschaft der Republik, der Republik des Panama- und des Dreyfus-Processes noch etwas anderes verloren; die Selbstachftmg und die Achtung seiner Nachbarn." Aus der qualmigen Luft blindwüthigen Parteitreibens, aus der Enge beschränkten nationalen Empfindens sieht man sich herausgerettet, wenn man die muthigen unbefangenen Aeußerungen jener Wenigen zur Kenntniß nimmt, die für den rücksichtslosen Erweis der Wahrheit die Ehre Frankreichs anrufen. Der Freimuth des Elsäffers Scheurer-Kestner, der sein ganzes Ansehen gefährdete, als er für den von ihm unschuldig geglaubten Landsmann thatkräftig eintrat, wird wohl noch lange in seiner Heimat gerühmt werden und die französische Nation dürfte einmal einem ihrer begabtesten Söhne, Emil Zola, Dank wissen, daß er seine ausgezeichnete Feder geführt, um sie vor einer Selbsterniedrigung zu bewahren, daß er durch den wüsten Lärm, den zielbewußte Agitation erhoben, hindurch an sein Volk die ernste Mahnung gerichtet, der Pflicht der Gerechtigkeit eine ernste Schuld abzutragen. Der Pariser Correspondent des „P. L." schreibt vom 9. Jänner: Angesichts der seit Monaten die ganze civilisirte Welt in Athem hallenden Affaire Dreyfus-Esterhazy dürften sich gewiß zahlreiche Personen in allen Ländern die Frage gestellt haben, ob wohl auch der einstige Capitän Dreyfus etwas von den sensationellen Ereignissen der im Interesse seiner Rehabilitirung unternommenen Campagne wisse? Die in einem Kreise intimer Bekannten gemachten Mittheilungen einer o f f i c i e l l e n Persönlichkeit, welche den Gefangenen der Ile du Diable erst vor kurzer Zeit sah, ermöglichen es mir, die obige Frage zu beantworten. Die Antwort lautet: Nein! Alfred Dreyfus ist ein lebendig Begrabener, der nichts von dem weiß, was sich außerhalb der Palissaden seines Gefängnisses zuträgt. Kein einziger Hoffnungsstrahl konnte bisher zu dem Unglücklichen dringen, der keine Ahnung davon hat, daß augenblicklich ein Anderer vor dem Kriegsgerichte unter der Anklage erscheint, das incriminirte Bordereau geschrieben zu haben. Um ein klares Bild von dem Gefängnisse des Verurtheilten zu erhalten, meinte die erwähnte Persönlichkeit, müsse man sich die Place de la Concorde als die Teufelsinsel vorstellen. Der in der Mitte des Platzes befindliche Obelisk bezeichnet alsdann den Kerker, das ihn umgebende Gitter aber die hohen Pallisaden, welche einen Raum von ungefähr 70 Quadratmetern begrenzen. Die durch eine Wand in zwei Theile geschiedene Hütte enthält in ihrem hinteren Theile die Zelle des Gefangenen, während im vordereil Raume stets drei Auffeher weilen, die, einander ablösend, Tag und Nacht den Excapttän durch die Thürluke beobachten. Dabei steht an der Thür des Pfahlwerkes eine Schildwache und beobachten dasselbe, sowie die See, andere Aufseher: energische, disciplinirte Männer, sämmtlich einstige Soldaten. Eine affichirte Ordre des Gouverneurs befiehlt ihnen, daß sie einen eventuellen Fluchtversuch des Gefangenen „mit allen Mitteln zu vereiteln haben", d. h. berechtigt sind, Dreyfus in einem solchen Falle ohneweiters niederzuschießen. Sie dürfen mit dem Gefangenen nur in dienstlicher Angelegenheit sprechen,' sonst