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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Nr. 1 Sette 80 Vr. Vloch's MochrnfchrM selben die Schätze die schmale, matt erleuchtete Treppe hinauftragen und denkt: „Das ist wohl wirklich so eine gute, schöne Fee, wie sie in den Geschichten vorkommt, die uns die Mutter oder die Lehrerin manchmal erzählt". Auf ein leises Klopfen und ein lautes „Herein" betritt Leonie einen dunkeln Vorraum, der als Küche zu dienen scheint, Mariechen stürmt ihr voran, athemlos ruft sie: „Mutter, schnell, komme ihr entgegen, eine wunderschöne Dame kommt mit mir, sie hat das Alles für uns unterwegs gekauft!" und legt die Bürde auf den Tisch. Eine abgehärmte Frau tritt Leonie entgegen. „Ich bin Frau Professor Mosendorff; die gütige Vorsehung ließ mich Mariechen begegnen und ich habe mir erlaubt^ sie Ihnen zurückzubringen", sagte Leonie sanft. Sie hatte mit einem einzigen Blicke, während sie sich der belastenden Pakete und Flaschen entledigte, das große Zimmer umfaßt; es trägt die Spuren einstiger besserer Tage, ärmlich, doch von peinlichster Sauberkeit ist Alles in dem Zimmer, besonders das Bett des kranken Mannes. Wie ein lichtes Traumbild erscheint die holde, schlanke Frau in dem ärmlichen Zimmer; das weiße liebliche Antlitz mit der goldenen Haarfluth neigt sich über den kranken Mann und flüstert ihm mit melodischer Stimme die tröstlichen Worte zu: . „Mein Mann ist ein sehr berühmter Arzt; er ist verreist, morgen kehrt er zurück, dann eilt er zu ihnen und gewiß, erbringt Ihnen unter Gottes Beistand Genesung." An den abgezehrten Händen, den eingefallenen Wangen mit der hektischen Röthc, der schwer athmenden Brust und den fieberglänzenden Augen sieht sie mit dem durch Erfahrung geschärften Blick, hier kommt ihres Mannes Hilfe leider zu spät. „Gnädigste Frau, mir ist nicht mehr zu helfen", flüsterte er matt und gebrochen mit hohler Stimme, „aber Gott sei gepriesen, der einen lichten Engel der Barmherzigkeit zu uns sendet!" _ (Schluß folgt.) literstur. Bilder aus dem Leben jüdischer Sträflinge. Von Abraham Guttmann zu Lipotvar. Sagen wir es gleich: ein Buch, in das man sich seines interessanten und spannenden Inhaltes wegen gleich fest einliest und das man nicht zuschlagen möchte, bis man nicht das letzte Blatt, auch das Schlußwort gelesen, in welchem der Autor bescheiden und sich selbsterkennend sein Werk nicht als literarisches Product, sondern als Lebensbilder, denen Zuweilen die echte stylistische Farbe fehlt, ohne die Anziehungskraft zu verlieren, beurtheilt wissen will. Die Verbrecherweft bildet die wirkliche Tragik des Lebens, in die ein tieferer Einblick sich lohnt, und bietet der psychologischen und ethischen Räthsel so viele, daß sie eines Studiums Werth sind. Um die Lösung dieser Räthsel, die die Verbrechersecle in Bezug auf ihre inneren Vorgänge, auf Veranlagung, Motive, Ausführung, Bestrafung, Besserung rc. aufgibt, haben sich die ticfften Denker und geistreichsten Eriminalisten aller Völker bemüht, ohne zu einem sicheren und feststehenden Urtheil oder zu einer allgemein anerkannten Thesis zu gelangen. Doch halte ich dafür, daß nur zwei Personen hierin wenigstens annäherungsweise richtigen Aufschluß geben können: Der Vertheidjger und der Seelsorger, die durch ihre Amtsthätigkeit längere Zeit in engere Berührung mit dem gefangenen Verbrecher treten, gleichsam ein