Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. l Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 7 hinter dem Kehlkopf — getödtet werden. Es wäre erwünscht, zu erfahren, aus welchem Grunde die Militär-Verwaltung fo zähe an dem Schächten des Viehes festhält; sollte es etwa die Rücksicht auf die paar hundert jüdischen Soldaten sein?" Ueber die Mbernheit, die in dem letzten Satze ausgesprochen wird, braucht kein Wort verloren zu werden. Selbstverständlich wurde seitens der Militär-Verwaltung — wie dies übrigens der Kriegsminister im Reichstage ausdrücklich erklärt hat — die Schächtmethode nur deshalb eingeführt, weil sie als die rationellste und schmerzloseste erprobt worden ist, und wenn trotz der antisemitischen Anzapfungen, zu deren Sprachrohr sich erst in der vorigen Session des Reichstages der Abgeordnete Förster gemacht hat. unerschütterlich daran festgehalten wird, so bedeutet dies die drastische Widerlegung der gegen das Schächten gerichteten Angriffe. Allerdings kann diese Zähigkeit der Schächtgegner so lange nicht überraschen, als die Ungeheuerlichkeit fortdauert, daß dieselbe Sch lachtart, der von der deutschen Militär-Verwaltung vor allen anderen der Vorzug gegeben wird, in einem deutschen Bundesstaate unter Polizeistrafe gestellt ist, daß die sächsische Regierung für ihre Soldaten zur Anwendung bringt oder geschehen lassen muß, was sie ihren jüdischen Unterthanen bei Strafe verbietet! Die „Post" vom 28. August 1895 brachte folgende Notiz, deren o f f i c i ö s e r Charakter nicht zweifelhaft sein kann: „Auf Grund sehr sorgfältiger Versuche und nach Einholung zahlreicher fachmännischer Gutachten ist die Militärverwaltung zu der Ueberzeugung gelangt, daß die in den meisten Schlachthäusern angewendete Methode des Schlachtens unter Benutzung des Stirnschlages, der Maskenbout e r o l l e oder der S ch u ß m a s k e infolge der unvollkommenen Blutung die Haltbarkeit des Fleisches beeinträchtige und deshalb namentlich für die Herstellung von Conserven nicht zweckmäßig sei. E^ine der Methode des Schächtens ähnliche Handhabung beim Schlachten dagegen gilt für wesentlich Vorth eilhafter, weil die Blutung eine vollkommene und die Haltbarkeit des Fleisches infolge dessen eine wesentlich größere ist, ohne daß die Interessen der Humanität dadurch in irgend einer Weise geschädigt würden. Da nun die Haltbarkeit die erste Vorbedingung für eine Fleischversorgung der Truppen ist, wünschte die Militär-Verwaltung die in diesem Sinne zweckmäßigere Methode anzuwenden, die denn auch, wie wir hören bei den großen Conservenfabriken der Armee demnächst allgemein zur Anwendung kommen soll." Mickiewiez im Lichte der neuesten Forschung. Fast ebenso reich wie die deutsche Literatur an Goethe-, die englische an Shakespeare-Commentaren, ist die polnische an Werken, welche das Leben und die Schöpfungen von Mickiewiez zum Vorwurf haben. Und nicht nur die einzelnen Verse, Worte sogar unterliegen allerhand Erklärungen und Erläuterungen. Gegenwärtig nun, da die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages unseres berühmten Dichters herannaht, (der 24. December 1898) ist die Zahl dieser kritischen Arbeiten noch größer und wird dabei Manches zu Tage gefördert, was — speciell für uns Juden — zu einem interessanten Ergebniß führt. In einer seiner Hauptdichtungen, „Dziady" (dem deutschen Publicum unter dem Namen „Die Todtenfeier" bekannt), finden sich zwei Zeilen, deren wörtliche Uebersetzung folgendermaßen lautet: „Von einer fremden Mutter; in den Adern Heldenblut, „Und sein Name vierundvierzig." Die Zeitgenossen des Dichters vermutheten. er meine hiermit sich selber, als Messias der Zukunft; doch ließ Mickiewiez diesbezügliche, sogar dringende Anfragen seiner Freunde unbeantwortet; Andere glaubten, die Worte gälten dem Mystiker Towianski; noch Andere beziehen es auf ein überirdisches Wesen. Die Meisten jedoch stimmen darin überein, daß Mickiewiez nur sich selber meinen konnte und folgern dies: 1. aus seinem hartnäckigen Schweigen, wenn die Rede darauf kam, und 2. daraus, daß die Zahl vierundvierzig in seinem Leben eine bedeutende Rolle spielte. Diese Annahme scheint auch der Wahrheit zu entsprechen. Nun aber bleibt die Bedeutung der ersten Zeile zu erklären: „Bon einer fremden Mutter". Was heißt das? Mickiewicz's Mutter war vom Hause ein Fräulein Majewska, eine geborene Polin. Der Auffassung, daß Mickiewiez, weil in Litthauen geboren, seine polnische Mutter eine Fremde nennt, muß