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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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^eite 22 Dr. Vloch's WochrnlchrM Nr 2 niemals auch nur für einen blanken Heller Credit besaß, weil der mobile wie der immobile Besitz von tiefstem Mißtrauen gegen die beutegierigen Schaaren des Wiener Arrtiscmitenhäuptlings erfüllt war. Ja, auch der immobile Besitz, denn wäre dem nicht so, dann müßte j es ja Herrn Luegerleicht werden, die 30 Millionen von seinen guten Freunden, den Feudalen und Clericalen, dem unermeßlich reichen Hochadel, den Stiften und Klöstern, zu erhalten. Aber auch hier begegnet er nur zugeknöpften Taschen, ebenso wie bei „seinem" Volke, den vielfach verstockten Hausherren, den wohlgemästeten Fleischhauern und Wirthen, denen er das Anlehen gar nicht zur öffentlichen Subscription vorznlegen wagt. Die Herren kennen einander viel besser und gründlicher, als wir sie kennen, und diese „praktischen Christen" haben ein sehr scharfes Auge für alle Dinge, die ihren Geldbeutel betreffen. Sie sind nicht blind an der Thatsache vorübergegangen, daß es in ihren Rechen Gaudiebe ersten Ranges gibt. Mag Ehren - Vergani hundertmal in seinem Blatte versichern, daß der Abschluß eines Rückversicherungsvertrages für die niederösterreichische Landesoersicheruug durch den Abgeordneten Noske Hintertrieben wurde, wir wissen es besser! Es will eben Niemand mit der Mittermayer-Partei zu Ihm: haben, deren Anhänger in der judenreinen Krakauer Wechselseitigen und in der clericalen Wittingauer Sparcaffe ungeheure Defraudationen verübt und deren Generalstab dem gestrichenen Ehrenbürger von Mühldorf ein Wohlverhaltungszeugniß ausgestellt hat. Solche Dinge gehen nicht vorüber, ohne daß auch der „dümmste Kerl von Wien" seine Schlüsse aus ihnen zieht und ohne daß sie den Credit einer Partei tödtlich verwunden. Das gescheiterte Gasanlehen ist nun allerdings ein schwerer Schlag für Dr. Lueger, aber es erklärt noch nicht genügend jene pessimistische Stimmung, welche in der Nachricht von seiner „Amtsmüdigkeit" zum Ausdrucke gelangt. Wenn ihn in der Gassrage nur der Vorwurf der Leichtfertigkeit trifft, so muß gegen ihn in vielen anderen Dingen die Anklage der bewußten Täuschung erhoben werden. Dieser patentirte „Retter des Gewerbestandes" hat, kaum zur Macht gelangt, nichts Eiligeres zu thun gehabt, als bei der Vergebung communaler Arbeiten das einheimische Gewerbe zurückzuftoßeu und mit ausländischen Firmen abzuschließen.. Er hat die öffentlichen Offertverhandlungen zu einer leeren Farce gemacht und seine engsten Parteigenossen in ausfallender Weise bevorzugt. Er hat die Aemterhäusung ans die Spitze getrieben und die Aufhebung des Stadt', ath es, die er als Führer der Opposition stürmisch gefordert hatte, ad cal^it das gra^cas verschoben. Er hat seine Versprechungen gegenüber den Magistratsbeamten nicht eingehalten und die Lehrer in der unwürdigsten Weise geschuhriegelt. Während seine Satelliten im Reichsrathe den berüchtigten Schrei nach Brod erhoben, hat er im Interesse der Fleischhauer jede Reform des Approvisioniruugswesens verhindert und die schamlose Ausbeutung der Bevölkerung durch eine Horde rücksichtsloser Fleischwncherer befördert. Ten Nothschrei hungernder Schulkinder hat er mit kaltem Hohn beantwortet, den Waisen hat er die geringste Unterstützung versagt, die wohlthätigsteu Institutionen beschimpft — dafür aber Tausende und Zchntausende von Gulden zur Förderung antisemitischer Hetzvereine und zur Erbauung von Kirchen verschleudert. Das administrative Fiasco Dr. Lueger's ist ein vollständiges — er hat aber auch politisch abgewirthschaftet. Man hat die Verläßlichkeit dieses zehnfach gehäuteten Schlangenmenschen auch oben gründlich kennen gelernt. Das Regime Badeni wäre niemals bis zu seinen letzten, so verhängnißvollen Gewaltacteu gelangt, wenn Herr Lueger den „Mann mit der eisernen Hand" nicht unaufhörlich versichert hätte, daß hinter ihm ganz Wien und Niederösterreich stehe und daß Gras Badeni, gestützt ans die unbedingte Gefolgschaft der Christlich-Socialen, Alles wagen dürfe. Im entscheidenden Momente aber bog Herc Lueger aus und verrieth den Grafen Badeni, wie er vor ihm schon so