freundschaftliches, intimes Verhältniß mit demselben anklüipfen müssen. Vorausgesetzt, daß Beide, der Fürsprecher und der Priester, den nöthigen scharfen psychologischen Blick und langjährige, mannigfache Erfahrungen aufweifen können. Von berühmten Vertheidigern hat Wohl schon mancher werthvolle Bilder aus der Verbrecherwelt geliefert und dadurch manches Licht in das dunkle Seelenleben des Entarteten gebracht. Weniger aber, oder vielleicht gar nicht haben sich die Seelsorger der Gefangenen damit befaßt. Und doch sollte letzterer noch mehr berechtigt und geeignet dazu sein, als der Erstere. Der Advocat beschäftigt sich eingehend mit feinem Angeklagten blos bis zur Fällung des endgiltigen Urtheils; sind einmal die Kerkerpforten hinter ihm geschlossen, so ist gewöhnlich der Fürsprecher mit feiner Aufgabe zu Ende und der Rapport zwischen ihm und dem Verurtheilten hört auf. Der Seelsorger hingegen bleibt während der langen Strafzeit in der Nähe des Gefangenen, er vermag dessen Gewissen zu wecken, dessen Geist zu erforschen, dessen Herz zu gewinnen, er kann daher des Sträflings ganzes inneres Leben, was ihn bewegt und treibt, was ihn beruhigt und befriedigt, wie er denkt und fühlt, erschließen und erkennen. Der Verfasser des vorliegenden Buches, der sich auch in der einschlägigen criminalistischcn Literatur etwas nmgesehen hat, hat auf dem vorbenannten Gebiete einen schönen Anfang gemacht. Er bestrebte sich, während, feiner 15jährigen seelsorgerischen Thätigkeit in der großen ungarischen Landcsstrafanstalt zu Lipotvar a n 200 jüdischenSträfl i n g e n die von dem Seelsorger zu erwartenden obenbezeichneten Erfolge zu erreichen, und seine Erfahrungen, die er in hübschen, fesselnden Bildern veröffentlicht, sollten - von keinem Eriminalisten und Crimiualogen ungelesen bleiben. Seine Details sind anregend, seine Angaben psychologisch werthvoll und verwendbar, und aus feinem geschilderten Verkehr mit den Gefangenen sprühen manche Geistesblitze hervor. Aber auch der Laie darf sich diese Lectüre zu Gemüthe führen und wird hem Verfasser für eine angenehme zerstreuende Stunde Dank wissen, indem er ihn in eine Welt blicken läßt„ die ihm fremd und darum für ihn umso reizender ist. Ein jüdischer Seelsorger soll nach den talmudischen Lehren jeden Sünder und Verbrecher als geistig Verirrten betrachten. Von diesem Standpunkte geht auch der gewissenhafte Gefangenen-Seelsorger zu Lipotvar im Verkehr mit den Zuchthäuslern aus. Traurig jedoch sind zwei Wahrnehmungen, die wir aus dessen Lebensbildern machen. E r st e n s, daß die meisten der 200 jüdischen Verbrecher aus den Gegenden der Fanatisch-Frommen (Chassidim) sich recrutiren und auch im Strafhause keine religiöse Ceremonie außer Acht lassen möchten, während ihr Gewissen mit Diebstahl, Raub und Mord belastet ist. Zweitens, daß es meistens Rückfällige — einer bewegte sich von seinem 14. bis zu seinem Tode im 63. Lebensjahre stets auf der Verbrecherlaufbahn und das Zuchthaus war seine Wohnstätte - daß es also größtentheils Unverbesserliche sind, die seiner Seelsorge unterstanden, durch welche Thatsache nicht nur das Bibelwort Recht behält: „daß das Sinnen und Dichten des Menschenherzen nur böse wird jeden Tag", sondern daß auch der von vielen Rechtslehrern eingenommene. Standpunkt, wonach der Zweck der Strafe in der zu hoffenden Besserung und Versittlichung des Verbrechers zu suchen und zu