auf das Entschiedenste widersprochen werden. Die litthauische Sprache ist mehr ein Idiom und Litthauen nur die engere, sozusagen locale Heimat der meisten Größen der polnischen Literatur. Der Dichter der „Dziady", Thomas Zan, SewerynGoszczynski, Bohdan Zaleski, Ludwik Kondratowicz, Ladyslaw Syrokomla u. n. A. haben das Licht der Welt in Litthauen erblickt. Ebenso von den neuesten Romanschriftstellerinnen: Elise Orzeszko und Marie Rodziewicz. und Keinem von ihnen wird es einfallen, die Polen, deren Sprache die ihre, Fremde zu nennen. Ja, mehr als das, sie würden auch nur den Schein einer solchen Znmuthung mit Entrüstung und Verachtung von sich weisen. Uns scheint daher, daß die Erklärung anderwärts liegt. Die Familie Majewski, welcher Mickiewicz's Mutter entstammte, gehörte zu den Frankisten und wurde erst mitsammt anderen aus dem Krönungsreichstag im Jahre 1764 geadelt. Im Jahre 1798, (dem Geburtsjahr des Dichters), war diese Vergangenheit noch nicht so weit in die Ferne gerückt, daß man an dem Ursprung der Familie hätte Zweifel erheben können. Wenn die Forscher also darin übereinstimmen, daß besagte zwei Zeilen nur auf den Dichter selber sich beziehen, so gilt die erste derselben unbedingt der jüdischen Abstammung seiner Mutter! Wie mancher Jude hat sich mit Jankiel dem Zymbalspieler, gefreut, wie Mancher hat bewundert, wieso der Dichter die warmen, innigen und doch unausgesprochenen Töne der Vaterlandsliebe im Herzen des armen Juden verstanden; wie Mancher im Stillen gestaunt, daß er den nicht geringen Muth besaß, diese Gestalt als eine der schönsten seinem Meisterwerke: „Herr Thaddäus", einzuverleiben. Wie begreiflich wird dies Alles, wenn die Wissenschaft mit erläuterndem Finger auf den Atavismus hinweist! Mickiewiez ist eine der Größen der Weltliteratur. Er wird durch die Thatsache, daß in seinen Adern jüdisches Blut rollte, weder größer, noch kleiner. Uns Juden jedoch erfüllt es mit einem berechtigten Selbstgefühl, daß der „Tropfen jüdischen Blutes" selbst bei den genialsten Individuen nur eine Veredelung, nie aber eine Verminderung des Guten herbeiführen kann. M. Bl. Hochstapler oder geistesgestört? Seit einiger Zeit treibt sich in Mähren und Schlesien ein Individuum herum, von dem schwer zu sagen ist, ob es ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus gehört, vor dem aber jedenfalls nicht eindringlich genug gewarnt werden kann. Der in Rede stehende Mann ist von untersetzter Statur, trägt schwarzen Vollbart und üppiges schwarzes Haar (beides vielleicht nicht echt) und fällt bei näherer Betrachtung durch die kleinen, schwarzen, kugelrunden Augensterne auf, welche sich nur selten nach den Seiten bewegen und fast immer genau in der Mitte des Auges stehen; der Ausdruck der Augen kann ebensowohl auf sehr hohe geistige Entwicklung wie auf Paralyse gedeutet werden. Der Mann trägt, respective trug, als wir ihn sahen, einen lichten Ueberzieher, dessen Farbe zwischen lichtbraun, weiß und drapp schwankt und in einem nicht angenehmen Contrast zu dem sonstigen dunklen gestreiften Anzug steht. Der Mann nennt sich Dr. Saul Lehmann, Dr. Tischmann und wahrscheinlich auch noch anders. Kenntlich ist er auch an seiner offenbar russisch-polnischen Aussprache des Deutschen mit häufig invertirter Wortfolge und Anhängung des „n" an das Hilfszeitwort „sind". Außer deutsch spricht er fließend französisch, englisch, böhmisch, behauptet auch, des Jtalieuischen, Ungarischen, Russischen und anderer Sprachen mächtig zu sein. Er besucht mit Vorliebe Geistliche und Rabbiner. Bei ersteren, katholischen (und wahrscheinlich auch protestantischen) Geistlichen, gibt er sich als Sohn eines polnischen Wunderrabbis aus, der von seinem Vater wegen Differenzen in Glaubenssachen verstoßen sei; gelegentlich einer Trauung, die er in seiner Eigenschaft als Rabbiner hätte vollziehen sollen, sei er entflohen und stehe nun auf dem Punkte, zum katholischen Glauben überzutreten. Er habe sich hiezu in Rom und Olmütz bereits genügend vorbereitet. Zur Unterstützung dieser Behauptung legt er ein mit Siegel versehenes Zeugniß der heiligen Congregation in Rom vor, gibt genaueste Auskunft über römische und Olmützer Seminarverhältnisse und entfaltet eine eingehende Bekanntschaft mit den Institutionen und der Literatur der katholischen Kirche. Bei Rabbinern wiederum erzählt er, er sei vor 13 Jahren mit 4 anderen jüdischen Jünglingen in Rom getauft und Sum katholischen Priester herangebildet worden, habe auch bereits als