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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 1 Vr Vlvch's WochrnPtzrM lischen Abend" und hüpft fröhlich die Treppe hinan; wenn die Eltern aus der Oper heimkehren, schläft sie sanft und träumt von der engelsgleichen blonden Frau. Morgen, Leonie weiß es, wird Hertha ihren Freundinnen in der Schule erzählen, sie durste wieder einen „entzückenden Abend" in dem „wundervollen" Heim ihrer „angebeteten" Frau Professor zubringen, Hertha bewegt sich stets in Superlativen, wenn sie von Leonie spricht. Leonie lächelt wieder flüchtig, als das junge Mädchen sie verlassen hatte. „Glückliches Kind! Was wird Dir das Leben bringen?" flüstert sie. Am anderen Tage ist das herrlichste Frostwetter. Ein klarer, blauer Himmel, heller Sonnenschein, der fest gefrorene, glitzernde Schnee locken Leonie zu einem Spaziergange. Bald nach dem Mittagessen hüllt sie sich in den pelzgefütterten Mantel und richtet ihre Schritte nach dem Friedhofe; sie war zwar erst vorgestern an der Stätte des Friedens und der Wehmuth; zum ersten Male hat sie an dem schmerzlichen Gedenktage allein an dem kleinen, theueren Hügel gebetet, nicht wie sonst sich an ihren Mann gelehnt. Dieser Tag schien seine Reise in Frage zu stellen, er hatte sich lange gesträubt, sie mit den wehmutsvollen Erinnerungen allein zu lassen, jedoch sie hatte ihn mit all' der ihr zu Gebote stehenden liebenswürdigen Ueberredungskunst endlich besiegt; er sollte, er durfte den Ehrentagen der berühmten italienischen Universität nicht ferne bleiben um ihretwillen. Leonie hatte den Weg schnell zurückgelegt, lange an dem kleinen, theueren Hügel, der ihr Liebstes birgt, geweilt, in ernste Gedanken versunken, als ein leiser Frostschauer ihre zarte Gestalt erzittern ließ und sie an den Heimweg gemahnte. Sie hüllte sich fester in den schützenden Mantel, warf noch einen letzten Scheideblick, einen stummen Gruß auf den Marmorstein und verließ die geheiligte Stätte. Der Pförtner öffnete ihr ehrfurchtsvoll das Thor und wagte bescheiden die Frage, ob er für Frau Professor eine Droschke besorgen dürfe, es sei kälter geworden, Frau Professor habe so lange heute an dem Grabe gestanden, gewiß kalte Füße bekommen, sie könnte krank werden. Mit sanfter Freundlichkeit dankte sie dem alten Manne für seine Fürsorge; sie ziehe es vor, zu gehen, und ließ eine reiche Geldspende in seine Hand, wie in die Büchse für die Armen gleiten; bewundernde Blicke folgten der schönen, bleichen Frau, die so oft an der Stätte des Gebetes erscheint, immer, so auch heute. Der Mond sendet seine bleichen Strahlen herab auf die erstarrte Erde; tiefe Stille herrscht rings umher, Leonie beschleunigt ihre Schritte, es dunkelt mehr und mehr. Da horch! Tönt es nicht wie ein leises Weinen hinter ihr? Sie dreht sich um, und gewahrt ein kleines, ärmlich gekleidetes Mädchen, das bitterlich weint; vergebens bemühen sich die kleinen, blauroth gefrorenen Hände, die Thränen zu trocknen, immer reichlicher fließen sie. Die Kleine hat Leonie erreicht. „Liebe, schöne Dame, bitte, bitte, helfen Sie mir, erbarmen Sie sich meiner", schluchzt sie; die bleiche Frau scheint ihr Vertrauen einzuflößen. „Armes, liebes Kind," gibt Leonie in rasch aufwallendem Mitleide zurück, „gern, wenn ich kann! Was fehlt Dir? Was hat man Dir zu Leide gethan, daß Du so bitterlich weinst?" fragt sie sanft. Sie sieht, die Kleine ist kein Bettelkind, der ärmliche Anzug, das geflickte, entwachsene Kleidchen ist fast zierlich, von großer Sauberkeit; unter dem groben, wollenen Tuche, welches das blonde Kinderhaupt schützend und wärmend umhüllt, bemerkt sie den langen, sorgsam geglätteten, mit kleiner, blauer Schleife geschmückten Zopf; gewiß, das Mädchen ist braver Leute Kind, die Mutter fehlt ihm nicht. Wie heißt Du, liebes Kind? Wo wohnst Du? Hast Du Eltern, Geschwister? fragte Leonie sanft weiter; sie hat das Kind bei der Hand genommen und schreitet langsam mit demselben vorwärts. Die Kleine beruhigte sich etwas bei dem milden Zusprnche, noch bebt die Stimme in verhaltenem Schluchzen, als sie bescheiden antwortete: „Marie Kroneck, Rohengasse 4, im Hofe eine Treppe. Ich habe einen kranken Vater und die Mutter näht und stickt den ganzen Tag bis in die späte Nacht und ihre Augen thun ihr oft so wehe," erzählt sie in abgerissenen Worten, oft von neuem Schluchzen unterbrochen. „Weiter, liebes