finden fei, ins Schwanken geräth. — Das Buch sei aber immerhin bestens empfohlen. Preßburg, 28. December 1897. Rabbiner Dr. David. Briefkasten. L. Vrünn. Die ungarischen Papiere sind zur Rentensteuer anzugeben, außer wenn ihr Besitzer ungarischer Staatsbürger ist. L. Flamm, Wien. Wir verfügen leider nicht über die Mittel, jenen Tempelverein zur Erfüllung seiner Pflichten gegenüber den Losbesitzern zu zwingen. I. W., Schlesien. Die erwähnte Ehe ist nach dem Staatsgesetze wohl ungiltig, allein nach jüdischem Religionsgesetze war das zweifellos eine richtige Ehe. Es wird sich kaum ein Rabbiner finden, einem dieser Eheleute eine zweite Eheschließung ohne vorhergegangene Ehescheidung zu gestatten. L. B. in Prag> Nach unseren Informationen wünscht man in maßgebenden Kreisen der jüdischen Gemeinde Prags keine Intervention von jener von Ihnen angedeuteten Seite. Dr. C. Vor dem Grafen Baden! haben bereits der Minister Stremeyer und Minister Prazak Sprachenverordnungen erlassen und die obersten Gerichtsinstanzen haben dieselben als rechtsgiltig respectirt. Das ist entscheidend. M. N. in Wien. Das scheint uns unglaubwürdig, ist uns jedenfalls unbekannt. J-. N—d in Wigstadtl. Wir beantworten Ihre Zuschrift in den nächsten Tagen direct. F. H—r, Wien. Das Gegentheil ist richtig. Herr Müller- G u t t e n b r u n n wurde von einer rein arischen Clique, an deren Spitze die Herren Roth und Jaburek standen, bekämpft und von den jüdischen Mitgliedern des Verwaltungsrathes vertheidigt. Dr. P a t t a i fälscht offenkundige Thatsachen, und es wäre eine Ehrenpflicht Müller- Guttenbrunn's, diese Fälschung richtigzustellen. W—m St—y, Wien. Die „Deutsche Zeitung" macht es auf der ersten Seite ihrer Mittwoch-Nummer den Juden in Prag zum Vorwurf, daß sie sich „an die Fersen der Deutschen heften". Auf ihrer vierten Seite dagegen macht sie sich über eine Gruppe von Juden lustig, die bei einer Abendunterhaltung in einem gemischtsprachigen Orte angeblich erst abwarteten, ob die Deutschen oder die Czechen in der Ueberzahl sein werden. Ob nun der Jude im nationalen Kampfe Partei ergreift oder sich neutral verhält — er wird unter allen Umständen verbrannt. Ad. St d. Wir danken Ihnen vielmals für ihre Aufklärungen. Uebrigens hat Herr S t r a ch in einer schneidigen Berichtigung dem „Deutschen Volksblatt" seine Lügen vorgehalten. Was Sie uns über die verdienstvolle Thätigkeit des Herrn Strach auf fachwissenschaftlichem Gebiete mittheilen und insbesondere der Erfolg, den das von ihn: uneigennützig redigirte „Kaiser-Jubiläumswerk der Eisenbahngeschichte" auszuweisen hat, macht es uns verständlich, warum der Mann von diesen Leuten so angegriffen wird. ■ F. Gn, Wien. Sie irren sich. An der verzwickten Lage, in welche Dr. Lueger mit dem Gasanlehen gerathen ist, sind die Juden unschuldig. Das hat Herr Lueger selbst verschuldet, indem er als Bürgermeister einer Weltstadt gegen das große Capital hetzte. Das Capital folgt keinen politischen und confessionellen Tendenzen — aber es wird von jeder gewaltsamen Beschränkung des Unternehmungsgeistes und jeder öffentlichen Verhetzung naturgemäß abgestoßen. : Die Berliner Herren haben diese Situation Lueger's erkannt und ihn t eingezwickt. In der Direction der Deutschen Bank sitzen drei Arier und nur ein Jude. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.

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