Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021226--07462-3031792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2. Dr. Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan für die gefammten Interessen des Wien, 14. Jänner 1898. -■>— .» , ■ - Erscheint jeden Freitag. -■» « - Brief-Adresse: Wien, L, Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. « ». k. PoysparkeGm-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976.* Xtbastton und Ldmiuistrstion: »itn II., Untre» A«gsetr«gr. la. Tatophon-Nr. 6533. Iudrnthums. X- X Sziugavsxta fiir Srstrrrrtch: Halbjährig 4 ff. 8 Sit. Einzelexemplare s& fr. Für'» Uu»land: halbjährig 4 fl. —!0 Kr. ganzjährig 10 . JO „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelitzeile IS kr. -X Inhalt. Leitartikel: Meister Petz in der Klemme. — Quittimg. — Zur internationalen Judenhetze. — Die Jnseratenpolitik des „Deutschen Volksblatt". — Der Tragikomödie letzter Theil. — Jüdische Dramatiker. — Zu Herzl's Ghetto. — Zur Erziehung. — Der Ursprung der Religionen und ihre Zukunft. — Korrespondenzen: Wien, Karlsbad, Prag,Budapest, Lemberg, Berlin, Warschau, London, Rom, Eorfu, Hongkong, Oran, Jerusalem, Johaunisburg. — Vermischtes: Wien, Groß-Meseritsch, Triesch, Ung.-Brod, Prag, Karlsbad, Friede!, Nameszto, Budapest, Wag-Nenstadtl, Belovar, Ungvar, Berlin, Breslau Amsterdam, Constantinopel, Washington, New-Uork. — Feuilleton: Chanukalichtchen. — Literatur. — Briefkasten. Meister Petz in der Klemme. Wien, 13. Jänner 1898.. Aus dem Rathhause dringt die Kunde, daß Doctor Lueger „amtsmüde" sei. Die Nachricht muß mit großer Behutsamkeit ausgenommen werden, denn sie steht mit dem innersten Wesen, mit dem maßlosen, brennenden Ehrgeiz des derzeitigen Wiener Bürgermeisters in grellstem Widerspruche. Aber wenn sie auch psychologisch unwahrscheinlich ist, so verleihen ihr doch die realen Verhältnisse eine gewisse Wahrscheinlichkeit, denn thatsächlich ist die Partei, welche Herr Lueger durch eine Jahrzehnte lange, ebenso mühevolle als skrupellose Agitation aus den dümmsten, rohesten und beutegierigsten Elementen der Großstadt zusammengebacken hat, am Ende ihrer Weisheit angelangt. Ihr Bestand war das Werk eines einzigen Mannes, der das unzufriedene Kleinbürgerthum durch seine wilde, glühende Rhetorik des Hasses gegen Recht, Ordnung, Besitz und Menschlichkeit aufstachelte und durch eine Fülle gleißender und unerfüllbarer Versprechungen an sich fesselte. So lange es den Sturmlauf gegen Liberale und Juden galt, genügte vor den Tausenden von Nullen der christlich-socialen Partei ein einziger Einser. In dem Augenblicke aber, wo diese große Zahl zur Macht gelangte und die Nullen sich vordringlich und habgierig in die erste Reihe schoben, drückten sie vernichtend aus die einzige Größe der Partei. Die stehende Klage Dr. Lueger's, daß er „Alles allein machen müsse", ist nicht nur ein Berdammungsurtheil über seine ganze Partei, sie ist auch ein Berdammungsurtheil über seine eigene zwanzigjährige agitatorische Thätigkeit. Für die positive Arbeit, die Doctor Lueger mit dem Antritte der Macht auf seine Schnltern nehmen mußte, fand er unter den Massen, die jubelnd seiner Parole folgten, auch nicht einen einzigen nur halbwegs fähigen Mithelfer. Und wollte er nicht vom ersten Tage ab als Volksbetrüger dastehen, so mußte er irgend eine große, blendende Arbeit in Angriff nehmen. Er hatte zuviel versprochen, um die Früchte seines Sieges cum otio et dignitate zu genießen. „Sein Volk" war hungrig und wollte gefüttert werden. So stürmte er sich denn Hals über Kopf, ohne Berechnung, in das abenteuerliche Gasunternehmen. Er hatte sich verpflichtet, die Engländer aus Wien hinauszujagen, und er jagte sie hinaus. Aber die Art, wie er dies that, charakterisirt den Mann. Das treibende Motiv für ihn war nicht die Liebe zu seiner Vaterstadt, nicht die Sorge, ihr einen großen, dauernden Gewinn zu sichern, sondern der Durst nach dem momentanen Beifall des urtheilslosen Pöbels. Nicht um eine That handelte es sich ihm, sondern um ein Blendwerk, um eine prasselnde und knatternde Raketenfront. Statt das Gaswerk den in die Enge getriebenen Engländern um den Spottpreis von 13 Millionen abzunehmen, ging er an die Erbauung eines eigenen städtischen Gaswerkes um mehr als 30 Millionen. Der christlich-sociale Mob gröhlte vor Vergnügen und ließ seinen Bürgermeister einen großen Mannsein. Aber der Katzenjammer kam sehr bald nach. Durch die Leichtigkeit seiner politischen Siege verwöhnt, hatte sich Herr Lueger um die Beschaffung der 30 Millionen nicht die geringste Sorge gemacht. Er war gewohnt, Majoritäten aus dem Boden zu stampfen, durch ein schmeichelndes Wort, eine süßliche Phrase, einen faden Witz alle Dummköpfe Wiens zu berauschen — was Wunder, daß er im Bewußtsein seiner Allmacht überzeugt war, auch den europäischen Geldmarkt zu seinen Füßen liegen zu sehen? Diese europäische Finanzwett aber ist nicht der „dumme Kerl von Wien", sie läßt sich nicht vom Gefühle fortreißen, sondern rechnet mit nüchternen Thatsachen und trockenen Ziffern. Sie sah sich einer Partei gegenüber, die gegen Alles anstürmte, was die Sicherheit des Privateigenthums verbürgte, die von leidenschaftlichem Hasse gegen das werbende Capttal, gegen Handel und Industrie erfüllt war, die einen notorischm Dieb und einen notorischen Deftaudanten zu ihren Säulen zählte und durch die merkwürdigen Theorien eines chrer Finanzgenies die Grundsätze, die Herr Mittermayer in seinem Privatleben bethättgt hatte, auf das öffentliche Leben, auf ihre Beziehungen zum Großcapttal übertragen wollte. Das Gasanlehen ist geschettert, nicht weil die liberale Presse, wie Herr Lueger behauptete, dm Credit der Stadt Wien untergrub, sondern well die christlich-sociale Partei