Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 9t. Ilodr'» MortzrnkltzrM den arischen Wienern vollkommen „affimilirt" —, was blieb den armen Zionsrittern da Anderes übrig, als für ihren Revolver ein ganz neues Geschoß zu-ersinnen, mit dem sie den wilden „Wnsienwanderer" ganz sicher niederstrecken zu können vermeinen. „Kläffer!" Ei, wie das schön und kraftvoll klingt! Feinstes Arisch! Man könnt's für W.enerisch halten, wenn's nicht in Paris geprägt worden wäre. Ja, würde ich den Herren Dr. Max Nordau — fast hätte ich Mvrdau geschrieben — und Dr. Theodor Herzl die Bedeutung zumessen, die sie sich selbst beilegen, dann müßte ich über solche Titulaturenallerdings aufgebracht sein. Da aber die Voraussetzung nicht zutrifft, so ist auch zum Allsgebrachtsein glücklicherweise kein Grund vorhanden. Obendrein weiß ich, daß die „Welt" seit geraumer Zeit die hohe Schule der Verunglimpfung und der saftigen Kraftausdrücke ist und habe als Forschungsreisender lange Jahre hindurch gelernt, den Dingen ruhig und kühl an der: Leib zu gehen. Spectator braucht also nicht zu befürchten, daß ich „den Ruhm eines Zionistentödters" suche und den „bescheidenen Lorbeer des Arabisten" verschmähe. Das wäre sogar ein recht ungünstiger Tausch; denn die Kenntniß Arabiens ist immerhin noch etwas Reelles, Greifbares, während der Zionismus, wie ich mich schon einmal anderswo ausdrückte, ein riesiges Messer ohne' Klinge ist, den: das Heft fehlt. Einen solchen Tausch kann ich also nicht beabsichtigen. Es bedarf auch gar keiner Tödtung des Zionismus; denn diese seltsamste und gefährlichste aller Ideen ist bereits mit dem Todeszeichen auf der Stirn znr Welt gekommen und wird von selbst den Weg alles Fleisches gehen. Alles Fleisches, sage ich, nicht: aller Ideen; denn eine Idee, die kein Substrat hat, ist nicht lebensfähig, ist keine Idee. Was ich beabsichtigen konnte und beabsichtigt habe, das war: das überflüssige und höchst gefährliche Umsichhauen der dem nahen Tode geweihten zionistischen Bewegung zn verhindern und ihr ein ruhiges, die Welt und die Judeuheit nicht schädigendes Sterben zu erleichtern. Ich habe ihr deshalb Hände und Füße gebunden und den Hals ein klein wenig umgedreht. Mehr habe ich nicht gethan. Insbesondere ist es mir nicht in den Sinn gekommen, die Colonisation als soche zu bekämpfen; ich wollte ihr im Gegentheil die Wege ebnen, und zwar quält mich diese Frage schon geraume Zeit, seit dem Jahre 1881, also jedenfalls länger als die Herren Dr. Theodor Herzl und Dr. Max Nordau zu glauben scheinen. Freilich war ich niemals der Ansicht, daß zur Vollbringung eines so schivierigen Werkes, wie es nun einmal die Erlangung einer eigenen Colvnie, speciell für jüdische Zwecke ist, ein großes Maul, geistreiche und zugleich freche Feder und hohe Wolkenpolitik allein genügen. Die Äuftheilung des tückischen Reiches, falls diese einmal nothwendig werden sollte, mögen nur die Großmächte allein besorgen. Für die Judeuheit wäre es mehr als gefährlich, zn einer solchen Frage der Zukunft, und wär's auch der allernächsten Zukunft, active Stellung zu nehmen. Auch glaubte ich niemals, baß es ausreichend sei. wie dies soeben in einem in der „Welt' vom 7. Jänner 1898 abgedruckren Briefe des Herrn Dr. Max Nordau an die in Jerusalem erscheinende hebräische Zeitschrift „Haschkafa", vermnthlich mit Bezug auf sich selbst oder richtiger: auf seinen Wiener College», geschehen, den Inden offen oder verblümt das Erscheinen des Messias anzukündigen. Ich habe vielmehr immer an der Nothwendigkeit festgehalten, und zwar lediglich unter Benützung der vorhandenen und nicht unter Benützung von problematischen, zukünftigen, erst durch allerlei Ränke hervorzurufenden Verhältnissen, nur auf Grund eingehendster Sachkenntniß und Erfahrung irgendwelche Schritte, aber nur wohlüberlegte, vernünftige schritte zu thnn. Nur diese Sachkenntniß und Erfahrung im Orient haben mich veranlaßt, gegen die zionistische Bewegung, die erst allerlei politische Umwälzungen im Orient schaffen müßte, schließlich auch öffentlich S:ellung zu nehmen, nachdem briefliche Versuche an dem Starrsinn verrannter Führer gescheitert waren. Freilich war ich zunächst ein Warner. Aber nicht den Türken allein war ich ein Warner, sondern auch den Franzosen und Rußland, letzterem mit Bezug auf die offenkundige, wenn auch uneingestandene und uneingestehbare zionistisch-englische Absicht, nach der Zerstörung der Türkei ein geeignetes Großgriechenland zu schaffen vielleicht auch ein Großarmenien, welche Rußland von Constantinopel, beziehungsweise von Kleinasien fernzuhälteii bestimmt wären. Diese oder ähnliche Absichten, die doch wahrhaftig unverkennbar englisch sind, hat wenigstens Herr Dr. Nordau ziemlich deutlich aus der Schule geschwatzt, und zwar im Feuilleton der „Neuen Freien Presse" am 