Kind," drängt Leonie aufmerksam lauschend. „Wie kommst Du so spät allein hieher? " „Mutter wollte mich nicht schicken, aber die größeren Geschwister haben noch Schularbeit zu machen, ich war fertig und fürchte mich nicht," berichtet Mariechen ermuthigt durch die sanfte Art der ftemden Frau; „ich sollte dort drüben in der Billa eine schöne Decke ablieferu, die die Mutter gestickt hat, die Dame war nicht zu Hause, so bekam ich kein Geld; ach," weint sie wieder laut auf, „und ich sollte für das Geld Brot und allerlei mitbringen, da müssen wir jetzt hungern." Leonies Augen haben sich mit Thränen gefüllt. „Gott, mein Gott, welches Elend," murmelt sie. Sie nimmt ihr duftendes, feines Taschentuch und trocknet das von Thränen heiße, lieb' Kinderantlitz, sie steckt Mariechens erstarrte Hände in ihren Muff; eine Flut von Gedanken wirbelt durch ihr Hirn. „Wir vom Geschicke bevorzugten Menschen leben dahin, l ahnungslos, welche Noth in unserer nächsten Nähe herrscht. Wir leben von unserem Ueberflusse, aber warum kümmern wir uns so wenig um das Wohl und Wehe unserer bedürftigen, darbenden Nebenmeuschen Wohlthaten spenden ist ja eines der ersten Gebote unserer heiligen Religion, Nächstenliebe üben eine der schönsten Tugenden, die wir Juden besitzen. Warum hat mein edler herrlicher Mann mich in all den Jahren des Glückes und der Trauer nicht darauf hingewiesen, selbst die Stätten der Armuth aufzusuchen, mich mit eigenen Augen zu überzeugen, wo Hilfe nöthig? Vorzugsweise wir begüterten, vielbeneideten Frauen müßten werkthätig Nächstenliebe üben!" „Sage, liebes Kind, ist dies alles auch wahr?" fragte Leonie nach kurzem Schweigen. Diese blauen, unschuldvollen Kinderaugen können nicht lügen, denkt sie, jedoch in großen Städten ist stets eine gewisse Vorsicht geboten. Hatte ihr doch vor mehreren Jahren ihre Freundin in Berlin, eine wahrhaft volle Dtenschenfteunditt, erzählt, sie habe, als sie beladen mit Körben voll Lebensmitteln und Kleidungsstücken die Stätten der Armuth und des Elends betrat, zuweilen Scenen erlebt, wie sie Hackländer in seinem „Europäischen Sclavenleben" schildert; im ersten Raume zeigte sich ihr das Bild bitterster Noth, während im nächsten sybaritischer Luxus herrschte und wilde Orgien gefeiert wurden. „Gewiß, liebe, schöne Dame, ich gehe ja in die Religionsstunde und Mutter sagt, wir dürfen nie lügen," antwortet Mariechen sreimüthig, die schöne, freundliche Frau zutraulich anblickend. Mit dem Kinde an der Hand vorwärts schreitend, erinnert sich Leonie eines Gedichtes, das sie als kleines Schulmädchen gelernt. „Seht, was schleicht dort so alleine, Jammert leis' in Frost und Wind? Seh' ich recht im Mondenscheine. Jst's ein schmächtig blasses Kind." Wie eine Illustration zu dem Gedichte, welches ihr als Kind Thränen entlockte, erscheint sie sich mit Mariechen an der Hand; sie ist die blasse Frau, der Gott ihr kleines Mädchen genommen, und der ihr jetzt ein ftemdes, armes Kind in den Weg führt! „Sag' wie heißt Du Willmer's Lotte. Und wie alt? Bin sieben Jahr. Wär's ein Wink vom lieben Gotte, Just so alt wie Lottchen war!" Thränen verdunkeln wieder Leonies schöne, seelenvolle Augen. Ob ihr Mann, welcher ihr so oft eine Gesellschafterin gewissermaßen aufzwingen wollte, wohl einverstanden sein würde, wenn sie dieses liebe, kleine, fteundliche Mädchen in ihr Haus nehmen, als ihr Pflegetöchterchen erziehen würde? Sicherlich! Er will stets, was sie will! „Keine voreiligen Entschlüffe," warnt eine innere Stimme, „erst sehen, prüfen, dann handeln". An der nächsten Ecke winkt sie einer Droschke, steigt mit dem Kinde ein, gibt dem Kutscher leise einige Anweisungen, da und dort zu halten, wo sie Einkäufe machen will und sagt ihm die Straße, wo sie dann auszusteigen wünscht. Der bärtige Roffelenker schüttelt verwundert den Kopf, die schöne, feine vornehme Frau mit dem Bettelmädchen zur Seite zu fahren; die reichen Leute haben ihre Schrullen, denkt er, aber die Dame sieht aus wie die leibhaftige heilige Elisabeth. Leonie hat ihre Einkäufe beendet; Brot und Semmeln, goldig frische Butter, Kaffee, Thee, Chocolade, zwei Flaschen Wein, und beladen mit diesen Schätzen fahren sie endlich ihrem Ziele zu. Mit großen, fragenden, verwunderten Augen hat Marief chen dem Treiben der ftemden Dame zugeschaut; sie Hilst der-

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