Viele verratheu hat. Diese letzte Felonie aber ist ihm nicht vergessen und vergeben wör.'en, und bei der Eröffnung der Kochkunstausstellung hat der Wiener Bürgermeister es erfahren müssen, mit welchen Empfindungen man die politischen Gaukeleien des „lieben Doctor Lueger" beurtheilt. Schaarenweise fallen die Beamten und. die Lehrer von ihm ab und auch die. Kleinbürger sind bereits so schwierig geworden, daß er sämmtliche Schürzen Wiens ausüieten muß, damit dieselben die Männer durch die holde Macht ihrer Weiblichkeit zum Ansharren bewegen. Nein, nicht „amtsmüde" ist Herr Lueger, aber er fühlt den Grund unter sich wanken, er weiß daß der Tag der Abrechnung herannaht, und es drängt ihn, das Capitol zu verlassen, weil dicht neben demselben der tarpejische Felsen liegt. Onittung. Von Dr. Eduard Glase r.*) Die Welt mit Gänsefüßchen hat die erste Umdrehung um ihre Achse vollendet. Mit dem 7. Jänner 1808 begann sie die zweite Tour ihres Umlaufes und dabei dreht sie sich mehr noch und schneller als im ersten Jahre um ihre Achse, um sich selbst. Es hat nämlich, wie das im Weltenraum manchmal vorkommt, ein kleiner Zusammenstoß stattgefnnden. Die Welt mit Gänsefüßchen ist dabei halb in Trümmer gegangen, so daß die stark verringerte Masse ihre Rotationsgeschwindigkeit, den Gesetzen der Physik folgend, verdoppelte. Angesichts einer solchen Katastrophe schickt es sich für einen einfachen Erdenbewohner nicht, in Freudenrüfe auszubrechen' oder dem halbzermalmten Weltchen gar noch Steine nachzuwerfeu, in Sonderheit muß das ein einfacher „bürgerlicher Arabist und Wüstenwanderer" unterlassen, der nicht einmal Mitglied des Wiener Gemeinderathes oder des österreichischen Abgeordnetenhauses, ja nicht einmal Mitarbeiter der Herzl-Nordau'schen „Welt" ist, sondern nur ein ganz gewöhmicher „Assimilirter", ein zukünftiger „Baron, Ritter, Hofrath", ein „Kannegießer und Kläffer". Das sind nämlich die Ehrentitel, die mir in einer wohlbeglaubigten „Abrechnung" vom anonymen „Welt "-Spectator**) unter dem Datum des 7. Jänner 18^8 verliehen werden. Der tapfere Mann versteckt sich zwar hinter ein Pseudonym. Wer aber die literarischen' Seichtbeutel von Paris — darunter meine ich nicht die anerkannten französischen Schriftsteller — kennt, der wird sofort wissen, wo Spectator zu suchen sein dürfte. Also Spectator nennt mich einen „Kläffer". Es scheint aber doch, zu meinem Tröste, daß ich kein gewöhnlicher Kläffer bin, sondern eine ganz besondere, eine schreckeneinflößende Art, kurz ein Hauptkläffer. Denn „an jedem Kannegießer und Kläffer ein Exempel zu statuiren, ist der Zionismus zu stolz und zu stark", sagt- Spectator. Wenn er nun gerade mich aus der Menge von Kläffern der Ehre theilhaftig .werden läßt, an mir, und zwar an leitender Stelle seines Wellblattes, „ein Exempel zu statuiren", da muß ich doch wohl wirklich was ganz Besonderes sein. Bis jetzt ist in der „Welt" nur den „Mauscheln", den „Protestrabbinern", den „Assimilanten" und ähnlichem Gelichter der Revolver an die Brust gesetzt worden. Da ich armer Teufel mit Aussicht auch auf nur einigen .Erfolg nicht zu den die Börse und den Welthandel beherrschenden „Mauscheln" gerechnet werden kann, auch eine Rabbinatsschule nicht einmal von Weitem gesehen habe, also weder „Protestrabbiner" noch auch nur überhaupt Rabbiner sein kann,- da schließlich das „Assimilanten"-Project auch nicht mehr recht tödtlich wirkt — die Herren haben sich im Schimpfen ja schon selber *) Anmerkung. Der Verfasser des vorstehenden Aufsatzes, dessen Name als der eines hervorragenden Orientreisenden jedem gebildeten Europäer geläufig ist und der in der Gelehrtenwelt als Forscher eine unbestrittene Autorität genießt, ersucht uns, ihm zum Zwecke der Abwehr die Spalten unseres Blattes zu öffnen. Wenn wir auch keinen Anlaß haben, in dieser persönlichen Auseinandersetzung für oder wider Partei zu ergreifen, so können wir doch einem hervorragenden Gelehrten von dem Range Dr. Glaser's die begehrte. Gastfreundschaft nicht verweigern. Die Redaction. **) Vermuthlich Dr. Max Nordau, auch trotz des zweiten Artikels gegen mich in derselben Nummer der „Welt", der die Unterschrift des Dr. Max Nordau trägt.

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