1. Jänner 1898, also auch unter Seite 23 Mitwissen des andern Zionistenchefs: des Herrn Dr. Herzl, welcher der Feuilletonredacteur des genannten Blattes ist. Ganz besonders war ich ein Warner demjenigen Tbeile der Judeuheit, der sich durch die gleißnerischen Versprechungen und verlockenden Verheißungen verblendeter Führer ahnungslos irresühren ließ. Denn darüber kann kein Zweifel bestehen, daß bei der großangelegteu, nicht blos antitürkischen, sondern auch autirussischen Weltpolitik der Herren Dr. Nordau und Dr. Herzl in dem doch ganz klar vorauszusehenden Falle des Mißlingens die türkischen und die russischen Juden förmlich an's Messer geliefert sind. Darüber mögen sich Diejenigen unter den Juden, die es angeht, ja nicht täuschen! Aber trotz alledem dachte ich nicht daran und denke nicht daran, die Herren Herzl und Nordau ihrer messianisch-zionistischen Führerherrschast zu beraube::. Es wäre doch ewig schade um so viel Geist und Schneidigkeit! Ich wollte ihnen im Gegentheil nur das richtige Ziel zeigen, das ohne hohe Wolkenpolitik und ohne Eutfachuug eines Weltbrandes zu erreichen ist. Nach Spectator aber ist das Alles nichts als „corffuse Salbaderei", „alberne Phautasmagorien" und er ruft im Brustton sittlicher Entrüstung aus: „und nichts ist in diesem Betracht für sie Alle (nämlich für die „Assimilirteu") bezeichnender, als die Vorstellung, die sich Glaser von den „führenden Geistern" des Zionismus macht. Sie können, meint er mit einer Insinuation, an der Spitze des Zionismus bleiben, auch wenn dieser nichts mehr mit Zion zu schaffen hat. Also Herr Dr. Nordau und Herr Dr. Herzl würden, wenn die Inden Zion nicht bekommen, einem der Majorität des Parlaments verlustig gegangenen englischen Premierminister gleich — so sollte man meinen — ihr h'hres Amt mit Würde in die Hände des, nun geschwind, in wessen Hände denn? nun — des Allmächtigen zurücklegeu. Weit gefehlt! Das wäre ja „confuse Salbadereilogik", welche die Getreuen Herzl's und Nordau's jedoch glücklicherweise nicht zu befürchten brauchen, wenigstens nicht mit Bezug auf den Einen der beiden geliebten Führer; denn im „Berliner Tageblatt" vom 4. d. M. sagt der Eine dieser beiden Oberscheikhe, Dr. Herzl, in Beantwortung desselben Angriffs, dem auch Spectactor's „Welt."-Leitartikel gewidmet ist: „Sollte diese Eventualität (nämlich die Vereitelung der Besitzergreifung Palästinas) eintreten, die für die Türkei noch bedauerlicher wäre, als für die Jude», so wird eben aus den Ablauf des Zersetzuugsprocesses gewartet oder ein anderes Territorium gesucht werden müssen." Na also, da scheint die Vorstellung, die ich mir von den „führenden Geistern' des Zionismus mache, doch nicht gar so „bezeichnend" zu sein, wie Herr Spectator mit sittlicher Entrüstung meint! Höchstens würde Spectator demiffioniren und das würde der guten Sache wahrhaftig nichts schaden. Herr Dr. Herzl aber wird uns, Gott sei Dank, an der Spitze des Zionismus erhalten bleiben, auch wenn dieser nichts mehr mit Zion zu schaffen hat. M:t Herrn Dr. Herzl wird sich wohl auch sonst noch ern Wörtchen reden lassen und da werden wir bald Handeleins sein, insbesondere, wenn er tu der diplomatischen Führung nicht mehr von Spectator beeinflußt sein wird; dann wird ein Fortschritt auch in der moralischen Haltung des Zionistenmonitors „Die Welt" eintreten köuueu. Diese Haltung hat bis jetzt noch keinem anständigen Menschen gefallen, denn sie erinnert allzusehr an die schönsten Zeiten der Revolverjonrnalistik, welche vor zwei oder drei Jahrzehnten fast alle Hauptstädte unsicher machte, besonders auch die Hauptstadt des Stephansreiches und das Babel an der Seine. Die Zionistenführer stehen doch an der Spitze einer Bewegung, die aus „Motiven höherer Ordnung" hervorgegangen, aus „Motiven des nationalen Stolzes, der sittlichen Auflehnung gegen Schmach und Unbill", für welche nach Spectator die „asiimilirten" Juden zugänglich seien. Wie verträgt es sich mit diesen „Motiven höherer Ordnung", wenn die Führer der zionistischen Bewegung, offenbar nur aus lauter Bescheidenheit, in's Dunkel treten und es Spectator und anderen unsichtbaren und unfaßbaren Namenlosen überlassen, aus dem Hinterhalte über anständige Menschen, ja über ganze Gesellschaftsi schichten herzufallen? Eine Bewegung höherer Ordnung darf sich nicht durch ein Revolverblatt beschmutzen, und wer ein ganzes Volk erlösen will, der muß wenigstens den nicht körperlichen, sondern nur moralischen Math haben, für die publicistischen Kampfesäußerungen des Parteiorgans mit seinem Namen einzustehen und darf nicht, wie ganz gewöhnliche Zeitungen, die zwar ihren Idealismus nicht so aufdringlich hervorheben, wie Spectator, dafür aber ebenso wie er das Preßzesetz und den Staatsanwalt fürchten, einen beliebigen „verantwortlichen Redacteur" hinstellen.